“Heroldsruf in eine glückliche Zeit”

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Aus Anlass des 150. Geburtstag des Tibetforschers August Hermann Francke erinnern wir an seine Zeit als ungewöhnlicher Pädagoge in Kleinwelka

Im Alter von nur 7 Jahren wurde Hans Windekilde Jannasch, ein Enkel von Johann August Miertsching, von seinen Eltern aus Labrador nach Deutschland geschickt, wie es damals für Kinder der Herrnhuter Missionare üblich war, um als “Waisenkind auf Zeit” die Schule zu besuchen. Zuvor hatte er in Nain bereits ein Vierteljahr lang gemeinsam mit Inuit-Kindern Lesen und Schreiben gelernt. Nach wochenlanger Schiffsreise über den Atlantik kam er schließlich im Herbst 1891 in Kleinwelka bei Bautzen an, um bald in die hiesige Schulanstalt der Herrnhuter Brüdergemeine einzutreten. Hier litt er sehr unter der lieblosen und straffen Anstaltserziehung. Jahrzehnte später schrieb er: ganz dem Namen Kleinwelka entsprechend, „welkte“ er dort vor sich hin; er schilderte „Tiefpunkte meines damaligen Daseins“, das – ohne Schutz und Wärme der Familie – voller Schwermut und Qual gewesen sein muss.

Knabenanstalt Kleinwelka
Knabenanstalt in Kleinwelka; das Gebäude in dieser Gestalt wurde 1898 fertiggestellt

Im nächsten Schuljahr aber änderte sich alles, denn da trat ein neuer Lehrer auf den Plan: August Hermann Francke. Das fröhliche „Guten Morgen“ des jungen Mannes mit „wirrem dunklen Haarschopf“ und „lachenden blauen Augen“ war für den kleinen Hans einen „Heroldsruf in eine glückliche Zeit“. Das war ein Lehrer, der mit den Kindern sprach wie mit Erwachsenen; der ihnen zuhörte; der sie fragte: nach ihren abwesenden Eltern und nach ihnen selbst; der sie in ihrem Heimweh tröstete. Und er erzählte ihnen auf lebendige und anschauliche Art Geschichten, Heldensagen und Märchen, oder er erfand welche – und verknüpfte das mit dem zu Lernenden, ob in Deutsch, Geschichte, Erd- und Naturkunde oder beim Rechnen.

Hans Windekilde Jannsch
Hans Windekilde Jannasch als Schüler

Francke musste gar nicht kommandieren, wie es die anderen Lehrer taten. Die Knaben waren begeistert und hochmotiviert, wenn er mit ihnen in die Natur hinauszog und dort bei Geländespielen das im Unterricht Gelernte lebendig werden ließ. Er wusste die Fantasie der Kinder zu beflügeln, er regte sie zur Naturbeobachtung an, und der Unterschied zwischen Schule und Freizeit verschwamm für den kleinen Hans Windekilde Jannasch „zu einem einzigen Glück“.

Sorbische ("wendische") Tracht
“Wendische” Trachten – Festtag (links) und Alltag (rechts)

Die Schulklasse wurde bereits damals zum Zeugen von Franckes linguistischem Interesse. Die Herrnhuter Kolonie Kleinwelka war zwar einst von Sorben gegründet, aber nach und nach hatte die deutsche Sprache Oberhand gewonnen. Doch lebten noch immer viele „Wenden“, wie die Sorben damals genannt wurden, im Dorf und in der Umgebung. Während seines Aufenthalts hier erlernte Francke ihre Sprache. Auf den Spaziergängen und Wanderungen mit seiner Schulklasse versuchte er sie anzuwenden, wann immer sie auf eine „wendische Bauersfrau“ trafen.

Die "Vierten" (Francke)
Francke schrieb später eine Erzählung über seine Zeit mit den “Vierten”, den Kindern der vierten Klassenstube, denen er für die spielerischen Unterrichtungen Rollen-Namen gegeben hatte. Wie man sieht, hatten diese Missionarskinder die unterschiedlichsten Geburtsländer

Jannasch schrieb, dass Francke sich von seinem kümmerlichen Gehalt von 20 Mark im Monat keine Bücher leisten konnte. Daher entlieh er sie aus der Bibliothek – und ließ sich das für ihn Interessante von den Kindern kopieren, indem sie es gewissermaßen als Schreibübung für ihn sorgfältig abschrieben – darunter Aufsätze über Phonetik und Texte in Sanskrit, von denen sie selber dabei natürlich nicht das Geringste verstanden. Jahre später, als Jannasch einmal Francke besuchte, zeigte der ihm ganze Bände dieser Abschriften und versicherte ihm, dass die Schulkinder ihm damals einen unschätzbaren Dienst erwiesen hätten.

Text aus Tibet
Tibetischer Text – aus “LA-DVAGS-RGYAL-RABS” (Chroniken von Ladakh)

Die Schüler erlebten Francke als unkonventionell, originell, anspruchslos und sehr großzügig. Das etwas bessere Essen, das er als Lehrer bekam, tauschte er oft mit einem besonders hungrigen Schüler. In den Sommerferien war er mit 60 Mark Reisegeld nach Schottland aufgebrochen. Bei Schulbeginn fehlte er: völlig abgerissen und ausgehungert wurde er auf der Dresdener Polizeiwache festgehalten, wo niemand ihm glauben wollte, dass er Lehrer war – bis der Schuldirektor ihn dort abholte.

Kyelang in Tibet
Kyelang, eine Siedlung der Herrnhuter Mission in Tibet, in der Francke tätig war

1896 wurde Francke zum Dienst für die Herrnhuter Mission nach Tibet berufen. Seine Halbcousine Marie Benemann, damals Schülerin an der Mädchenanstalt in Kleinwelka, erinnerte sich später, wie er eines Abends mit seiner jungen Braut Dora Weiz, bis dahin Lehrerin an der Mädchenanstalt, in ihr Elternhaus kam, um sich zu verabschieden. Das war doch ihre Lieblingslehrerin! Tränenüberströmt flehte sie Francke an, ob er nicht stattdessen eine andere Lehrerin mitnehmen könnte, die ihr verhasst war; damals wusste das kleine Mädchen allerdings noch nicht, was eine Braut ist.

August Hermann Francke mit seiner jungen Familie
August Hermann Francke mit seiner jungen Familie

August Hermann Francke reiste 1897 zwar als Missionar nach Tibet, doch als er nach 10 Jahren zurückkehrte, war er zu einem echten, allseits geschätzten Tibetologen, Archäologen, Ethnologen, Sprachkundigen und Übersetzer geworden. Von 1914 bis 1916 ging er zurück nach Asien, doch brachte der Ausbruch des 1. Weltkrieges ein unerwartetes schnelles Ende seiner Expedition, die in britischer Kriegsgefangenschaft endete. Ohne ein klassisches Hochschulstudium absolviert zu haben, erhielt er einen Ehrendoktortitel (1911), habilitierte sich 1922 und wurde 1925 als Professor an die Berliner Universität berufen. Doch die vielen „mageren“ Jahre hatten seine Gesundheit so angegriffen, dass er schon 1930, gerade einmal 50jährig, verstarb.

Grabstein Franckes in Rixdorf
Der Grabstein von August Hermann Francke auf dem Gottesacker der Herrnhuter Brüdergemeine in Berlin-Rixdorf

Für Hans Windekilde Jannasch war Francke eine solch prägende Persönlichkeit, dass er selbst nicht in die Fußstapfen seiner Eltern trat, wie die Herrnhuter dies von Missionarskindern erwarteten, sondern das Lehrerstudium wählte. Dabei verfolgte er – angeregt durch seine eigenen Erfahrungen und seine Erlebnisse mit Francke – Ansätze, die im Gegensatz zur herkömmlichen Pädagogik standen und ihn schließlich zum Reformpädagogen werden ließen. Er versuchte, sowohl in der Praxis – an Freien Schulen und Reformschulen, vor allem im Landschulheim in Holzminden – wie auch in der Theorie, mit Büchern und als Professor für Praktische Pädagogik an Hochschulen in Altona, Hirschberg und zuletzt Göttingen – kindgerechte, alternative Methoden umzusetzen. – Übrigens hatten bereits seine Großeltern Johann August Miertsching und Clementine Auguste Miertsching Erfahrungen im Unterrichten von Kindern – bei den Inuit in Labrador bzw. bei den Khoi-San in Südafrika.

Bis Ende April gibt es eine interessante Ausstellung über das Wirken Franckes im Museum im Böhmischen Dorf Rixdorf (Neukölln).

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Fürst Pückler-Muskau und der Nordpol

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Heute vor 235 Jahren wurde Hermann Ludwig Heinrich Graf von Pückler-Muskau auf Schloss Muskau in der Oberlausitz geboren. 1822 war er von Preußens König Friedrich Wilhelm III. in den Fürstenstand erhoben worden, was Pücklers weitgesteckten Ambitionen als unabhängiger – gelegentlich irrlichtender – Geist, fast manischen Reisenden, begnadeten Landschaftsarchitekten, zu seiner Zeit erfolgreichen Schriftsteller und bis ins hohe Alter promiskuitiver Liebhaber Auftrieb gegeben hatte.

Fürst Pückler
Hermann von Pückler-Muskau
Stich nach einem Gemälde von Franz Krüger

Heute ist Fürst Pückler hauptsächlich als Gestalter der beispielhaften und sehenswerten Landschaftsparks im englischen Stil in Bad Muskau, Branitz und Babelsberg in Erinnerung – sowie als Namensgeber für das Pückler-Eis, dessen „Erfinder“ aber gar nicht der Fürst selbst war. War es, wie manche schreiben, ein cleverer Konditormeister in Cottbus oder Berlin, der den Fürsten als Namenspatron benutzte? Oder vielleicht der königliche Hof-Koch Jungius, in dessen Kochbuch die älteste gedruckte Variante des Rezepts auftaucht?

