Der Flug des Kolibri oder „Ich tu, was ich kann“

reblogged vom 13. August 2012

Jedes Jahr gegen Ende des Sommers beginnt die Diskussion neu: Ist es der Klimawandel, dessen Auswirkungen wir gerade beobachten, ist er von uns Menschen verursacht? Ist der Sommer kühl und wechselhaft, heißt es: Das ist doch alles Unsinn mit dem Klimawandel, wo blieb denn die angekündigte Hitze? Ist der Sommer zu heiß und zu trocken, heißt es: Das ist doch kein Klimawandel, heiße Sommer gab es früher auch schon. Klima und Wetter werden häufig mit einander verwechselt, oder man nimmt das lokale Wettergeschehen als Maß für das Klima der Erde. Was sagen nun aber die Fakten für den Sommer des Jahres 2012 auf der Nordhalbkugel?

Verkleinerte Eiskappe in der Arktis – credit: Giulio Frigieri
Verkleinerte Eiskappe in der Arktis – credit: Giulio Frigieri

Seit April 2010 umkreist der Satellit CryoSat-2 die Erde, seine Hauptaufgabe ist die Messung der von Eis bedeckten Fläche der Arktis und der Stärke dieses Eises. Obwohl der Sommer noch nicht vorbei ist, sehen die Wissenschaftler einen neuen (negativen) Rekord. Der Verlust an Eis in diesem Jahr ist derzeit 50% höher als bisher vorausgesagt. Ein Blick auf die im Internet veröffentlichten Daten zeigt, dass Gebiete, die vor Jahren auch im Sommer nie ohne Eis waren, jetzt komplett eisfrei sind. In diesem Jahr hätte die HMS Investigator kein Problem gehabt, die Nordwestpassage vollständig zu befahren, ganz anders 1850, als sie nahe Banks Island zum ersten Mal im Eis stecken blieb und Kapitän McClure, sein Inuktitut-Übersetzer Johann August Miertsching und die gesamte Mannschaft in der Prince of Wales Strait überwintern mussten.

Abbruch vom Petermann-Gletscher 21.7.2012 – credit: NASA Earth Observatory
Abbruch vom Petermann-Gletscher 21.7.2012 – credit: NASA Earth Observatory

Während vom Petermann-Gletscher in Grönland ein neuer Eisberg von ungefähr 120 km² abgebrochen ist – das entspricht der Fläche der Müritz, des zweitgrößten deutschen Sees, oder der anderthalbfachen Größe von Manhattan – war die Frobisher Bay durch riesige Eisfelder verstopft, so dass selbst größere Schiffe Iqaluit, die Hauptstadt von Nunavut, nicht mit Versorgungsgütern erreichen konnten. Das ist allerdings nicht ungewöhnlich, denn bei vorwiegend südöstlichen Winden können sich hier große Eisfelder in den Buchten stauen, wie es der Dresdener Ornithologe Bernhard Hantzsch erfahren musste, als sein Schiff 1910 nach einem Zusammenstoß mit einem Eisberg unterging und sich die gesamte Mannschaft nur mit Mühe retten konnte.

Eis in der Frobisher Bay im Juli 2010 – Foto: Wolfgang Opel
Eis in der Frobisher Bay im Juli 2010 – Foto: Wolfgang Opel

Ganz anders sieht es zur Zeit in Südeuropa aus. Große Waldbrände auf La Gomera und der griechischen Halbinsel Chalkidiki vernichten Wälder, landwirtschaftlich genutzte Flächen, Ortschaften und menschliche Existenzen. – Wir Menschen zeigen uns jedoch kaum lernfähig. Nach wie vor fühlen sich nur wenige persönlich verantwortlich. Viele verweisen auf die Regierungen und auf die Konzerne – die anderen sollen es richten. Dabei scheint es so einfach zu sein. Die kenyatische Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai hat es in einem Vorwort zu einem kleinen Büchlein auf den Punkt gebracht: Wir Menschen müssten nur die „Vier R“ berücksichtigen: Reduce, Reuse, Recycle und Repair, was im deutschen entspricht: Reduzieren, Wiederverwenden, Aufbereiten und Reparieren. Das letzte R stammt übrigens vom ehemaligen CDU-Umweltminister Klaus Töpfer.
Das grafisch wunderschön gestaltete Buch Flight of the Hummingbird (Greystone Books, Vancouver 2008) enthält die Parabel von dem kleinen Kolibri, der versucht einen Waldbrand zu löschen.

Kolibri – Hummingbird – Foto: Mechtild Opel
Kolibri – Hummingbird – Foto: Mechtild Opel

Tropfen für Tropfen holt er aus einem Fluss und lässt sie über den Bränden fallen, während die anderen Tiere nur verstört und erschrocken zusehen. Als der Bär den kleinen Kolibri fragt, was er denn tue, antwortet der: “I am doing what I can – Ich tue was ich kann“. Das bedarf keiner weiteren Erklärung. Diese wunderschöne Geschichte gibt es nicht nur als Buch, sondern auch als animiertes Video im Internet zu sehen.

Buch und Film stammen von dem bekannten Haida-Künstler Michael Nicoll , das Nachwort zum Buch schrieb der Dalai Lama.

posted by Wolfgang Opel

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Shumagin Islands (Aleuten, Alaska)

reblogged vom 2. August 2012

Sehnsuchtsvoll segelte die Crew um Vitus Bering im August 1741 in Richtung Westen, denn dieser Kurs war in den Gehirnen der Seeleute mit den Gefühlen von Heimat und Geborgenheit verbunden. Die Heimreise war beschlossen und in einer “verfassten Schrift von dem ganzen Commando bis auf den Bootsmannsmaar (aber wie stets gewöhnlich, nicht von mir) unterschrieben;” so formulierte der ungeduldige Steller in seinem Reisejournal von Kamtschatka nach Amerika; denn er selbst möchte noch viel, viel mehr unbekanntes Land erkunden. Nachdem die Crew Kayak Island verlassen hatten, sichteten sie Anfang August häufig Inseln in nur wenigen Meilen Entfernung. Widrige kalte Westwinde behinderten ein schnelleres Vorwärtskommen. Oft versteckten sich die schroffen, felsigen grünen Inseln im Seenebel und tauchen plötzlich auf, um gleich wieder zu verschwinden.

