Schuhmacher und Polarforscher

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Heute jährt sich J. A. Miertschings Todestag – 30.3.1875

“Dieser Tage können wir in ganz Deutschland viel Grün und farbige Blüten sehen – unzweifelhaft hat der Frühling bereits Einzug gehalten. Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass heute vor 139 Jahren in der Oberlausitz das Thermometer unter -10°C anzeigte. Der Winter von 1874/75 suchte die Oberlausitz in ungewöhnlicher Strenge heim …” So begann einst nser Beitrag “Johann August Miertsching zum Gedenken“, der auch einen Kurzüberblick über sein Leben gibt und hier nachzulesen ist. Auch an seine Umrundung Amerikas erinnerten wir bereits, und auf unserem Blog finden sich noch viele weitere Beiträge über ihn.

Grab Miertschings
Miertschings letzte Ruhestätte auf dem Gottesacker in Kleinwelka

In den letzten Jahren sprachen wir oft über Johann August Miertsching, den Sorben und Herrnhuter, den Schuhmacher und Polarforscher, den Pflanzenkundigen und Jäger – und vor allem den Mitmenschen seiner Gefährten, ob bei den Inuit in der kanadischen Arktis oder bei den Seeleuten an Bord von HMS Investigator. Unsere Vorträge im Völkerkundemuseum Herrnhut – so 2018 über den “Sorben in der Arktis” oder erst kürzlich: “Vom Eismeer zum Kap der Guten Hoffnung – Auf den Spuren von Johann August Miertsching – unterwegs in Kapstadt, Elim und Genadendal” – stießen auf großes Interesse.

Missionssiedlung Genadendal,
Missionssiedlung Genadendal. Gemälde von George French Angas

Auch unsere Vorträge bei der Maćica Serbska im Wjelbik in Bautzen (2018) oder in den Schwesternhäusern in Kleinwelka (2017) fanden sehr aufmerksame Zuhörer. Bei unserem Vortrag „A New Take on Johann August Miertsching“, gehalten auf der Internationalen Polartagung in Rostock 2018, stellten wir fest, dass – wie bereits vermutet – Johann August Miertsching bei vielen der anwesenden Polarforscher nahezu unbekannt war. Im englischen Sprachraum ist Miertschings Reisetagebuch jedoch seit Jahrzehnten eine vielzitierte Quelle, besonders bei Polarhistorikern und Kulturanthropologen.

Dieses große Interesse an Miertsching lässt uns hoffen, dass er, wenn auch verspätet, endlich auch in heimischen Gefilden angemessen beachtet und gewürdigt wird!

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Preisverleihungen in Zeiten von Corona

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Die ITB Berlin wurde abgesagt, und damit fiel auch die für den 6. März angesetzte Verleihung des ITB BookAwards aus. Ohne Kommentar. Aber für immer? Oder verschoben? Es war nichts zu erfahren, und natürlich gibt es auch viel Wichtigeres.

Auch die Leipziger Buchmesse fiel der Pandemie zum Opfer. Was geschah mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2020? Natürlich fiel die Preisverleihung auch aus. Oder? Zufällig hörten wir im Radio, dass der Deutschlandfunk übernahm: es gab somit eine “öffentliche” Preisverleihung – im Öffentlichen Rundfunk, ansteckungsfrei für die Zuhörer. Leider erst im Nachherein erfolgte auf der Website der Buchmesse eine entsprechende Pressemeldung.

Dass die ITB-Preisverleihung irgendwie virtuell stattfand, ist natürlich ok, aber besser wäre es schon, man hätte das als Beteiligter (z.B. Preisträger) auch erfahren können. Erst heute entdeckte ich das zufällig – auf “Jetzt ein Buch“.

ITB BookAward Ehrengastland Kanada
Herzlichen Glückwunsch
Virtuelle Preisverleihung
Virtuelle Preisverleihung
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Gestrandet auf der Beringinsel: Die Yacht „Wild“

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Auf einem Segelschiff ohne Segel. Viele Wolken, Erinnerungen – und natürlich Kunst

reblogged vom Dezember 2017

Am 18. September 2013 trieb ein Zweimaster führerlos bei starken Sturm gegen die steinige Küste der Beringinsel und zerschellte direkt am Ufer der einzigen Ortschaft Nikolskoje, die 1826 gegründet wurde und rund 700 Einwohner hat.

Meer – Pastellskizze  © Ullrich Wannhoff
Meer – Pastellskizze © Ullrich Wannhoff

Mit Hilfe eines Kranes hievten Sergej und seine Freunde die Segelyacht an Land, ganz in der Nähe seines Ateliers. Die Backbordseite war aufgerissen und der Schiffskörper voller Wasser.

Die Yacht Wild, dahinter Sergejs Atelier – Foto: © Ullrich Wannhoff
Die Yacht Wild, dahinter Sergejs Atelier – Foto: © Ullrich Wannhoff
Fluss Gavanskaya bei Ebbe  –  Foto © Ullrich Wannhoff
Fluss Gavanskaya bei Ebbe – Foto © Ullrich Wannhoff

Die Yacht ruht auf dem schönsten Uferplatz der Siedlung, direkt an der Flussmündung Gavanskaya Reka. Hier fliegen zwar nicht die gebratenen Tauben vom Himmel, aber die Lachse ziehen bei Flut vor der Haustür vorbei.

Beschädigte Backbordseite mit eingebauter Tür  –  Foto © Ullrich Wannhoff
Beschädigte Backbordseite mit eingebauter Tür – Foto © Ullrich Wannhoff

Die etwa 15 Meter hohen Masten wurden abgetakelt und liegen nun bei Sergej im Schuppen. Auf der verletzten Backbordseite baute Sergej ein japanisches Bullauge ein, und auch eine Tür, die nun den Eingang in den Schiffskörper bietet.

Eingang zur Yacht  –  Foto © Ullrich Wannhoff
Eingang zur Yacht – Foto © Ullrich Wannhoff
Garderobe  –  Foto © Ullrich Wannhoff
Garderobe – Foto © Ullrich Wannhoff

Die Treppe zum Deck wurde entfernt, so dass die Kajüte groß und geräumig wurde. Statt des Mastes schaut jetzt ein langes Ofenrohr heraus. Die Kajüte wurde mit historischen Fotos aus Alaska ausgeschmückt.

Inneneinrichtung mit Bild und Uhr  –  Foto © Ullrich Wannhoff
Inneneinrichtung mit Bild und Uhr – Foto © Ullrich Wannhoff
Ölgemälde Moby Dick  –  Foto © Ullrich Wannhoff
Ölgemälde Moby Dick – Foto © Ullrich Wannhoff

Ein selbstgemaltes Bild zu Melvilles „Moby Dick“, Bücher und viele interessante Utensilien bereichern den Raum und machen ihn urgemütlich.

Arbeitsplatz vor dem japanischen Bullauge  –  Foto © Ullrich Wannhoff
Arbeitsplatz vor dem japanischen Bullauge – Foto © Ullrich Wannhoff

Die ursprüngliche Inneneinrichtung ist zu 70% erhalten. Eine polnische Werft stellte Segelschiffe für die Sowjetunion her. Wir nehmen an, das die Yacht auf der Danziger Werft hergestellt wurde, so wie auch Sergejs kleines Segelschiff „Alexandra“, die neben sein Bootshaus aufgebockt steht und mit Google Earth unter „Beringinsel, Nikolskoje“ betrachtet werden kann. Mit der „Alexandra“ segelten wir 1998 an der Küste Alaska entlang, auf den historischen Spuren von Vitus Bering und der Zweiten Kamtschatka-Expedition.

Sergej begutachtet, ob das Deck dicht ist  –  Foto © Ullrich Wannhoff
Sergej begutachtet, ob das Deck dicht ist – Foto © Ullrich Wannhoff

Die Yacht mit den Namen „WILD“ kann bis 14 Personen aufnehmen. Auf Grund von Breite und Schnitt des Bootskörpers ist sie nicht die schnellste, und jetzt dient sie als feststehendes Quartier, ist mein Rückzugsgebiet vom Dorf.

Mein Arbeitsplatz  –  Foto © Ullrich Wannhoff
Mein Arbeitsplatz – Foto © Ullrich Wannhoff

Nur das Rauschen des Meeres und die Schreie der Beringmöwen erreichen die Yacht, sobald ich die Türe am Morgen öffne und vergeblich den Sonnenaufgang suche.

Normales Wetter, Blick auf die Piers  –  Foto © Ullrich Wannhof
Normales Wetter, Blick auf die Piers – Foto © Ullrich Wannhof

Regen, Nebelwolken und starke Winde wechseln sich ab. Kein Fotografie-Wetter, aber für mich als Maler ist der Wolkenhimmel beeindruckend.

Abendlicht  –  Foto © Ullrich Wannhoff
Abendlicht – Foto © Ullrich Wannhoff

Der Dresdner Maler und Arzt Carus schreibt: „Wie ziehende Wolken im steten Wandel begriffen, so die inneren Zustände des Menschen. Alles, was in seiner Brust widerklingt, ein Erhellen und Verfinstern, ein Entwickeln und Auflösen, ein Bilden und Zerstören, alles schwebt in den Gebilden der Wolkenregionen von unseren Sinnen.“

Insel Toporok mit untergehender Sonne  –  Foto © Ullrich Wannhoff
Insel Toporok mit untergehender Sonne – Foto © Ullrich Wannhoff

So gehe ich jeden Tag ans Riff, wo der Wind die dunklen Wolken über mich her treibt. Die weiß schäumenden Wellen brechen an der erkalteten, schwarzen Lava, und ich warte auf helles Licht.

