Bären in Kamtschatka – Teil I: Menschen hinterm Weidezaun

Aufrufe: 30

Bärenbeobachtung – Am Kurilensee in Kamtschatka

Reblogged vom Oktober 2016

Ein bewaffneter Parkranger holt uns an der Hängebrücke am Fluss Osernaya ab. Unser Gepäck mit gesamter Küche liegt im Aluboot und die Fahrt geht zum Kurilensee. Wir laufen einen 12 Kilometer langen Weg durch ein Flusstal.

Fels aus hellem Tuff – Foto: © Ullrich Wannhoff
Fels aus hellem Tuff steht im Grünen – Foto: © Ullrich Wannhoff

Majestätisch erheben sich links von uns weiße Felswände aus hellen Tuffgestein, eingebettet in Grün. Nach einem reichlich drei Stunden langen Marsch entlang des Flusses Osernaja kommen wir am sonnigen Nachmittag ans Ziel.

Fluss Osernaja mit dem Vulkan Illjynski – Foto: © Ullrich Wannhoff
Fluss Osernaja mit dem Vulkan Illjynski – Foto: © Ullrich Wannhoff

Der Blick, der sich auf den See öffnet, bietet ein fast langweiliges „Postkarten“-Wetter mit blauem Himmel; die brennende Sonne wirft violette Schatten. Am gegenüberliegenden Seeufer begrüßt uns ein alter, roter (weil Eisenoxid enthaltender) Vulkankegel, der Illjynski mit einer Höhe von 1577 m. Das Panorama wird durch einen Elektrozaun zerschnitten. Es ist ein Kuhweidezaun, wie wir ihn bei uns zu Hause kennen. Nur dass wir die Kühe sind – und die Bären frei herumlaufen.

Unsere verschiedenen Unterkünfte – Foto: © Ullrich Wannhoff
Unsere verschiedenen Unterkünfte – Foto: © Ullrich Wannhoff

In dem eingezäunten Grundstück sieht es aus wie bei uns: Wasserklosett, fabelhaft eingerichtete Küchen und Aufenthaltsräume für die ankommenden Gruppen. Unterkünfte in großen Zelten oder in modernen Holzhäusern.

Verbots- und Gebotsschilder – Foto © Ullrich Wannhoff
Verbots- und Gebotsschilder – Foto: © Ullrich Wannhoff

Am Elektrozaun beginnt die Inszenierung. sie erinnert mich an Theaterstücke von Goldoni, wo die Szenerie wie eine Guckkastenbühne aufgebaut ist. Der offene und einsehbare Uferstreifen – zweihundert Meter davon sind frisch gemäht. Dahinter beginnen die Weidenwälder, gemischt mit Steinbirken und Hochstauden, die die hohen Berghänge bedecken.

Bärenmutter mit vier Jungen – Foto: © Ullrich Wannhoff
Bärenmutter mit vier Jungen – Foto: © Ullrich Wannhoff

Eine Bärin mit vier Jungen kommt aus dem Weidengebüsch am Ufer und läuft von links nach rechts. Die Jungen sind in diesem Jahr geboren. Wieder von links nach rechts kommt noch eine Bärin mit zwei großen Jungen, die eventuell noch in diesem Jahr von der Mutter verlassen werden. Dann kommt ein Junggeselle auf die Bühne – schon von der Mutter entwöhnt. Er läuft von rechts nach links und ist ängstlicher als die anderen Bären.

Landebrücke – Foto: © Ullrich Wannhoff
Landebrücke – Foto: © Ullrich Wannhoff

Am offenen Uferstreifen befindet sich die Anlegestelle für die Boote, die uns zu den Flussmündungen am See fahren, wo die Bären fischen. Aber vorher werden die beiden Elektrodrähte entkoppelt und dann wieder eingehängt und angeschlossen.

Bärenmutter mit Jungem im Gehen – Foto: © Ullrich Wannhoff
Bärenmutter mit Jungem im Gehen – Foto: © Ullrich Wannhoff

Mit dem Boot fahren wir recht dicht an den fischenden Bären vorbei, die uns keines Blickes würdigen, weil die Lachse viel wichtiger sind. Wie war das bei Brecht? „Zuerst das Fressen und dann die Moral“. Die Braunbären haben sich über die Jahrzehnte an uns Menschen gewöhnt.