Blumenwiese - Foto © Ullrich Wannhoff
Blumenwiese – Foto © Ullrich Wannhoff

Am 10. August beobachtet Steller eine ungewöhnliches Seegeschöpf. Er schrieb: “Es war ohngefähr zwey russiche Ellen lang; der Kopf glich einen Hundekopf, mit spitzigen aufgerichteten Ohren. Von der Ober und Unterlippe hingen auf beyden seiten Bärte herab. Die Augen waren groß; der Leib war lang, ziemlich dick und rund, gegen den Schwanz allmählich abnehmend. Die Haut schien dicht mit Haaren bewachsen, welche auf den dem Rücken eine graue, am Bauch aber eine weißrötliche Farbe hatten; im Wasser aber sah das ganze Thier roth, wie eine Kuh aus.” Bis dahin könnte man mit wenig Phantasie einen Seebären herauslesen. Ich sah auf den Liegeplätzen der Seebären einige Tiere, deren Unterseite leicht rötlichbraun bis weißgrau gescheckt war. In ausgestreckten Zustand lagen die Pelzrobben in der Sonne und mit dem Bewegen der Flossen verschafften sie sich Kühlung. Mit großer Sicherheit färbten eisenhaltige Mineralien, die am Strand liegen, das Fell. Die rote Oxidasche war möglicherweise infolge aktiven Vulkanismus an den Strand geworfen worden und hatte das Fell rot braun eingefärbt. Weiter schreibt Steller: “Der Schwanz war in zwey Finnen gespalten, wovon die obere, wie bey Hahnen, doppelt so lang als die untere war. Nichts schien mir wunderbarer, als dass weder Vorderfüße noch Finnen an deren Statt zu sehen waren.”Ein realer Vergleich lässt sich kaum heranziehen. Die Hinterflosse der Seebären besitzen eine hahnenähnliche Form und die Außenkante ist im Verhältnis zur Innenseite der Flosse länger. Während des Schwimmens zeigen sich die beiden Hinterflossen nie gleichzeitig an der Wasseroberfläche, so dass optisch eine Unterschiedlichkeit wahrnehmbar ist. Die Seebären können auch, wie es Steller beschrieb, mit einem Drittel des Körpers senkrecht herausschauen. Steller bekam erst auf der Beringinsel den ganzen Körper der Seetiere zu sehen und kannte vorher nur Abbildungen aus Büchern, die oft nur aus dem Erzählen unkorrekt nachgezeichnet wurden. Dem akribischen Beobachten und Beschreibungen von Steller stelle ich meine Vermutung entgegen – ein Versuch aus meiner Sicht, gestützt auf meine Erfahrungen und Beobachtungen – darin ein Seebären zu sehen.

Die Alaska-Halbinsel mit dem schneebedeckten Vulkan Pavlov – Foto © Ullrich Wannhoff
Die Alaska-Halbinsel mit dem schneebedeckten Vulkan Pavlov – Foto © Ullrich Wannhoff

“Wir kamen aber in der Nacht so weit, dass wir den 29. August morgens fünf Eyländer deutlich wahrnehmen konnten, hinter welchen auf 10 bis 12 Meilen das feste Land sich zeigte.” Steller schreibt über die ersten Inseln der Schumagin-Inselgruppe auf der westlichen Seite (Near-, Turner-, Bende-, Big Koniuji- und Bird Insel), und das feste Land ist die Halbinsel Alaska mit den zwei großen Schneebedeckten Vulkanen Pavlovs, deren Höhe über 2.000 Meter liegt und ich am 13. Juli 2012 sah. Fünfzehn Hauptinseln und viele kleine vorgelagerte Felsen gehören zu dieser Inselgruppe an, die am Anfang der westlichen Aleuten stehen: die Aleutians East Borough. Danach erstreckt sich 1750 Kilometer lange Inselkette nach Westen bis hin zu den Kommandeurinseln, die zu Russland gehören. Das ist ein weiter beschwerlicher Weg, den die Crew um Bering noch zu segeln hat. Am 30. August fallen die Anker vor der langen zerklüfteten Insel Nagai, und es wird eine Wasserstelle zum Auffüllen des Frischwassers gesucht, die für die Heimreise äußerst wichtig ist. Anders als bei der kritischen und spannungs-reichen Situation, die Steller mit Bering auf Kayak Island durchlebt hatte, darf der Franke diesmal sofort mit den Wasserholern an Land und bemühte sich sogleich, einen günstigen Wasserplatz oder verschiedene Quellen zu finden, “…die sehr gutes und gesundes Wasser hatten. Indessen war von den Seeleuten die erste und und nächste stehende Pfütze gewählt, auch schon ein Anfang zum Transport gemacht worden. Weil ich nun an dem Wasser auszusetzen fand, dass es ein stehendes kalkisches Wasser sey, welches sogleich im Kochen mit Thee, und nachgehendes bey der Probe mit Seife verrieth; ich auch am Strande bemerken konnte, dass es mit der See ab- und zu nahm, folglich brack seyn musste, welches sich auch beym dem Geschmack sogleich verrieht, so schlug ich die von mir gesunden Quellen zum Wassermachen vor, wovon ich eine Probe bey einem mündlichen Bericht, nach dem Fahrzeuge schickte, und besonders erinnerte, daß von dem Gebrauch dieses Wassers sich der Scharbock [Skorbut] schleunig vermehren, und die Leute wegen der Kalkhaftigkeit austrocknen, und von Kräften kommen würden; ja dass dieses Wasser nach kurzer Zeit im Fahrzeuge von Tag zu Tage an Salzigkeit zunehmen, und durch Stehen endlich zu Salzwasser werden würde, welches alles man hingegen von dem Quellwasser nicht zu fürchten hätte.”

Leider wurden dieser und andere äußerst lebenswichtigen Ratschläge von Steller in den Wind geschlagen, so dass bei der Weiterfahrt viele Seeleute den Tod fanden. Aus Stellers Sicht war die Nagai-Insel die größte. Zwar ist die dahinter liegende Unga Insel größer, kompakter und massiver, aber für ihn war das nicht einsehbar. Am lichten Tag konnte Steller acht Inseln zählen. Die Inseln in Norden waren schwer einsehbar, und er wusste auch nicht, ob diese eventuell mit dem Festlande zusammenhängen und ein Vorgebirge bilden, wie er schrieb. Mit einem heutigem Fernglas und von der Höhe des Decks auf dem Kreuzfahrtschiff aus lässt sich das viel einfacher wahrnehmen, und dazu gibt es heute perfekte Seekarten.

Wiese mit Läusekraut – Foto © Ullrich Wannhoff
Wiese mit Läusekraut – Foto © Ullrich Wannhoff

Steller beschreibt: „Es besteht diese Insel, so wie die andern alle, aus lauter erhabn, grün überwachsenen festen Felsen. Das Gestein ist meistens ein roher, grauer und gelblicher Graufels, an einigen Orten grauer Sandstein; so fand sich auch schwarzer, dicker Schieferstein.“ Die Steinstrukturen entstanden aus verschiedenen gepressten Ascheschichten, durch die Vulkantätigkeit der jüngeren Erdzeit Schicht für Schicht aufgesetzt. Wind, Regen, Schnee und Frost bilden in dem weichen Gestein bizarre Formen und Rillen, die an der Küste steil abbrechen; das härtere Gestein bildet sich wie Zinnen spitz nach oben heraus. Ich sah viele beeindruckende Basaltsäulen, die sich mehr oder weniger kristallartig in die Höhe erhoben. Die unteren Felspartien wurden über Millionen Jahre beharrlich von den Meereswellen ausgespült. Die zu der jetzigen Jahreszeit saftig grünen und sanften Täler waren von Gletschern aus einer der letzten Eiszeiten weich ausgeformt worden.

