Polar-Rendezvous: “Graf Zeppelin” und “Malygin”

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Erinnerung an ein außergewöhnliches Treffen auf Franz-Josef-Land

Am 27. Juli 1931, vor genau 90 Jahren, fand ein weltweit Aufsehen erregendes „Polar-Rendezvous“ in der „Stillen Bucht“ (Бухта Тихая / Buchta Tichaja) von Hooker Island auf Franz-Josef-Land statt, an dem einige bedeutende Arktisforscher ihrer Zeit – wenn auch nur für 15 Minuten – zusammentrafen.

Endless. Franz Josef Land 
Foto Christopher Michel
“Endless. Franz Josef Land” – Foto von Christopher Michel, Wikipedia

Hooker Island liegt im Süden des Archipels und wurde erstmals bei der Entdeckung von Franz-Josef-Land durch die Österreich-Ungarische Nordpolexpedition von Carl Weyprecht und Julius Payer gesichtet. Ihren Namen erhielt die Insel von dem britischen Forscher Benjamin Leigh Smith während seines Aufenthalts auf der Insel 1880-82. Er benannte sie nach dem Botaniker Joseph Dalton Hooker, Teilnehmer der Antarktisexpedition von James Clark Ross und Franzis Crozier und ein enger Freund von James Darwin.

Julius Payer und Karl Weyprecht
Die Entdecker von Franz-Josef-Land, Julius Payer und Karl Weyprecht, im “Wiener Extrablatt”

Nach Weyprecht, Payer und Leigh widmeten sich verschiedene Expeditionen der Erforschung von Franz-Josef-Land, darunter Persönlichkeiten wie Fridtjof Nansen und Hjalmar Johansen, Frederick George Jackson, Walter Wellman, Luigi Amedeo, Evelyn Baldwin, Anthony Fiala und Georgi Jakowlewitsch Sedow. Der erste Deutsche war übrigens Franz Lang alias Francis Long, Überlebender der Greely-Expedition und der arktiserfahrenste Teilnehmer der Expeditionen von Baldwin und von Fiala.

Rissische Briefmarke
Russische Briefmarke aus Anlass des Treffens

Auf den Luftschiffer Walther Bruns und auf Fridtjof Nansen geht die Gründung einer Gesellschaft zur Erkundung der Arktis mit Luftfahrzeugen im Jahr 1924 zurück, genannt „Aeroarctic“. Obwohl es schon zuvor Versuche mit Flugzeugen – u.a. von Jan Nagórski und Arthur Neumann – wie auch mit Ballons bzw. Luftschiffen (Salomon August Andrée, Wellmann, Roald Amundsen und Umberto Nobile) gegeben hatte, stand die Entwicklung des arktischen Flugwesens noch ganz am Anfang.

Zeppelin - Alexander Kircher
Phantasie-Gemälde zum Treffen des Zeppelins mit dem Eisbrecher Malygin
von Alexander Kircher

Eine lange von Aeroarctic geplante Fahrt des Luftschiffes „Graf Zeppelin“ über die noch immer nahezu unbekannte arktische Region nördlich von Russland verzögerte sich durch den Tod von Nansen und wegen erheblicher Finanzierungsprobleme. Doch schließlich konnte sie endlich im Juli 1931 stattfinden. Für den 27. Juli wurde ein Treffen mit dem sowjetischen Eisbrecher „Malygin“ an der neu errichteten Wetterstation an der „Stillen Bucht“ von Hooker Island vereinbart.

 Eisbrecher Malygin, Foto: Walter Basse
Der Eisbrecher “Malygin”, Foto: Walter Basse

An Bord des Zeppelins waren u.a. die bekannten sowjetischen Arktisforscher Rudolf Samoilowitsch und Pawel Moltschanow, beide spätere Opfer des stalinistischen Terrors, und der in den folgenden Jahren weltberühmt gewordene sowjetische Funker Ernst Krenkel. Das Luftschiff wurde von Hugo Eckener geführt, dem Leiter der Zeppelin-Werke in Friedrichshafen am Bodensee.