Hütte der Ranger – Foto: © Ullrich Wannhoff
Hütte der Ranger – Foto: © Ullrich Wannhoff

Am Ufer werden wir vom Bootsführer mit dem Ranger entlassen und stehen nun am Waldesrand und beobachten die Bären auf den Sandbänken mit den vom Fluss vorgeschobenen weichen Sedimenten. Hier sind die Laichplätze der Lachse (Nerka = Blaurückenlachs). Ein großer alter kampferprobter Bär ist „Platzhirsch“.

Baer kuehlt sich ab - Foto: © Ullrich Wannhoff
“Platzhirsch” Bär kühlt sich im Wasser des Kurilensees – Foto: © Ullrich Wannhoff

Läuft er über die Sandbänke, verschwinden alle Bären im Gebüsch. Verlässt er diesen Platz, kommen die jüngeren Bären zögerlich aus den Hochstauden.

Blickt zu seinen Artgenossen – Foto: © Ullrich Wannhoff
Blickt zu seinen Artgenossen – Foto: © Ullrich Wannhoff

Dabei gibt es unter den kleineren Bären wieder eine Rangordnung. Ein recht junger Bär fischt erfolgreich einen Lachs und muss auf der Hut sein, schnell zu fressen, bevor Neider kommen. Den letzten Rest des Lachses verzehrt er im Wegrennen.

Junger Bär holt sich ein Lachs – Foto: © Ullrich Wannhoff
Junger Bär holt sich ein Lachs – Foto: © Ullrich Wannhoff

Unser großer Bär läuft in fast fünfzehn Meter Abstand an uns vorbei. Der Ranger hat schon den Schraubverschluss der Leuchtpatrone an der Hand. Das Gewehr ist noch über der Schulter. Wir halten den Atem an. Angst habe ich keine, aber mächtigen Respekt!

Keine zwei Meter von uns „grast“ der Bär – Foto: © Ullrich Wannhoff
Keine zwei Meter von uns „grast“ der Bär – Foto: © Ullrich Wannhoff

Auf den Uferstreifen, der auf einer Länge etwa dreihundert Meter auf jeder Seite einsehbar ist, zähle ich etwa zwanzig Braunbären. Nach zwei Stunden werden wir mit dem Boot wieder abgeholt zur „Kuhweide“.

Dreijähriger Bär auf der Sandbank – Foto: © Ullrich Wannhoff
Dreijähriger Bär auf der Sandbank – Foto: © Ullrich Wannhoff

Auch wenn das alles ein wenig an „Zoofotografie“ erinnert, bleibt es doch ein schönes Erlebnis. Die Bärenmutter mit den vier Jungen hat sich so an unsere kleine Siedlung gewöhnt, dass sie ihre Jungen dicht am Elektrozaun säugt. Unter den Menschen ist sie sicherer, als in der freien Wildnis, wo ihr männliche Bären nachstellen.

Friedlich und ohne Hast läuft die Bärenmutter an uns vorbei – Foto: © Ullrich Wannhoff
Friedlich und ohne Hast läuft die Bärenmutter an uns vorbei – Foto: © Ullrich Wannhoff

An einem Tag zähle ich fünf ankommende Hubschrauber, aus denen „Busladungen“ von Menschen aussteigen.

Hubschrauber fliegen fast täglich ein und aus, je nach Wetter – Foto: © Ullrich Wannhoff
Hubschrauber fliegen fast täglich ein und aus, je nach Wetter – Foto: © Ullrich Wannhoff

Jedem sei es vergönnt, seinen Bären zu fotografieren – so wie ich es mit großer Freude tat.

Ein kalter Nebel über den Kurilensee löst sich langsam auf – Foto: © Ullrich Wannhoff
Ein kalter Nebel über den Kurilensee löst sich langsam auf – Foto: © Ullrich Wannhoff

Fortsetzung dieses Beitrages: “Bären auf Kamtschatka Teil II – Jagd gestern und heute

Dieser Beitrag wurde unter Sibirien abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.