Insel Unga – Foto © Ullrich Wannhoff
Insel Unga – Foto © Ullrich Wannhoff

Steller beobachtete schwarze und rote Füchse. Bei meinem kurzen Aufenthalt auf den Schumagin-Inseln blieb mir leider solch eine Begegnung versagt. Die Füchse sind hier sehr zahm, weil sie kaum Menschen kennen. Weiter westlich, auf der Insel Unalaska, sah ich beide Formen von Füchsen. Die zoogeografische Verbreitung der Tiere ging über Unalaska nicht hinaus. Steller fand auch größere Trittsiegel, die an Wölfe erinnern; die Tiere können durchaus im Winter über das Eis kommen und dann hier hängen bleiben. Bei Klebnikow lese ich sogar vereinzelt von Rentieren und Braunbären. Auch kleine Nager wie die Ziesel wurden hier in Überfluss angetroffen. Steller benutzt das kosakische Wort Jewraschken. Die Nager tragen heute noch in Volksmund auf Kamtschatka diesen Namen. Das russische Wort für Ziesel lautet Suslik.

Klippenausternfischer – Foto © Ullrich Wannhoff
Klippenausternfischer – Foto © Ullrich Wannhoff

„Allerley Wasservögel sah man hier im Überfluß; als Schwäne [Zwergschwan (Cygnus columbianus)], zwey Arten von Urilen (Pelicani) [Rotgesichtmeerscharbe (Phalacrocorax urile) und Beringmeerscharbe (Ph. pelagicus)], Alken (Torda) [Dickschnabellumme (Uria lomvia) und Trottellumme (Uria aalge)], Enten, Schnepfen, Strandläufer, verschiedene Mewen [unter andern Beringmöwe (Larus glaucescens) und Dreizehenmöwe (Rissa tridactyla)], Taucher, darunter eine ganz besonderbare und unbekannte Gattung war, Grönländische Tauben [Taubenteise (Cepphus columba)], Seepapageien (Alca artica) [Hornlund (Fratercula corniculata)], Mitschagatten (Alca cirrata) [Gelbschopflund (Fratercula cirrhata)]; aber Landvögel waren nur Raben, Fliegenstecher (Grisola), Schneevögel (Emberiza nivalis) [Schneeammer (Plectrophenes nivalis)], Morasthüner (Tetrao Lagopus) [Alpenschneehühner (Lagopus mutus) oder Moorschneehuhn (Lagopus lagopus)] und sonst nicht das geringste zu sehen.“ In eckigen Klammern stehen die heutigen Namen.

Junge Elster – Foto © Ullrich Wannhoff
Junge Elster – Foto © Ullrich Wannhoff

Die von mir beobachteten Vögel fallen dagegen recht bescheiden aus: Elster, Singammer, Klippenausternfischer, Beringmöwen, Dreizehenmöwen, Weißkopfseeadler, Lummen, Rotschnabelalke, Schopfalke, Hornlunde, Gelbschopflunde und Taubenteiste, die ich auf der gegenüberliegenden großen Insel Unga beobachten konnte.

Verlassene Siedlung – Foto © Ullrich Wannhoff
Verlassene Siedlung – Foto © Ullrich Wannhoff

In der Bucht befand sich einst eine Siedlung. Frühere Pelztierjäger hatten sich 1767(?) mit den Ureinwohnern, den Unangan (Qagaan Tayagungin), Gefechte geliefert, wobei auch Russen tödlich verletzt wurden. Die Russen wurden ständig aufgerieben und fanden auf der Insel keine Ruhe. Zu dieser Zeit gab es zwölf kleine Ansiedlungen, die sich auf sechs Inseln verteilten. Ende des 18. Jahrhundert löschte eine Riesenwelle einige Ansiedlungen aus. In den dreißiger Jahren des 19. Jahrhundert gab es nur noch eine Siedlung an der Südöstlichen Bucht von Unga, die bis 1959 bestand und danach aufgegeben wurde. Noch heute sind stille Zeugen da, die eingefallen ausgeblichenen grauen Holzhäuser, die in der Landschaft einen besonderen Reiz ausüben.

Zerfallene Kirche mit Sitka-Fichte – Foto © Ullrich Wannhoff
Zerfallene Kirche mit Sitka-Fichte – Foto © Ullrich Wannhoff

Die Siedler brachten vom Festland die dunkelgrüne Sitka-Fichte mit, die mit Wehmut an alte Zeiten erinnern sollte. Sie braucht Jahrzehnte für ihr Wachstum; der Kälte und Stürmen ausgesetzt, hält sich dieser Baum bis heute wacker, so recht und schlecht. Ich denke, das meiste Bauholz wird von der Sitkafichte stammen, genauso wie die Dachschindeln. Unter einer Fichte im Schatten der heute ungewöhnlich warmen Strahlen der Sonne entdecke ich einen reichen Grabstein aus Marmor. Die Inschrift lautet: Rest in peace our darling NORNA P. WILSON SEPT. 29 1911. Die heutige moderne Siedlung mit 900 Einwohnern und Flughafen befindet sich auf der kleinen Popof Insel am Sand Point im nordwestlichen Teil. Dazu leben auch Bisons, die man vor Jahren hier aussetzte. Auch auf der Insel Unga wurden Stirnrinder ausgesetzt. Ob die Herde überlebt, weiß ich nicht, da sie es schwer haben über den schneereichen Winter an die Nahrung zu kommen; ich fand drei tote Rinder in der Landschaft.

Verendetes Stirnrind – Foto © Ullrich Wannhoff
Verendetes Stirnrind – Foto © Ullrich Wannhoff

Ivan Fomich Popof war ein Kaufmann aus Lalsk (in der Nähe Moskau) und Mitwisser einer Verschwörung 1809 gegen Baranow. Es gab konkurrierende Kaufmann- oder Pelztiergesellschaften, die das staatliche Unternehmen Russisch-Amerika-Companie unterlaufen wollten. Die Schumagin-Inseln waren ein willkommener Zwischenstopp vieler wagemutiger Pelztierjäger, die von Unalaska zum Festland Alaska weiter segelten oder den Hafen der „Drei Heiligen“ ansteuerten. Dieser Ort wurde 1883 von Schelichow an der Nordwestseite von Kodiak gegründet. Es war die erste russische Siedlung auf amerikanischen Boden. Später verlegte Baranow 1799 den Hafen auf die südöstliche Seite, die für Weiterfahrten in Richtung Süden strategisch günstiger lag.

