„Die Insel oder Rechtfertigung des sinnlosen Reisens“

Gestern wurde bekanntgegeben, dass Teile der kleinen Insel Kolgujew in der südöstlichen Barents-See, ein wichtiges Gebiet für Zugvögel, Standort einiger bedrohter Arten und Heimat für etwa 400 Nenzen (ein indigenes Volk), zum Naturreservat erklärt wurden. Für uns Anlass, eine Buchbesprechung von 2012 zu “rebloggen”.

Buchrezension: Wassilis Golowanows Roman

Golowanow führt uns in eine „jungfräuliche“ Welt der Natur ein, die zunächst fremd und unberührt zu sein scheint. Doch nach dem Lesen liegt darüber eine zarte Decke, von uns Menschen selbst gestrickt, entstanden im Lauf der Entdeckungsgeschichte, bestehend auch aus Schmerz. Die Flucht aus den Beziehungen und dem Alltagsgetriebe in Moskau auf die Insel Kolgujew bringt Golowanow zu einem Dialog mit sich selbst, zusammengeflochten in einem Gedankennetz, das sich bis nach Paris ausspannt.

Es waren Westeuropäer, die die Insel schon im 16. und 17. Jahrhundert auf Landkarten verzeichneten, auf der Suche nach einem Seeweg nach Indien und China. Unter ihnen befand sich der holländische Seefahrer Willem Barents, der seinen Entdeckerdrang 1597 mit seinem Leben bezahlte.

Karte von 1599
Karte von 1599, entstanden nach Barents dritter und letzter großen Reise

Nicht nur europäische Forscher, auch Walfänger, Kaufleute, Pelztierjäger und Altgläubige drangen in die unwirtlichen Küstengebiete der Barentssee ein. Die Nenzen, nomadisierende Rentierhirten, wurden mit völlig anderen Kulturen und Lebensformen konfrontiert, die in ihre Lebensweise eingriffen. Ein Prozess von Veränderungen, die bis heute nicht abgeschlossen sind und noch fließen, nur wohin?

Rentierherde – Foto: Ullrich Wannhoff
Rentierherde – Foto: Ullrich Wannhoff

Heute verschärft die Suche nach Erdgas und Erdöl die Probleme. Lethargie und Alkohol reichen sich die Hand. Wo die ursprüngliche Kultur verloren ging, die heidnischen Götter die Menschen schon längst verlassen haben und die „intellektuelle Decke“ sehr dünn ist, breiten sich Gewalt und Missgunst aus, Wunden, die kaum zu schließen sind und Narben hinterlassen. Nur wenige starke Persönlichkeiten auf der Insel Kolgujew stellen sich den Problemen, von Wassili Golowanow liebevoll beschrieben; die Dialoge zwischen Nenzen und Russen, in einem komplizierten Gefüge aus Abwägung und gegenseitigen Abhängigkeiten, erhalten Tiefe in poetischer Bildsprache.

Rentiere – Foto: Ullrich Wannhoff
Rentiergruppe – Foto: Ullrich Wannhoff

Nach mehrmaligen Reisen des Autors auf die Insel hat sich das Leben Golowanows verändert – und vielleicht auch die Sicht der Leser, die hier ein ganz anderes Bild von den „Rändern Russlands“ erhalten können.

Wassilis Golowanow: „Die Insel oder Rechtfertigung des sinnlosen Reisens
Wassilis Golowanow: „Die Insel oder Rechtfertigung des sinnlosen Reisens

Wassilis Golowanow: „Die Insel oder Rechtfertigung des sinnlosen Reisens“,
528 S., gebundene Ausgabe, Matthes &Seitz, Berlin 2012, ISBN 978-3-88221-994-4

reblogged vom 19.11.2012 von Ullrich Wannhoff

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Erneut auf der Suche nach dem Nordpol

Vor 150 Jahren, am 15.6.1869 startete die Zweite Deutsche Nordpolar-Expedition. Unter reger Anteilnahme der Angehörigen und der Bevölkerung verließen die Schiffe Germania und Hansa Bremerhaven in Richtung Arktis. Einmal mehr war der bis dahin unerreichte Nordpol das Ziel – nachdem die Expedition im Jahr zuvor an widrigen Eisbedingungen im Osten Grönlands gescheitert war und umkehren musste.

Auslaufen der Schiffe Germania und Hansa – Holzstich nach Carl Fedeler
Auslaufen der Schiffe Germania und Hansa zur Zweiten Deutschen Polarexpedition 1869 von Bremerhaven – Holzstich nach Carl Fedeler

Spiritus Rector der deutschen Aktivitäten in der Arktis war der bekannte Geograf August Petermann aus Gotha, der endgültig die Frage klären wollte, ob sich der geografische Nordpol in einem eisfreien Meer befindet, das nach der Durchquerung eines Packeisgürtels erreicht werden könnte. Petermann war weder der erste noch der letzte Wissenschaftler oder Seefahrer, der die Möglichkeit eines eisfreien Polarmeeres vertrat.

Ersttagsbrief zum Gedenken an die 2. Deutsche Nordpolarexpedition
Ersttagsbrief zum Gedenken an die 2. Deutsche Nordpolarexpedition

Zum Expeditionsleiter wurde wieder Carl Koldewey ernannt, der gleichzeitig Kapitän der Germania war. Paul Hegemann diente als Kapitän der Hansa. Unter den Teilnehmern befanden sich die später berühmt gewordenen Arktisreisenden Julius Payer und Wilhelm Bade.

Teilnehmer der Zweiten Deutschen Nordpolar-Expedition
Petermann (Mitte) und Teilnehmer der Zweiten Deutschen Nordpolar-Expedition

Petermann hatte die Arktis-Expeditionen der Vergangenheit aufmerksam studiert und wollte unbedingt den Erfolg seiner Expedition in alle Richtungen absichern. Da man mit dem Kontakt zu Inuit rechnete, sollte ein sprach- und arktiskundiger Übersetzer gewonnen werden. Best geeignet erschien dafür Johann August Miertsching, der an der Suche nach der verschwundenen Franklin-Expedition beteiligt war und dabei seine Sprachkenntnisse erfolgreich bewiesen hatte. Die Nachfrage bei der Herrnhuter Brüdergemeine, zu der Miertsching gehörte, wurde jedoch abschlägig beschieden, da er in Südafrika tätig und dort unabkömmlich sei.

Die Herrnhuter Mission in Genadendal
Die Herrnhuter Mission in Genadendal, Südafrika
Zeichnung von George French Angas, ca. 1849

Die Schiffe erreichten Mitte Juli das Packeis vor Ostgrönland, doch verloren sie hier den Kontakt zueinander. Die Hansa blieb im Eis stecken und driftete mit dem Ostgrönlandstrom nach Süden. Nachdem das Schiff am 23. Oktober – vom Eis zerstört – gesunken war, begann für die Besatzung die Odyssee einer 200tägigen Drift auf einer immer kleiner werdenden Eisscholle entlang der grönländischen Küste. Über diese ungewöhnliche „Reise“ und ihre dramatischen Momente kann man u.a. in den Tagebüchern von Paul Hegemann und Wilhelm Bade nachlesen (mehr hierzu bietet das Buch von Krause “Zweihundert Tage im Packeis“). Wilhelm Bade wurde später als “Erfinder” des Spitzbergen-Tourismus bekannt.