Brechende Wellen am Kliff  –  Foto © Ullrich Wannhoff
Brechende Wellen am Kliff – Foto © Ullrich Wannhoff

Oft quält sich das Sonnenlicht nur spärlich durch die Wolkenbänke, und ein weißer Strich bleibt am dunklen Meereshorizont kleben. Kierkegaard schreibt: „Wolken sind Hirngespinste und Gedanken, was sind sie anderes? Sieh darum wird man alles anderen müde, doch der Wolken nicht.“

Meer und Wolken  –  Pastellskizze © Ullrich Wannhoff
Meer und Wolken – Pastellskizze © Ullrich Wannhoff
Sergejs Zeichnung von der Yacht "Wild" auf einer Tasse  –  Foto © Ullrich Wannhoff
Sergejs Zeichnung von der Yacht “Wild” auf einer Tasse –
Foto © Ullrich Wannhoff

Fast jeden Abend sitzen Sergej rauchend und ich Tee trinkend am heißen knisternden Kanonenofen und erzählen uns alte Geschichten von Freunden und Bekannten, die wir über die Jahrzehnte zwischen Alaska und Russland gemeinsam kennen lernten. Balzac schrieb, das man zweimal lebt: „Das erste Mal im wirklichen Leben, das zweite Mal in der Erinnerung“. So schwelgen wir in die Nacht, bevor die Müdigkeit uns übermannt.

Blick durch das Bullauge, mit Engelfigur  –  Foto © Ullrich Wannhoff
Blick durch das Bullauge, mit Engelfigur – Foto © Ullrich Wannhoff
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Wo die Atemluft zu Nebel wird: “Three Thousand” von Asinnajaq

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Dieser Beitrag, der erstmals zur Berlinale 2018 erschien, wird hier reblogged, da der Film “Three Thousand” im Februar und März dieses Jahres – (im Programm Kurzfilme Home and Native Land im Rahmen der Canada Now – The MapleMovies Festival Tour 2019/20) – nochmals in verschiedenen Kinos in Deutschland gezeigt wird.

Es sind nur 12 Minuten Film, doch welche Fülle und Intensität! Zarte farbige, abstrakte Gebilde bewegen sich, fließen und setzen sich neu zusammen, während die ersten Sätze erklingen wie Musik, gesprochen in Inuktitut und gleich darauf in englischer Übersetzung, in denen Asinnajaq eigentlich Unfassbares umreißt: “…jetzt lebe ich, aber ich werde sterben, und es wird eine Welt geben, in der ich nicht existiere“. Wie Poesie klingen auch die nächsten Worte, doch sie sind auch konkret, einfache Realität: “Mein Vater wurde im Frühlings-Iglu geboren – halb aus Schnee, halb aus Tierhäuten. Ich wurde im Krankenhaus geboren, mit Gelbsucht und zwei Zähnen“. Zwei Sätze, die das Tempo der Zeit erfassen, einen Generationswechsel – einen kulturellen Umbruch.

Pitsik, luftgetrockneter Arctic Char
Alltäglicher Anblick in Inuit-Gemeinden: Pitsik, luftgetrockneter Arctic Char

Beim Klang von Inuit-Kehlgesang zerfließen die farbigen Gebilde, geben den Blick frei auf eine eisbedeckte Meeresbucht vor hohen Bergen, auf Pitsik, rohe rote Fische, die zum Trocknen aufgehängt sind, auf eine schneebedeckte Tundralandschaft, über die der Wind fegt. Ein Hundeschlittengespann, Iglus, Frauen bei der Arbeit, neugierige Kinder … – Szenen aus alten Dokumentarfilmen in Schwarzweiß: Impressionen aus dem Alltagsleben der Inuit vor Jahrzehnten.

Kapitän Bernier mit CGS Arctic in Killinek
Kapitän Bernier segelte mit CGS Arctic in Siedlungen der Inuit; hier: Killinek

Szenenwechsel: Das Schiff „Arctic“ kämpft sich durch raue See, Inuit bereiten den Landungssteg vor, Kapitän Bernier, ein bekannter Polarfahrer, defiliert in Uniform vor den am Rand versammelten Inuit, an die Süßigkeiten ausgeteilt werden: Bilder einer Zeit, in der koloniale Attitüden gegenüber indigenen Völkern offensichtlich waren – und in der einschneidende Umwälzungen eingeleitet wurden, wie in der Folge erkennbar wird.

Asinnajaq – Foto: Alex Tran
Die Filmemacherin Asinnajaq – Foto: Alex Tran

Die junge Inuit-Filmemacherin Asinnajaq ist Absolventin des NSCAD in Halifax. Obgleich in Montreal geboren und aufgewachsen, ist sie der Welt ihrer Vorfahren fest verbunden. Sie verwendet Filmmaterial aus den Archiven des NFB (das National Film Board of Canada, das den Film auch produziert hat), darunter Dokumentationen, Propaganda- und Bildungsfilme wie auch Spielfilme von Inuit-Filmschaffenden; kombiniert mit Animationen schafft sie daraus eine faszinierende Collage.
Farbige Naturaufnahmen zeigen arktische Tiere, wie Karibus, die erstaunlicherweise in der schneebedeckten Tundra existieren können – genau wie die Inuit; trotz aller Unwirtlichkeit, der unerbittlichen Kraft der Natur in diesen hohen Breitengraden. Wir, weiter südlich lebend, gewöhnt an milderes Klima, könnten dort kaum überleben; die Inuit tun es seit Jahrtausenden, es ist ihre Heimat – die sich aber gerade radikal verändert.

Fourwheeler
Ein “Fourwheeler” (ATV), gängiges Transportmittel in heutigen Inuit-Gemeinden

Die „Videoschnipsel“ aus dem NFB-Archiv zeigen, wie die Inuit in erstaunlicher Weise, unter Nutzung der lokalen Ressourcen und mit einfachsten Mitteln ihr Leben meisterten und meistern. Viele der gezeigten Handlungen erscheinen uns nahezu archaisch. Das Abhäuten von Tieren, das Trocknen und Reinigen von Pelzen, das Schneiden von Lederriemen aber gehört noch immer zum Alltagsleben (wie auch der auf der Berlinale 2017 vorgestellte Film Angry Inuk zeigte) – dies auch in der großen arktischen Siedlung mit Supermarkt, Strom- und Wasserversorgung, farbenfrohen Häusern und modernen Küchen. Neugierige Kinder im Klassenzimmer, ein großes Fabrikgebäude in arktischer Landschaft und Inuit in der Essenspause in der Werkkantine stehen für den radikalen Umbruch. Der Fourwheeler hat das Hundeschlittengespann abgelöst, doch es ist noch immer Arktis; wo im Winter die Atemluft gefriert; wo auch die Kleinkinder wissen, dass ein totes Tier neben ihnen bedeutet, dass es etwas zu Essen gibt.

Asinnajaq- Animation mit Patrick Doan
Zeichnung von Asinnajaq, im Film animiert in Zusammenarbeit mit Patrick Doan

Packend die Intensität der Szenen, die in schneller Folge wechseln – und doch immer wieder Ruhepole zeigen: eine behaarte Raupe im Tundragras; die Großmutter, die ein kunstvolles Behältnis aus trockenem Gras flicht. Das alles eingebettet in Schichten von traumartigen Animationen, die sich in Landschaftsbildern auflösen; Musik, anfangs weich und sanft, sphärische Klänge, konturiert durch den rauen, hektischen Kehlgesang (hier wirkt auch Tanya Tagaq mit) – bereichert durch Naturgeräusche. Es ist Poesie, und es ist Alltag. Und es wird zur Vision, wenn Asinnajaqs digitale Animationen in die Zukunft führen, in das Jahr Dreitausend: unter den Nordlichtern im Dunkel der Polarnacht – oder des Universums? – glüht eine futuristische Inuit-Siedlung auf; ein Elternpaar in traditioneller Kleidung, das Baby im Amauti, schaut von einem Berg auf die strahlende Lichtkuppel im Zentrum der Siedlung: Kontinuität und Hoffnung.

Three Thousand, Filmposter, Ausschnitt
Three Thousand, Filmposter, Ausschnitt

Three Thousand, eine Produktion des National Film Board of Canada, war im Februar 2019 auf der Berlinale zu sehen, aus diesem Anlass entstand dieser Beitrag. Hier nun noch ein paar visuelle Impressionen von der damaligen Vorstellung im Zoopalast, wo “Three Thousand” gemeinsam mit “Fata Morgana”, einem Film über Tschuktschen, ihre Kolonialisierung und die heutigen Überlebenskämpfe, gezeigt wurde:
(Copyright für alle Fotos: Wolfgang Opel)

Vor dem Kinosaal im Zoopalast
Vor dem Kinosaal im Zoopalast
Nach dem Film: Fragen und Antworten
Nach dem Film: Fragen und Antworten
Asinnajaq, aka Isabella-Rose Weetaluktuk – Foto © Wolfgang Opel
Asinnajaq, aka Isabella-Rose Weetaluktuk – Foto © Wolfgang Opel

Asinnajaq über ihren Film: “The purpose for me in work is not so much to shame anyone. It’s more to show how strong we can be as people ….. it’s about me and where I’m from and all of us and how strong we are. And that’s why it’s going into the future and saying that we can have a world that we wanna have…”

Anastasia Lapsui und Markku Lehmuskallio schufen den Film "Fata Morgana"
Anastasia Lapsui und Markku Lehmuskallio schufen den Film “Fata Morgana”, der bei der gleichen Vorstellung gezeigt wurde.
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Das Grab von Tom Thomson – oder?

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reblogged vom September 2018

Kanada liegt nicht nur an drei Meeren, sondern hat noch eine riesige vierte Küstenlinie im Inneren – auch wenn Lake Ontario, Lake Erie, Lake Huron und Lake Superior trotz ihrer gigantischen Größe keine Meere, sondern „nur“ Seen sind.

The West Wind – Gemälde von Tom Thomson
The West Wind – Gemälde von Tom Thomson

An der Georgian Bay, einer Ausbuchtung des Lake Huron, liegt der kleine Ort Leith, in dem der wohl bedeutendste Maler Kanadas, Tom Thomson, aufgewachsen ist und nach seinem tragischen Tod – nach Angaben der Familie – auch bestattet wurde.