Sarytschew von der Billings-Expedition segelten am 21. Juni an den Schumagin-Inseln vorbei. Er schreibt: „Nach dem Mittag erblickten wir Aleuten, die auf kleinen Baidaras von den Schumagin Inseln auf uns zukamen. Obwohl unser Fahrzeug zu dieser Zeit noch vier Meilen in der Stunde machte, holten uns die Insulaner doch ein. Mit ihnen traf in einer dreisitzigen Baidara ein russischer Jäger ein, der erzählte, dass er von einem in der Issanozkistraße liegenden Kauffahrteischiff mit 80 Aleuten zur Otterjagd auf die Schumagun Inseln entsand worden wäre.“ Schon um diese Zeit war die Kolonialisierung recht weit vorangetrieben, und die Aleuten dienten als billige Arbeitskräfte, indem sie die Seeotter und andere Seetiere jagten.

Die Bucht auf Unga – Foto © Ullrich Wannhoff
Die Bucht auf Unga, an der der 1959 aufgegebene Ort lag – Foto © Ullrich Wannhoff

Am 25. Juni fahren sie weiter und treffen auf „zwei und dreisitzige Baidaras Amerikaner und und mit ihnen ein russischer Jäger zu unserem Schiff. Letztere erzählte, er wäre von der Insel Kadiak aus der Niederlassung des Kaufmannes Schelichow mit 300 Inselbewohnern zur Jagd auf Seelöwen und Vögel zu diesen Inseln abgeschickt worden.“

Die Baidaras oder Baidarka sind Bootsskelette, die mit den Fellen der Seelöwen (sie haben kurzes Fell, eine festere stabile Haut und eine größere Fellfläche als andere Meeressäugetiere, wie Seehunde und Seebären) bezogen wurden. Bis weit in den Anfang des 20. Jahrhundert wurde dieser Bootstyp in der traditionellen Bauweise hergestellt. Man kann sich die Zahl der dafür getöteten Seelöwen gut vorstellen: bei 300 Inselbewohnern sind das etwa 150 Baidarkas, die mit Seelöwenfellen bespannt sind. Dazu kommt, dass die Baidarkas nach wenigen Jahren neu bezogen werden müssen, weil sich die bespannten ungegerbten Felle bald abnutzen. Die Felle werden mit Natursehnen zusammengenäht und eingefettet und halten so den kalten Wasser stand. Heute sind die Kayaks mit modernen Materialien aus Plast und gummierter Leinwand bezogen und werden vor allem von Individualisten benutzt, die in Nähe der Meeresküsten und Inseln paddeln und ihre Freizeit verbringen.

posted by Ullrich Wannhoff

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Aleuten windig und kalt

reblogged vom 25. Juli 2012

„Es regnet in Strömen“, „Aleuten windig und kalt“, steht in der Email unseres Co-Bloggers Ullrich Wannhoff von seiner Reise Mitte Juli durch die Inselgruppe der Aleuten. Der Archipel vulkanischen Ursprungs liegt etwa auf dem gleichen Breitengrad wie Berlin, gehört jedoch zur subarktischen Klimazone, und das Wetter ist in der Regel rau: die Sonne macht sich rar, die Niederschläge sind häufig, nicht selten herrscht Nebel, und die Temperaturen erreichen im Sommer höchstens 10-13°C. Neblig war es auch im Juli 1850, als Johann August Miertsching an Bord der „Investigator“ die Inselgruppe passierte. Das Schiff war Anfang Juli in Hawaii gelandet, wo Miertsching die dortige Missionsstation besuchte.

Historische Missionsstation in Honolulu – © Wolfgang Opel

Schon wenige Tage später segelte die Investigator mit frischen Lebensmitteln an Bord wieder los, um das Beringmeer zu erreichen. Auf der Suche nach der verschollenen Franklin-Expedition und nach der Nordwestpassage wollte Kapitän McClure keine Zeit verlieren und entschied sich für die risikoreichere, aber wesentlich kürzere Passage durch die Aleuten, anstatt des damals für die englische Flotte üblichen westlichen Seeweges über Petropawlowsk/ Kamtschatka, der rund 60 Tage gekostet hätte. Trotz des Nebels kam das Schiff auf seinem Kurs nach Norden gut voran und erreichte die gewünschte Passage durch die Aleuten schon am 20. Juli. In seinem Reisetagebuch schreibt Miertsching von den Inseln Amlia, Seguam und Tschunam, die am 20. Juli nacheinander kurz aus dem Nebel auftauchten; er fügt hinzu, dass Amlia und Tschunam bewohnt seien. Heute leben auf Seguam ca. 2000 Einwohner, Amlia aber hat keine ständigen Bewohner mehr. Was mit der Insel Tschunam gemeint war, konnten wir noch nicht herausfinden.

HMS Investigator in einer zeitgenössischen Darstellung

Die HMS Investigator setzte ihren Kurs aufgrund der günstigen Winde geradewegs nach Norden fort, um vorbei an der St. Lawrence Insel und zwischen den Diomedes-Inseln das Nordpolarmeer zu erreichen.
In künftigen Blogeinträgen – und eines Tages auch in einem Buch – werden wir mehr über das weitere Schicksal dieses Schiffes und über das Leben von J.A. Miertsching berichten. (Mehr zur HMS Investigator auch im Artikel Das Wrack im Eis – Die Entdeckung der Nordwestpassage und die Verbindung zur Oberlausitz im Heft 01/2012 des Magazins „360° Kanada“)

Unser Co-Blogger Ullrich Wannhoff aber gelangte auf einem anderen Kurs als Miertsching aus dem Aleuten-Tief heraus – er kam zu den Shumagin Islands, weiter östlich, wo er die weißen schneebedeckten Berge Alaskas im strahlenden Sonnenschein sehen konnte. Die Insel trägt den Namen von Nikita Shumagin, der an Vitus‘ Berings Großer Nordischen Expedition teilnahm, unterwegs an Skorbut starb und auf Nagai Island beerdigt wurde.