 Muskauer Park mit  Schloss
Muskauer Park mit Schloss
Hier wurde Hermann von Pückler geboren
Muskauer Park
Das Werk des Landschaftsgestalters – Muskauer Park

Was hatte Fürst Pückler aber nun mit dem Nordpol zu tun?

Durch den extensiven Ausbau seines Schlossparks in Muskau war der Fürst in erhebliche finanzielle Schwierigkeiten gekommen, so dass seine Gemahlin, Lucie von Hardenberg, einer Scheidung zustimmte, damit er sich neu – dieses Mal noch viel reicher als zuvor – verheiraten könnte. Die Suche nach einer Superreichen führte ihn auch nach England und Irland. Die Brautschau war allerdings nicht erfolgreich, doch sein Buch über diese Reise „Briefe eines Verstorbenen“ war zu seiner Zeit ein Bestseller und ist noch immer lesenswert. Auf dieser Reise begegnete Fürst Pückler vielen interessanten Leuten, unter ihnen auch Englands damals erfolgreichsten Arktisforscher William Edward Parry, der sich gerade zur Abfahrt nach Spitzbergen bereitmachte, um von dort per Schlitten den Nordpol zu erreichen.

William Edward Parry
Sir William Edward Parry, Gemälde von Samuel Drummond, 1820
© National Portrait Gallery, London

Fürst Pückler berichtete darüber im 14. Brief [Kapitel] seines Buches: „Den 26ten [26. März 1827]. Diesen Vormittag bestimmte ich zu einer Exkursion nach Deptford, um Captain Parrys Schiff Hekla zu besehen, das in wenigen Tagen nach dem Nordpol absegeln soll. Ob es ihn aber erreichen wird, ist eine andere Frage. Wenn es Parry nur nicht wie dem armen Grafen Zambeccari [ein verunglückter italienischer Ballonfahrer] geht, der von seiner letzten Luftfahrt noch bis zu dieser Stunde nicht zurückgekehrt ist.

Spitzbergen - Svalbard
Spitzbergen

Captain Parry machte die Honneurs seines eigentümlichen Fahrzeugs mit sehr viel Artigkeit, und sein Benehmen entspricht ganz dem eines freimütigen, besonnenen und kühnen Seemanns, als welcher er bekannt ist. Ein paar seltsam geformte Boote lagen auf dem Verdeck des Schiffes, die zugleich als Eisschlitten dienen sollen. …

Parry Expedition - Schlitten
Mit Kufen versehene Boote und einfache Schlitten der Parry-Expedition, mit denen der Nordpol erreicht werden sollte

Das Schiff selbst hat doppelte Wände, die mit Kork ausgefüllt sind, um die Wärme besser zusammenzuhalten, und außerdem wird es mit conduits de chaleur [Heizröhren] geheizt. Alle Provisionen bestehen aus den stärksten Extrakten, so dass ein ganzer Ochse in seiner Quintessenz in die Rocktasche gesteckt werden kann, gleich den Stereotypes der chefs d’oeuvres [Meisterwerke] der ganzen englischen Literatur in einem Bande. Alle Offiziere schienen Männer von großer Auswahl, besonders fand ich an dem Lieutenant Ross, der Parry auf allen seinen Fahrten begleitet hat, einen sehr feinen und liebenswürdigen Mann. Das Schiff wimmelte von Besuchern, die fortwährend die Strickleitern hinanklommen, und man konnte nicht ohne das lebhafteste Interesse diese Schiffmannschaft betrachten, die so heiter den größten Gefahren und Mühseligkeiten entgegenging, nur der Wissenschaft zuliebe und um eine erhabene Neugierde zu befriedigen.“

HMS Hecla
HMS Hecla

Bei dem erwähnten Leutnant Ross handelte es sich um James Clark Ross, der später – gemeinsam mit dem sich ebenfalls an Bord der Hecla befindenden Francis Crozier – als erster überhaupt große Teile der Antarktis vermessen konnte. Während Parry und Ross von allen ihren Polarreisen nach England zurückkehrten, ohne jedoch den Nord- bzw. den Südpol erreicht zu haben, konnte das Schicksal von Crozier bis heute nicht aufgeklärt werden. Er starb als zweiter Kommandeur der Franklin-Expedition zur Entdeckung der Nordwestpassage in der Arktis irgendwo bei King William Island, wie auch Sir John Franklin und der Rest seiner Schiffskameraden.

James Clark Ross
Commander James Clark Ross,
von John R. Wildman, 1834, National Maritime Museum London

Bei einer der Suchexpeditionen nach Franklin, Crozier und Co. war übrigens der Oberlausitzer Sorbe und Herrnhuter Missionar Johann August Miertsching mit dabei. Ob Fürst Pückler-Muskau jemals von Miertsching gehört hatte – oder umgekehrt – ist nicht bekannt. Doch es gibt Zusammenhänge zwischen dem Schuhmacher und dem Fürsten: Dessen Standesherrschaft Bad Muskau liegt nicht weit weg von Gröditz bzw. Kleinwelka, wo Miertsching längere Zeit lebte; die Orte liegen jeweils nur wenige Kilometer voneinander entfernt in der Nähe von Bautzen. Dazu kommt, dass der junge Graf einst sogar die Schulanstalt der Herrnhuter Brüdergemeine in Uhyst besucht hatte, wenn auch mit wenig Begeisterung; sie blieb ihm in schlechter Erinnerung. Zudem gehörte Fürst Pückler zu den Sponsoren der Deutschen Nordpolar-Expedition. Für diese war Miertsching als Übersetzer angefragt worden; er stand jedoch nicht zu Verfügung, da er sich in der betreffenden Zeit in Genadendal (Südafrika) aufhielt.

Germania und Hansa
Auslaufen der Schiffe Germania und Hansa zur Zweiten Deutschen Polarexpedition 1869 von Bremerhaven – Holzstich nach Carl Fedeler
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In die Magellan-Straße

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Es war ein Portugiese im Dienste der spanischen Krone, Fernando Magellan, der vor genau 500 Jahren, am 21. Oktober 1520, mit seinen Männer das Cabo Virgenes weit im Süden von Amerika erreichte. Sie waren die ersten Europäer an diesem Ort, und es war ihnen damals noch nicht klar, dass sie alsbald weiter im Westen einen Wasserweg finden würden, der sie durch Patagonien bis zum Pazifik führen sollte.

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Magellanstraße – Karte von Jodocus Hondius, 1606; Süden ist oben, Norden unten

Bis heute heißt diese Wasserstraße, in deren Süden Feuerland (Terra del Fuego) liegt, nach ihrem (europäischen) Entdecker Magellan-Straße.

Ferdinand Magellan
Ferdinand Magellan

Über hunderttausend Paare Magellan-Pinguine – neben vielen anderen Vogelarten – nisten zwischen September und April am Cabo Virgenes. Magellans Chronist Antonio Pigafetta wird zugeschrieben, der Entdecker der bis dahin in Europa unbekannten Vogelart zu sein. Er bezeichnete sie allerdings als “Wildgänse”.

Magellan-Pinguine  – Foto: Ludwig Winklhofer
Magellan-Pinguine – Foto: Ludwig Winklhofer

330 Jahre nach Pigafetta, 1850, erreichte HMS Investigator das Cabo Virgenes. Dieses Schiff sollte sich gemeinsam mit HMS Enterprise in die Arktis begeben, um auch vom Westen her, von der Beringstraße aus, nach der vermissten Franklin-Expedition zu suchen, die 5 Jahre zuvor in England aufgebrochen war. Johann August Miertsching, ein Sorbe aus der Oberlausitz, war als Übersetzer für Inuktitut an Bord. Er schrieb am 15. April 1850 in sein Reisetagebuch: „Tausende weiße große Vögel am Ufer gesehen!“ Auf den baumlosen grünen Hügeln in der Nähe des Kaps beobachtete er Herden von Guanakos.

Felszeichnungen im Hochland von Patagonien
Alte Felszeichnungen der indigenen Bewohner im Hochland von Patagonien

Als HMS Investigator in einer Bucht ankerte, erhielten sie Besuch von Tehuelche, die seit Tausenden von Jahren im Süden von Patagonien lebten.

Feuerland
Feuerland

HMS Investigator ließ Feuerland links liegen und durchfuhr die Magellan-Straße; über Sandy Bay – wo sich heute Punta Arenas befindet – und Port Famine erreichte das Schiff den Pazifik, segelte weiter gen Norden und kam im August ins Polarmeer.

Street Art in Punta Arenas zum Gedenken an die Tehuelche
Street Art in Punta Arenas zum Gedenken an die Tehuelche

Die Magellan-Straße, einst eine wichtige Verbindung von Atlantik und Pazifik, hat mit der Einweihung des Panama-Kanals einen großen Teil ihrer Bedeutung verloren. In Punta Arenas, der größten Stadt Patagoniens, konnten wir nur noch wenige Zeugnisse der indigenen Urbevölkerung entdecken, die durch die europäische Kolonisierung immer weiter verdrängt wurde.

An Fernando Magellan erinnern dagegen ein Denkmal und ein Nachbau der Victoria, das einzige Schiff seiner Expedition, das nach der Beendigung der ersten Weltumsegelung am 6. September 1522 wieder nach Spanien gelangt war. Magellan selbst war schon am 27. April 1521 während einer kriegerischen Auseinandersetzung gestorben.

Karte von Ortelius mit Magellans Schiff Victoria
Karte von Ortelius mit der Victoria, dem verbliebenen Schiff von Magellans Flotte
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Knud Rasmussen als Filmemacher

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Vor knapp 87 Jahren verstarb am 21.12.1933 der bekannte grönländisch-dänische Polarforscher Knud Rasmussen im Alter von nur 54 Jahren infolge einer Lebensmittelvergiftung. Als Sohn eines dänischen Missionars und Enkel einer Angehörigen der Kalaallit (Inuit) in Ilulissat an der Westküste Grönlands geboren, war er gemeinsam mit den grönländischen Nachbarskindern aufgewachsen und lernte von Beginn an ihre Sprache, Kalaallisut, was ihm seinen späteren ungewöhnlichen Lebensweg erst ermöglichte.