Porträt Tom Thomson, unbekannter Fotograf
Porträt Tom Thomson, unbekannter Fotograf

Als wir im August 2018 die Grabstätte aufsuchten, fanden wir sie mit vielen „Devotionalien“ geschmückt: Portraits von Tom Thomson, Pinsel, Farben, einer Flasche Rotwein, kleinen Steinen und auch einem Wanderstock. Wir legten eine Euro-Münze als Gruß aus dem fernen Europa dazu.

Grabstein für Tom Thomson in Leith
Grabstein für Tom Thomson in Leith

Wasser spielte für Tom Thomson eine besondere Rolle, denn er war nicht nur ein genialer Maler, sondern auch ein begeisterter Angler und Paddler, der sich oft wochenlang allein in der Wildnis aufhielt, wo er natürlich auch malte. Besonders viel Zeit verbrachte er am Canoe Lake im Alonquin Park.

 Canoe Lake – Foto von Ryan Hodnet
Canoe Lake – Foto von Ryan Hodnet
Hütte/Studio von Tom Thomson - Replik in Kleinburg, Ontario
Hütte/Studio von Tom Thomson – Replik in Kleinburg, Ontario

Viele der Ölskizzen, die Tom Thomson später im Atelier als Grundlage für seine Gemälde nutzte, entstanden auf seinen Paddeltouren über abgelegene Seen in Ontario.

Artist's Camp, Canoe Lake, Algonquin Park – Ölskizze von Tom Thomson
Artist’s Camp, Canoe Lake, Algonquin Park – Ölskizze von Tom Thomso

Es sind mit kräftigem Strich und leuchtenden Farben gemalte Landschaften mit Flüssen, Seen, die umgebenden Ufer, Berge und Wälder und einem oft dramatischen Himmel.

 Bateux – Ölskizze von Tom Thomson
Bateux – Ölskizze von Tom Thomson
Fall Foliage – Ölskizze von Tom Thomson
Fall Foliage – Ölskizze von Tom Thomson

Die Arbeiten von Tom Thomsons und die seiner Malerfreunde aus der späteren „Group of Seven“ begründeten die eigenständige kanadische Landschaftsmalerei.

Summer Shore – Gemälde von Tom Thomson
Summer Shore – Gemälde von Tom Thomson

Die zeitgenössische Fotografie kanadischer Landschaften, wie wir sie aus Bildbänden, von Kalendern oder aus dem Internet kennen, folgt oft – bewusst oder unbewusst – den Motiven und Impressionen der kanadischen Maler des frühen 20. Jahrhunderts wie Tom Thomson, den Mitgliedern der Group of Seven oder auch Emily Carr.

Jack Pine – Gemälde von Tom Thomson
Jack Pine – Gemälde von Tom Thomson
Nach Sonnenuntergang – à la Tom Thomson?
Nach Sonnenuntergang – à la Tom Thomson?

Glücklicherweise sind viele der Arbeiten dieser Maler in öffentlichen Museen zu sehen, wie in Toronto, Ottawa, Kleinburg, Vancouver.

Bilder in der McMichael Canadian Art Collection – Kleinburg, Ontario
Bilder in der McMichael Canadian Art Collection – Kleinburg, Ontario

In der Stadt Owen Sound – in der Nähe des kleinen Ortes Leith – besuchten wir die Tom Thomson Art Gallery, die sich hauptsächlich dem Leben und Werk des Künstlers widmet.

Tom Thomson Art Gallery in Owen Sound
Tom Thomson Art Gallery in Owen Sound

Tom Thomson wurde leider nur 39 Jahre alt, da er vor 101 Jahren beim Paddeln über den Canoe Lake im Algonquin Park ums Leben kam.

Tom Thomson im Kanu, unbekannter Fotograf
Tom Thomson im Kanu, unbekannter Fotograf
Tom Thomson – Büste von Brend Wainman Goulet
Tom Thomson – Büste von Brend Wainman Goulet

Thomsons Tod hat seither zahlreiche Wissenschaftler, Journalisten und Amateurdetektive beschäftigt. Manche Autoren vermuten, dass er ermordet wurde. Das konnte bisher aus vielerlei Gründen nicht aufgeklärt werden. Sowohl Nachfahren aus Thomsons Familie als auch die Behörden Ontarios weigern sich, DNA-Tests an einem Leichnam machen zu lassen. Dieser wurde vor 60 Jahren neben einem Friedhof am Canoe Lake gefunden, und es gibt schlüssige Indizien, dass dies Tom Thomsons Überreste sind.

Gedenktafel für Tom Thomson in Leith
Gedenktafel für Tom Thomson in Leith

Ein kürzlich publiziertes Buch von John Little über den Tod von Tom Thomson liefert neue Gründe, die zumindest zweifelhafte offizielle Todesursache des bedeutendsten Malers Kanadas neu zu untersuchen.

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ITB Berlin Buch Award 2020

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Völlig verblüfft waren wir vorgestern, als wir ganz unerwartet die Nachricht erhielten, dass wir “Gewinner” bzw. “Preisträger” sind!

Aus Anlass der ITB Berlin, der weltgrößten Touristik-Messe, werden jährlich Buchpreise vergeben. In der Rubrik ” Frankfurter Buchmesse Ehrengast 2020 – Kanada” sind nun unsere Bücher gleich zweimal vertreten!

Wir freuen uns sehr, dass unsere jahrelange gründliche Beschäftigung mit Kanada, unsere Recherchen und Reisen auf diese Weise ihre Anerkennung finden !!! Wir fühlen, dass mit dem Preis für das “Kanada-Länderporträt” auch unser Anliegen honoriert wurde, hier nicht nur ein tolles Reiseland mit großartiger Natur vorzustellen, sondern auch die Geschichte des Landes und seiner ersten Bewohner, die Folgen von Kolonialpolitik, die gelebte Multikulturalität und einige aktuelle Entwicklungen und Probleme zwischen notwendiger Dekolonisierung und heutiger Umweltkrise.

Nachtrag am 28.1.2020: Die Frankfurter Rundschau schreibt, der Direktor der Frankfurter Buchmesse Juergen Boos sei erfreut, dass sich mit Kanada ein Gastland in Deutschland präsentiere, das für die Akzeptanz des Diversen und der Multikulturalität stehe. Das ist ganz im unserem Sinne und es widerspiegelt sich auch in unserem Länderporträt über Kanada, das den ITB BuchAward bekommt!

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„Nachts flogen die Gomuli“

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Rezension zu einem ungewöhnlichen Gedichtband

Der Arzt und Naturforscher Georg Wilhelm Steller nahm von 1737 bis 1743 an der Zweiten Russischen Kamtschatka-Expedition unter Kapitän Vitus Jonassen Bering teil.

Vitus-Bering-Medaille
Medaille zum Gedenken an Vitus Bering, abgebildet im Buch auf S. 114

Steller schreibt: „Die Berg-Götter nennen sie [damit sind die Itelmenen, die Ureinwohner von Kamtschatka gemeint, die bereits vor weit über 20.000 Jahren, lange bevor die Russen und Europäer kamen, auf der Halbinsel lebten] Kãmŭlĭ [Gomuli] Diese wohnen auf den hohen und besonders brennenden und rauchenden Gebürgen… Sie ernähren sich von Wallfischfang, gehen des Nachts durch die Luft in die See…“

In dieser Anthologie sind Gedichte über Steller, über Tiere, die nach ihm benannt wurden, über Vitus Bering und über Kamtschatka zusammengetragen.

Für die Itelmenen waren die aktiven Vulkane heilige Orte. Daraus ergab sich der poetische Titel des Buches. Dem Herausgeber Joachim Ruf haben wir zu verdanken, dass 46 Autoren zusammengetragen wurden, die ein facettenreiches Bild in gedichteter Form über den Forschungsreisenden Georg Wilhelm Steller, über den dänischen Kapitän in russischen Diensten Vitus Bering, über die Halbinsel Kamtschatka und über das Stranden der Großen Nordischen Expedition auf der Beringinsel schildern. Dieses kleine Taschenbuch ist nicht nur ein Kleinod für alle, die Abenteuer lieben und sich für den fernen Osten in Sibirien interessieren, sondern es bietet auch auch Anregungen für Zukünftiges, darüber, wie wir mit der Natur und mit uns selbst umgehen.

Nachts flogen die Gomuli: Gedichte in deutscher, russischer und englischer Sprache, herausgegeben von Dr. Joachim Ruf. 3. Auflage; 8,99 €, Ebook 4,49 €.
ISBN: 373573717X, EAN: 9783735737175. BoD, bestellbar beim Buchhändler Ihres Vertrauens. Erhältlich auch bei Thalia, Hugendubel und im einschlägigen online-Buchhandel.

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Alles Gute zum Neuen Jahr! – Happy New Year!

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Zum Neujahr grüßen wir mit einem Schatz der Filmgeschichte: „Conquest of the Pole“ ist ein 30-minütiger Science-Fantasy-Film von Georges Méliès nach einem Buch von Jules Verne. Die Parodie über den Wettlauf rivalisierender Parteien zum Nordpol hat interessante cineastische Features, insbesondere wenn man die Ikonographie von vor über 100 Jahren und die einfachen technischen Mittel der Zeit bedenkt! Köstlich ist, wie zu dieser Zeit die arktische Landschaft und der Nordpol gesehen werden: hier gibt es Eisspitzen, Monolithen mit Kristall-Struktur und sogar einen Schneeriesen … – Genießt es! (below you find the text in English)

WFrohes Neues Jahr 2010 – We wish you a Happy New Year 2020!

As a New Year’s greeting we herewith point to a 30 minute video which shows a treasure of film history: „Conquest of the Pole“ is a science fantasy film by Georges Méliès based on a book of Jules Verne. It is a parody dealing with a race to the north pole by rival parties. Some charming cinematographic highlights, given the iconography and simple technical features – note this is 100 years old! Delicious how the landscape and the North Pole is seen at this time, with ice spires, crystalline monoliths, a Snow Giant – just enjoy.