Nagai Island – Foto: U.S. Fish and Wildliefe Service

Mehr als 1.500 km weiter, ganz am anderen, westlichen Ende der Aleutenkette, auf der sibirischen Seite, liegen die Kommandeurinseln, auf denen sich Ullrich Wannhoff bestens auskennt. Mehr über seine monatelangen Aufenthalte dort kann man in seinem Buch Comandor nachlesen.

posted by Mechtild Opel

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Hebron (Nunatsiavut/Labrador) im Juli

reblogged vom 18.Juli 2012

Ein sehr friedlicher Platz ist Hebron im Juli – das schöne breite grüne Tal, durchflossen von drei Bächlein, Hänge voller alpiner Blumen und Sträucher, auch die Polarbirken blühen gerade, ebenso die Bärentrauben, die in dichten Teppichen vorkommen. In den schattigen Dellen der Hänge kann man noch kleine Schneefelder erblicken, und kahle Flächen mit braunen, niedergedrückten Sträuchern zeigen, wo vor kurzen noch eine Schneewehe die Vegetation unterdrückt hat.

Blühende "Bärentrauben - Bearberries"
Blühende “Bärentrauben – Bearberries

Man kann sich gut vorstellen, dass die 1959 umgesiedelten Bewohner diesem Platz, ihrer Heimat in der geschützten Bucht immer noch nachtrauern.

Blick vom Hügel auf die alte Missionsstation – Foto: Wolfgang Opel
Blick vom Hügel auf die alte Missionsstation – Foto: Wolfgang Opel

Die 1830 gegründete Herrnhuter Missionsstation Hebron ist darum ein Ort von ganz besonderer Bedeutung für die Labrador-Inuit – aber auch für uns, für unsere Vorhaben:
Nach Hebron fuhr im Winter 1846 Johann August Miertsching von Okak aus auf seiner ersten selbständigen Hundeschlittentour mehr als 200 km über Land und Eis, um seinen Missionarskollegen Herzberg zur medizinischen Behandlung eines ernstlich erkrankten Missionars zu transportieren.

Hebron im 19. Jahrhundert – Zeichnung von L.T. Reichel ca. 1861

Aus Hebron stammten Abraham, Ulrike, Sara, Maria und Tobias, die auf der Hagenbeckschen Völkerschau 1880/81 allesamt an den Pocken starben – siehe letzter Blogeintrag.

Hebron zu Beginn des 20. Jahrhunderts – Foto: Ernst Bohlmann
Hebron zu Beginn des 20. Jahrhunderts – Foto: Ernst Bohlmann

Und in Hebron hielt sich am 15.10.1906 auch der Dresdener Ornithologe Bernhard Hantzsch auf, als er auf der Reise aus Killinek, wo er die Vogelwelt Labradors erkundet hatte, Station machte.

Hebron 1906 – Foto: Bernhard Hantzsch/Sammlung Fam. Dr. Dietz Dresden

Gestern hat Noah Nochasak Hebron erreicht. 10 Tage zuvor war er in Nain gemeinsam mit zwei Mitreisenden zu einer Kajaktour an der Küste Labradors nach Norden aufgebrochen. Auf dem rund 950 km langen Wasserweg um die Nordspitze Labradors herum will er nach Kangiqsualujjuaq (George River). Der 24jährige Inuk aus Nain ist auf der Suche nach einer Synthese von heutigem Wissen, modernster Technik und den besonderen Fertigkeiten, die den Inuit über Jahrhunderte das Leben in der Arktis ermöglichten. Er baute im vorigen Jahr bereits sein zweites qajaq nach der traditionellen Art der Inuit, wenngleich es nicht mit Seehundfell bespannt ist, sondern mit Segeltuch, das mit einem wasserfesten Anstrich versehen wurde. Zur Reiseausstattung gehören auch Satellitentelefon und GPS; denn Noah will die Kultur seine Vorväter wiederbeleben, ohne sie zu dabei zu „fossilisieren“. Siehe auch dieser Beitrag im Explorersweb.

posted by Mechtild Opel

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A Rose for Noggasak

A Nunatsiavut (Labrador) Story

reblogged from June 26th, 2012 – German version here.

The Old Cemetery in Darmstadt, Germany, had an unusual visit a few weeks ago. An Inuk from far-away Labrador (Canada), had a very special occasion to lay down a flower there.

Abraham and his family in contemporary picture, collection M+W Opel
Abraham and his family – collection M+W Opel

Only a few inhabitants of Darmstadt know that a group of Inuit (then called Eskimo) performed in a „human zoo“ in the city in December 1880. Back then, the animal park entrepreneur Carl Hagenbeck from Hamburg has initiated such events, where exotic people from far-away countries presented themselves in their traditional clothes and way of life and thus brought impressions from the wide world into Europeans cities. At that time, such international ethnographic shows enjoyed great popularity among the people of all social classes – adults as well as children – and thus filled the pockets of the operators, which most often could close out with substantial gains – although the expenses of bringing people together with their traditional equipment from Africa, America, Oceania, India or Greenland to Europe were rather large.

The Inuit who came to Darmstadt had been recruited for a fee by the boat owner Adrian Jacobsen on behalf of Hagenbeck. They left their homeland on the northern coast of what is now Canada and sailed to Hamburg with him, in order to start a one-year tour through Europe. Abraham and his wife Ulrike, with their two small daughters, and the young man Tobias were baptized Christians from Hebron, the mission settlement of the Moravian Church; Terrianiak and his wife Paingo with their 15-year old daughter Noggasak were „Pagan“ nomads from the Nachvak Fjord.

The old mission station in Hebron – © Wolfgang Opel
The old mission station in Hebron – © Wolfgang Opel

The three-day performance of the Inuit in Darmstadt took place in the skating rink, near the spot where a little later the Orpheum vaudeville theater was built. On Dec 15th,1880, the “Darmstaedter Tageblatt” wrote: “The performance of two Eskimo families in the skating rink excites the highest interest of the visitors because of the most peculiar image of the North presented here, and it is quite regrettable that such adverse weather conditions will keep many from getting these unusual impressions. The people, although quite small, look healthy, contented and neat and endeavor in sleigh rides (where six strong sled dogs are vigorously involved), creeping up on seals and others to teach the viewer a little concept of their arctic life.”
But the following day, the newspapers reported the sudden death of the girl Noggasak and her burial. This was just the beginning; a few days later two other Inuit died in Krefeld, Germany; they all had been infected with smallpox. None of the eight Inuit reached their distant home ever again: the remaining five got only as far as Paris, France, where – after a few days of performing in the Jardin d‘Acclimatation – death claimed them, too, in January 1881.

Noggasak and her father Terrianiak – contemporary image
Noggasak and her father Terrianiak – contemporary image

At that time, local newspapers reported the tragic fate of the Inuit group. Later, also the „Missionsblatt“ of the Moravian Church wrote about the case, but it was forgotten soon after. Only a hundred years later, the Canadian ethnologist J. Garth Taylor, working in a Moravian archive, came across some handwritten papers; it turned out that these were the transcript of a translation into German of a diary containing impressions from the trip of the Inuit which Abraham had kept in his native Inuktitut. 15 years later a book “The diary of Abraham Ulrikab” containing Abraham’s text as well as photos and historic documents was published in English in Canada in 2005 (an enhanced German version was released in 2007).