Die Hansa, vom Eis zerdrückt
Die Hansa, vom Eis zerdrückt

Als die Eisscholle immer kleiner wurde, wechselten die Seeleute in ihre auf das Eis geretteten Beiboote und erreichten am 13. Juni 1870 eine bewohnte Siedlung ganz im Süden von Grönland. Zu ihrer Überraschung trafen sie dort auf Missionare der Herrnhuter Brüdergemeine in ihrer Station Friedrichsthal (heute Narsarmijit), die sie freudestrahlend auf Deutsch begrüßten und zuvorkommend bewirteten, wie sie später in ihren Briefen nach Herrnhut berichteten.

Die Ankunft der Boote in Friedrichthal
Die Ankunft der Boote in Friedrichtal, heute Narsarmijit
Narsarmijit heute
Narsarmijit heute, Foto: Awewewe

Mit Hilfe der Missionare erreichten sie letztendlich ein Schiff, das sie wieder nach Deutschland zurück brachte. Die Reise der Germania verlief im Gegensatz zu der der Hansa erfolgreich, obwohl auch Koldewey nicht einmal in die Nähe des Nordpols gelangte. Bei einer Schlittenexpedition kam er gemeinsam mit Payer bis 77,1° N. Das war der bis dahin nördlichste erreichte Punkt an der Küste Ostgrönlands. Die Fragestellung Petermanns, ob es einen eisfreien Nordpol gäbe, konnte auch bei dieser Expedition nicht abschließend geklärt werden.

Das Teufelsschloss am Kaiser Franz Josef Fjord
Das “Teufelsschloss” am Kaiser-Franz-Josef-Fjord – bis hierhin gelangte die Germania

Über Julius Payer, der bald darauf Franz-Josef-Land mit-entdeckte und später ein berühmter Maler wurde, wird es in Kürze auf diesem Blog mehr zu lesen geben.

posted by Wolfgang Opel am 15.6.2019

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Erste Deutsche Arktisexpedition

reblogged vom 27. 5. 2018

Am 24. Mai 1868 startete ein kleiner Segler von Bergen (Norwegen) aus in Richtung Norden. Das Schiff mit dem anspruchsvollen Namen „Grönland“ sollte sich gemäß den Vorstellungen von August Petermann so weit wie möglich dem Nordpol nähern – obgleich es für die großartigen Ambitionen des bekannten Kartografen im fernen Gotha etwas zu klein geraten war.

Die "Grönland" – Illustration von E. Hochdanz, Stuttgart
Die “Grönland” – Illustration von E. Hochdanz, Stuttgart

August Petermann, 1822 in Bleicherode am Harz geboren, vertrat wie andere Gelehrte seiner Zeit die Idee vom eisfreien Nordpolarmeer, durch das man – nach Querung eines Treibeisgürtels – problemlos den Nordpol erreichen könnte. Diese Idee hatte Petermann u.a. auch auf einer ersten Tagung deutscher Geographen am 23. Juli 1865 im Saalbau in der Frankfurter Junghofstraße vertreten, auf der man übereinkam, eine solche Expedition baldmöglichst zu starten.

Geburtshaus von Petermann in Bleicherode
Geburtshaus von Petermann in Bleicherode
Der Saalbau in der Frankfurter Junghofstraße
Der Saalbau in der Frankfurter Junghofstraße,
erbaut 1861, zerstört 1944

Es sollte aber noch drei Jahre dauern, bis die Finanzierung geklärt, die Expeditionsleitung und ein Schiff ausgewählt und vor allem über die Aufgabenstellung Klarheit gefunden war. Das Schiff sollte der grönländischen Ostküste nach Norden folgen und bei Problemen mit dem Treibeis nach Osten in Richtung Spitzbergen ausweichen.

Die Gründer und Führer der Expedition
Die Gründer und Führer der Expedition, Abbildung in der Gartenlaube, 1868
Die Matrosen der Arktisexpedition
Die Matrosen der Arktisexpedition in Winterkleidung (1868)

Die Expeditionsleitung wurde Carl Koldewey übertragen, der zwar über seemännische, aber über keinerlei Arktiserfahrungen verfügte. Als erster Steuermann wurde Richard Hildebrandt berufen, auch er ohne Polarerfahrungen. Wissenschaftler waren nicht mit an Bord – keine guten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Unternehmung. Der Nordpol wurde nicht annähernd erreicht, und letztendlich wurde die Expedition von den undurchdringlichen Eismassen zwischen Grönland und Spitzbergen in die Grenzen gewiesen.

"Noorderlicht" im Nordwesten von Spitzbergen
Mit dem Traditionssegler “Noorderlicht” im Nordwesten von Spitzbergen

Fairerweise muss man zugestehen, dass die Grönland nördlich von Spitzbergen eine Breite von 81° 4′ 30″ erreichte – was einen neuen Rekord für Segelschiffe bedeutete – umfangreiche Wetterdaten sammelte und die ganze Mannschaft gesund nach Bremerhaven zurückkehrte. Was zu dieser Zeit ja nicht selbstverständlich war!

Treibeis vor der Küste in Nordwest-Spitzbergen
Treibeis vor der Küste, Nordwest-Spitzbergen
Route der ersten deutschen Arktisexpedition – Karte: Tentotwo
Route der ersten deutschen Arktisexpedition – Karte: Tentotwo

Petermann und die Finanziers der Expedition waren mit den Ergebnissen zufrieden, und es wurde eine weitere Reise nach Nordostgrönland beschlossen. Diese 2. Deutsche Nordpolarexpedition von 1869/70 stand ebenfalls unter Koldeweys Leitung, und auch Hildebrandt war wieder mit dabei. Sie fand allerdings unter einem noch ungünstigerem Stern statt und endete fast in einer Katastrophe. Dazu demnächst mehr.

 Deutsche Seewarte Hamburg 1900
Deutsche Seewarte Hamburg 1900

Nach seinen Polarexpeditionen übernahm Carl Koldewey eine leitende Position in der Deutschen Seewarte in Hamburg. Das schöne Gebäude der Seewarte wurde im 2. Weltkrieg zerstört.

Literaturhaus Berlin, Fasanenstraße – Creative Commons, Andi oisn
Das Literaturhaus Berlin in der Fasanenstraße –
Creative Commons, Andi oisn

Richard Hildebrandt fuhr weiter zur See und brachte es bis zum Korvettenkapitän, ehe er sich in Charlottenburg niederließ. Die ehemalige Villa des kulturinteressierten Ehepaars wird heute als Berliner Literaturhaus genutzt.