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Deutsche Weihnachtslieder unter dem Polarlicht

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reblogged vom Dezember 2013

Kuvianak inovia – so heißt der Gruß „Frohe Weihnachten“ bei den Inuit in Nunatsiavut (Labrador) an Kanadas Nordostküste. In diesen Tagen sind die Kirchen und auch die Wohnungen in Makkovik, Hopedale und Nain mit Adventskränzen und Herrnhuter Sternen geschmückt, und manche Inuit singen deutsche Weihnachtslieder wie „Napâttuasuk” (O Tannenbaum) und „Unnuak Upinnak“ (Stille Nacht) – in ihrer Sprache Inuktitut, wie es schon seit über 200 Jahren Brauch ist.

Herrnhuter Stern
Herrnhuter Stern

Schon seit Jahrhunderten gab es in der Zeit, in der wir Weihnachten feiern, auch bei den Inuit in Labrador ein Fest des Wiedersehens, wenn man nach langer Trennung wieder mit Freunden und Verwandten zusammentraf. Die Jägernomaden waren im Frühjahr aufgebrochen, um zu jagen und zu fischen. Robben, Karibus, Füchse, Forellen, Lachse, Kabeljau und Seesaibling wurden für Essen, Kleidung und für Jagd- und Fischfanggerät benötigt – später auch für den Handel, z.B. gegen Mehl, Zucker, Tee und Stoffe. Erst wenn überall Schnee lag, die Gewässer gefroren waren und dickes Eis vor der Küste lag, wurde eine Pause eingelegt, und die Familien trafen im Dezember wieder an den Winter-Siedlungsplätzen zusammen.

Kirche von Makkovik - um 1900
Kirche von Makkovik – um 1900

1771 hatten Missionare der Brüdergemeine aus Herrnhut (Oberlausitz, jetzt Sachsen) in Nain die erste Missionsstation an Labradors Küste errichtet. Noch heute heißt die Schule dort Jens Haven Memorial School, nach dem Begründer. Es folgten Missionsstationen in Okak (1776) und Hopedale (1782), 1830 wurde Hebron gebaut, 1865 Zoar, 1871 Ramah, und 1896 gründete der Missionar Hermann Theodor Jannasch die Mission Makkovik.
Im 19. Jahrhundert waren sehr viele Labrador-Inuit bereits getauft und nahmen an den christlichen Weihnachtsfeiern teil. Nach Möglichkeit gab es in jeder Hütte einen geschmückten Weihnachtsbaum. Selbst in den Gemeinden nördlich der Baumgrenze wurden Touren mit dem Hundeschlitten nach Süden unternommen, um aus dem Wald nicht nur Brennholz, sondern auch Tannenbäume für das Fest herbei zu schaffen.

Weihnachten in Labrador - in alten Zeiten
Weihnachten in Labrador – in alten Zeiten

Am 24. Dezember begab man sich nachmittags um 4 Uhr in Festkleidung zur Christnachtsfeier in den nur schwach beleuchteten Kirchensaal. Hier wurde die Weihnachtsgeschichte verlesen, und anschließend sangen die Schulkinder ein Lied, während für jeden ein Stück Gebäck ausgeteilt wurde. Nun folgte der Gesang aller Erwachsener: „Sillaksub pingortitinga, Mariable Sardliapa“ – „Das ewig’ Licht geht da hinein, gibt der Welt ein’n neuen Schein“ – als die Türe aufsprang und Kirchendiener mit Tabletts voller brennender Kerzen in die dunkle Kirche einzogen.

Christingle - Design by Tabea Murphy, Nain
Christingle – Weihnachtskarte, Design by Tabea Murphy, Nain

Jedes Kind bekam eine Kerze in einer ausgehöhlten Wasserrübe, die als Kerzenständer diente. Bevor ausreichend Wachskerzen aus Europa eingeführt wurden, waren diese Kerzen aus dem Talg der Karibus gezogen worden – was bedeutete, dass die Kinder sie hinterher essen konnten; zusammen mit der Wasserrübe und dem Gebäckstück bildeten die Kerzenstümpfchen eine recht ausgefallene Festtagsmahlzeit.

Adventskranz in der Kirche in Makkovik
Adventskranz in der Kirche in Makkovik

Unter dem Gesang von “Unnuak Upinnak“ (Stille Nacht, heilige Nacht), begleitet vom Posaunenchor, verließen die Gemeindemitglieder nun die Kirche. Am 1. Feiertag gab es dann eine Festpredigt mit Chorgesang und Geigen. Die Weihnachtszeit klang nach dem Herrnhuter Brauch mit dem Erscheinungsfest am 6. Januar aus, auch „Heidenfest“, hier „Nalajuk Night“ genannt.

Die Kirche von Nain - 2009
Die Kirche von Nain – 2009

Heute gibt es die Siedlungen in Ramah, Okak, Zoar und Hebron nicht mehr; aber in Nain, Hopedale und Makkovik sind wie damals die Kirchen mit Adventskränzen und Herrnhuter Sternen geschmückt. Nach altem Brauch geht man um 16:00 in die Kirche und singt gemeinsam die traditionellen Lieder beim „Candlelight Service“, die Kinder erhalten Kekse, und die Kerze gibt es nun in einem ausgehöhlten Apfel, das nennt man “Christingle”. Und auch am 6. Januar, „Old Christmas“, ziehen noch drei als „Nalajuk“ (Weise Männer), verkleidete Personen durch das Dorf.

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“In dieser eisigen Wüste” – Weihnachtsfest auf andere Art

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reblogged vom 22.12.2014

Damals fielen wir vor Schreck fast aus dem Bett, als es um Mitternacht plötzlich laut donnerte und krachte. Es war der 24. Dezember. Zur Feier des Tages hatten wir in einem kleinen Restaurant im abgelegenen argentinischen Städtchen El Calafate – nahe der patagonischen Anden am Lago Argentino – zu Abend gegessen und, anstatt zu campen, uns ein Hotelzimmer gegönnt, und dazu eine Schachtel handgemachter Pralinen aus der örtlichen Chocolaterie und ein Fläschchen Likör aus Calafate-Beeren geleert. Das war unsere bescheidene „Bescherung“ – denn das eigentliche Weihnachtsgeschenk für unsere vierköpfige Familie war die Patagonienreise selbst gewesen.

Weihnachten auf der Südhalbkugel: hier ist Sommer!
Weihnachten auf der Südhalbkugel: hier ist Sommer!

Schon um 11 lagen wir im Bett und schliefen.
Allerdings nicht lange. Auf Böller in der „heiligen“ Nacht vom 24. zum 25. waren wir – in Unkenntnis der hiesigen Bräuche – nicht gefasst, und erst recht nicht auf das dann noch fast zwei Stunden andauernden Gehupe, denn ein Autokorso lärmte unentwegt durch die Stadt.
Andere Länder, andere Sitten. Weihnachten schien für unsereins ohnehin nicht ganz zum Sommer der Südhalbkugel zu passen, auch wenn sich große Gletscher in der Nähe von Calafate befanden.
Dann schon eher zum Hohen Norden, zur Arktis?

Der Gletscher Perito Moreno am Lago Argentino
Der Gletscher Perito Moreno am Lago Argentino

Als der Oberlausitzer Johann August Miertsching, der eine britische Suchexpedition zur Auffindung der verschollenen Franklin-Expedition als „Eskimo“-Dolmetscher begleitet, im Jahr 1850 sein erstes Weihnachtsfest in der Polarnacht an Bord der im Eis eingefrorenen „HMS Investigator“ erlebt, fällt auch er fast aus allen Wolken. Er ist so befremdet, dass er im Tagebuch sein Missfallen nur knapp ausdrückt:
… aber leider ertönt in dieser eisigen Wüste kein Hosianna. Wie und auf welche Weise dieser Tag, u. überhaupt das Weihnachtsfest hier gefeiert wurde, halte ich nicht für werth in mein Tagebuch einzutragen, wird mir aber mein Leben lang im Andenken bleiben. … konnte aber die ganze Nacht wenig schlafen, wegen dem Lärm u. Specktackel, was von einigen, die zuviel und starck getruncken, die ganze Nacht hindurch verursacht wurde.

Seemänner beim Feiern - Zeichnung von Georg Cruikshank
Seemänner beim Feiern – Zeichnung von Georg Cruikshank

Auch ein Jahr später hat das arktische Eis die „Investigator“ noch im Griff. Seit September 1851 ist das Schiff in der Mercy Bay, im Norden von Banks Island, eingefroren. Miertsching ist inzwischen arg vom Heimweh geplagt und hängt Erinnerungen an die Feiern in der Brüdergemeine der Herrnhuter nach, und so ist das Fest an Bord wiederum eine Enttäuschung für ihn:
… Wir haben wieder ein fröhliches Weihnachtsfest gefeiert; aber welche Fröhlichkeit herrschte hier? Keine solche, wo sich ein wahrer Christ mitfreuen könnte; wenn das in England überall so gefeiert wird wie hier und auf andern Schiffen von Engländern, so sollte man doch dieses ein Freß- u. Sauffest nennen.“

Illustration in "Aboard Ship" von Charles Dickens
Hier wird der Grog im Eimer angerichtet –
zeitgenössische Illustration in “Aboard Ship” von Charles Dickens

Die Hoffnung, die „Investigator“ im Sommer 1852 frei zu bekommen und zurück nach Europa zu segeln, sollte sich nicht erfüllen. Ein dritter Winter in der Arktis steht bevor, und diesmal ist nicht nur die Kälte, sonder auch der Hunger ein Feind. Die missliche Lage der im arktischen Eis gefangenen Männer hat sich durch den Mangel an Lebensmitteln, Heizmaterial und Kerzen deutlich verschärft. Kann das Weihnachtsfest etwas Licht in die Dunkelheit der Polarnacht bringen und den Hoffnungslosen wieder ein wenig Freude bereiten?
Miertsching, obwohl ihm die Sitten und Bräuche der englischen Matrosen noch immer nicht zusagen, springt nahezu über seinem Schatten; er schildert das Fest, das zu Weihnachten 1852 an Bord des Schiffes veranstaltet wird, diesmal fast ohne kritische Worte – und sogar mit etwas Anerkennung für die Bemühungen der Crew:

Plum Pudding, der traditionelle britische Weihnachtskuchen
Plum Pudding, der traditionelle britische Weihnachtskuchen

Heute ist das fröhliche Weihnachtsfest; – ist es auch für mich fröhlich? – ach es liegt nur an mir selbst daß es nicht so ist wie es sein sollte u. könnte. … Das Unterdeck, die Wohnung der Matrosen, war auf’s geschmackvollste ausgeziert mit Flaggen u. Bildern, – von den Matrosen selbst gemalte u. gezeichnete Scenen unsrer verschiedenen Positionen auf der Reise u. im Eis; u. Fahnen sowie geschriebene Dencksprüche in Reim zierten die Wände; – auf jedem der Tische stand ein großer plum pudding, einen Berg vorstellend, auf welchen die kleinen seidenen von den Matrosen selbst verfertigten engl. Flaggen und Kriegswimpel wehten. Der Proviantmeister hatte gewußt ein viertel Moschusochsen aufzubewahren, dasselbe wurde nun als echt englisches roast Beaf produciert, welches eine unverhoffte Freude und vielen Spaß verursachte. … Es war ein angenehmer vergnügter Tag für jeden auf dem Schiff.“

Schlitten verlassen die Investigator - Zeichnung von S.G. Cresswell
Schlitten verlassen die Investigator – Zeichnung von S.G. Cresswell

Und noch ein weiteres Weihnachtsfest müssen Miertsching und seine Gefährten in der Arktis verbringen. Die im Eis gefangene „Investigator“ hatten sie im Frühjahr 1853 aufgeben müssen, aber vor dem fast schon sicheren Tod auf einem Hungermarsch durch arktische Weiten wurden sie bewahrt: Eine andere britische Schiffsexpedition, die sich auf der Suche nach Franklin befand, konnte die Mannschaft retten und aufnehmen.

Wrack von HMS Investigator - Foto: Parks Canada
Das Wrack von HMS Investigator (1853 im Eis der Arktis verlassen und später gesunken) wurde 2010 wieder gefunden — Foto: Parks Canada

Doch auch die rettenden Schiffe, HMS Resolute und HMS Intrepid, werden vom Wintereis umklammert gehalten. Miertsching ist wie seine Kameraden froh, überlebt zu haben; er hat sich inzwischen an die fremden Weihnachtsbräuche gewöhnt und findet nun sogar durchweg freundliche, wenn auch knappe Worte:

Weihnachtsfeier auf britischem Kriegsschiff
Weihnachtsfeier auf britischem Kriegsschiff, Ende des 19. Jh.

Heute wurde das Heil. Christfest nach englischer Schiffsmanier mit Essen, Trincken u. Fröhligsein verbracht. Roast beef und plum pudding darf an diesen Tage nicht fehlen. Die Matrosen-Wohnungen in beiden Schiffen, waren sehr geschmackvoll mit Flaggen, Bildern und verschiedenen schön geschriebenen Motto’s ausgeziert.
Erst 1854 kann Miertsching das Weihnachtsfest endlich wieder in vertrauten Kreisen in seiner Familie und der Herrnhuter Brüdergemeine verbringen, nachdem er im Oktober 1854 zunächst nach England und von dort Ende November in die Oberlausitz zurückgekehrt war.

Herrnhuter Adventsstern
Herrnhuter Adventsstern
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What we found in The Pas …

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… or Paskoyak, Basquiaw, The Paw, Opaskwayak

Reblogged from August 2018

Deutsche Version hier.

We had a tight schedule, a long way to go and not much time left, therefore we did not plan to visit the Sam Waller Museum in The Pas. But then, when we could not find Christ Church, which is an important historic building of the town, we still went into the museum to ask. Which meant that we stayed another 2 hours in that small town in Western Manitoba – and learned a lot more.

Christ Church on a rainy day
Christ Church in The Pas on a rainy day

For centuries, members of the Cree First Nation lived here, mainly hunting and fishing. What is known in Europe about this place began with the then 19 year-old Henry Kelsey, probably the first non-indigenous who travelled the area when scouting the country for fur trading opportunities with indigenous people for his employer, the Hudson’s Bay Company (HBC). He wintered here in 1690. Kelsey, who worked many years for the HBC, had learned several indigenous languages. The long time lost journal of his expedition was discovered in Ireland in 1926.

Memento for Henry Kelsey in The Pas
Memento for Henry Kelsey in The Pas

Half a century later, Montreal explorer Pierre Gaultier de La Verendrye and his sons explored much of the area which is now Manitoba. Here at the Saskatchewan River, they built the trading post Fort Paskoyak in 1743, but it operated only until the mid-1750s.

Detail of a map by Samuel Hearne
Detail of a map by Samuel Hearne

In 1774, the Hudson’s Bay Company sent Samuel Hearne, to establish their first inland trading post „at a site known as Basquia“ on the banks of the Saskatchewan River. Since Hearne found little suitable timber here, and because the local Cree people convinced him that there would be a more favourable place upstream, he finally built the post Cumberland House on Cumberland Lake. It lies – as the crow flies – only 60 km away from The Pas. On the Saskatchewan River, it might have meant about 100 km of rowing upriver. Today, although Cumberland House has road access now, from The Pas this is a 320 km drive one-way, mostly on a very rough gravel road. For us, this would have meant at least about 10 additional hours round trip by car … but, hopefully, we can visit this historically significant place next time?”

Sir John Richardson, painting by Stephen Pearce – © National Portrait Gallery, London
Sir John Richardson, painting by Stephen Pearce –
© National Portrait Gallery, London

Cumberland House was an important station for the Rae Richardson Expedition on their long way to learn about the fate of the lost Franklin Expedition – travelling overland to the Great Slave Lake, then on the Mackenzie River, finally tracing the coast between the Mackenzie and Coppermine rivers, as well as the shores of Victoria Island and the Wollaston Peninsula. To make sure that sufficient equipment and provisions were available for this long journey, an advance expedition, consisting of 20 skilled men and four big boats with additional supplies, left England already in 1847. Via Hudson Strait und Hudson Bay, these men reached Hudson’s Bay station Cumberland House, where they spent the winter.

John Rae, painting by Stephen Pearce – © National Portrait Gallery, London
John Rae, painting by Stephen Pearce –
© National Portrait Gallery, London

During that winter, when mainly fishing and cutting firewood, these men were probably not fully stretched – and here Sa-ka-cha-wes’cam („Going Up the Hill“) comes into the game, a young Cree, baptized and christened Henry Budd. He started as a farmer, but soon dedicated his life to the temporal and spiritual development of the indigenous community; he was ordained as the first indigenous priest of the Anglican Church in North America.

Budd-Memorial in the Church
Memorial for Sakachewescam aka Henry Budd in the Church

In 1840, Henry Budd, with his family, moved to Paskoyac, because he was sent to establish a mission station with the Cree people there. Soon numerous Cree children attended his school lessons. He also started a garden to improve food supplies for the community. In 1844, he was joined by the white Reverend James Hunter, who, however, received twice as much salary as Budd.

The Pas in a contemporary drawing
The Pas in a contemporary drawing

For the interior of the mission’s church, there was active help by the relief expedition of Rae and Richardson from the “neighboring” Cumberland House. These skilled craftsmen, among them Robert McKie and James McLaren, built pews, railing, pulpit, baptismal font, prayer desk and tablets.

Interior of the Christ Church
Interior of the Christ Church

When we finally found the Christ Church in The Pas we were surprised to learn that this artful furniture from 1847 still adorns the church today, although now restored and in a renovated building. Here, for the first time we could see the 10 commandments printed in the syllabics of the Cree, in the translation of Sakachewescam alias Henry Budd. He has also translated hymns and parts of the Bible into Cree.

The 10 Commandments in Cree Syllabics
The 10 Commandments in Cree Syllabics

We were even more surprised when we learned that Rae and Richardson had been here themselves. Launched in March 1848 in Liverpool, they reached New York in April and shortly thereafter Montreal. A crew of Iroquois and Chippewa eventually brought them to Cumberland House. In the diary of the famous Canadian painter Paul Kane under the date June 12, 1848, the entry reads: “We arrived at the Paw (sic!) where my old friend, Mr. Hunter, … gave me a most hearty welcome … We met here Sir John Richardson and Dr. Rae, en route to Mackenzie River with two canoes in search of Sir John Franklin.“ No doubt, this must have been an interesting encounter!

"Brigade of Boats", Paul Kane - Courtesy of the Royal Ontario Museum, © ROM
“Brigade of Boats”, oil on canvas, 1849-1856; by Paul Kane (1810 Mallow, Ireland–1871 Toronto, Canada) – Courtesy of the Royal Ontario Museum, © ROM

It gets even better: Sir John Franklin himself, too, had a personal relationship with today’s The Pas. On the overland Expedition of 1819, he traveled on the Saskatchewan River and wintered in Cumberland House.

Map of Franklin's journey to Cumberland House
Map of Franklin’s journey to Cumberland House

He also came here on the way there and back on the expedition 1825-1827. He had seen the Cree settlement Opaskwayak already in 1819, and later he recommended to the Church Missionary Society (CMS) to establish a mission here – which ultimately led to the establishment of the “Devon Mission” by Sakachewescam alias Henry Budd.

Sundial, sent by Lady Franklin – © Sam Waller Museum
Sundial, sent by Lady Franklin – © Sam Waller Museum

Franklin was impressed by this small “island of civilization” in the wilderness, and his wife, Lady Jane Franklin, later sent a valuable gift to the Devon Mission (today’s Christ Church): a brass sundial. This sundial had its place in the small Devon Park in front of the church for a long time. But vandalism made it necessary to move it into the Museum — where it is now, safe and on permanent exhibit.