Geburtshaus von Knud Rasmussen
Geburtshaus von Knud Rasmussen

Rasmussen war nicht nur Ethnologe und Schriftsteller, sondern auch Hundeschlittenführer und Extremreisender. Während seiner sogenannten 5. Thule-Expedition befuhr er mit dem Schlitten die Nordwestpassage von Grönland bis nach Tschukotka – gerade noch rechtzeitig, bevor der Einfluss der weißen Händler, Missionare, Seeleute und Siedler begann, die Kultur der Inuit zu verändern.

Denkmal für Rasmussen in Ilulissat
Denkmal für Rasmussen in Ilulissat

Was weniger bekannt ist: Rasmussen war auch ein Filmemacher, der von den damals neuen Medien so beeindruckt war, dass er beschloss, einen eigenen Film über das Leben der Grönländer an der Ostküste zu schreiben und zu produzieren. Rasmussen war nicht der erste Filmemacher, der die Arktis und seine Bewohner zum Gegenstand eines Filmes machte. Bereits 1901 wurden unter der Marke Thomas A. Edison drei kurze Filmszenen veröffentlicht, die Inuit im sogenannten Esquimaux Village der Pan American Exposition in Buffalo bei verschiedenen Aktivitäten zeigen.

Nancy Columbia (Mitte) 1911 in Berlin Halensee
Nancy Columbia (Mitte) 1911 in Berlin Halensee

Um 1910 erschienen Filme mit ehemaligen Akteuren von Völkerschauen, die auch in Deutschland zu sehen waren. Prominente Darstellerin war Nancy Columbia, die auch an dem Drehbuch für The Way of the Eskimo von Selig Polyscope beteiligt war. Nancy Columbia ist damit die erste Filmemacherin der Inuit. Weitere Filme zum Thema Arktis waren Polar Hunt (1914, A. E. Kleinschmidt), Nanook of the North (1922, Robert Flaherty) und Milak der Grönland-Jäger (1932, Georg Asagaroff und Bernhard Villinger).

Prospekt "SOS Eisberg"
Prospekt “SOS Eisberg”

Der bekannte Bergfilmer Arnold Fanck war 1931 in einem Magazin auf Fotografien von Eisbergen in Grönland gestoßen. Das erinnerte ihn sofort an Alpengletscher, die in seinen bisherigen Filmen eine wichtige Rolle gespielt hatten. Er beschloss, seinen nächsten Film unbedingt in Grönland zu drehen, was aber nicht genehmigt wurde, da die Regierung in Dänemark im Interesse der Inuit jegliche Aktivitäten von Ausländern dort erheblich eingeschränkt hatte.

Drehort von "SOS Eisberg" in Grönland
Drehort von “SOS Eisberg” in Grönland

Fanck packte kurz entschlossen einen seiner Filme ein, fuhr nach Kopenhagen und begab sich auf die Suche nach Knud Rasmussen, dem weltbekannten Arktisforscher. Nachdem dieser Fancks Film gesehen hatte, der ihn überaus beeindruckte, begaben sich beide auf den „Weg durch die Instanzen“ – mit dem Ergebnis, dass Fanck drehen durfte und Rasmussen zum Sponsor und Berater des Films SOS Eisberg wurde. (Auf diesen Film werden wir in einem späteren Beitrag eingehen. Nur soviel vorab: den SOS Eisberg hätte es ohne die intensive Mitarbeit Rasmussens nie gegeben.)

Filmprogrammheft "SOS Eisberg"
Filmprogrammheft “SOS Eisberg”

Knud Rasmussen hatte nun Gefallen am Medium Film gefunden, so dass er unmittelbar nach Beendigung der Dreharbeiten mit der Konzeption seines eigenen Filmes Palos Brautfahrt begann. Als Regisseur gewann er Friedrich Dalsheim. Der Film wurde 1933 in Ostgrönland ausschließlich mit Laiendarstellern gedreht. Er handelt vom Werben zweier Freunde, Palo und Samo, um das gleiche Mädchen, die schöne Navarana.

Palos Brautfahrt - Film von Knud Rasmussen
Palos Brautfahrt – Film von Knud Rasmussen

Die Freunde geraten in Streit; in einem Sängerwettstreit soll der Sieger und damit der Bräutigam für Navarana bestimmt werden. Aus dem Wettstreit wird ein Kampf, bei dem Palo schwer verletzt wird. Am Ende aber kommt Samo zu Tode, und Palo gewinnt die Braut.

Filmprogrammheft "Palos Brautfahrt"
Filmprogrammheft “Palos Brautfahrt”

Der Film zeigt die wunderschöne Natur und das traditionelle Leben der Ostgrönländer in vielen Facetten – von der Jagd bis zu einer Schamanenbeschwörung – und folgt damit ganz der Intention des Ethnologen Rasmussen. Infolge seines frühen Todes aber konnte Rasmussen die Uraufführung seines Filmes Palos Brautfahrt im Jahr 1934 nicht mehr erleben.

Knud Rasmussen mit Peter Freuchen, historische Aufnahme
Knud Rasmussen mit Peter Freuchen, historische Aufnahme

Im Gedenken an Rasmussens 5. Thule-Expedition drehte Zacharias Kunuk, ein Inuit aus der kanadischen Arktis, 2006 den Film Die Tagebücher des Knud Rasmussen – ein weiteres Meisterwerk, nach seinem Film Atarnajuat, für den er viele Preise, unter anderem eine Goldene Kamera in Cannes, erhalten hatte.

Knud Rasmussen - Porträtbüste in Ilusissat
Knud Rasmussen – Porträtbüste in Ilusissat
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Islands berühmte „Globetrotterin“

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Guðríður Þorbjarnardóttir – Reisen vor tausend Jahren

Seit unserer ersten Island-Reise 1993 folgen wir den Geschichten um Guðríður (Gudridur), der vor 1000 Jahren am weitesten gereisten Frau Islands. In Laugarbrekka – zu Füßen des Snæfellsnes-Gletschers – wurde sie um das Jahr 980 auf einer Farm mit Blick auf den Atlantik geboren. Weit im Westen der heute verschwundenen Farm liegt Grönland, das eines Tages Ziel von Gudridurs Vater und seiner Tochter wurde, als sie dem Ruf Erik des Roten zur Besiedlung des „grünen“ Landes folgten.

Diese Tafel erinnert an den Hof Laugarbrekka
Diese Tafel erinnert an den Hof Laugarbrekka

Was man heute über Gudridur weiß, ist in den Sagas der Isländer niedergeschrieben, die allerdings erst lange nach den eigentlichen Geschehnissen notiert wurden. Demnach heiratete sie nach ihrer Ankunft in Grönland; doch ihr Mann starb bald. Später heiratete sie Þorsteinn, einen Sohn Erik des Roten. Dessen anderer Sohn, Leif Eriksson, gilt als europäischer „Entdecker“ Nordamerikas. Er reiste per Schiff über den Atlantik und siedelte auf dem fernen Land im Westen.

Blick von Laugarbrekka in Richtung Grönland
Blick von Laugarbrekka in Richtung Grönland

Drei Jahre nach unserer ersten Islandreise besuchten wir L’Anse aux Meadows im Norden Neufundlands. Hier hatte das Ehepaar Anne Stine und Helge Ingstad in den 1960er eine Siedlung der Wikinger gefunden, ausgegraben und anhand von Artefakten eindeutig identifiziert. Somit war ein wichtiger Teil der Sagas, die Entdeckung Amerikas durch die Wikinger, bestätigt worden.

Wunderstrand - Wonderstrand

Der „Wunderstrand“ aus den isländischen Sagas liegt im neuen
Akami−Uapishkᵁ−KakKasuak −Mealy Mountains Nationalpark Kanadas in Labrador
Rekonstruierte Grassodenhütte auf der Fundstätte in L'Anse aux Meadows
Rekonstruierte Grassodenhütte auf der Fundstätte in L’Anse aux Meadows

Nach der Rückkehr von einem vermutlich erfolglosen Versuch, das neue Land zu erreichen, verstarb Gudridurs Ehemann Thorsteinn. Sie heiratete den Händler Þorfinn Karlsefni und begab sich mit ihm und einer größeren Mannschaft nach dem von ihrem Ex-Schwager Leif so benannten Vinland.

Íslendingur in L'Anse aux Meadows im Jahr 2000
Die Íslendingur, der Nachbau eines Wikingerschiffs, erreichte L’Anse aux Meadows im Jahr 2000

Ob das Vinland der Sagas mit dem heutigen L’Anse aux Meadows oder anderen Orten in Neufundland, Nova Scotia oder vielleicht sogar Neu-England übereinstimmt, konnte bisher nicht geklärt werden.

Diese Deichlandschaft bei Yarmouth wird von manchen Forschern für Vinland gehalten
Auch diese Deichlandschaft bei Yarmouth (Nova Scotia, Kanada) wird von manchen Forschern für Vinland gehalten

Übereinstimmung besteht bei den Historikern jedoch darin, dass Guðríður während ihres mehrjährigen Aufenthalts in Nordamerika einen Sohn, Snorri, geboren hatte. Snorri gilt damit als das erste auf dem amerikanischen Kontinent geborene Kind europäischer Abstammung.

 In Laugarbrekka: Guðríður auf einem stilisierten Wikingerschiff
In Laugarbrekka: Guðríður auf einem stilisierten Wikingerschiff

Nach einigen Jahren kehrten die Reisenden aus nicht genau überlieferten Gründen nach Europa zurück und siedelten sich in Glaumbær im Norden Islands an. An die ungewöhnlichen Reisen Guðríðurs, von Island über Grönland nach Amerika und zurück, erinnert auch hier eine Skulptur des isländischen Bildhauers Ásmundur Sveinsson, die Gudrídur mit dem kleinen Snorri auf der Schulter zeigt.