Die Villa Petermanns in Gotha
Die Villa Petermanns in Gotha

August Petermann, der vielleicht bedeutendste Geograf seiner Zeit, nahm sich aus unbekannten Gründen am 25. August 1878 das Leben. Seine Villa in Gotha steht noch heute, wurde nach langem Leerstand glücklicherweise saniert und wird wieder als Wohnhaus genutzt.

Das Grab Petermanns in Gotha
Das Grab Petermanns in Gotha
Die „Grönland“ in Bremerhaven, 2016
Die „Grönland“ in Bremerhaven, 2016

Die Grönland kam bei der zweiten Expedition Koldeweys nicht mehr zum Einsatz. Sie diente lange Jahre als Küstensegler, Fischerboot und Robbenfänger, bis sie vom Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven übernommen wurde, wo sie noch heute als fahrbereites Museumsschiff genutzt wird.

Auf der fahrbereiten „Grönland“
Auf der fahrbereiten „Grönland“
 Blick auf die "Grönland" in Bremerhaven
Blick auf die “Grönland” in Bremerhaven

reblogged vom 27. Mai 2018 von Wolfgang Opel

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Tanya Tagaq – Aus der Arktis nach Berlin

reblogged vom 31. 1. 2017

Mit einem grandiosen Konzert eröffnete Tanya Tagaq, eine Inuk aus Iqaluktuuttiaq (Cambridge Bay) in der kanadischen Arktis, das CTM-Festival in Berlin, das in diesem Jahr [edit: gemeint war 2017!] unter dem Motto „Fear – Anger – Love“ steht.

Tanya Tagaq beim CTM-Eröffnungskonzert - © Wolfgang Opel
Die faszinierende Tanya Tagaq – beim CTM-Eröffnungskonzert
Cambridge Bay

Iqaluktuuttiaq (Cambridge Bay), Inuit-Gemeinde auf Victoria Island

Gemeinsam mit ihren musikalischen Partnern, dem Geiger Jesse Zubot und dem Schlagzeuger Jean Martin, begeisterte die Vokalistin das Publikum mit einer eindringlichen und bewegenden Performance.

Jean Martin mit Tanya Tagaq -
© Wolfgang Opel
Jean Martin mit Tanya Tagaq
Jesse Zubot an der Violine
Jesse Zubot an der Violine

Tanya Tagaqs Musik hat ihre Wurzeln im Throat Singing der Inuit und ist heute im weiten Umfeld der Improvisierten Musik angesiedelt.

Fear - Anger - Love
“Fear – Anger – Love”
Tanya Tagaq

Ihre Performance ist nur schwer mit Worten zu beschreiben, man muss sie einfach erleben.
Mit einer unglaublich variablen Stimme und viel Körpereinsatz entführt sie in die den meisten verschlossene Welt der Inuit, der arktischen Landschaft und der Tierwelt.

Tanya Tagaq im Konzert - 
© Wolfgang Opel
Tanya Tagaq im Konzert - © Wolfgang Opel
Tanya Tagaq im Konzert

Die selbstbewusste, welterfahrene Tanya Tagaq studierte zunächst Kunst in Halifax; nun ist sie seit über 10 Jahren auf den Bühnen der Kontinente zu Hause. Gerade erschienen ist ihre vierte CD Retribution.

Tanya Tagaq im Konzert - © Wolfgang Opel

Sie trat nicht nur dem mit dem Kronos Quartett und mit Björk auf, sondern auch mit der hierzulande zu Unrecht noch unbekannten kanadischen First Nations Elektronik-Band A Tribe Called Red, die Hip-Hop, Reggae, Electro House und traditionelle Rhythmen und Gesänge der Ureinwohner zusammenführt.

Recht auf traditionelle Jagd
Recht auf traditionelle Jagd

Die Inuit kämpfen für den Erhalt ihrer Kultur, zu der auch die Jagd gehört; für manche der einzige Weg, ihre Familie zu ernähren.
Bei ihrer Biografie verwundert es nicht, dass sich Tanya Tagaq für die Rechte der Arktisbewohner einsetzt und darüber hinaus Feministin, Umwelt- und Bürgerrechtsaktivistin ist.

Tanya Tagaq im Konzert - © Wolfgang Opel

In Kürze [edit: gemeint war Februar 2017] wird man Tanya Tagaq auf der Berlinale im Kurzfilm Tungijuq erleben können.

Reblogged vom 31. Januar 2017 von Wolfgang Opel – aus Anlass der Preisverleihung für Tanya Tagaq mit dem Indigenous Voices Award für ihren Debütroman Split Tooth. Über ihre Performance Nanook of the North hatten wir bereits früher gebloggt. Am 3. Juli 2019 hat man Gelegenheit, die Künstlerin mit ihrem “hybriden” Programm aus Lesung und Konzert Split Tooth im Berliner Club Berghain zu erleben.

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Tanya Tagaq: Faszinierende Klang-Landschaft für einen Stummfilm

Für ihren Debütroman “Split Tooth” erhielt die vielseitige Inuit-Künstlerin Tanya Tagaq am letzten Dienstag den Indigenous Voices Award. Anlass für uns, diesen Beitrag vom März 2014 zu “re-bloggen”:

Die Inuit-Künstlerin Tanya Tagaq holt „Nanuk der Eskimo“ (Nanook of the North) zurück in die Inuit-Kultur – am 6. April 2014 im Badehaus Szimpla Berlin. Der Stummfilm „Nanook of the North“ (1922) von Robert J. Flaherty, der in den 1920er Jahren in den USA wie international große Erfolge beim Publikum erlebte, gilt als erster Dokumentarfilm in Spielfilmlänge. Obwohl er authentische Elemente aus dem traditionellen Leben der Inuit enthält, handelt es sich aber keineswegs um eine Dokumentation; im Gegenteil: fast alles war inszeniert, und man kann es bestenfalls „Dokudrama“ nennen.

Filmplakat
Filmplakat aus den 1920er Jahren

Nicht nur, dass die porträtierten Inuit aus dem Norden der Provinz Quebec andere Namen und Familienbeziehungen hatten als im Film; sie lebten zur Zeit der Dreharbeiten bereits in völlig anderen Umständen, als es der Film darstellt. Sie trugen nicht nur andere Kleidung, verwendeten andere Jagdtechniken etc.; sie hatten längst auch eine ganz andere Vorstellung von der Welt als in Flahertys Film dargestellt wird.

Nyla
Nanooks Frau Nyla – in Wirklichkeit die Geliebte Flaherty

Der Film versucht, das Leben der Inuit vor ihren dauerhaften Kontakten zu den Europäern darzustellen, und tatsächlich gelingt es ihm auch, die bewundernswerten Fähigkeiten der Inuit in einer für uns unwirtlichen, extrem harschen Lebensumgebung zu zeigen und heroische Momente ihres Alltags zu erfassen – ob beim Bau eines Iglus, im Kajak im eisigen arktischen Meer, oder bei der gefährlichen Jagd …

Nanook - Foto: Robert J. Flaherty
Nanook in einer Jagdszene – Foto: Robert J. Flaherty

Nanook und seine Familie werden als exotische Menschen vorgestellt – sie wirken urig, rührend nett, fast immer fröhlich, sehr tüchtig, aber simpel und naiv – eben aus der Perspektive eines weißen Reisenden von 1922, die wir heute bestenfalls als „kolonial“ oder paternalistisch bezeichnen können, und die den damals verbreiteten Klischeevorstellungen vom „edlen Wilden“ entgegenkam.