Commemorative plaque in the church
Commemorative plaque in the church
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Überraschungen in The Pas …

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… auch Paskoyak, Basquiaw, The Paw oder Opaskwayak genannt

Reblogged vom August 2018

English version here.

Wir hatten einen festen Reiseplan, wenig Zeit und noch einen weiten Weg vor uns, und deshalb wollten wir das Sam Waller Museum in The Pas eigentlich gar nicht besuchen. Aber als wir partout die Christ Church, ein wichtiges historisches Gebäude im Ort, nicht finden konnten, fragten wir im Museum nach, was zur Folge hatte, dass wir noch zwei Stunden länger in dem kleinen Städtchen im Westen Manitobas blieben – und jede Menge dazulernten.

Die Christ Church von The Pas an einem Regentag
Die Christ Church von The Pas an einem Regentag

Seit Jahrhunderten lebten hier Angehörige der Cree First Nation, vorwiegend von Jagd und Fischfang. Die in Europa bekannte Geschichte des Ortes begann mit dem damals 19jährigen Henry Kelsey, einem Angestellten der Hudson’s Bay Company, der – vermutlich als erster Nicht-Indigener – die Gegend bereiste, um Möglichkeiten für den Pelzhandel mit den Ureinwohnern zu erkunden, und 1690 hier überwinterte. Kelsey arbeitete danach noch lange Zeit für die Company und lernte mehrere Sprachen der sogenannten „Indianer“ (das verloren geglaubte Tagebuch seiner Expedition fand sich 1926 in Irland).

 Erinnerung an Henry Kelsey in The Pas
Erinnerung an Henry Kelsey in The Pas

Ein halbes Jahrhundert später erkundete der Montrealer Forschungsreisende Pierre Gaultier de La Verendrye mit seinen Söhne die Regionen des heutigen Manitobas. Hier am Saskatchewan River gründeten sie 1743 den Handelsposten Fort Paskoyak, der aber schon Mitte der 1750er Jahre seinen Betrieb wieder einstellte.

Ausschnitt einer Karte von Samuel Hearne
Ausschnitt einer Karte von Samuel Hearne

1774 sandte die Hudson’s Bay Company Samuel Hearne aus, um „an einem Basquiaw genannten Platz am Ufer des Saskatchewan River“ ihren ersten Inlands-Handelsposten zu errichten. Da Hearne hier wenig Bauholz fand und die lokalen Cree ihn überzeugten, dass flussaufwärts an einem See ein günstiger Platz läge, gründete Hearne dort die Niederlassung Cumberland House. Sie liegt – in Luftlinie – nur 60 km entfernt von The Pas. Auf dem Saskatchewan River mögen es gut 100 km Ruderarbeit flussaufwärts bedeutet haben. Heute hat Cumberland House zwar eine Straßenanbindung, doch das sind von The Pas 320 km, großenteils grobe Schotterpiste. Es hätte (hin und zurück) mindestens 10 Stunden Autofahrt bedeutet … vielleicht können wir diesen geschichtsträchtigen Ort beim nächsten Mal besuchen?

Sir John Richardson, Gemälde von Stephen Pearce – © National Portrait Gallery, London
Sir John Richardson, Gemälde von Stephen Pearce –
© National Portrait Gallery, London

Cumberland House war eine wichtige Station der Rae-Richardson-Expedition zur Aufklärung des unbekannten Schicksals der Franklin-Expedition. Die beiden unternahmen eine Überland-Expedition zum Great Slave Lake, um anschließend zur Mündung des Mackenzie River vorzudringen und die Küste bis zum Coppermine River und das gegenüberliegende Land (Victoria-Island) abzusuchen. Damit für diese langwierige Reise ausreichend Ausrüstung und Proviant zur Verfügung stand, wurde schon 1847 eine Voraus-Expedition mit zwanzig fähigen Leuten und vier großen Booten vorausgeschickt, um Depots anzulegen. Über Hudson Strait und Hudson Bay kamen die Männer bis zur Hudson’s Bay Station Cumberland House, wo sie überwinterten.

John Rae, Gemälde von Stephen Pearce – © National Portrait Gallery, London
John Rae, Gemälde von Stephen Pearce –
© National Portrait Gallery, London

Fischen und Feuerholzbeschaffung hatten die Männer wohl nicht ganz ausgelastet – und hier kommt Sa-ka-chu-wes’cam („Der auf den Hügel geht“) ins Spiel, ein Cree, der zum Christentum bekehrt und auf den Namen Henry Budd getauft wurde. Zunächst als Farmer tätig, widmete er sich bald der weltlichen wie der geistlichen Bildung der indigenen Gemeinschaft; er war der erste ordinierte indigene Priester der Anglikanischen Kirche in Nordamerika.

Budd-Memorial in der Christ Church
Memorial für Budd in der Christ Church

1840 zog er mit seiner Familie nach Paskoyac, mit dem Auftrag, eine Missionsstation für die Cree aufzubauen. Zahlreiche Cree-Kinder besuchten seinen Schulunterricht, und er versuchte, die Versorgung mit Lebensmittel für die Gemeinschaft mit Gartenbau zu verbessern. Ab 1844 bekam er geistliche Unterstützung durch den weißen Reverend James Hunter, der allerdings ein doppelt so hohes Salär erhielt.

The Pas in einer historischen Darstellung
The Pas in einer historischen Darstellung

Für die Einrichtung der Kirche gab es tatkräftige Unterstützung von der Hilfsexpedition für Rae und Richardson aus dem „benachbarten“ Cumberland House. Diese fähigen Handwerker, darunter ausgebildete Tischler, bauten Kirchenbänke, Taufstein, Altargitter, Kanzel und Gebetspult.

Mobiliar in der Christ Church, angefertigt von Teilnehmern der Rae-Richardson-Expedition
Mobiliar in der Christ Church,
angefertigt von Teilnehmern der Rae-Richardson-Expedition

Wir staunten nicht schlecht, als wir die Christ Church in The Pas schließlich fanden und uns erklärt wurde, dass dieses kunstvolle Mobiliar auch heute noch die Kirche ziert, wenn auch inzwischen restauriert und in einem erneuerten Gebäude. Erstmals sahen wir hier die 10 Gebote gedruckt in der Silbenschrift der Cree – eine Übersetzung von Sakachewescam alias Henry Budd. Er hat auch Teile der Bibel sowie Kirchenlieder in Cree übertragen.

Die 10 Gebote in Cree-Syllabics
Die 10 Gebote in Cree-Syllabics

Noch größer war die Überraschung, als wir erfuhren, dass Rae und Richardson selbst hier waren. Im März 1848 in Liverpool losgesegelt, erreichten sie im April New York und kurz darauf Montreal. Eine Mannschaft von Irokesen und Chippewa brachte sie schließlich nach Cumberland House – über The Pas!
Im Tagebuch des berühmten kanadischen Malers Paul Kane findet sich unter dem Datum 12. Juni 1848 der Eintrag: “Wir erreichten The Paw (sic!), wo mein alter Freund Mr. Hunter … mir ein herzliches Willkommen bot. … Wir trafen Sir John Richardson and Dr. Rae, mit zwei Kanus auf dem Weg zum Mackenzie auf der Suche nach Sir John Franklin.“ Das war damals zweifellos ein interessantes Zusammentreffen!

"Brigade of Boats", Paul Kane - Courtesy of the Royal Ontario Museum, © ROM
“Brigade of Boats”, oil on canvas, 1849-1856; by Paul Kane (1810 Mallow, Ireland–1871 Toronto, Canada) – Courtesy of the Royal Ontario Museum, © ROM

Es wird noch besser: Auch Sir John Franklin selbst hatte eine persönliche Beziehung zum heutigen The Pas. Auf der Überland-Expedition von 1819 reiste er auf dem Saskatchewan River und überwinterte in Cumberland House.

Franklins Route nach Cumberland House
Franklins Route nach Cumberland House

Auch bei der Expedition 1825-1827 kam er auf Hin- und Rückweg hier entlang. Schon 1819 hatte er die Cree-Siedlung Opaskwayak gesehen und empfahl der Church Missionary Society (CMS), hier eine Mission zu errichten – was letztlich zur Gründung der „Devon Mission“ durch Sakachewescam alias Henry Budd führte.

Die von Lady Franklin übersandte Sonnenuhr – © Sam Waller Museum
Die von Lady Franklin übersandte Sonnenuhr – © Sam Waller Museum

Beeindruckt von dieser „Insel der Zivilisation in der Wildnis”, veranlasste er, dass Lady Jane Franklin später der Devon Mission – heute „Christ Church“ – ein wertvolles Geschenk übersandte: eine Sonnenuhr aus Messing. Diese Sonnenuhr hatte lange ihren Platz im kleinen Devon Park vor der Kirche, bis Vandalismus ihr so zusetzte, dass sie nun einen sicheren Platz im Sam-Waller-Museum von The Pas gefunden hat.

Erinnerungstafel an Franklins Geschenk
Erinnerungstafel an Franklins Geschenk
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Jack London – Abenteurer, Seemann, Schriftsteller

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Verfasst zum 100. Todestag des Autors / reblogged zum 103. Todestag

Dawson City an einem sonnigen Tag im September. Nach einigem Umherirren haben wir es endlich gefunden: das Jack London Museum. Ich schließe gerade den Truck-Camper ab, als „Das gibt es doch nicht, was macht Ihr denn hier?“ ertönt. Im Museumsgarten steht ein ehemaliger Kollege mit Familie, den ich seit Jahren nicht gesehen hatte. Welch ein Zufall! Sie waren auf dem Chilkoot Trail den Spuren der Goldsucher gefolgt. Und jetzt führt uns Jack London hier in Dawson City zusammen.