 Guðríður mit Snorri – hier auf dem Kirchhof in Glaumbaer
Guðríður mit Snorri – hier auf dem Kirchhof in Glaumbaer

In Laugarbrekka hatten wir erstmals einen Abguss davon gesehen. Einem weiteren begegneten wir am Gehöft Glaumbær, das rekonstruiert wurde und heute ein Museum ist. Wir staunten nicht schlecht, als wir in Ottawa im Foyer der National Archives of Canada einen dritten Abguss der Statue entdeckten. Hier wird die vor über 1000 Jahren stattgefundene Entdeckung Amerikas durch die Wikinger gewürdigt.

Die unglaublichen Reisen Guðríðurs
Diese Karte zeigt die unglaublichen Reisen Guðríðurs

Gudridurs Reiselust war offensichtlich noch nicht gestillt. Nach dem Tode ihres Mannes Thorfinn Karlsefni und der Hochzeit ihres Sohnes Snorri unternahm sie noch eine weitere lange Reise: als Pilgerin nach Rom. Unglaublich und schwer vorzustellen, wie vor 1000 Jahren eine Frau diese Entfernungen überwunden hat. Ob sie dort auch vom Papst empfangen wurde, ist nicht bekannt. Anders dagegen der ehemalige isländische Staatspräsident Ólafur Ragnar Grímsson, der 2011 vom damaligen Papst Benedikt zur Audienz gebeten wurde, und bei der Gelegenheit einen weiteren Abguss der Skulptur von Ásmundur Sveinsson mit Gudridur und Snorri übergeben hatte.

Friedhof von Glaumbaer
Auf dem Friedhof von Glaumbaer sollen Thorfinn, Guðríður und Snorri ruhen

Gudridur kehrte nach dem Rom-Besuch nach Island zurück und lebte als Nonne in einem Kloster. Snorri gründete eine weitverzweigte Familie, zu der auch spätere Bischöfe gehörten. Ob womöglich einer seiner Nachfahren wieder nach Amerika zurückkehrte, wissen wir nicht.

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Vor meinen Augen hinter sieben Bergen – Elke Erb

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Die Dichterin Elke Erb bekommt den Georg Büchner-Preis

Das Dorf Wuischke hinter sieben Bergen am Fuße des sagenumwobenen Czornebohs mit dem Märchenwald hat viele Schriftsteller gesehen, von denen einige da zuhause waren und teils noch sind. Ob es wohl der Ort mit der höchsten “Preis-Dichte” für Literatur in Deutschland sein könnte? Laut Wikipedia hatte Heinz Czechowski 6 bekommen, Kito Lorenc 9, Adolf Endler 10. Elke Erb bekam heute ihren 17., den Georg-Büchner-Preis. (Macht zusammen 42 Preise für Wuischkes Dichter auf 131 Einwohner).

Märchenwald
Im Märchenwald

Selbst in einem Haus am Wald aufgewachsen, vor meinen Augen oft sieben oder mehr oder weniger Berge, bin ich sehr froh, dass von der “vergriffensten” Dichterin, die jemals einen Büchnerpreis bekam, zwei Bücher bei uns im Regal stehen. Das eine hat der heute noch immer unterschätzte Berliner Künstler Robert Rehfeldt illustriert. Das Umschlagbild des anderen stammt von Horst Bachmann, der damals in unserem Nachbardorf zuhause war.

Bücher von Elke Erb
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Beaufort-See – Auf Miertschings Spuren

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Am Polarmeer – Foto ©  Wolfgang Opel
Am Polarmeer – in Tuktoyaktuk, Northwest Territories, Kanada

Beim Schreiben unseres Buches den Spuren Johann August Miertschings in der westlichen Arktis Nordamerikas zu folgen, ist eine spannende Sache. Immer wieder stößt man auf Überraschendes; entweder noch nie Gelesenes – oder aber zwischenzeitlich wieder Vergessenes. Seit einigen Tausend Jahren leben an diesen Küsten verschiedene indigene Völker. Dann ist da die Liste derjenigen Europäer, die bereits vor 1840 dort unterwegs waren: James Cook und Otto von Kotzebue, später John Franklin, John Richardson, Peter Dease und Thomas Simpson mit ihren Boot-Expeditionen.

Seit 1848 folgte auch dort die Suche nach der vermissten Franklin-Expedition, u.a. durch Henry Kellett und William Hooper; und dann 1850 durch HMS Investigator unter Robert McClure, die als erstes Segelschiff überhaupt von der Beringstraße Richtung Nordosten fuhr, mit Johann August Miertsching als Übersetzer an Bord.

HMS Herald und HMS Plover in der Bering Strait
HMS Herald – unter Kapitän Kellett – und HMS Plover in der Bering Strait

Auf allen diesen Expeditionen waren Naturwissenschaftler und Expeditionszeichner dabei. Einige davon wurden später berühmt: John Webber, Adelbert von Chamisso, Louis Choris oder Samuel Cresswell. Es gibt nicht viele bildnerische Dokumente von diesen Reisen aus der Zeit vor der Verbreitung der Fotografie. Sie zeigen vor allem die indigenen Bewohner der Arktis, die Tier- und Pflanzenwelt, das Polareis und Phänomene, die man sich damals noch nicht erklären konnte, wie Permafrost und Eiskeile.

Eiskeile am Kotzebue Sound - Zeichnung von Louis Choris
Eiskeile am Kotzebue Sound – Zeichnung von Louis Choris, ca. 1816
Eiskeile an der Küste Muostakhs, Sibirien, 2013
Eiskeile an der Küste Muostakhs, Sibirien, 2013
Küste am Nordpolarmeer - Zeichnung um 1850
Permafrost: massives Eis unter dem Boden an der Küste des Polarmeers, dargestellt in Berthold Seemanns Bericht von seiner Reise an Bord von HMS Herald, um 1850
Permafrost - Küstenerosion bei Drew Point, Alaska
Permafrost – Küstenerosion bei Drew Point, Alaska – Foto Benjamin Jones
Permafrost – Küstenerosion an der Dmitri-Laptev-Straße, Sibirien
Permafrost – Küstenerosion an der Dmitri-Laptev-Straße, Sibirien

Heute sind diese arktischen Regionen Nordamerikas – wie die Russlands – noch immer schwer erreichbar, aber wegen der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und besonders aufgrund der dramatischen Auswirkungen des Klimawandels immer wieder in den Medien. Davon ist in den Berichten der frühen Reisenden, wie Chamisso, Franklin, Berthold Seemann, Alexander Armstrong und Johann August Miertsching, natürlich kaum etwas zu lesen.

Tuktoyaktok, Modell eines traditionelles Hauses der Inuvialuit
Hier kam Miertsching 1850 vorbei:
Tuktoyaktuk – Modell eines traditionellen Hauses der Inuvialuit, 2019
Tuktoyaktuk - Küstenerosion bedroht die Siedlung
Tuktoyaktuk 2019 – Küstenerosion bedroht die Siedlung

Für Historiker und Naturwissenschaftler sind diese frühen Aufzeichnungen und Darstellungen dennoch von Bedeutung – gerade in Bezug auf den Zustand der Arktis vor über 170 Jahren und auf die dramatischen Änderungen seither.

William Hooper trifft am Cape auf Inuit
William Hooper trifft 1850 am Cape Bathurst auf Inuvialuit
HMS Investigator triff auf eine unbekannte Küste in der Beaufort See
HMS Investigator vor einer unbekannten Küste in der Beaufort See
Lithographie, Samuel Gurney Cresswell
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Ohne Wodka kein Fischen

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reblogged vom März 2018

Nachdem die Pelztierjäger die Seekuh ausgerottet hatten – weil das Fleisch wie Rindfleisch schmeckte, wie dies der deutsche Naturforscher Steller in seinen Tagebuchaufzeichnungen 1740/41 beschrieben hat – war das Nächstliegende, auf den Kommandeur-Inseln Lachse zu fangen.
Die Fische dienten als Grundnahrung bei der Überwinterung auf der einsamen Insel und als Proviant für die Weiterfahrten im kommenden Frühjahr. Die Expansion verlief Richtung Osten, zu den unbekannten Aleuten-Inseln und zum Festland Amerika, von den russischen Seeleuten und Abenteurern unter der Führung reicher Kaufleute über die Jahrzehnte nach und nach erobert.

Detail einer frühen Karte - von Chitrow
Detail einer frühen Karte – von Chitrow, einem Teilnehmer der Bering-Expedition – mit Beringinsel, Stellerscher Seekuh, Pelzrobbe und Seelöwe

Geblieben über die Zeit ist der Fischfang, heute der einzige Erwerb auf der Bering-Insel. Die Fisch-Behörde in Kamtschatka teilt den Familien und Fischerbrigaden auf der Insel die Fluss-Reviere zu. Das kann von Jahr zu Jahr recht unterschiedlich sein.

Fischer mit Hund – Foto  © Ullrich Wannhoff
Fischer mit Hund – Foto © Ullrich Wannhoff

Eine der Brigaden nimmt mich freundlicher Weise mit zum Fluss Podutjosnaya an der Westküste der Beringinsel. Am zeitigen Morgen ziehen dunkle Wolken auf, als würden sie schlechte Nachrichten ankündigen. Ich steige auf die offene Ladefläche des URAL’s. Das ist ein sowjetischer LKW, der die Wende vom Sozialismus zum Raubkapitalismus überlebte und sich in allen technischen Museen Westeuropas gut machen würde. Der über die Jahre deutlich sichtbare Verschleiß verrät nichts Gutes.