Nanook - Allakariallak - Foto: S.H. Coward
Nanook hieß eigentlich Allakariallak – Foto: S.H. Coward

In Kürze [gemeint war April 2014] werden wir in Berlin erleben können, wie die Inuit-Künstlerin Tanya Tagaq aus Iqaluktutiak (Cambridge Bay) sich „live“ mit dieser Sichtweise auseinandersetzt und den Stummfilm mit einzigartigen Klängen kontrastiert.

Iqaluktutiak (Cambridge Bay) - Foto: Wolfgang Opel
Iqaluktutiak (Cambridge Bay) – Foto: Wolfgang Opel

Tanya Tagaq wurde bekannt für ihren erfinderischen Umgang mit dem traditionellen Inuit-Kehlkopfgesang (katajjaq, „throat singing“ → Kanada-Länderporträt) den sie in freier Improvisation und mit leidenschaftlicher Sinnlichkeit über die Traditionen hinaus erweitert.

Throat-singing, links: Lois Suluk-Locke
Traditionelles Throat-singing, links: Lois Ujaupiq Suluk

Als die Sängerin Björk Tanya Tagaq singen hörte, lud sie sie zur Zusammenarbeit ein, und sie tourten im Jahr 2000 gemeinsam . Tanya ist auf Björks Album Medúlla zu hören und Björk auf Tanyas Debut-Album Sinaa. Später arbeitete Tanya auch mit dem berühmten Kronos-Quartet, dem wahrscheinlich bedeutendsten Quartett für zeitgenössische Klassik, zusammen. [Nachtrag 2019: Viel gelobt wurd ihre Zusammenarbeit mit der angesagten Elektropunkband A Tribe Called Red” 2016 bei Sila (Album We Are The Halluci Nation) sowie mit Buffy Sainte-Marie bei You Got to Run (Spirit of the Wind) auf ihrem jüngsten Album Medicine Songs von 2017.

Björk - Foto: deep_schismic
Björk 2008 in Melbourne – Foto: deep_schismic

Bereits vor Jahren, als Tanya Tagaq in der Schule den Film „Nanook of the North“ sah, war sie wegen der dargestellten Stereotypen ziemlich peinlich berührt, auch wenn sie gleichzeitig Stolz auf die hier gezeigte Adaptions- und Widerstandsfähigkeit ihrer Vorfahren empfand.

Tanya Tagaq - Foto: Michael Höfner
Tanya Tagaq – Foto: Michael Höfner

Aus Anlass der Filmretrospektive „First Peoples Cinema“ auf dem Toronto International Film Festival 2012, bei der auch der alte Stummfilm “Nanook of the North” gezeigt wurde, schuf sie zusammen mit dem Komponisten Derek Charke, dem Perkussionisten Jean Martin und dem Violinisten Jesse Zubot ein neuartiges Klanggemälde, das – wir können ziemlich sicher sein – den Film wohl nicht einfach akustisch untermalt, sondern kontrastiert; sie selbst äußerte dazu: „Ich fordere den Film zurück. Obgleich ich keinen Zweifel habe, dass Robert Flaherty die Inuit und das Land sehr mochte, sieht er sie durch die Brille von 1922. Es ist toll, dass ich als moderne Frau, ja moderne Inuit-Frau, den Film zurückhole.“

Tanya Tagaq mit Jesse Zubot und Jean Martin - Foto: G;garitan
Tanya Tagaq mit Jesse Zubot und Jean Martin – Foto: G;garitan

Nun [edit: das war 2014!] ist Tanya Tagaq Anfang April mit „Nanook of the North“ zusammen mit zwei Begleitmusikern auf Tour. Wer schon einmal Musik von ihr gehört oder ihre Performances auf YouTube gesehen hat, weiß, dass uns eine spannende Veranstaltung* erwartet!

… „[Tagaq makes Inuit throat singing] sound fiercely contemporary, futuristic even. Recalling animal noises and various other nature sounds, she is a dynamo, delivering a sort of gothic sound art while stalking the stage with feral energy.” – The New York Times

*Demnächst folgt unser Blog über Tanya Tagaqs Konzert auf dem CTM-Festival im Januar 2017.

reblogged vom 23. März 2014 von Mechtild Opel.

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Abraham und die Labrador-Inuit in Europa

reblogged vom 20.04. 2013

Wir schreiben das Jahr 1880. Am frühen Morgen des 16.Oktober erreicht eine ungewöhnliche Reisegesellschaft den Hamburger Bahnhof von Berlin. Es ist eine Gruppe von „Eskimos“, Inuit aus Labrador. Sie reisen in Begleitung von Angestellten des Tierhändlers Carl Hagenbeck auf einer Tournee, einer sogenannten Völkerschau, durch verschiedene Städte Europas: Hamburg, Berlin, Prag, Frankfurt, Darmstadt, Krefeld und Paris sind die Stationen. Die Gruppe besteht aus zwei Familien: Abraham mit seiner Frau Ulrike und den beiden Töchtern Sara und Maria sowie Tobias, ihrem Verwandten aus Hebron, einer Missionsstation der Herrnhuter Brüdergemeine; und Terrianiak (andere Quellen schreiben Tigganiak), der mit Frau Paingo und Tochter Nochasak weiter nördlich von Hebron im Nachvak Fjord lebte.

Berlin, Hamburger Bahnhof, um 1850
Berlin, Hamburger Bahnhof, um 1850

Die Reise der Inuit ist erstaunlich gut dokumentiert, sowohl in den Veröffentlichungen der Brüdergemeine und in der Tagespresse, aber auch im Tagebuch von Adrian Jacobsen, dem Beauftragten von Hagenbeck, der die Inuit in Labrador überzeugt hatte, ihm auf einer Reise nach Europa zu folgen, und in einer Broschüre von Hagenbeck. Außerdem gibt es sogar noch die Abschrift einer Übersetzung von tagebuchartigen Notizen des Inuit Abrahams. Diese Abschrift, die seinerzeit Bestandteil verschiedener Veröffentlichungen der Brüdergemeine in deutsch und auch in französisch war, wurde erst 100 Jahre nach der Reise der Inuit durch den kanadischen Wissenschaftler J. Garth Taylor wieder aufgefunden und kurz danach ins Englische übersetzt. Leider aber gelang es bis heute nicht, originale handschriftliche Zeugnisse des schriftkundigen Abrahams, der auf der Reise auch einige Briefe geschrieben hatte, in den Archiven in Kanada, Deutschland, Frankreich, England und den USA zu finden.