Jack Londons Hütte im Yukon
Jack Londons Hütte im Yukon

Es fällt nicht schwer, die Geschichten Jack Londons zu mögen. Sie enthalten alles, was gute Bücher ausmachen: Abenteuer, Spannung, sie sind leicht lesbar ohne trivial zu sein – und das auch noch mit einem Abstand von mehr als 100 Jahren. Dass wir heute manche Dinge anders beurteilen als Jack London zu seiner Zeit, ist durch den Lauf der tragischen Geschichte des 20. Jahrhunderts erklärbar.

Porträt Jack London– Foto: Library of Congress
Porträt Jack London– Foto: Library of Congress

Sein 100. Todestag am 22.11.2016 war Anlass, wieder einmal einige seiner Bücher in die Hand zu nehmen und zu lesen.

Ein Reclam-Bändchen für 50 Pfennige
Ein Reclam-Bändchen für 50 Pfennige

Wenn ich mich richtig erinnere, war mein erster Jack London ein dünnes Reclam-Heft, das vor 50 Jahren nur 50 Pfennige kostete – „Der Mexikaner Felipe Rivera – Wer schlug zuerst?“ Fasziniert war ich auch von der Geschichte des Einschlag-Glendons, eines jungen Boxers aus „Der Ruhm des Kämpfers“, der seine Gegner mit einem gewaltigen Schlag matt setzte. Für einen Grundschüler, der selber einige Monate zum Boxtraining gegangen war, eine schwer vorstellbare und irgendwie irritierende Geschichte.

“Ex Libris Jack London“
“Ex Libris Jack London“

Glücklicherweise besaß mein Vater einige Bände der Werkausgabe der Büchergilde Gutenberg in der Übersetzung von Erwin Magnus, die von 1928–1934 erschienen waren.

Jack Londons Werke – Ausgabe der Büchergilde Gutenberg

Die hellblauen Leinenbände mit den vergoldeten Rücken und ihrem dem Inhalt angepassten Buchschmuck waren durch häufigen Gebrauch schon etwas verschlissen.

Ein Hobo – Foto: Library of Congress

„Die Abenteuer des Schienenstranges“ – über Jack Londons Erlebnisse als vagabundierender Hobo – habe ich mit einigem Abstand immer wieder einmal gelesen, wie auch sein Pendant von dem anderen Jack, Kerouacs „On the road“. Das Buch hatte ich Mitte der 1970er in einer Taschenausgabe in Budapest erstanden. Noch heute gönne ich mir gelegentlich einen Hellen Wiener á la Jack London – erfunden während dessen anarchistischen Streifzügen mit der Armee General Kellys durch Amerika:
„Und wir lebten großartig. Wir begnügten uns nicht einmal damit, uns unsern Kaffee mit Wasser zu kochen, sondern bereiteten ihn mit Milch, und das wunderbare Getränk nannten wir hellen Wiener.“

Das Tal des Klondike River
Das Tal des Klondike River

Es sollte aber einige Jahrzehnte dauern, bis ich den Ort erreichte, wo Jack London zum Schriftsteller wurde – am Klondike River im kanadischen Yukon, zu Zeiten des Goldrausches. Seine vielleicht bekanntesten Werke sind „Ruf der Wildnis“, „Wolfsblut“ und mein persönlicher Favorit „Die Liebe zum Leben“.

Jack London, "Die Liebe zum Leben"
Jack London, “Die Liebe zum Leben” in einem Insel-Bändchen

In Dawson City, einem Ort, der zu Jack Londons Zeiten gerade erst entstand, erinnert ein kleines Museum an den später weltberühmt gewordenen Autor.

In Jack Londons Cabin
In Jack Londons Cabin

Das interessanteste Objekt ist die halb-originale, halb-rekonstruierte Hütte, in der Jack London während seiner Zeit im Yukon gelebt hatte. In der Wildnis wiederentdeckt hatte sie der Journalist Dick North, der sie abbaute und mit Hilfe des berühmten Gwich’in Joe Henry, dem eigentlichen Wegbahner des “Dempster Highways” (der aus diesem Grunde besser seinen Namen, „Joe-Henry Highway“, führen sollte), nach Dawson brachte. Nachlesen kann man die spannende Geschichte in North’s Buch „Jack London’s Cabin“.

Jack London am Steuerrad
Jack London am Steuerrad

Ich liebe nicht nur seine Geschichten aus dem Norden, sondern auch die rund um die Seefahrt, wie „Der Seewolf“ quer durch den Pazifik, oder „The Cruise of the Snark“ nach Hawaii und weiter.

Die Londons in Waikiki, Hawaii
Die Londons in Waikiki, Hawaii

Jack London genoss das Leben mit vollen Zügen, er liebte und bereiste die Südsee, jedoch immer unter dem Druck, seinen – trotz der Erfolge als Autor noch zu kostspieligen – Lebensstil durch intensives Schreiben zu finanzieren.

Waikiki Beach heute
Waikiki Beach heute

Mit gerade einmal 40 Jahren ging sein Leben früh zu Ende. Die genaue Ursache des Todes konnte nie geklärt werden. Es ist erstaunlich, was für ein Werk er in den wenigen Jahren schaffen konnte! Der größte Teil davon entfaltet sein Wirkung bis heute, auch noch 100 Jahre nach seinem Ableben.

Links das einzige bekannte Foto, das Jack Londons im Yukon zeigt
Links: das einzige bekannte Foto, das Jack Londons im Yukon zeigt
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Johannes Trojan in Kanada

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Gedanken zum Todestag des Schriftstellers am 21.11.1915

reblogged vom 21.11.2015

Johannes Trojan (links) und Dichterfreund Heinrich Seidel
Johannes Trojan (links) und Dichterfreund Heinrich Seidel

Wenn man wie ich in Warnemünde aufgewachsen ist, wird man gelegentlich mit der deutschen Literaturgeschichte konfrontiert. Mein Weg zur Fritz-Reuter-Schule führte mich durch die Trojanstrasse und die Fritz-Reuter-Straße. Den Rückweg ging ich oft gemeinsam mit Schulfreunden durch die John-Brinkmann-Straße und folgte dann der Dänischen Straße in die Wossidlostraße. Weiter zur Ostsee hin gibt es dann noch die Schillerstraße und die Heinrich-Heine-Straße. John Brinkmann, dessen Vorname sich “Joon” spricht, war genauso wie Richard Wossidlo und Fritz Reuter waschechter Mecklenburger, während Schiller und Heine weniger mit der Küste zu tun hatten. Auch zwei Dichter aus Sachsen, Joachim Ringelnatz und Kurt Barthel (KuBa), deren Werk kaum gegensätzlicher hätte sein können, fühlten sich zu Warnemünde hingezogen.

Straßenschilder in Warnemünde
Straßenschilder in Warnemünde

Ein weiterer Dichter im Kreis der Warnemünde besonders verbundenen Literaten war Johannes Trojan, der am 14.8.1837 in Danzig geboren wurde und am 21.11.1915 in Rostock gestorben ist. Trojan hat eine Weile in dem Warnemünder Haus in der Parkstrasse 9 gewohnt, in dem ich meine Jugend verbracht habe. Ich muss allerdings gestehen, dass von Trojans Geist im Haus nichts mehr zu spüren war. Vielleicht liegt das auch daran, dass er nach Aussage seines Biografen Friedrich Mülder nur wenige Wochen in der damaligen Diedrichshäger Chaussee Nr. 9 gewohnt hatte und dann wegen nicht akzeptabler Forderungen seines Vermieters noch einmal einige Häuser weiter gezogen war.

Parkstraße 9 in Warnemünde
Parkstraße 9 in Warnemünde

Trojan, zu seiner Zeit ein bekannter Mann, ist heute zu Unrecht vergessen. Deshalb soll hier an eines seiner weniger bekannten Bücher erinnert werden, das eine ungemein interessante und unterhaltsame Lektüre ist: Auf der anderen Seite: Streifzüge am Ontario-See. Das Buch ist 1902 erschienen und erzählt von einer Reise nach Kanada. Trojan reiste mit seiner Frau, um seine Tochter und deren junge Familie in Toronto zu besuchen, was vor über 100 Jahren noch immer ein echtes Abenteuer war. Das Ganze muss man natürlich selber lesen, leider ist das Buch aber nur noch in guten Bibliotheken oder antiquarisch zu finden. Deshalb hier für alle Trojan- und Kanada-Freunde einige kurze Auszüge zum “Appetit machen”!

Mit dem Schiff „Großer Kurfürst“ reiste Trojan nach Amerika
Mit dem Schiff „Großer Kurfürst“ reiste Trojan nach Amerika

“Gleich hinter Buffalo, das am Erie-See liegt, kommt man nach Canada hinein und verläßt in gewissem Sinne Amerika. Denn die Bewohner Canadas dulden es nicht, daß sie Amerikaner genannt werden; Amerikaner sind für sie die Bewohner der Vereinigten Staaten, die Yankees, die sie hochschätzen, ohne daß sie den Wunsch hegen, mit ihnen verwechselt zu werden. Sie wollen nichts anderes sein und nicht anders genannt werden als Canadier.”

Das Alte Rathaus in Toronto
Das Alte Rathaus in Toronto stand auch damals schon

“Von dem Seeufer, das ihre Basis bildet, breitet sich die Stadt, durch deren Gebiet ein kleiner in den See mündender Fluß, der Don River, strömt, weit nach Osten, Westen und Norden hin aus. Es ist schade, daß Toronto keine Straße am See besitzt; die ganze Wasserseite nehmen, wie auch in Montreal, Hafenanlagen und Fabriken ein.”

Toronto Waterfront
Toronto heute – Am Ufer des Ontariosees

“Im Hafen von Toronto lag der kleine Fracht- und Personendampfer »Persia«, gerüstet zur Fahrt über den Ontariosee und dann weiter den Lorenzstrom hinunter nach Montreal. … Noch am Vormittag legten wir bei Kingston an, das da liegt, wo der Lorenzstrom als Ausfluß der fünf großen Seen beginnt. Am 10. Mai 1841 kam Dickens auf seiner ersten amerikanischen Reise … auch von Toronto her nach Kingston, das er ein sehr armes Städtchen nennt, noch ärmer, als es schon war, durch eine Feuersbrunst geworden, die darin gewütet hatte.”

