Friedhof – ein russisch geflickter Mantel

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Impressionen von der Bering-Insel

reblogged vom November 2017

Millionen Jahre brausen die Wellen gegen die Basaltriffe. Im Inneren der Insel liegen die Knochen der Seeleute, nicht länger als 276 Jahre. Die Knochen der anderen Lebewesen liegen tiefer vergraben, oder das Meer hat die Leichen und Kadaver am Ufer abgeräumt.
Unter dem maroden alten Schulgebäude liegt das Gräberfeld des 19. Jahrhunderts. In den Gehirnen der Funktionäre war kein Platz für Geschichte, obwohl es anderswo auf der Insel tausendmal Platz für die Schule gegeben hätte.

Unter dem Sowjetstern (das Vergangene) –  Foto © Ullrich Wannhoff
Unter dem Sowjetstern (das Vergangene) – Foto © Ullrich Wannhoff

An dem grünen Holzgebäude nagen Wind, Schnee, Frost und der häufige Regen. Die Indigenen sind an Zahl viel zu gering, sich dagegen aufzubäumen. Das Blut ist über die Generationen vermischt. Wer sagt: „Ich gehöre dazu“, der lügt. Nur ein empirisches Kleid schaut aus dem russischen Mantel heraus. Zu wenig für eine Identität. Die Sowjetzeit löschte die russischen Orthodoxen Kreuze aus. Der Sowjetstern sticht gegen den grauen Himmel empor. „Der erlöscht nie“, dachten die Führer der bolschewistischen Partei und betäubten das Volk mit wirtschaftlichen Großtaten, die heute in absurden Landschaften brach liegen.

Orthodoxe Kirche und Wohnhaus  –  Foto © Ullrich Wannhoff
Orthodoxe Kirche und Wohnhaus – Foto © Ullrich Wannhoff

Der heutige Friedhof liegt an einer Bergschräge, unauffällig hinter dem Dorf, vor den aufgegebenen Kartoffelfeldern. Weit dahinter beginnt die Tundra mit einer breiten Feuchtwiese, die von Bächen zerfurcht wird. Lachse laichen. Das kalte Schmelzwasser fließt durch den See, und am Ende des Dorfufers erreichen die jungen Lachse das ersehnte Meer.

Gräberfeld der Orthodoxen Kirche –  Foto © Ullrich Wannhoff
Gräberfeld der Orthodoxen Kirche – Foto © Ullrich Wannhoff

Orthodoxe Kreuze schmücken das überwachsene Gräberfeld. Das sowjetische Imperium hat sich verabschiedet. Die Sehnsucht nach dem alten russischen Mantel wird geflickt. Gogol erscheint als Gespenst des 19. Jahrhunderts. Wer kennt Gogol auf der Insel? – die düsteren Straßen von Petersburg, die windigen Ecken, wo das Elend der niederen Gesellschaft lebte? Der Geruch der Kanäle, der Dreck der Hinterhöfe, wo der Mensch die Ratten mitbrachte, während die Kuppeln und Dächer in Gold erglänzen?

Die neuen Grabsteine –  Foto © Ullrich Wannhoff
Die neuen Grabsteine – Foto © Ullrich Wannhoff

Verschämt werden rote Sowjetsterne ausgetauscht gegen orthodoxen Kreuze. „In unserer Verwandtschaft gab es keine Kommunisten“, so oder ähnlich kann man es interpretieren. Die Kirche ist ihnen fremd.

Ein neues Grab vom August 2017: Wladimir Fomin, Fischinspektor, der 
die Natur und die Insel liebte –  Foto © Ullrich Wannhoff
Ein neues Grab vom August 2017: Wladimir Fomin, Fischinspektor, der
die Natur und die Insel liebte – Foto © Ullrich Wannhoff

Der Ikonostas glitzert reich und neu. Wie ein unbekanntes Märchen einer fremden Welt steht das Bilderprogramm vor den Einwohnern. Wer schaut schon ins Wikipedia, um die Geschichte der russischen Orthodoxie zu verstehen? Nur das Gefühl sagt, ich gehöre dazu. Der Präsident weiß das zu nutzen.

Ausschnitt vom Ikonostas –  Foto © Ullrich Wannhoff
Ausschnitt vom Ikonostas – Foto © Ullrich Wannhoff
Lachspakete werden verfrachtet –  Foto © Ullrich Wannhoff
Lachspakete werden verfrachtet – Foto © Ullrich Wannhoff

Der Pfarrer steht mit seinem leeren Kinderwagen allein an der Pier und schaut melancholisch in die Weite. Zuvor transportierte er eine Kiste, die im Dampfer verstaut wurde. Dreißig Tonnen Lachse werden von den Fischern verfrachtet. Keiner kümmert sich um ihn. Der Dialog mit Gott findet in seinem schwarzen Mantel statt, und keiner sieht es.

Gott im Gespräch mit dem Kinderwagen –  Foto © Ullrich Wannhoff
Gott im Gespräch mit dem Kinderwagen – Foto © Ullrich Wannhoff
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