Abraham und Familie
Abraham und Familie in einer zeitgenössischen Darstellung, Sammlung M+W Opel

Abraham wurde am 29.1.1845 in Hebron geboren und am 25. Februar dort durch die Missionare getauft. Seine Eltern, Paulus und Elisabeth, bekamen in den nächsten Jahren noch weitere Kinder. Über die Jugend Abrahams ist fast nichts bekannt, 1868 heiratete er eine junge Frau aus Nain, Martha, die dort mit Mutter und Bruder lebte. Da die Inuit zu dieser Zeit noch keine Nachnamen hatten, wurde zur Vermeidung von Verwechslungen bei mehreren Inuit gleichen Namens der Name der Frau hinzugefügt, so dass in den Unterlagen der Herrnhuter Missionare Abraham mit der Ergänzung „Martha“ auftaucht. 1876 muss er eine zweite Ehe eingegangen sein, denn er wurde von da an in den Dokumenten mit dem Zusatz „Ulrike“ aufgeführt.

Hebron in Labrador
Hebron in Labrador, die Heimat von Abrahams Familie, im Jahre 2009

In Europa angelangt, wurde Abraham wohl aufgefordert, einen dort üblichen Familiennamen anzugeben, und er wählte mit „Paulus“ den Namen seines Vaters. Ähnlich verfuhr seine Frau Ulrike, die den Familiennamen Henocq nach ihrem Vater wählte; die Nachnamen der Kinder wurden mit Paulus angegeben. Der in der Literatur häufig verwendete Name „Abraham Ulrikab“ ist wohl eine Fehldeutung der Unterschrift Abrahams, die in der Abschrift der Übersetzung durch den Missionar Kretschmer erscheint. „Abraham Ulrikab“ wäre wohl besser als “Abraham, Mann von Ulrike” zu übersetzen – so wie Abraham auch seine Briefe an den Missionar Elsner unterschrieben hatte, gemäß dessen Übersetzung aus dem Inuktitut.

Terrianiaks Familie
Terrianiaks Familie, zitgenössische Illustration

Es ist verbürgt, dass es Aufzeichnungen Abrahams über die Reise gab. Bis diese originalen Tagebuchnotizen eines Tages doch noch gefunden werden, muss man Umfang und Exaktheit der vorliegenden überlieferten Übersetzungen kritisch bewerten, denn es fehlt die Erwähnung wichtiger Ereignisse (wie die zahlreichen Fotoaufnahmen von den Inuit in Hamburg, die Vermessung der Inuit durch den Berliner Wissenschaftler Virchow sowie andere Begebenheiten, von denen Jacobsen und Elsner berichteten; sie werden in der Übersetzung von Abrahams Text aber entweder verkürzt oder gar nicht erwähnt), und zudem weichen die verschiedenen Veröffentlichungen der übersetzten Aufzeichnungen Abrahams auch voneinander ab.

Nachvak Fjord
Nachvak Fjord in Labrador – von hier kam Terrianiaks Familie

Die Reise der Inuit durch Europa endete leider tragisch – innerhalb weniger Wochen verstarben sie einer nach dem anderen an Pocken. Die Ansteckung erfolgte wohl in Prag, wo damals gerade eine Pockenepidemie herrschte. Ob durch eine Impfung gegen Pocken, die in Labrador nicht vorgenommen werden konnte und bei der Ankunft in Hamburg versäumt worden war, der Tod der Inuit tatsächlich verhindert worden wäre, ist nicht mit Bestimmtheit zu sagen, denn Impfungen waren damals noch nicht sicher, und bis weit in das 20. Jahrhundert starben sowohl in Europa als auch in Labrador immer wieder viele Menschen an Epidemien, die durch Reisende übertragen wurden.

Friedhof in Krefeld
Friedhof in Krefeld mit dem vermuteten Ort der Gräber von 1880, heute eingeebnet

Unsere Suche nach den Gräbern der verstorbenen Inuit war bisher nicht erfolgreich, die Auswirkungen zweier Weltkriege und die lange Zeit seit dem Tod geben kaum Hoffnung, noch Orte des Gedenkens zu finden. Über unsere Suche auf dem Friedhof in Darmstadt hatten wir bereits gebloggt. Von den in Deutschland Verstorbenen konnte bisher nur ein Schicksal teilweise aufgeklärt werden. Der Leichnam der dreijährigen Sara, die in Krefeld starb, wurde auf Veranlassung Rudolf von Virchows exhumiert und von ihm „wissenschaftlich“ untersucht und in der Fachliteratur beschrieben.

Rudolf Virchow
Rudolf Virchow, Foto: public domain (Wikimedia)

Die Haltung des renommierten Gelehrten zu seinem Forschungsgegenstand ist nicht nur aus heutiger Sicht erschreckend und abstoßend, sie wiederspiegelt die Arroganz des „gebildeten“ Europäers gegenüber den Angehörigen anderer Völker:
„Zuweilen ist es möglich, ganze, frisch abgeschnittene Köpfe zu erhalten. In diesem Falle wird zugleich Haut und Haar der Leiche für spätere Untersuchung erhalten, auch ein grosser Theil physiognomischer Eigenthümlichkeiten, so namentlich die Form der Nase und des Mundes, das Auge und Ohr, bewahrt. Wo es irgend geschehen kann, da ist es daher sehr zu empfehlen, solche Gelegenheiten nicht zu versäumen.“
Zitiert nach Virchow: Anthropologie und prähistorische Forschungen: Anleitung zur wissenschaftlichen Beobachtung auf Reisen, Herausgeber: Georg von Neumayer, Band II, Verlag Robert Oppenheim, Berlin 1888

Dass solcherart Arroganz, verhaltener oder offener Rassismus auch das folgende Jahrhundert überdauert haben, zeigt nicht nur “Kafkas Affe und Hagenbecks Völkerschau” – leider sind sie bis heute anzutreffen.

reblogged vom 20. April 2013 von Wolfgang Opel

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Kafkas Affe und Hagenbecks Völkerschau

reblogged vom 3. Juni 2014

Seit Shakespeares “Ein Wintermärchen” wissen wir, dass Böhmen am Meer liegt: “Bohemia. A desert country by the sea.” Grund genug hier auf dem Trimaris-Blog an Franz Kafka, den Schriftsteller aus Böhmen, zu erinnern, der heute vor 90 Jahren [reblog-edit: inzwischen sind es mehr als 95 Jahre] in Wien gestorben ist und wie Shakespeare zu den bedeutenden Autoren der Weltliteratur gehört.

Kafka als junger Mann – Foto: Wikipedia
Kafka als junger Mann – Foto: Wikipedia

Genau vor 100 Jahren [reblog-edit: inzwischen sind es über 105 Jahre] verlobte Kafka sich mit der im Berliner Prenzlauer Berg (Immanuelkirchstrasse 29) wohnenden Felice Bauer; es begann eine komplizierte Beziehung zwischen Annäherung und Abgrenzung, Verlobung und Entlobung. Sie wechselten hunderte Briefe, sahen sich aber nicht sehr oft. In den zweieinhalb Jahren bis zur endgültigen Trennung von Felice Bauer schrieb Kafka wichtige Erzählungen: “In der Strafkolonie”, “Die Verwandlung”, “Ein Bericht für die Akademie” und arbeitet am Roman “Der Process”. Das meiste davon entstand in einem kleinen Häuschen, das Kafkas Schwester für ihn in der Prager Alchimistengasse angemietet hatte.