Zwei Fischer – Foto  © Ullrich Wannhoff
Zwei Fischer – Foto © Ullrich Wannhoff

Auf der Ladefläche werde ich übermütig begrüßt, auch von zwei Fischern, die ich aus früheren Jahren kenne. Die Wodkafahne ummantelt mich herzlich. Wir fahren den steilen Dorfberg hoch, um auf der anderen Seite talwärts in Richtung Meeresufer zu gelangen.

 Eisenhut wächst am Straßenrand und am Meeresufer – Foto  © Ullrich Wannhoff
Eisenhut wächst am Straßenrand und am Meeresufer – Foto © Ullrich Wannhoff
Blüten des Eisenhuts – Foto  © Ullrich Wannhoff
Blüten des Eisenhuts – Foto © Ullrich Wannhoff

Danach geht es auf einer aufgewühlten, schlammigen Straße parallel zum Ufer entlang. Umsäumt wird die Piste von Hochstauden wie Bärenklau, Greiskraut, Disteln und blau blühenden Eisenhut. Während der Hund über die Holzplanke bellt, flattern die auf den weißen Dolden sitzenden Petschora-Pieper davon.

Petschora-Pieper – Foto  © Ullrich Wannhoff
Petschora-Pieper – Foto © Ullrich Wannhoff

Nicht lange, und der URAL steht. Die lange Motorhaube wird geöffnet und die Suche nach dem Fehler beginnt. Nach ein paar Handgriffen wird die Haube zugeknallt.
Doch einige hundert Meter weiter steht das Fahrzeug wieder. Ratlos öffnen Fahrer und Beifahrer die Motorhaube. Kein Benzin will in den Motor. Warum nicht, geht die Pumpe nicht? Ein Blick in den bauchigen Tank unter der Ladefläche verrät das Übel. Das Sieb ist voller Schlamm, der kein Benzin durchlässt.

Die Suche nach dem Fehler – Foto  © Ullrich Wannhoff
Die Suche nach dem Fehler – Foto © Ullrich Wannhoff
Reparatur – Foto  © Ullrich Wannhoff
Reparatur – Foto © Ullrich Wannhoff

Nach der Reinigung läuft es wie geschmiert, und wir fahren durch die Flüsse. Das schnell fließende Wasser kommt von den Bergen und füllt das Meer. Sobald die rotierenden Räder des Fahrzeuges das Kiesbett der Flüsse erreichen, spritzen hunderte von Buckellachsen auseinander. Wer will schon überfahren werden und das noch unter Wasser. Während der Fahrt wird eine Wodkaflasche herumgereicht. Jeder hat wohlbehütet ein Gläschen unter seiner Jacke. „Ulli, ein bisschen Kultur muss sein“, und ich nicke lächelnd.

Auf dem Beifahrersitz schläft der Hund – Foto  © Ullrich Wannhoff
Auf dem Beifahrersitz schläft der Hund – Foto © Ullrich Wannhoff

Wir beziehen die Hütte in der Podutjonaya Bucht, die Iwan, eine Aleut, vorher schon beheizt hatte. Es wird in Ruhe ausgiebig gefrühstückt. Keine Eile, warum auch? Man begutachtet den Fluss mit runzelnder Stirn. Zu wenig Fische und zu viele abgelaichte Lachse, wird mir mitgeteilt.
Die Fischer spannen ein Netz über den Fluss. Mit diesem Netz laufen die Männer dem Meer entgegen und ziehen es kurz zuvor kreisartig zusammen. Hunderte Lachse zappeln im Netz. Die Abgelaichten werden sofort ins Wasser geworfen, die anderen kommen in Kisten.

Aussortieren der Lachse – Foto  © Ullrich Wannhoff
Aussortieren der Lachse – Foto © Ullrich Wannhoff
 Kleine Ausbeute an Buckellachs – Foto  © Ullrich Wannhoff
Kleine Ausbeute an Buckellachs – Foto © Ullrich Wannhoff
 Leerer Bottich – Foto  © Ullrich Wannhoff
Leerer Bottich – Foto © Ullrich Wannhoff

Drei große Bottiche stehen auf der Ladefläche. Nur einer wird mit den Kisten gefüllt. Der zweite Versuch bringt noch weniger. Sie ziehen das Ölzeug aus und rauchen. Anschließend fahren sie lustlos zurück. Nicht ganz. Eine Wodkaflasche wird herum gereicht.

Transport- und Passagierschiff Sawoiko – Foto  © Ullrich Wannhoff
Transport- und Passagierschiff Sawoiko – Foto © Ullrich Wannhoff
 Lachse in der Schwebe – Foto  © Ullrich Wannhoff
Lachse in der Schwebe – Foto © Ullrich Wannhoff

Im Dorf kommen die Lachse in verpackten Kisten in Kühlcontainer, und dort warten sie, bis das marode Schiff „Sawoika“ kommt. Es grenzt an Wunder, das dieses von Kamtschatka aus die Insel erreicht. Über dreißig Tonnen Lachs und Kaviar (in diesem Jahr viel zu wenig) verschwinden in den Ladeluken. Wohin danach? Keine Ahnung, vielleicht nach Moskau…

Der Kaviar geht in die Ladeluke – Foto  © Ullrich Wannhoff
Der Kaviar geht in die Ladeluke – Foto © Ullrich Wannhoff
Passagiere – Foto © Ullrich Wannhoff
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Seume: von Poserna über Halifax und Syrakus nach Teplice

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Heute vor 210 Jahren starb Johann Gottfried Seume in Teplice in Böhmen, heute in Tschechien. Er wurde nur 47 Jahre alt.

Seume hat Besuch
Seume hat Besuch
Seime - Gedichtband mit Frontispiz

Seume ist vielen durch seine Dichtungen bekannt. Er schrieb aber auch zahlreiche – oftmals politische – Essays, mit denen er häufig den Zorn der Herrschenden entfachte und unter Zensur zu leiden hatte; und er war ein bedeutender Reiseschriftsteller.

Seume - Spaziergang nach Syrakus

Goethe unternahm seine berühmte “Italienische Reise” mit der Kutsche. Seume hingegen ging auf eine lange Fußwanderung. Er kam bis Syrakus auf Sizilien.

Little Dutch Church - Alte deutsche Kirche in Halifax
Diese Kirche in Halifax’ Brunswick Street stand bereits, als Seume 1782 ankam

Als junger Mann kam Seume als hessischer Söldner bis Halifax in Nova Scotia, Kanada. Dort traf er auch auf die einheimischen Mi’kmaq.

Dolmenartiger Felsen in Nova Scotia, zeitgenössische Darstellung des hessischen Offiziers Münchhausen
Vor einem dolmenartigen Felsen in Nova Scotia; zeitgenössische Darstellung des hessischen Offiziers Münchhausen

Seumes Weltsicht wurde durch seine Erfahrungen mit den Mi’kmaq nachhaltig beeinflusst. In einigen seiner Schriften bezog er sich sogar direkt auf dieses indigene Volk, allerdings ohne es beim Namen zu nennen; „Mi’kmaq“ kannte damals in Deutschland niemand. Stattdessen verwendete Seume das seinerzeit in Europa bereits geläufige Wort „Hurone“ – genaugenommen zwar sachlich falsch; im übertragenen Sinne erfüllte es jedoch seinen Zweck.

Seumes Grabmal in Teplice
Seumes Grabmal in Teplice
Denkmal für Seume in Teplice
Denkmal für Seume in Teplice

Übrigens: Eine wahre Fundgrube für alle Seume-Interessenten und absolut empfehlenswert ist das Göschenhaus in Grimma.

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Leben und Sterben – Lachswanderung

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Die Lachse warten, bis das salzige Wasser am Ufer ansteigt und sie in die Flüsse wandern können. Die Flut bricht die vorgeschobene Sandbank zum Fluss auf und zieht die Fische hinein. In der aufgerissenen sandigen Flussmündung treffen die Wellenschläge auf süßes Wasser und vermengen sich damit. Möwen jauchzen und schreien. Langgezogene Stimmen. Für sie beginnt das große Fressen.

Lachswanderung - von © Ullrich Wannhoff
Lachswanderung – von © Ullrich Wannhoff

Mit jedem neuen Wellenschlag ziehen die Lachse weiter in den Fluss und wandern nun kräftig gegen die Strömung. Ihr dunkler Rücken schaut aus dem flachen Wasser heraus. Es sind Buckellachse. Die Männchen haben einen Buckel und weißes Fleisch.

Männlicher Buckellachs - von © Ullrich Wannhoff
Männlicher Buckellachs – © Ullrich Wannhoff

Manch starke Welle treibt den Lachs an das sandige Ufer. Gierig und mit Leichtigkeit ziehen die Beringmöwen die Lachse von dort weg. Das erste, was sie picken, sind die Augen. Manch ein Lachs schafft es dann doch noch zurück ins Wasser – aber eben blind.

Blinder Lachs -  von © Ullrich Wannhoff
Blinder Lachs – © Ullrich Wannhoff

Im Streit mit anderen Möwen zerren sie an dem aufgerissenen Körper. Für die gestrandeten Lachse ist die Wanderung zu Ende. Zwei bis drei Jahre haben sie im offenen Meer verbracht, bis hierher gelang es ihnen, den Fressfeinden – Seehunden, Schwertwalen und den Menschen – auszuweichen.

Möwe zieht Lachs vom Ufer - von © Ullrich Wannhoff
Möwe zieht Lachs vom Ufer – © Ullrich Wannhoff
Verendeter Rotlachs -  von © Ullrich Wannhoff
Verendeter Rotlachs (Red Salmon, dt: Blaurückenlachs) – © Ullrich Wannhoff

Dunkle Wolken vermischen sich mit dem schwarzen Meereshorizont und untermalen den täglichen Kampf in der Natur. Nur im Osten hinter dem schwarzen Basalt bricht sich das Licht eines gebündelten Sonnenstrahls auf der Meeresoberfläche und versilbert den Strich. Die meisten Lachse schaffen es bis in das tiefere Flusswasser. Hier ruhen sie bis, bis sie wieder zu Kräften gekommen sind und wandern dann weiter zu ihren Laichplätzen, weit oben am Fluss, da wo er immer schmaler wird.