Rudolf Lasarewitsch Samoilowitsch und Hugo Eckener
Rudolf Lasarewitsch Samoilowitsch und Hugo Eckener Bundesarchiv Bild 102-12053

Weitere Teilnehmer waren der amerikanische Finanzier von Amundsens Nordpol-Expeditionen, Lincoln Ellsworth, der deutsche Arzt Ludwig Kohl-Larsen, die Wissenschaftler Ludwig F. Weickmann, Gustav S. Ljungdahl, Edward H. Smith, dazu Fotografen und Journalisten, unter ihnen Arthur Koestler für den Ullstein-Verlag.

Ernst Krenkel
Der sowjetische Funker Ernst Krenkel

An Bord der Malygin befanden sich der bedeutende sowjetische Wissenschaftler Wladimir Wiese, der Italiener Umberto Nobile, verschiedene Journalisten, sogar einige Touristen und der bis dahin nahezu unbekannte Postmeister Iwan Papanin, später weltbekannter Leiter der ersten sowjetischen Nordpol-Driftstation.

Der sowjetische Wissenschaftler Wladimir Wiese

Zur Ko-Finanzierung der Expedition nutzte man die Herausgabe von Briefmarken und die Beförderung von Briefpost, die mittels Sonderstempeln den ungewöhnlichen Weg des Luftschiffes von Friedrichshafen über Leningrad nach Franz-Josef-Land sowie des Eisbrechers Malygin dokumentierten. Bis zu 50.000 Briefe wurden von enthusiastischen Sammlern und Händlern auf den Weg gebracht. Bis heute erzielen diese Dokumente früher Arktisaktivitäten hohe Preise auf Auktionen.

Sammlerstück mit Sonderstempeln
Sammlerstück mit Sonderstempeln (Wikimedia)

Am frühen Abend des 27. Juli war es soweit. Die Malygin lag vor der Wetterstation vor Anker. Der riesige Zeppelin näherte sich langsam dem Schiff und wasserte vorsichtig 200m vom Schiff entfernt. Ein Beiboot der Malygin brachte Tausende Briefe, gut gesichert vom Postmeister Papanin.

Die Wasserung des Zeppelins - Postkarte
Die Wasserung des Zeppelins, im Hintergrund die Malygin – Postkarte

Nobile begrüßte eiligst den „Kollegen“ Ellsworth mit Handschlag, die Briefe vom Zeppelin wurden herabgelassen, die von der Malygin hochgereicht, und damit war das kurze Treffen auch schon beendet, denn Luftschiff-Kapitän Eckener drängte, schnellstens aufzusteigen, da plötzlich Eisschollen in die Bucht trieben und er den Zeppelin nicht in Gefahr bringen wollte. Über Sewernaja Semlja, die Taimyr-Halbinsel und Nowaja Semlja ging die Reise zurück, weiter über Berlin bis Friedrichshafen, insgesamt eine Strecke von mehr als 10.000 Kilometern.

Postmeister Iwan Papanin
Postmeister Iwan Papanin

Obgleich das Treffen kurz war, stand es am Beginn einer langjährigen und ergebnisreichen Zusammenarbeit von deutschen und sowjetisch/russischen Forschern in der Arktis, die, unterbrochen durch den zweiten Weltkrieg, bis heute anhält. Im August 2021, 90 Jahre nach dem Treffen des deutschen Luftschiffes „Graf Zeppelin“ mit dem sowjetische Eisbrecher „Malygin“, wird sie auf dem russischen Forschungs-Eisbrecher „Akademik Trjoschnikow“ im gleichen Gebiet fortgesetzt: Die Arctic Century Expedition, organisiert und vorbereitet vom Schweizerischen Polarinstitut, dem russischen Forschungsinstitut AARI und vom GEOMAR in Kiel, führt in die Region um Franz-Josef-Land und Sewernaja Semlja.

Eisbrecher Malygin auf einer Briefmarke
Eisbrecher Malygin auf einer Briefmarke

Interessante Bücher zum Thema sind: P.J. Capelotti: “The Greatest Show In The Arctic – The American Exploration of Franz Josef Land 1896-1905”; Mitya Kiselev: Life and Love in Tikhaya Bukhta”; Ernst Krenkel: “Mein Rufzeichen ist RAEM”. Mehr Details auch in den Artikeln von Barbara Schennerlein in “Polarforschung”, 84. Jg, Nr. 2 (2014) sowie von Diedrich Fritzsche und von Barbara Schennerlein in “Polarforschung”, 88. Jg. Nr. 1 (2018).

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