Die Alchimistengasse in Prag 1966
Die Alchimistengasse in Prag 1966 (ganz links Kafkas Wohnhaus)

In “Ein Bericht an die Akademie” beschreibt Kafka den ungewöhnlichen Vorgang der “Menschwerdung” eines in Afrika gefangenen Menschenaffen, der vor die Wahl gestellt, ob er lieber im Zoo oder im Varieté auftreten möchte, sich umgehend für die zweite Variante entscheidet.

Sogenannte "Affenfrau", die auf einer Freakshow gezeigt wurde
Sogenannte “Affenfrau”, die auf einer Freakshow gezeigt wurde

Das ganze Szenarium erinnert uns sofort an Freak Shows oder auch an die Hagenbeckschen Völkerschauen und ähnliche Vorführungen, für die sogenannte “Wilde” aus Samoa, aus Grönland und Labrador, aus Afrika und vielen anderen Teilen der Welt zur Bildung und Belustigung eines neugierigen Publikums mehr oder weniger freiwillig engagiert wurden. Auch Prag war ein Ort für solche Darbietungen.

Grönländer bei einer Völkerschau
Grönländer bei einer Völkerschau – Abbildung aus den Hottinger Volksblatt 1878
Poster einer Hagenbeck-Völkerschau
Poster einer Hagenbeck-Völkerschau

Wissenschaftler wie Virchow oder Boas nutzten auch Völkerschauen für ihre anthropologischen Studien, wobei damals die Messungen von Schädeln und Gliedmaßen zum Teil auch Hypothesen einer angenommenen Überlegenheit der Europäer gegenüber den wohl bald aussterbenden „primitiven“ Völker stützen sollten.

Rudolf Virchow mit einem Instrument für anatomische Vermessungen
Rudolf Virchow mit Instrument für anatomische Vermessungen

Material für weitere derartige Studien wurde auch von Forschungsreisenden besorgt, die in der ganzen Welt begierig Gräber plünderten, Leichen skelettierten und vermutlich sogar vor Auftragsmorden nicht zurückschreckten, um an ganz besonders spektakuläres “Material” zu kommen.

Schädel eines Ekimokindes
In einer Abhandlung ging Virchow auf diesen Schädel eines Ekimokindes ein

Kafka wäre nicht Kafka, wenn sich solche wie die gerade beschriebenen Vorgänge nur eindimensional in “Ein Bericht an die Akademie” wiederfinden würden. Die Erzählung ist natürlich viel komplexer und bietet viele Möglichkeiten zur Interpretation – damals wie heute. „Kafkaesk“ ist sie auf jeden Fall.

Gedenktafel an Kafkas Geburtshaus
Gedenktafel an Kafkas Geburtshaus

Bestimmte aktuelle Entwicklungen und Ereignisse – das Ausgeliefertsein gegenüber Überwachungsmechanismen und mangelnde Möglichkeiten der Einflussnahme auf weitreichende politische Entscheidungen etc. – fordern regelrecht dazu auf, sich wieder einmal intensiver mit Kafkas Werken auseinanderzusetzen – nicht nur weil sich gerade heute [reblog-edit: am 3. Juni] sein Todestag jährt.

Kafka 1924 - Foto: Wikipedia
Kafka 1924 – Foto: Wikipedia

reblogged vom 3.Juni 2014 by Wolfgang Opel

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An Arctic Ghost Ship?

“ALL ABOARD! The Ghost Ship of Cannibal Rats!” – so it sounds in one song on the latest album of Canadian rock band “Billy Talent“. It is said that the lyrics were inspired by news about the ship “M/V Lyubov Orlova”, which had disappeared in the North Atlantic in 2013. It’s an occasion again to remember this legendary ship, where once we ourselves have been on board! – Below we will post a contribution from February 2013.

M/V Lyubov Orlova – lots of good memories

Deutsche Leser finden einen anderen Text zum Thema hier.

She had seen much better days. When the cruise ship M/V Lyubov Orlova sailed through the Canadian Arctic and up to Greenland, operated by the Inuit-owned Cruise North Expeditions between 2006 and 2010, it was always an adventure – and also kind of expedition – for the passengers.

M/V Lyubov Orlova off the coast of Labrador
M/V Lyubov Orlova off the coast of Labrador

And it was an adventure, too, for young Inuit. They got the opportunity to work as trainees aboard the ship, making their work experiences with cruising and with hospitality management and meeting tourists from many parts of the world, all the while telling them about Inuit culture and ways of life and showing them the landscape and wildlife of the Arctic.

An Inuit trainee from the M/V Lyubov Orlova
An Inuit trainee from the M/V Lyubov Orlova, preparing a Zodiac for landing

The M/V Lyubov Orlova was not really luxurious. The interior greeted the passengers with the „charme“ of the 1970s. But this was not important for most of the passengers, like us, who just came aboard to see uniqueness and to visit special locations that could not be reached any other way.

The "Star of friendship between nations" - a remnant from Soviet Union times
The “Star of friendship between nations” – a remnant from Soviet Union times

With the help of M/V Lyubov Orlova, we were able to see Makkovik for the first time, a community which was founded around 1900 by Hermann Theodor Jannasch and his wife, who were sent by the Moravian Mission from Herrnhut/Germany, with the help of the settler Torsten Andersen from Norway.

M/V Lyubov Orlova in front of Makkovik
M/V Lyubov Orlova in front of Makkovik

Passing the impressive Kaumajet Mountains north of Nain, capital of Nunatsiavut, was a special adventure. Unfortunately, there was no stop and no opportunity to see Okak, the place where Miertsching – later Inuktitut interpreter on the search for Franklin aboard of HMS Investigator – was working from 1844-49.

M/V Lyubov Orlova off the Kaumajet Mountains
M/V Lyubov Orlova off the Kaumajet Mountains

Going farther north along the Labradoar coast, we entered the area where polar bears are at home. We also passed White Bear Island, a common birthplace for polar bears.

M/V Lyubov Orlova off the Labrador coast
M/V Lyubov Orlova off the Labrador coast

With this ship, we had the opportunity to get to such remote places as the former Moravian mission station Hebron. An extraordinary place of spirits and memory for the Inuit, who were resettled to more southernly communities of Labrador 1959, now the cruise tourists can experience kayaking the coastal area.

This is also a place where we got a breath of history thinking of the Moravian missionaries who founded Hebron in 1830, with the old mission building still existing, provisionally restored as a National Historic Site.

Hebron, old Moravian mission station
Hebron, old Moravian mission station

The Lyubov Orlova has brought us to the awesome landscape of the Torngat Mountains on the coast of Labrador, with the magnificient Saglek Fjord.