Männlicher Blaurückenlachs im Hochzeitkleid - von © Ullrich Wannhoff
Männlicher Blaurückenlachs im Hochzeitkleid – © Ullrich Wannhoff

Die Männchen färben sich an den Flanken leicht rosa mit dunklen Flecken auf der silbrig grünen Haut. Ihr Hormonhaushalt verändert sich im Süßwasser. Der Laichhaken schiebt sich nach vorne. Durch die Deformierung kann der Lachs keine Nahrung mehr aufnehmen. Die Hochzeit kann beginnen, genau da, wo zwei, drei Jahre zuvor ihre Geburtsstätte war. Der Laich wird an den Kiesbänken frei gesetzt. Nur einmal Sex im Leben. Die männliche Milch befruchtet die Eier.

Ein Paar (Blaurückenlachse) - von © Ullrich Wannhoff
Ein Paar (Blaurückenlachse) – von © Ullrich Wannhoff

Danach beginnt das große Sterben. Der Tod beginnt an der Schwanzflosse sichtbar zu werden und endet zuletzt am Kopf. Der Leib verfärbt sich von hinten nach vorne in Ockerfarben mit fleckigen hellen Mustern.

Das Sterben beginnt unter der Sonne - © Ullrich Wannhoff
Das Sterben beginnt unter der Sonne – © Ullrich Wannhoff
Verendeter Lachs - © Ullrich Wannhoff
Verendeter Lachs – © Ullrich Wannhoff

Entkräftet lassen sich die Lachse mit der Strömung des Flusses in Richtung Meer treiben. Der hilflose Versuch, immer wieder gegen die Strömung anzukämpfen, scheitert. Der Tod ist stärker.

Tote Lachse - © Ullrich Wannhoff
Tote Lachse – © Ullrich Wannhoff

Zu Tausenden liegen sie am kiesigen Ufer. Kräftiger herbstlicher Regen lässt die Flüsse ansteigen. Ein letztes Mal gegen die Strömung ankämpfen. Der helle Bauch nach oben, so schwimmen die toten Seelen – wie eine Boje. Das Wasser tritt über die Ufer und räumt die Uferzonen von toten Lachsen frei. Einige geraten mit der starken Strömung zurück ins Meer. Ein anderer Teil der Lachse verwest im Fluss. Ihre Körper bilden im Naturkreislauf letztlich Nahrung für kommende Generationen.

Lachsschädel - © Ullrich Wannhoff
Lachsschädel – © Ullrich Wannhoff

Mein malerischer Zyklus „Leben und Sterben“ anhand der Lachse versinnbildlicht unser vergängliches Leben. Vor etwa sieben Millionen Jahren hat sich der Mensch blutig aus der Natur geschält. Von Steinwerkzeugen zum Computer. Mit dem Beginn der Sesshaftigkeit vor etwa 10.000 Jahren begann er sich eine Parallelwelt zur Natur aufzubauen – der Beginn des Anthropozäns. Heute hängen wir an Rohstoffen, am Konsum. Unser Leben wird mit Werbemüll zugedeckt. Maschinen übernehmen das Denken, weil die effizienter sind. Der Mensch schafft sich selbst ab. Aus Sicht der Evolution, ein normaler Prozess; für unser kurzes Leben, ein schmerzlicher Widerspruch, den der Mensch täglich verdrängt. Im meinen Bildern vermischt sich die eingeklebte Werbung, das alltägliche Rauschen des angeheizten Konsums, mit der Farbe, die expressiv und verletzend schreit.

  Aufbäumen - © Ullrich Wannhoff
Aufbäumen – © Ullrich Wannhoff
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Ein Polarflieger aus Warnemünde

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Der Flugpionier Arthur Neumann

reblogged – ursprünglich veröffentlicht am 3. März 2014

Obwohl ich in Warnemünde aufgewachsen bin, hatte ich bis vor kurzem noch nie von einem Polarflieger aus meinem Heimatort gehört (Dank an Reiner Frank, „Rostocker Zorenappels“, 5/2011). Vielleicht bin ich aber, ohne es zu wissen, Arthur Neumann öfters über den Weg gelaufen, denn in meiner Kindheit war der Ort außerhalb der Saison ein überschaubares ruhiges Städtchen. Mit der Arktis hatte Warnemünde eigentlich nichts gemeinsam, abgesehen von seltenen extrem kalten Wintern, in denen sich das Eis der Ostsee durchaus in “arktisches Packeis” verwandeln konnte.

Warnemünde 1963 – Fotograf unbekannt
“Packeis” in Warnemünde 1963 – Fotograf unbekannt

Heute, am 3. März 2014, jährt sich zum 40. Mal der Todestag von Arthur Neumann, der 1923 als erster ein Flugzeug von Spitzbergen aus in Richtung Nordpol gelenkt hatte. Der am 17.1.1890 in Hamburg geborene Flieger hat mit einigen Unterbrechungen bis zu seinem Tod in Warnemünde gelebt.

Historische Ansicht von Warnemünde
Historische Ansicht von Warnemünde

Arthur Neumann wurde während des 1. Weltkriegs Pilot. Er kam 1919 nach Warnemünde zur Deutschen Luft-Reederei und arbeitete ab 1923 für Junkers Luftverkehr AG, das führende Flugverkehrs-Unternehmen dieser Zeit.

Arthur Neumann – Foto: Unbekannt © ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv
Arthur Neumann – Foto: Unbekannt
© ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv

Junkers hatte Anfang des Jahres 1923 zwei Maschinen vom Typ F 13, dem ersten Verkehrsflugzeug der Welt, an Roald Amundsen – den Bezwinger des Südpols und der Nordwest- bzw. auch der Nordost-Passage – geliefert, der damit von Alaska nonstop über den Nordpol nach Spitzbergen fliegen wollte.

Denkmal für Roald Amundsen in Ny-Ålesund, Spitzbergen
Denkmal für Roald Amundsen in Ny-Ålesund, Spitzbergen

Allerdings waren die Flugzeuge demontiert in Kisten nach Wainwright, Alaska angeliefert und dort ohne Junkers Spezialisten zusammengebaut worden. Am 11.5.1923 startete Amundsens Flieger Oskar Omdal die „Elisabeth“ zu einem ersten kurzen Testflug, jedoch brach bei der Landung der linke Ski, und der verunsicherte Amundsen blies den geplanten ersten Flug zum Nordpol und weiter nach Spitzbergen ab.

Spitzbergen aus dem Flugzeug - 1998
Spitzbergen aus dem Flugzeug – 1998

Bei Junkers hatte man sich in der Zwischenzeit Sorgen um Amundsens ehrgeizige Pläne gemacht und zur Absicherung des Polarflugs eine weitere F13 (D 260) mit dem Flieger Arthur Neumann auf den Weg nach Spitzbergen geschickt, als unerwartet Amundsens Absage eintraf.

Arthur Neumann am Flugzeug
Arthur Neumann – Foto: W. Mittelholzer © ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv

Junkers war Geschäftsmann genug, um dieser schwierigen Situation noch etwas Positives abzugewinnen. Er beschloss, Neumann und den ihn begleitenden bekannten Schweizer Flieger und Fotografen Walter Mittelholzer mit Erkundungsflügen über Spitzbergen und ersten Luftbildaufnahmen zu beauftragen.

Kongsfjorden
Kongsfjorden, 1923 – Foto: W. Mittelholzer © ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv

Bei diesen Flügen mit dem „Eisvogel“ gelang es Neumann am 23.7.1923, trotz nicht störungsfrei arbeitendem Motor erstmalig mit einem Flugzeug den 80. Breitengrad* zu überwinden (*in der vorherigen, nunmehr korrigierten Fassung hieß es: “fast den 83. Breitengrad zu erreichen”). Nach einem mehr als sechsstündigem Flug landeten sie im Gronfjorden, wo sich heute die russische Siedlung Barentsburg befindet. Hier mussten sie feststellen, dass das benötigte Ersatzteil nicht zur Verfügung stand.

Waggonway-Gletscher
Waggonway-Gletscher, 1923 – Foto: W. Mittelholzer
© ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv

Neumann war sich später sicher, dass sie gute Chancen gehabt hatten, erstmalig den Nordpol zu erreichen, wenn es ihnen gelungen wäre, das Flugzeug zu reparieren. Die fotografische Ausbeute Mittelholzers von diesen Flügen war immens, selbst ein 16 Minuten langer Film ist bis heute erhalten geblieben.

Flugexpedition 1923
Flugexpedition 1923 – Foto: W. Mittelholzer © ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv

Für Arthur Neumann war es wohl der einzige Arktisflug, obwohl er 1926 in Island als Pilot für die Lufthansa tätig war. 1929 bildete er dann sowjetische Piloten im Blindflug aus, offensichtlich im Zusammenhang mit Junkers Flugzeugbau-Aktivitäten in der 1930er Jahren in der UdSSR. Neben dem eigenen Polarflug und einer Gesamtflugstrecke, die der 27maligen Umrundung des Äquators entspricht, zählte Neumann ein Zusammentreffen mit dem russischen Polarflieger Wodopjanow, der 1937 als erster Flieger am Nordpol gelandet war, zu den bedeutsamen Ereignissen in seinem Leben.

Zur Erinnerung an den ersten Arktisflug
Zur Erinnerung an den ersten Arktisflug

Leider sind von Arthur Neumann keine persönlichen Aufzeichnungen über seine Arktisflüge und sein späteres Fliegerleben bekannt. Wären da nicht das Buch „Im Flugzeug dem Nordpol entgegen“ von Mittelholzer und dessen wunderbaren Fotos in den Archiven, hätte man wohl den Polarflieger Arthur Neumann aus Warnemünde, der beinahe als erster Flieger den Nordpol erreicht hatte, längst vergessen.