In 2009, Zippora Nochasak came across that book. When she learned of the fate of her compatriots and saw the photograph of her namesake Noggasak (a different spelling of her own last name which is not common anymore), she was deeply moved. The story captured her and finally made her work with us – a team of authors who have done in-depth research on the topic and are preparing a documentary and a book containing the latest results of our research on the 1880 journey of the Labrador Inuit in Europe.

In remembrance of Noggasak
In remembrance of Noggasak

J. Garth Taylor, An Eskimo Abroad, 1880: His Diary and Death, Canadian Geographic, October-November 1981, 38-43;
Hilke Thode-Arora: Abraham’s Diary – A European Ethnic Show from an Inuk Participant’s Viewpoint. Journal of the Society for the Anthropology of Europe, Vol. 2, No. 2, Fall/Winter, 2002, pp. 2-17
The Diary of Abraham Ulrikab. Text and Context, University of Ottawa Press 2005; Hartmut Lutz (Hg.): Abraham Ulrikab im Zoo – Tagebuch eines Inuk 1880/81. Von der Linden, Wesel 2007;

posted by Mechtild Opel

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Eine Rose für Noggasak

reblogged vom 26. Juni 2012 – English version here.

Einen nicht alltäglichen Besuch hatte vor einigen Wochen der Alte Friedhof in Darmstadt – für eine Inuk aus dem fernen Labrador (Kanada) gab es einen ganz besonderen Anlass, hier eine Blume niederzulegen.
Nur wenigen Bewohnern der Stadt dürfte bekannt sein, dass in Darmstadt im Dezember 1880 eine Gruppe von Inuit (damals Eskimo genannt) in einer „Völkerschau“ auftrat. Der Tierparkunternehmer Carl Hagenbeck war damals der Initiator solcher Veranstaltungen, bei denen exotische Menschen aus fernen Ländern sich in ihrer traditionellen Kleidung und Lebensweise präsentierten und so Impressionen aus der weiten Welt in deutsche Groß- und Provinzstädte brachten. Die Völkerschauen erfreuten sich damals großer Beliebtheit bei den Menschen aller Schichten, bei Groß und Klein, und somit füllten sich auch die Kassen der Veranstalter, die meist mit beträchtlichen Gewinnen abschließen konnten – wenngleich der Aufwand, Menschen aus Afrika, Amerika, Ozeanien, Indien oder Grönland, samt deren traditionellen Ausrüstungsgegenständen, nach Europa zu bringen, doch recht groß war.
Die Inuit, die damals nach Darmstadt kamen, waren von dem Bootsbesitzer Adrian Jacobsen im Auftrag Hagenbecks angeworben worden, gegen Bezahlung ihre Heimat an der Nordostküste des heutigen Kanadas zu verlassen und mit ihm nach Hamburg zu segeln, um dort eine einjährige Europatour anzutreten: Abraham und seine Frau Ulrike mit zwei kleinen Kinder, und der junge Mann Tobias, getaufte Christen aus Hebron, der Missionsiedlung der Herrnhuter Brüdergemeine, sowie die „heidnischen“ Nomaden vom Nachvakfjord, Terrianiak, seine Frau Paingo und die 15jährige Tochter Noggasak.

Die alte Missionsstation Hebron – © Wolfgang Opel
Die alte Missionsstation Hebron – © Wolfgang Opel

Der dreitägige Auftritt der Inuit in Darmstadt fand im Skating Rink statt, nahe der Stelle, wo wenig später das Varieté-Theater Orpheum erbaut wurde. Am 15.12. 1880 schrieb das Darmstädter Tageblatt:
“Die Vorführung der zwei Eskimo-Familien im Skating Rink erregt wegen des gebotenen höchst eigenthümlichen nordischen Bildes das höchste Interesse der Besucher und es ist recht zu bedauern, daß die so ungünstige Witterung Viele abhalten wird, sich diesen ungewöhnlichen Eindruck zu verschaffen. Die Leute, obwohl sehr klein, sehen gesund, vergnügt und reinlich aus und bemühen sich in Schlittenfahrten (wobei sechs kräftige Zughunde energisch mitwirken), Beschleichen des Seehundes und Anderem, dem Zuschauer einen kleinen Begriff ihres arctischen Lebens beizubringen.“
Doch schon einen Tag später berichteten die Zeitungen vom plötzlichen Tod des Mädchens Noggasak und ihrer Bestattung. Sie war nur die erste; wenige Tage später verstarben zwei weitere Inuit in Krefeld; sie waren an Pocken erkrankt. Keiner der acht Inuit sollte die ferne Heimat je wieder erreichen: die anderen fünf kamen noch bis Paris, wo auch sie – nach einigen Tagen Auftritt im Jardin d‘Acclimatation – im Januar 1881 der Tod ereilte.

Noggasak und ihr Vater Terrianiak – zeitgenössische Darstellung
Noggasak und ihr Vater Terrianiak – zeitgenössische Darstellung

Über das tragische Schicksal dieser Inuit-Gruppe berichteten damals lokale Tageszeitungen, später noch das „Missionsblatt“ der Herrnhuter Brüdergemeine, doch gerieten die Ereignisse bald in Vergessenheit. Erst hundert Jahre später stieß der kanadische Wissenschaftler J.Garth Taylor in einem Archiv zufällig auf die Abschrift der deutschen Übersetzung eines Tagebuches, in dem Abraham damals Eindrücke von der Reise der Inuit in seiner Muttersprache Inuktitut niedergeschrieben hatte. Ein daraufhin 2005 in Kanada veröffentlichtes Buch, das eine Übersetzung von Abrahams Text wie auch Fotos und Zeitdokumente in Englisch enthielt (2007 erschien eine erweiterte deutsche Version, „Abraham Ulrikab im Zoo“), geriet vor zwei Jahren in die Hände von Zippora Nochasak. Als sie von dem Schicksal ihrer Landsleute erfuhr und das Foto ihrer Namensvetterin Noggasak (eine nicht mehr gebräuchliche Schreibweise ihres eigenen Familiennamens) erblickte, war sie tief bewegt. Die Geschichte ließ sie nicht mehr los und brachte sie zur Zusammenarbeit mit uns, einer Gruppe von Autoren, die wir tiefergehende Recherchen zu diesem Thema unternommen haben und derzeit ein Buch und einen Dokumentarfilm über unsere neuesten Forschungsergebnisse zur Reise der Labrador-Inuit in Europa vorbereiten.