M/V Lyubov Orlova in Saglek Fjord
M/V Lyubov Orlova in Saglek Fjord

The scenery of the Torngat Mountains National Park offers more than one stunning view. Some Inuit are calling the place „paradise on earth“ – very understandably.

Lyubov Orlova in Nachvak Fjord, Torngat Mountains
Lyubov Orlova in Nachvak Fjord, Torngat Mountains

During the years, the ship did many cruises into the Arctic. On our trip, we got from Kuujjuaq to Hudson Bay via the Hudson Strait.

M/V Lyubov Orlova in the Ungava Bay
M/V Lyubov Orlova in the Ungava Bay

With the help of Lyubov Orlova, we reached the realm of icebergs. Some of them, on their way south from Greenland, are deviated into the Hudson Strait by the currents.

M/V Lyubov Orlova near Nannuk Harbour
M/V Lyubov Orlova near Nannuk Harbour

We stopped at Cape Dorset to view the archeological sites, as well as the famous Kinngait Studios of Inuit fine art.

M/V Lyubov Orlova near Cape Dorset
M/V Lyubov Orlova near Cape Dorset

The portholes of the Lyubov Orlova offered a spectacular view into Frobisher Bay with the snow- and ice-covered mountains in the background.

Through the porthole of M/V Lyubov Orlova: Frobisher Bay
Through the porthole of M/V Lyubov Orlova: Frobisher Bay

We have lots of good memories with M/V Lyubov Orlova, as she brought us to extraordinary places and to stunning landscapes with amazing wildlife; and, last but not least, we met wonderful people there, who are now our good friends.

A wedding ceremony on board of  M/V Lyubov Orlova

The ship originally had a Russian owner who did not fulfill his obligations and due to some legal issues she was seized by the Canadian Government in 2010. When it came to an auction, an Iranian businessman bought the hull to the end of it being scrapped in the Caribbean. Therefore, after two years of sitting derelict in the harbour of St. John’s/Newfoundland, M/V Lyubov Orlova recently [2013] departed on her last cruise.

On her way, however, the tow-line snapped, and she escaped. Now, as the ship is drifting on her own across international waters in the Atlantic Ocean, we wonder where she might end up – maybe she will make her way, instead of being scrapped, into Arctic waters again?

M/V Lyubov Orlova in the Hudson Bay
M/V Lyubov Orlova in the Hudson Bay

Reblogged vom 24. Februar 2013 by Mechtild Opel

P.S.: Very nice blog on the history of Lyubov Orlova on “Original Shipster” .

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Arktische Geisterschiffe

“ALL ABOARD! The Ghost Ship of Cannibal Rats! ” heisst ein Song auf dem neuesten Album der kanadischen Rockband “Billy Talent“. Wie man hörte, war der Text inspiriert von den Nachrichten um das 2013 im Nordatlantik verschwundene Schiff “M/V Lyubov Orlova”. Eine Gelegenheit, sich wieder einmal an dieses legendäre Schiff zu erinnern, bei dem wir einst selbst an Bord waren! – Wir rebloggen im Folgenden einen Beitrag vom Februar 2013.

M/V Lyubov Orlova und HMS Resolute

For our English readers, there is a slightly related story.

Als die Lyubov Orlova am 23.1. 2013 von Schleppern auf den Atlantik gezogen wurde, konnte man davon ausgehen, dass sie nun ihre letzte Fahrt zum Ort der Abwrackung in der Dominikanischen Republik angetreten hatte. Das ehemals sowjetische Kreuzfahrtschiff hatte fast zwei Jahre in dem großen Naturhafen von St. John’s, der Hauptstadt der kanadischen Provinz Neufundland und Labrador, stillgelegen.

M/V Lyubov Orlova 2010 vor Akpatok Island

An Deck, unterhalb der Brücke, erinnerte noch immer eine große farbige Plakette an den Orden für Völkerfreundschaft, in russisch Орден Дружба Народов, der dem Schiff 1981 von der sowjetischen Regierung verliehen worden war. Auf den letzten Charterer verwiesen weiße Plakate mit dem Schriftzug Cruise North Expedition, [damals] Spezialist für die Nordwest-Passage in der kanadischen Arktis, an der Reling des Schiffes.

Orden für Völkerfreundschaft an der Lyubov Orlova
Der Orden für Völkerfreundschaft an der Lyubov Orlova

Aber nach wenigen Tagen riss das Seil zwischen dem Schlepper und der Lyubov Orlova während eines Sturms unweit der Küste Neufundlands. Seitdem treibt das Schiff ohne Besatzung durch den Nordatlantik in Richtung Europa.
Die Lyubov Orlova ist nicht das erste führerlose Schiff im Atlantik, das zuvor in der Nordwest-Passage unterwegs war. Vor über 150 Jahren, 1854, war das Flagschiff der Suchexpedition nach dem in der Arktis vermissten Sir John Franklin und seiner Mannschaft, die HMS Resolute, im Eis der Nordwestpassage stecken geblieben und auf Befehl von Admiral Sir Edward Belcher aufgegeben worden.

HMS Resolute
HMS Resolute wurde 1854 im arktischen Eis aufgegeben

Wider Erwarten driftete aber damals das unbemannte Schiff im Packeis bis in den Nordatlantik vor Baffin Island, wo es von der Besatzung eines Walfängers „gekapert“ und in die USA gesegelt wurde. Später gelangte die Resolute als Geschenk der US-Regierung wieder nach England. Als das Schiff 1879 endgültig abgewrackt wurde, fertigte man aus ihrem Holz unter anderem auch einen Schreibtisch, der dem US-amerikanischen Präsidenten als Geschenk überreicht wurde. Dieser Schreibtisch ist bis heute, über 130 Jahre später, erhalten und wird von Präsident Obama im Oval Office in Washington DC benutzt. [Achtung, nicht wundern, das ist ein Text von 2012]

Schreibtisch im Oval Office
President Barack Obama sits behind the Resolute Desk in the Oval Office during a conference call with people of faith, August 19, 2009. Official White House Photograph by Pete Souza.
Der Schreibtisch im Oval Office wurde aus dem Holz der “Resolute” geschaffen.

Die 1972 in Jugoslawien gebaute Lyubov Orlova, die nach einer von Stalin geschätzten Schauspielerin benannt war, fuhr zunächst im fernen Osten der Sowjetunion bzw. Russlands, bevor sie 1999 privatisiert, 2002 modernisiert und dann für Fahrten in Arktis und Antarktis verchartert wurde.

Die Schauspielerin Lyubov Orlova
Die Schauspielerin Lyubov Orlova auf einer Briefmarke

Der kanadische Reiseveranstalter Cruise North Expedition, Tochterunternehmen des Inuit-Unternehmens Makivik, nutzte das Schiff ab 2006 für Fahrten im arktischen Archipel Kanadas und nach Grönland. Besonders nachgefragt waren die Reisen durch die Nordwest-Passage, die infolge des Klimawandels auch für die eisverstärkte Lyubov Orlova möglich wurden.