Leserbrief von A. Neumann, NBI 32, 1968
Leserbrief von A. Neumann, NBI 32, 1968

Amundsen gelang es doch noch, nach Erreichung des Nordpols am 12. Mai 1926 als ehrgeiziger Vermarkter seiner selbst den Ruhm als ein Eroberer des Nordpols zu beanspruchen. Eigentlich aber war er nur als „Tourist“ auf dem Luftschiff Norge unter Kommando von Umberto Nobile dabei gewesen …

Gedenktafel für den Transpolarflug
Gedenktafel für den Transpolarflug (Amundsen, Nobile, Ellsworth) auf Spitzbergen
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Farley Mowat – ein Kanadier, der die Welt veränderte

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Farley Mowat wurde genau heute vor 99 Jahren, am 12. Mai 1921, geboren. In seiner Heimat Kanada sprechen manche von ihm als einem Schriftsteller, der, obwohl er es hin und wieder mit manchen Fakten gar nicht sehr genau nahm, dennoch immer die Wahrheit schrieb. Sind seine „Erlebnisberichte“ in Wirklichkeit erfunden, sind es Romane? Der Geschichtenerzähler veröffentlichte seit den 1950er Jahren 44 Bücher; in vielen davon, die wie Erlebnisberichte wirken, sind die Abgrenzungen zwischen “non-fiction” und “fiction” fließend. Inzwischen wird solcherart Literatur, für die er als Pionier stand, als „faction“ oder “creative nonfiction” akzeptiert und gefeiert.

Farley Mowat – Foto by Tabercil
Farley Mowat – Foto by Tabercil

„Der engagierte Umweltschützer Farley Mowat (geb. 1921) wurde mit Büchern über die grandiose Natur des Nordens („Ein Sommer mit Wölfen“) und die schwere Situation der Caribou-Inuit bekannt („Gefährten der Rentiere“, „Chronik der Verzweifelten“). … Mowats leidenschaftlicher Einsatz für den Schutz der nordischen Natur, der auch in seinen jüngeren, frühere Erlebnisse behandelnden Büchern „No Man’s River“ und „Eastern Passage“ (beide bisher nicht auf Deutsch) zum Ausdruck kommt, brachte ihm Freunde wie Feinde ein.“ – zitiert nach: Kanada. Alles, was sie über Kanada wissen müssen (Länderporträt), MANA-Verlag, S. 333f.

Tundralandschaft im schönen Norden Kanadas
Tundralandschaft im schönen Norden Kanadas

Eines von Mowats größten Verdiensten ist, dass er erstmalig vielen seiner Landsleute bewusst machte, dass Kanada jenseits der dichter besiedelten Region um den 49. Breitengrad auch noch einen Norden hat, einen riesigen Raum voller Schönheit, in dem seit Jahrtausenden Menschen in und mit der rauen Natur leben. Auch wenn sich nicht wenige “Northerners” fanden, die seinen Umgang mit den Fakten kritisierten: Kein anderer Autor hat dem Publikum derartig wirksam, voller Enthusiasmus und Liebe, den kanadischen Norden – mitsamt seinen Problemen – nahe gebracht. Durch sein Buch People of the Deer (dt: Gefährten der Rentiere) trug er maßgeblich dazu bei, dass ein Inuit-Volk, die Ahalmiut, überleben konnte. Diese “Karibu-Inuit” lebten in einer abgelegenen Region der Arktis und hatten nur wenig Kontakte mit Fremden. Wegen des erhöhten Abschusses von Karibus viel weiter südlich fand die massenweise Migration dieser Tiere nach dem Norden damals nicht mehr so statt wie zuvor. Dadurch war den Ahalmiut ihre Hauptnahrung weggefallen, und sie waren vom Verhungern bedroht.

Schiff "Farley Mowat" – Foto by Adrian Tritschler
Einst nannte die Umweltschutzorganisation Sea Shepherd Conservation Society ihr Schiff “Farley Mowat”; inzwischen wurde es allerdings verschrottet. –
Foto by Adrian Tritschler

Farley Mowat ist als einer von Kanadas ersten und engagiertesten Natur- und Umweltschützern bekannt geworden. Sein Einfluss ging aber über seine Heimat hinaus und erreichte sogar den Naturschutz in der Sowjetunion, nachdem sein Buch Never Cry Wolf (dt: „Ein Sommer mit Wölfen“; verfilmt von Disney als „Wenn die Wölfe heulen“) von 1963 auch ins Russische übersetzt wurde. Bis dahin hatte man in der Sowjetunion einen Vernichtungsfeldzug gegen Wölfe geführt. Wie auch anderswo in der Welt leitete das Buch dort eine tiefgreifende Veränderung der Einstellung zu diesen Tieren ein, die man zuvor lediglich als gefährliche, aggressive Schädlinge betrachtet hatte.

Archäologische Stätte auf Pamiok Island, Ungava Bay – Foto by LKovac
Archäologische Stätte auf Pamiok Island, Ungava Bay – Foto by LKovac

Unterhaltsame, heitere, humorvolle Bücher – in Deutschland wurde „Das Boot, das nicht schwimmen wollte“ und „Der Hund, der mehr sein wollte“ bekannt – gehören zu Mowats Werk ebenso wie Bücher mit geschichtlichen Themen. Faszinierend, wie er in The Farfarers die Möglichkeiten betrachtet, dass lange vor der Neuzeit und sogar vor den Wikingern bereits Entdecker von den Orkney-Inseln Kanada erreicht haben könnten: Grundlage sind archäologische Funde auf Pamiok Island. Die Nachbildung eines solchen möglichen Bauwerkes – das Steinfundament eines Langhauses, dessen Dach ein mit Walrosshaut bespanntes Boot bildet – wurde von Freunden in Mowats Garten in Port Hope aufgestellt.

Der Film “The Snow Walker” erschien auch auf DVD

Mowats Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt und in über 50 Ländern insgesamt mehr als 17 Millionen Exemplare verkauft, was ihn zum wohl erfolgreichsten Autor Kanadas macht. Mehrere seiner Bücher wurden verfilmt, darunter The Snow Walker („Der Schneewanderer“).
Zeitgenossen berichten über Begegnungen mit ihm als einen liebenswerten, manchmal auch verstörend Unangepassten, hinter dessen gelegentlich bärbeißigem Auftreten sich ein fröhlicher, bezaubernder und sehr einfühlsamer Mensch verbarg.

10 Million Books - NFB Canada

Einen kurzen Film (ca. 25 min) über sein Leben kann man
hier beim National Film Board of Canada online sehen.

Farley Mowat liebte die Natur nicht nur – er studierte sie, schrieb über sie, brachte sie anderen Menschen nahe und tat sein Bestes für ihren Schutz. In großzügiger Weise hat er mit der Schenkung von über 80 Hektar Land auf Cape Breton Island, als künftigem Naturschutzgebiet, den Nova Scotia Nature Trust unterstützt. Vor 6 Jahren, am 7. Mai 2014, ging das erfüllte Leben eines leidenschaftlichen Menschen zu Ende.

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Grönland – Sinfonie

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Welch mutiger Schritt, in Eis und Schnee zu treten, mit jungen Menschen, die dort aufgewachsen sind, kreativ zu arbeiten. Alte und neue Geschichten berühren sich und – alles ist im Fluss. Stannes Schwarz zeigt nicht nur poetische Bildbeschreibungen der Landschaften und des Lichtes, sondern das heutige Leben in dieser Abgeschiedenheit, die gar nicht abgeschieden ist, hier geht es nur langsamer. Tradition und Moderne stoßen mehr oder weniger gewaltsam aufeinander. Kinder werden erinnert an die Geister der Urahnen ihrer Großeltern, mithilfe des Projektes von Stannes Schwarz „Kids+Art+Landscape“.

Grönland 1
Foto © Stannes Schwarz

In Maniitsoq fand das Hochzeitfest der INNUSSUIT statt – aus aufgesammeltem Müll, Plastikbehältern, wurden zwei Figuren am Ufer installiert, das Hochzeitspaar. Auf einer felsigen Klippe standen sie und waren mit Steinpyramiden umrahmt, die die Kinder anfertigten.

Apolooraq
Apolooraq
Inunnguaq
Inunnguaq

Porträtskizzen – © Stannes Schwarz

Inupaujak
Inupaujak
Nipinnguaq
Nipinnguaq

In Nanortalik errichtete Stannes Schwarz “Kratzer” – Qitsuvitoq. Es sind gefrorene Eiszapfen, die aufgerichtet auf Steinen stehen. In einer 22 Meter langen Reihe, mit Abständen, standen diese “Kratzer” in der Polarnacht. Leider kamen an diesen Tag zu dieser Aktion keine Kinder, und man traf sich erst am anderen Tag.

Grönland 2
Foto © Stannes Schwarz

In Qaqortoq stand der Abschied von den Schneegeistern bevor. Stannes Schwarz schob mit den Kindern die letzten Schneereste zusammen und bauten große Schneemasken, die innen mit Kerzen beleuchtet wurden. Der Abschied vom langen, kalten Winter wurde mit den Kindern gemeinsam gefeiert.

Grönland 3
Foto © Stannes Schwarz

Stannes Schwarz bricht in seinen Erzählungen viele Facetten auf, die in ihrer Komplexität eng verschlungen sind mit der Kolonialgeschichte, mit dem amerikanischen Stützpunkt während des 2. Weltkrieges und danach, mit dem Tourismus, mit dem Klimawandel, mit der verlorenen Jagd der Einheimischen, mit der Suche nach Rohstoffen – und viel Meer.

Grönland 4
Foto © Stannes Schwarz

Die Einsamkeit in den langen Polarnächten ist gefüllt mit Träumen, aber auch Depressionen machen sich breit. Ein schwankendes Gebäude, es droht zu kippen… Der Autor fängt es auf mit dem malerischen Zyklus, auf spröden Holzplatten: „Galerie der Polarfahrer“, wo Leid und Freud, Sieg und Niederlage dicht beieinander liegen. Untrennbare Pole!!! Diese karge Sprödigkeit ist verletzbar, wie unser Leben.