Gedenken für Noggasak
Gedenken für Noggasak

Zippora Nochasak reiste im Frühjahr 2012 nach Deutschland und besuchte gemeinsam mit uns die Stätten der tragischen Reise von 1880. Auf dem Alten Friedhof in Darmstadt suchten wir den Abschnitt auf, in dem das Mädchen Noggasak einst bestattet worden war. Wohl erstmals nach über 130 Jahren wurde hier, in einer informellen Zeremonie mit einem Gebet in Inuktitut, des verstorbenen Mädchens gedacht.

Literatur: Hilke Thode-Arora, “Das Eskimo-Tagebuch von 1880. Eine Völkerschau aus der Sicht eines Teilnehmers,” Kea 2, S. 87-115 ; Hartmut Lutz (Hg.): Abraham Ulrikab im Zoo – Tagebuch eines Inuk 1880/81. von der Linden, Wesel 2007; The Diary of Abraham Ulrikab. Text and Context, University of Ottawa Press 2005

posted by Mechtild Opel

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Franklins Todestag – Arktische Souveränität

reblogged vom 11.6.2012

Heute vor 165 Jahren starb Sir John Franklin. Sein Grab, irgendwo bei King William Island in der kanadischen Arktis, wurde bisher nicht gefunden. Franklins Expedition von 1845 war mit den Schiffen Erebus und Terror und 129 Mann Besatzung auf der Suche nach der Nordwestpassage, einer schiffbaren Route zu den Schätzen und Handelsgütern Asiens. Wie schon viele Expeditionen vor ihm, scheiterte auch Franklin. Jahrelang hatte man nichts mehr von ihm gehört.

Monument für Sir John Franklin in London – © Wolfgang Opel

Die britische Admiralität sowie Privatleute sandten Suchschiffe aus. Eins davon, HMS Investigator, stand unter dem Kommando von Robert McClure. Die Seeleute fanden zwar nicht Sir John Franklin und seine Mannschaft, doch gilt McClure heute als Entdecker einer der möglichen Passagen nach Asien. An Bord war übrigens der Sorbe Johann August Miertsching, der als Herrnhuter Missionar Inuktitut, die Sprache der Inuit, beherrschte. Er leistete nicht nur wertvolle Dienste als Übersetzer, sondern erwarb auch anderweitig Verdienste, so als Sammler von Pflanzen, Tieren und Ethnografika, aber auch als Jäger und mit seinen handwerklichen Fertigkeiten, sowie durch sein Beispiel und sein Vermögen, einigen Seeleuten mit Trost und seelischem Beistand zu helfen.

Bisher wurde zwar HMS Investigator, aber nicht HMS Erebus und Terror gefunden*. Bei den Suchaktionen von Parks Canada geht es aber nicht mehr um die Nordwestpassage, sondern um die Begründung der territorialen Souveränität Kanadas, die u. a. von den USA angezweifelt wird. Diese interessieren sich weniger für Sir John Franklin, sondern vielmehr für Öl, Gas und natürlich militärische Präsenz, denn Russland ist nicht weit – gleich hinter dem Nordpol!

[* Das hat sich inzwischen geändert: 2014 wurde HMS Erebus gefunden, 2016 HMS Terror!!!]

Im 19. Jahrhundert war Franklin einer der Nationalhelden des viktorianischen Großbritanniens. Heute jedoch ist er sogar in seinem Heimatland nur noch wenigen historisch Interessierten bekannt. Zu seinem Gedenken wurden in London zwei Denkmäler aufgestellt, das eine am Carlton House Terrace Garden unweit der Londoner Prachtstraße The Mall, ein anderes in Westminster Abbey, der britischen Krönungskirche. Trotz Befragung einiger der Angestellten und Priester der Kirche konnte uns dort niemand das Denkmal für Franklin zeigen. Die Seemacht Großbritannien wurde inzwischen durch die Finanzmacht Londons abgelöst. Forscher und Entdecker spielen kaum noch eine Rolle — heute bestimmen längst andere „Helden“ das Bild von London: Börse, Banken, Versicherungen und Hedgefonds.

posted by Wolfgang Opel

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„Welcome to Canada“ – Einwanderungsgeschichte im Museum

reblogged vom 7.6.2012

Bevor das Flugzeug zum hauptsächlichen Verkehrsmittel wurde, kam die Mehrheit der europäischen Kanada-Reisenden mit dem Schiff in Halifax an.
Beim Flanieren an der Waterfront kann man die maritime Atmosphäre der Hafenstadt auf sich wirken lassen. Viele der Gebäude am Harbourwalk verkörpern Geschichte – seien es die Gemäuer der Historic Properties, alte Speicher oder Lagerhallen, die heute restauriert sind und umfunktioniert wurden; sei es das berühmte Maritime Museum of the Atlantic mit seinen vielfältigen Ausstellungen und Sammlungen – oder Kanadas Museum of Immigration am Pier 21.

Mehr als eine Million Einwanderer setzten erstmals hier ihren Fuß auf kanadischen Boden, ihre neue Heimat. Das Museum macht die damaligen folgenschweren Ortsveränderungen der zahlreichen Immigranten, die oft genug Heimat- und Familienbande kappten und manchmal nicht einmal mehr auf Besuch zurückkehren konnten, ganz greifbar bewusst.

Koffer im Museum of Immigration Halifax

Welche Hoffnungen, welche Träume mögen die Menschen gehabt haben, die aus ganz Europa hierherkamen, um ein neues, anderes Leben zu beginnen? Der erste Tag im neuen Land, nach langer Schiffsreise über den Atlantik, mag für einige sicherlich sehr ernüchternd gewesen sein.

Mehr über das Museum ist nachzulesen im soeben erschienenen Heft 3/2012 des Magazins „360° Kanada“.

posted by: Mechtild Opel

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Kamtschatka – Ökonomie und Wildnis im Widerstreit

reblogged vom 29.5.2012

Die Halbinsel Kamtschatka wird nicht nur von zwei Meeren umgeben, dem Ochotskischen Meer und dem Stillen Ozean, die das Klima an den Küsten bestimmen, sondern auch internationale Konzerne greifen immer mehr auf diese vom Menschen wenig berührte Natur zu. Bodenschätze wie Gold, Platin und Silber ziehen Konzerne in die einsame vulkanische Wildnis. Die ehemaligen Goldgebiete um die Kolyma und Magadan herum dünnen aus, einige Minen sind schon wegen Unrentabilität geschlossen, und manche Leute versuchen, mit privaten Lizensen oder illegal zu schürfen, so das der Druck auf neue unberührte Gebiete zunimmt.