Die St. George's Cathedral in Kingston, Ontario
Die St. George’s Cathedral in Kingston, Ontario

“Auf der Straße [in Montreal] hatte sich ein Mann mit einem photographischen Projektionsapparat postiert und warf auf die Mauer eines Gebäudes unablässig Bilder, deren jedes auf eine Reklame für eines der Geschäfte der Stadt hinauslief. Eine derartige Reklame war mir noch nicht vorgekommen.”

Blick auf Montreal
Blick auf Montreal

“Als ich dann drüben war, stand mein ganzes Verlangen nach dem nördlichen Waldgebiet. Ich beredete meinen Schwiegersohn dazu, mich auf einer Fußwanderung dorthin zu begleiten. Weshalb er anfangs für die Sache nicht sehr eingenommen war, ist mir später klar geworden. Wir wurden nämlich beide dieser Unternehmung wegen für verrückt gehalten.”

Muskoka
Muskoka im Herbst

“Nun, daraus darf man sich nichts machen, wenn man etwas lernen und seinen Anschauungskreis erweitern will. …Wir nahmen so wenig Gepäck wie möglich mit, ich mußte aber doch auf meine Umhängetasche eine Pflanzenpresse mit einigem Vorrat an Preßpapier aufschnallen, denn ohne das hatte ich keine Aussicht, etwas an botanischer Ausbeute heimzubringen.”

See bei Peterborough, Ontario

“Ich war noch ziemlich klein, als ich schon aus dem »Pfennigmagazin für Kinder« wußte, daß Niagara »donnerndes Wasser« bedeutet, daß ich aber selbst einmal zu diesem donnernden Wasser kommen würde, habe ich bis vor wenigen Jahren nicht für möglich gehalten. So habe ich eines der größten Weltwunder zu sehen bekommen und kann nun in einer Berliner Gesellschaft … sehr wohl … fragen: »Waren Sie auch schon einmal am Niagara?« Nein doch, das thue ich nicht. Denn erstens ist alles Renommieren mir verhaßt, und dann … erscheint man in einem solchen Fall viel glaubwürdiger … wenn man fragt: »Waren Sie auch schon einmal am Schwielowsee oder am Werbelinsee?”

Historische Ansichtskarte - Niagara Falls
Historische Ansichtskarte mit den Niagara Falls

Seit einiger Zeit gibt es übrigens von dem Rostocker Willi Passig eine neue Biografie über Johannes Trojan: “Von Danzig über Berlin nach Rostock“.

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Im Eisland: “Verschollen“ – Aus dem Buchregal

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Graphic Novel von Kristina Gehrmann

Vor einer Woche fand eines von Kristina Gehrmanns neuen Büchern, ” The Jungle” (deutsch” Der Dschungel) nach Upton Sinclairs berühmten Roman, in einem Artikel der NEW York Times hohe Anerkennung Grund genug für uns, unsere Besprechung von ihrem Erfolgsbuch über das Schicksal der Franklin-Expedition mit den Schiffen Erebus und Terror noch einmal zu “rebloggen”.

Auf die Idee, eine Graphic Novel zu lesen (sagt man bei Graphic Novels eigentlich auch „lesen“?), und dann noch drei Bände, erschienen im Abstand von insgesamt 12 Monaten, wäre ich wohl nie gekommen – wenn es nicht DIESES Thema gewesen wäre!
Das Schicksal der gescheiterten Franklin-Expedition ist auch heute noch ein ungelöstes Rätsel, das für viele eine eigenartige Faszination erzeugt. Nur wenige Anhaltspunkte und Fundstücke liegen den Historikern vor, spärliche „Puzzleteile“, die sich auch beim besten Willen noch immer nicht zu einem schlüssigen Gesamtbild fügen. Sie werfen mehr Fragen auf, als sie Antworten geben. Viele Theorien, Spekulationen, Phantasien haben versucht, die Lücken aufzufüllen.
Nun liegt mit „Verschollen“ bereits der dritte Band von Kristina Gehrmanns Trilogie „Im Eisland“ auf dem Tisch. Ich konnte es kaum erwarten, ihn zu lesen: wie wird sie hier mit den vielen offenen Fragen umgehen?

Inuit berichten Hall von den Fremden – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag
Inuit berichten von den Fremden – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

Band I beginnt mit einem Prolog, in dem Inuit ihre Erinnerungen an die fremden Reisenden schildern, oral history, damals, im Jahre 1869, aufgezeichnet vom Arktisforscher Hall. Die von den Inuit über mehrere Generationen bis in die Gegenwart weitergegeben Überlieferungen sind leider mehr als hundert Jahre lang nicht ernst genug genommen worden; wäre sonst vielleicht die Erforschung des Expeditionsverlaufes erfolgreicher gewesen?

Franklin-Expedition verlässt England – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag
Die Franklin-Expedition verlässt England – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

Kapitel 1 des ersten Bandes führt uns ins Jahr 1845. Wir erleben den hoffnungsvollen Aufbruch der Expedition, die endlich die lang gesuchte Nordwestpassage – über die Arktis nach Asien – finden soll. Doch schon bald bremst der arktische Winter die Weiterfahrt… Den Verlauf der Expedition und die Geschehnisse will ich hier nicht weiter vorwegnehmen, lest selber!
Sehr einfallsreich hat die Autorin vermocht, aus teilweise nur dürftig vorhandenen Informationen, wie etwa den Mannschaftslisten, lebendige Charaktere zu schaffen. Vielleicht war es bei den Offizieren der Expedition etwas leichter – immerhin existieren Fotos/Daguerreotypien, manchmal andere Porträts und hier und da auch biografische Informationen, aus denen man wenigstens Hinweise für die bildliche Darstellung und für die Charakterzüge gewinnen kann. Wo die Protagonisten nur einfache Seemänner waren, war die Autorin hingegen völlig auf ihre eigene Vorstellungskraft angewiesen. In beiden Fällen sind die Ergebnisse bewundernswert.

Porträts von Sir John Franklin – rechts: © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag
Porträts von Sir John Franklin – rechts: © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

Kristina Gehrmanns lebendige Bilder von den Geschehnissen des ersten Winters im Eis, vom Leben an Bord, mit Zeitvertreib, einigen Zwischenfällen, ernsten Konflikten – und auch dem ersten Toten – erzeugen Spannung und Mitgefühl; ich bekam Lust auf die Fortsetzung, musste aber noch einige Monate warten.
Im zweiten Band „Gefangen“ sind die Seefahrer mit der gnadenlosen Realität des arktischen Nordens konfrontiert. Die Eissituation durchkreuzt ihre Pläne und Vorhaben, Hunger und Kälte fordern ihren Tribut, die Situation wird immer ernster.
Es ist erstaunlich, wie hier die Geschehnisse mehrerer Jahre auf zwei verschiedenen Schiffen in kürzeren Szenen verdichtet werden. Einige Zeitsprünge sind dabei unumgänglich. Um die Vielzahl der agierenden Personen zu überschauen und zu unterscheiden, hilft in Band II und III eine Personentafel (jeweils am Beginn der Buches).

Es wird nichts ausgespart: Obduktion – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag
Es wird nichts ausgespart: Obduktion – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

Kristina Gehrmanns Zeichenkunst macht nicht nur Atmosphäre an Bord der Expeditionsschiffe des 19. Jahrhunderts nach-erlebbar, sondern auch die menschlichen Beziehungen. Wie schon in den beiden ersten Teilen stellt sich die Autorin auch im Band 3 „Verschollen“ in bemerkenswerter Unerschrockenheit solchen Problemen, die in den meisten anderen Darstellungen der Franklin-Expedition gar nicht erst zur Sprache kommen. Die Vielzahl von Gefühlen, Beziehungen und Konflikten zwischen Menschen in einer Notgemeinschaft werden teilweise auch drastisch dargestellt – ob es um Depressionen, Missbrauch von Medikamenten, sexuelle Beziehungen unter Seeleuten oder schließlich um Kannibalismus geht – doch immer sind die Geschichten anrührend und nachvollziehbar, die Menschen zwischen Verzweiflung und Hoffnung irgendwie menschlich – wenn auch im ganzen Spektrum menschlicher Lebensäußerungen.

Aufbruch der Verzweifelten – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag
Aufbruch der Verzweifelten – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

Kristina Gehrmann gelingt zudem in allen drei Bänden die Gratwanderung zwischen einer spannungsreichen Geschichte und historischer Genauigkeit, soweit die wenigen bekannten Fakten eine solche erlauben. Keine der fundierten historischen Tatsachen, der neuen Funde und Erkenntnisse wird vernachlässigt. Mit einem Kunstgriff – einer Debatte, die Beteiligte an Bord der Schiffe führen – diskutiert sie sogar neueste wissenschaftliche Korrekturen einer vormaligem Theorie zur Bleivergiftung bei den Seeleuten; und auch der Fund des Schiffswracks HMS Erebus im arktischen Ozean von 2014 bereichert den Ausgang des Buches.

„Im Eisland“ ist auch Sachbuch – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag
„Im Eisland“ ist auch Sachbuch – © 2016 Kristina Gehrmann, Hinstorff Verlag

„Im Eisland“ ist somit – neben aller Fiktion und Fantasie, aller spannenden Erzählung und lebendigen Zeichenkunst – gleichzeitig noch ein Sachbuch, das die derzeit verfügbaren historischen und geografischen Informationen zur Franklin-Expedition bildhaft, aber seriös zusammenfasst und sogar Ereignisse im Umfeld, etwa Episoden aus den Suchexpeditionen damals wie heute, mit einbringt. Sehr zu empfehlen!

Dieser Beitrag wurde erstmals im März 2016 veröffentlicht.

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