Buch Stannes Schwarz

Das Buch erschien im Achter Verlag.
216 Seiten mit Fotos, Aquarellierte Porträts und Malerei.

Ein Buch weit weg vom Tourismus hinein in den Alltag, das eine Brücke der sinnlichen Kommunikation schafft. Im Sinne von Beuys – eine soziale Plastik!

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Die Oder – oder …

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… eine Übung für Nova Scotia, oder Vogelbeobachtungen

Diesen Beitrag schrieb ich bereits 2015, und jetzt wird er auf unseren neuen Blog übetragen.

Wieder mal war Sonnenschein zu erwarten – falls der Wetterbericht nicht lügt. So entschloss ich mich kurzerhand am Vorabend, meine Sachen zu packen, die für eine Bootsfahrt wichtig sind. Der Bahnstreik wurde gerade 21°°Uhr beendet, so dass nichts im Wege stand.

Zugfahrt – Foto: © Ullrich Wannhoff
Die Blaue Stunde: Zugfahrt – Foto: © Ullrich Wannhoff

Morgens kommt die Blaue Stunde, als ich sechs Uhr am Bahnsteig stehe und der rote Doppelstockzug von Magdeburg nach Eisenhüttenstadt einfährt. Die glühend rote Sonne leuchtet durch die Wirtschaftswälder (Kiefer), die auf märkischem Sand stehen.
Nach anderthalb Stunden Zugfahrt laufe ich vom Bahnhof Eisenhüttenstadt nach Fürstenberg.

Einstieg in Fürstenberg – Foto: © Ullrich Wannhoff
Einstieg in Fürstenberg – Foto: © Ullrich Wannhoff

Unten am steinigen, menschenleeren Ufer blase ich mein rotes Gefährt auf. Eine junge Frau mit zwei Hündchen begrüßt mich, während ich mit Unterhose da stehe und mich umziehe. Nach zwanzig Minuten bin ich schon auf dem hier stillen Wasser. Schließlich ist das ein Kanal und noch nicht die Oder, die dreihundert Meter weiter entfernt fließt. Durch die milchige Wolkendecke leuchtet weiches Licht auf das Städtchen.

Mein rotes Boot – Foto: © Ullrich Wannhoff
Mein rotes Boot – Foto: © Ullrich Wannhoff

Kaum aus dem Kanal gepaddelt, nimmt mich der Strom mit nach Norden. Ein dunkles Schwemmholz kommt mir entgegen. Schwemmholz? Es ist ein Biber. Leider ist mein Fotoapparat noch nicht startklar. Nur wenige Minuten später steht ein neugieriger Rehbock vor mir. Der denkt sich wohl: „Soll ich hier bleiben oder wegrennen?“. Er ist noch unschlüssig, während das Fließgewässer mich immer näher zu ihm bringt und ich aus nächster Nähe fotografiere. Jetzt erst trabt er langsam durchs Schilf und verschwindet mit seinem weißen Spiegel am Hintern.

Neugieriger Rehbock – Foto: © Ullrich Wannhoff
Neugieriger Rehbock – Foto: © Ullrich Wannhoff

Die Bäume und Sträucher blühen und das junge zarte grüne Laub entfaltet sich, reckt und streckt sich nach Wärme. Vögel zwitschern, einige davon sind Zugvögel, die schon zurück aus dem Süden sind. So beobachte ich Fischadler, Schwarzmilan, Zilpzap, Wacholderdrossel, Kuckuck, Rauchschwalben, Küstenseeschwalbe – und andere werden noch kommen …

Graureiher im Flug – Foto: © Ullrich Wannhoff
Graureiher im Flug – Foto: © Ullrich Wannhoff

Endlich zieht der weiße Schleier auf, und es wird richtig warm. Zwei Silberreiher fliegen über mir. Öfters fliegen Graugänse vom Ufer auf, ziehen ihre Kreise, um hinter mir wieder ihre Ruheplätze einzunehmen. Sie sind sehr scheu.

Graugänse ziehen vorüber – Foto: © Ullrich Wannhoff
Graugänse ziehen vorüber – Foto: © Ullrich Wannhoff

Während das westliche Ufer fast menschenleer bleibt, sehe ich im Osten mehrere polnische Angler: als hätte sie Gott aus Lehm geschaffen, heben sie sich kaum von der Erde ab.

Das polnische Ufer der Oder – Foto: © Ullrich Wannhoff
Das polnische Ufer der Oder – Foto: © Ullrich Wannhoff

Im weiten Blau da oben am hellen Himmelszelt segeln ein Seeadler und ein Fischadler. Ich beobachte noch Mäusebussarde und einen schnell dahinfliegenden Turmfalken. Ein Schwarzmilan sitzt ruhig auf einer der vielen abgestorbenen Weiden. Sobald ich ihm mit dem Fließgewässer näher komme, fliegt er auf.

Schwarzmilan – Foto: © Ullrich Wannhoff
Schwarzmilan – Foto: © Ullrich Wannhoff

Ebenso ängstlich sind die Schellenten, die bei hundert Meter Abstand das Weite suchen.

Auffliegende Schellente – Foto: © Ullrich Wannhoff
Auffliegende Schellente – Foto: © Ullrich Wannhoff

Die kleinen Graugänse fliehen ins hohe Gras, sobald mein rotes Boot gesichtet wird.

Flüchtende Graugänse – Foto: © Ullrich Wannhoff
Flüchtende Graugänse – Foto: © Ullrich Wannhof

So paddle ich den lieben langen Tag, und viel Gezwitscher unterbricht die Stille angenehm und begleitet mich. Am lautesten sind die Bruchwasserläufer mit ihren hohen Pfeiftönen. Auffallend der weiße Bürzel und die länger herausschauenden Beine. Die Flußuferläufer stehen am steinigen gepflasterten Uferstreifen und wippen mit ihrem Hintern. Sie sind nicht ganz so scheu wie die Bruchwasserläufer, aber auch schwierig zu fotografieren.

Wippender Flussuferläufer – Foto: © Ullrich Wannhoff
Wippender Flussuferläufer – Foto: © Ullrich Wannhoff

Die Gänsesäger treibe ich unbeabsichtigt mit meinem Boot nach Norden. Sicherlich werden alle Vögel durch mein Paddeln im Oderbruch ankommen. Dies ein Grund genug, dort nach der Wende ein Naturschutzgebiet einzurichten … 😉

Gänsesägerpaar – Foto: © Ullrich Wannhoff
Gänsesägerpaar – Foto: © Ullrich Wannhoff

31 vom Wasser aus beobachtete Vogelarten – das ist nicht allzu viel, aber schön.

Flußseeschwalben – Foto: © Ullrich Wannhoff

Meine Gedanken fließen noch zu Gottfried Benn, als ich Frankfurt/Oder erreiche und durch zwei moderne Brücken paddle. Hier ein Auszug aus dem Gedicht „Teils-teils“:

… graue Herzen, graue Haare
der Garten in polnischem Besitz
die Gräber teils-teils
aber alle slawisch,
Oder-Neiße-Linie
für Sarginhalte ohne Belang
die Kinder denken an sie
die Gatten auch noch eine Weile
teils-teils
bis sie weitermüssen
Sela, Psalmenende.


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Schuhmacher und Polarforscher

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Heute jährt sich J. A. Miertschings Todestag – 30.3.1875

“Dieser Tage können wir in ganz Deutschland viel Grün und farbige Blüten sehen – unzweifelhaft hat der Frühling bereits Einzug gehalten. Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass heute vor 139 Jahren in der Oberlausitz das Thermometer unter -10°C anzeigte. Der Winter von 1874/75 suchte die Oberlausitz in ungewöhnlicher Strenge heim …” So begann einst unser Beitrag “Johann August Miertsching zum Gedenken“, der auch einen Kurzüberblick über sein Leben gibt und hier nachzulesen ist. Auch an seine Umrundung Amerikas erinnerten wir bereits, und auf unserem Blog finden sich noch viele weitere Beiträge über ihn.

Grab Miertschings
Miertschings letzte Ruhestätte auf dem Gottesacker in Kleinwelka

In den letzten Jahren sprachen wir oft über Johann August Miertsching, den Sorben und Herrnhuter, den Schuhmacher und Polarforscher, den Pflanzenkundigen und Jäger – und vor allem den Mitmenschen seiner Gefährten, ob bei den Inuit in der kanadischen Arktis oder bei den Seeleuten an Bord von HMS Investigator. Unsere Vorträge im Völkerkundemuseum Herrnhut – so 2018 über den “Sorben in der Arktis” oder erst kürzlich: “Vom Eismeer zum Kap der Guten Hoffnung – Auf den Spuren von Johann August Miertsching – unterwegs in Kapstadt, Elim und Genadendal” – stießen auf großes Interesse.

Missionssiedlung Genadendal,
Missionssiedlung Genadendal. Gemälde von George French Angas

Auch unsere Vorträge bei der Maćica Serbska im Wjelbik in Bautzen (2018) oder in den Schwesternhäusern in Kleinwelka (2017) fanden sehr aufmerksame Zuhörer. Bei unserem Vortrag „A New Take on Johann August Miertsching“, gehalten auf der Internationalen Polartagung in Rostock 2018, stellten wir fest, dass – wie bereits vermutet – Johann August Miertsching bei vielen der anwesenden Polarforscher nahezu unbekannt war. Im englischen Sprachraum ist Miertschings Reisetagebuch jedoch seit Jahrzehnten eine vielzitierte Quelle, besonders bei Polarhistorikern und Kulturanthropologen.

Dieses große Interesse an Miertsching lässt uns hoffen, dass er, wenn auch verspätet, endlich auch in heimischen Gefilden angemessen beachtet und gewürdigt wird!

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