Kreuzfahrt – Eisbärfell. In der Bucht Natalia im Korjakengebirge, Nordkamtschatka
– © Ullrich Wannhoff

Besonders das Korjakengebirge nördlich von Kamtschatka, seit 1930 ein eigenes autonomes Gebiet (301,500 Quadratkilometer, entspricht dem Gebiet des U.S. Staates Arizona), wird davon stark betroffen. Kein Tourist verliert sich in diese abhelegene Gegend, in der sich erkaltete Vulkane von tausend bis zweitausend Meter erheben. Nicht nur Rentierhirten und sesshafte Korjaken, sondern auch Tschuktschen, Itelmenen und Evenen (zusammen etwa knapp über 8.000) zählen zu den indigenen Völkern. Zugezogene Russen und Ukrainer bilden weit über 50% der Bevölkerung, und sie sind es dann auch, die die langen wirtschaftlichen Hebel besitzen.

Die Küstenregion des Korjakengebirges mit den herrlichen tiefeinschneidenden Fjorden wird im Sommer von Kreuzfahrtschiffen befahren. Das romantische Herz der Einsamkeit schlägt über diesen wilden Weiten. Gestört werden sie „nur“ durch riesengroße Erdaufschürfungen, ähnlich wie wir sie in den Braunkohlengebieten der Lausitz kennen, die aber für Tourismus unsichtbar bleiben, weil sich die Minen im Landinneren befinden.

600 kg Platin werden aus 6 Tonnen Erz gewonnen. Russisches und internationales Kapital erfreuen sich der hohen Ausbeute. Der Gewinn lag 1998 bei 68 Millionen Rubel und steigerte sich im Jahre 2000 auf 130 Millionen. Im Jahre 2000 wurde Gold im Werte von 300-400.000 Dollar gewonnen, und 2005 sollten 130-140 Kilogramm Gold gefördert werden. In Russland klafft eine große Schere: es gibt reiche Vorkommen an Rohstoffen, aber andererseits sind die eigenen Produkte international kaum weltmarktfähig (außer in der Rüstungsindustrie, aber auch nur bedingt, da macht es die Quantität).

Moderne Maschinen aus Japan, Westeuropa, Amerika bestimmen das Bild, neben der maroden russischen Technik. Die wissenschaftliche, technische und künstlerische Intelligenz wandert aus, seitdem unter Gorbatschow die Möglichkeit des Reisens geschaffen wurde: russische Studenten, die in Westeuropa oder Amerika studieren, kommen kaum in ihr Mutterland zurück. Trotzdem hat sich ein Mittelstand und sogar eine Opposition entwickelt, auch wenn das nur zaghafte Anfänge sind — eine kreative Umgestaltung im eigenen Land ist noch nicht in Sicht.

posted by Ullrich Wannhoff

Literatur:

Newell, J.(2004): The Russian Far East – A reference guide for conservation and development, S.312-339, Daniel & Daniel Publishers, Inc. McKinleyville, Kalifornia

Schedtschenko, A, K. (2000): Koryakiya v Serdze moem. russ. (Korjaken im Herzen mein), Prachtbildband -S.297 Verlag: „Penta“ Moskau

Wannhoff, U. (2008) Der weite Weg nach Fernost – Spurensuche auf Kamtschatka- S.237 Kahl Verlag, Dresden

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Lady Franklin und der Kensal Green Cemetery

reblogged vom 15. Mai 2012

Wir verbrachten eine kalte und regnerische Woche in Londoner Archiven auf der Suche nach Hinweisen auf Johann August Miertsching und Bernhard Hantzsch. Beide waren an der Erforschung der kanadischen Arktis beteiligt, der eine von 1850-1854 auf der Suche nach Sir John Franklin und der Nordwestpassage, der andere verbrachte 1906 einen Sommer in Nordlabrador und versuchte 1910/1911 – als erster Nicht-Inuit – Baffin Island zu überqueren. Unglücklicherweise starb er nach erfolgreicher Durchquerung, vermutlich wegen dem Verzehr von durch Trichinen befallenen Eisbärfleisches.

Grabkammer von Lady Jane Franklin
Lady Franklins Gruft in den Katakomben

Da am ersten Tag die Archive wegen einem Feiertag geschlossen waren, suchten wir auf dem Kensal Green Cemetery die Gräber einiger Arktisforscher. Leider völlig erfolglos, denn es gab dort, ganz im Gegensatz zu Berliner Friedhöfen, keinerlei Hinweistafeln auf wichtige Grabstätten. Als wir einige Tage später besser vorbereitet wiederkamen, fanden wir glücklicherweise einen Friedhofsmitarbeiter, der uns in die Katakomben unterhalb der Anglican Chapel zum Grab von Jane Franklin führte. Nach dem Scheitern aller offiziellen Suchaktionen nach Franklins Schiffen hatte sie privat finanzierte Expeditionen veranlasst, die letztendlich die Kunde vom Tod Sir John Franklins und seiner ganzen Mannschaft nach England brachten. Lady Franklin gilt für viele Briten als die wichtigste weibliche Persönlichkeit des 19. Jahrhunderts – natürlich nach Königin Victoria.

Grabmal für Sir Robert McClure

Innerhalb der nächsten Stunden fanden wir auch die Gräber von Sir Robert McClure, dem Entdecker der Nordwestpassage, und von Sir John Ross und Sir Edward Inglefield, alle beteiligt an den Expeditionen zur Suche nach dieser Passage und nach der verschwundenen Franklin-Expedition. Nur das Grab von Admiral Bedford Pim konnten wir unter den vielen verwitterten und von Bewuchs überdeckten Gräbern nicht entdecken. 1853 war die HMS Investigator, das Schiff von McClure, auf dem Miertsching als Inuit-Übersetzer mitreiste, im Eis der Mercy Bay auf Banks Island steckengeblieben; Pim hatte das Schiff und die Mannschaft gefunden und damit entscheidenden Anteil an ihrer Rettung.

Grabstein von Sir John Ross

Die Identifizierung weiterer Gräber von wichtigen Arktisforschern des 19. Jahrhunderts, wie die von George Back und Sir Horatio Thomas Austin, bleibt anderen Enthusiasten der Geschichte um die Nordwest Passage vorbehalten.

Englische Zusammenfassung – English summary:

We spent a week in different London archives searching for Miertsching, Hantzsch and other Germans involved in Arctic research. And we tried to find some graves at Kensal Green Cemetery. Unfortunately we were not well prepared; we hoped to get some information about Arctic related graves at the office. But – it was Bank Day; and so, on that rainy day, our first try ended up without success. After some days we went there again, better prepared and with the help of the sun. We had the luck to find a guide who showed us Lady Franklin’s grave in the catacombes, and we got also some advice for other graves: Sir Robert McClure (24045/143/5), Sir John Ross (13388/112/4), Sir Edward Inglefield (22008/124/10) and Amiral Bedford Pim (20994/40/3) who found the HMS Investigator stuck in Mercy Bay in 1853. We could identify all, except the grave of Pim. Maybe someone else will be more successful.

posted by Wolfgang Opel

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