Vor 166 Jahren: Warten auf den Eisaufbruch

reblogged/neubearbeitet vom August 2013

Kein Jahr ist wie das andere. Wo in einem Jahr die Durchfahrt durch das Polarmeer einfach war, kann sie im nächsten unmöglich sein. Selbst mit der heutigen überdurchschnittlichen Erwärmung der Arktis und der extremen Abnahme der Eisbedeckung kann – insbesondere im kanadischen Archipel – die Schiffahrt durch die Eissituation örtlich stark behindert werden. Wind und Meeresströmungen bewirken die Konzentration von Treibeis inbesondere in schmaleren Wasserstraßen und zwischen den Inseln; Voraussagen sind schwer zu treffen.

Eiskarte August 2019
Eiskarte August 2019 – Grafik: Courtesy of CIS, Environment Canada

Schon so manche Segeljachten warteten in vergangenen Jahren ungeduldig vor der Bellot Strait oder anderswo auf den Eisaufbruch, um ihr Ziel – das Passieren der “Nordwestpassage” – erreichen zu können; oft jedoch vergebens! Insbesondere für kleinere Segelschiffe und Ruderboote kann eine stärkere Eisbedeckung ein unüberwindbares Hindernis darstellen. Noch ist die übliche Saison der Eisschmelze nicht vorüber, doch deutet vieles darauf hin, dass in diesem Sommer ein neuer Minimalrekord erreicht wird – das mag gut für die sportlich-ehrgeizigen Ziele der Segler sein, es ist katastrophal für den Rest der Welt.

Treibeisfelder: Überall Eis
Treibeisfelder: Überall Eis

Vor 166 Jahren, im Sommer 1853, warteten auch die Geretteten von der im Eis aufgegebenen HMS Investigator sehnlichst auf den Aufbruch des Eises. Sie waren mittlerweile in Sicherheit, bei Dealy Island südlich von Melville Island in der westlichen Arktis, an Bord der (noch immer im Winterquartier festgefrorenen) Rettungsschiffe HMS Resolute und HMS Intrepid. Nachdem sie drei Winter lang in der Arktis zugebracht und dabei Hunger, Kälte und Krankheit durchgestanden hatten, wollten sie aber sehnlichst zurück nach England!

Sportspiele der Schiffsmannschaften - G. McDougall
Sportspiele der Schiffsmannschaften – zeitgenössische Grafik von G. McDougall

Die Schiffe waren längst segelfertig, alles war vorbereitet, aber das Eis regte sich nicht. Die Männer lenkten sich mit Sportspielen und Wettkämpfen an Land ab. Doch dann änderte sich das Wetter:

„18. August. Ein starker Wind wurde zu einem starken Sturm; … die unübersehbare Eisfläche wurde in wenigen Stunden in Stücke zerbrochen … das Steuerruder der Resolute und zwei kleine Boote von der Intrepid wurden … zertrümmert. Gegen Abend ließ der Sturm nach, und beide Schiffe saßen unbeweglich fest in den Eisschollen.“
„19. August. Mit dem Eis ostwärts getrieben. Beide Schiffe sind so mit Eisstücken umlagert, dass weder Segel noch Dampfmaschine zu brauchen sind.“
„21. August. Beide Schiffe liegen noch hülflos mit Eis umlagert und treiben mit demselben langsam nach Ost. Wir sind soweit entfernt vom Lande, dass wir dasselbe nicht sehen können. – Meinen vierten Geburtstag in diesem Eismeer verbrachte ich ganz in der Stille …“

Als Johann August Miertsching aus Gröditz in Sachsen, aus dessen Tagebuch diese Zitate stammen, im Januar 1850 seine Reise antrat, hätte er wohl kaum erwartet, dass er nach vier Jahren noch immer nicht zurückgekehrt sein würde. Die britische Admiralität hatte ihn als Übersetzer für Inuktitut, die Sprache der Inuit (oder „Eskimo“, wie man damals sagte), angeheuert. Er nahm an Bord der HMS Investigator an der Suchexpedition teil, die das Schicksal der verschollenen Franklin-Expedition aufklären sollte. –
Doch auch seinen nächsten Geburtstag konnte Miertsching noch nicht zuhause feiern – er musste noch ein weiteres Jahr warten, dafür sorgten schwierige Eisbedingungen; später mehr dazu.

Das Schicksal der verschollenen Franklin-Expedition aufklären soll auch die diesjährige Expedition der Unterwasser-Archäologen von Parks Canada an den Wracks von HMS Erebus und HMS Terror, die demnächst beginnen wird. Bevor diese Wracks 2014 bzw. 2016 aufgespürt wurden, hatten über Jahre hinweg jeweils im kurzen Zeitfenster des arktischen Sommers, wenn die in Frage kommenden Regionen einigermaßen eisfrei waren, Suchexpeditionen stattgefunden. Mithilfe von Seitensonar-Geräten wurde damals der arktische Meeresboden gescannt, sobald Eisbedingungen und Wetter es erlaubten – Streifen für Streifen; gründlich, eintönig, ermüdend – doch lange Zeit ohne jeden Erfolg.

Seitensonar wird aus dem Wasser geholt – Foto Credit: T. Boyer, Parks Canada
Rückblick auf die Suchexpedition 2013: Am Abend des ersten Tages wird das Seitensonar aus dem Wasser geholt – Foto Credit: T. Boyer, Parks Canada
Der Unterwasserarchäologe Ryan Harris 2013  – Foto Credit: Parks Canada
2013: Der Unterwasserarchäologe Ryan Harris arbeitete noch spät in der Nacht, um die Daten des Seitensonars vom arktischen Meeresgrund zu erfassen – Foto Credit: Parks Canada

Nunmehr, 2019, haben die Unterwasserarchäologen ganz andere Aufgaben an den Wracks der Franklin-Expedition durchzuführen – bestimmt nicht eintönig, aber durchaus schwierig und nicht ohne Risiko. Wünschen wir ihnen dafür Glück und gutes Wetter!

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