M/V Lyubov Orlova -  Eisberg
M/V Lyubov Orlova auf Eisberg-Safari

Seit 2010 lag das Schiff jedoch infolge finanzieller Auseinandersetzungen zwischen Cruise North und dem Eigner des Schiffes in St. John’s fest. Nach dem Konkurs des Eigners wurde das Schiff versteigert und sollte verschrottet werden.

Bordtelefon-Tafel der Lyubov Orlova
Bordtelefon-Tafel der Lyubov Orlova

Seit dem 28. Januar 2013 driftet nun die Lyubov Orlova als Geisterschiff durch den Atlantik. Zur Zeit scheint sich keiner ernsthaft für das Schiff zu interessieren, solange es in den internationalen Gewässern unterwegs ist und keinen Ölplattformen und anderen Schiffen zu nahe kommt. Vielleicht erinnert sich ja noch einer der russischen Oligarchen an die sowjetische Vergangenheit des Schiffes und möchte sein Renommé bei Präsident Putin mit einem aus dem Holz der Lyubov Orlova gefertigten Schreibtisch aufbessern!?

reblogged vom 8. Februar 2013 von Wolfgang Opel

P.S.: Anders als in diversen Zeitungsartikeln behauptet, war die Lyubov Orlova kein “Luxusliner”, sondern ihre Ausstattung hatte lediglich den “Charme” der 1970er Jahre; und sie fasste auch nicht 230, sondern lediglich etwas über 100 Passagiere.

P.S.2: Eine gute Zusammenstellung zur Geschichte der Lyubov Orlova kann man auf dem Blog “Original Shipster” lesen.

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Die Seele des Flusses gebiert Landschaften. Eine Selbstbetrachtung

Am Kamtschatka-Fluss, Teil III – Malerei

reblogged vom 29. Juli 2013

Künstlerische Umsetzung: Malerische Collagen am Fluss Kamtschatka

Vulkan Schivelutsch – © Ullrich Wannhoff
Vulkan Schivelutsch – das andere Ufer – © Ullrich Wannhoff

Der größte Fluss schlängelt sich durch die Halbinsel und halbiert dieses wilde Land: in ein aktives Vulkangebirge im Osten, mit der höchsten Vulkangruppe um den Klutschewskaya, und ein inaktives westliches Vulkangebirge (nehmen wir den 3607 m hohen Ischinskaya Sopka einmal aus).

Mondlicht ertrinkt im Fluss – © Ullrich Wannhoff
Mondlicht ertrinkt im Fluss – © Ullrich Wannhoff

Wie alle großen Wasserstrassen erlangte der Kamtschatka-Fluss im 17. bis ins 20. Jahrhundert große Bedeutung. Seit tausenden von Jahren ziehen Millionen Lachse in den Hauptstrom und klettern dann die kleinen Flüsse hinauf zu ihren steinigen Geburtsorten. Sie bilden die Nahrungsgrundlage für die hier lebenden Völker, die Itelmenen und sesshaften Korjaken.

Gelbe Sichel über den Bergen – © Ullrich Wannhoff
Gelbe Sichel über den Bergen – © Ullrich Wannhoff

Mit dem Beginn der Kolonialisierung 1697 durch Kosaken nutzte man den Fluss für Transporte und legte strategisch neue Ortschaften an. Aus den schwerbegehbaren Pfaden wurden breite Wege und Strassen, die die Ortschaften verbinden. Weideflächen, Kartoffel- und Kohlfelder umrandeten die wenigen Dörfer.

Feuerspeiender Berg – © Ullrich Wannhoff

Die aufkommende Holzwirtschaft und der immer stärkerer Druck auf der Suche nach Gold und Erdgas sorgte für die Verbesserung der einzigen und langen Strasse von Petropavlovsk nach Ust-Kamtschatsk, die nur wenige Abzweigungen hat. Heute erleben wir eine breit angelegte Schotterpiste die parallel zum Fluss verläuft, ebenso gewaltige Strommasten, deren Gestelle starke Stürme, aber auch Erdbeben aushalten müssen. Unter dem Straßenrand sind moderne Medien, wie Gas und Telefonkabel, verlegt worden.

Weiße Vulkane wachsen aus dem Grün – © Ullrich Wannhoff
Weiße Vulkane wachsen aus dem Grün – © Ullrich Wannhoff

So zeichnet sich für mich das Umfeld dieses Flusses ab. In meinen Collagen und Tagebuchaufzeichnungen spiegeln sich meine Reflexionen auf den Fluss wider. So wie das süße Wasser täglich in den Ozean fließt, so gestalten die Menschen das Umfeld, und nichts bleibt so wie es ist! Auch wenn einzelne Ortschaften an Bedeutung verlieren und sogar verschwinden, besitzt der Fluss mit seinen reichen Rostoffen auf beiden Seiten Zukunft.

Vulkankrater öffnet sich – © Ullrich Wannhoff

Der Zyklus „Die Seele des Flusses gebiert Landschaften“ umfasst Arbeiten auf Papier (52 x 70 cm).

Der Winter kommt – © Ullrich Wannhoff
Der Winter kommt – © Ullrich Wannhoff

Der Malgrund besteht aus Asche und Zellleim. Die Asche verkörpert symbolisch das Verbrannte, das neue Kräfte für die Zukunft frei setzt, den fruchtbaren Boden, die wir an vielen Vulkanhängen kennen. Der brüchige Malgrund steht auch für die Verletzbarkeit der Landschaften – und unserer selbst.

Schrott erhebt sich aus dem Fluss – © Ullrich Wannhoff
Verletzte Landschaft – © Ullrich Wannhoff
Verletzte Landschaft – © Ullrich Wannhoff

Die Motive enstanden aus meinen Erlebnissen von Kljutschi und Ust-Kamtschatsk im Jahr 2012, vom letzten Viertel des Flussverlaufes bis zur Mündung.

Aus dem Gelb wächst der Winter – © Ullrich Wannhoff
Aus dem Gelb wächst der Winter – © Ullrich Wannhoff

Die mit Leimfarbe angelegten Flächen wurden mit Pastell erhöht. Weite und Melancholie der Landschaft legen sich in den Schwingungen der Farbe nieder.

Weiße Nebelbänke legen Feuchtigkeit ab – © Ullrich Wannhoff
Weiße Nebelbänke legen Feuchtigkeit ab – © Ullrich Wannhoff
Hinterlassenschaft –  © Ullrich Wannhoff
Hinterlassenschaft – © Ullrich Wannhoff

Teil I dieser Serie: “Wo die Zukunft wegfließt“, Teil II: “Ust-Kamtschatsk – Geflügeltes an der Mündung des Flusses“. Über meine “Kreuzfahrt” mit einem aufblasbaren Gummi-Kajak auf dem Kamtschatka-Fluss im Folgejahr kann man hier nachlesen: “Bis zum Stillen Ozean und weiter” – oder über alles in meinem Buch “Der stille Fluss“.

Reblogged vom 29. Juli 2013 von Ullrich Wannhoff

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