Von Mecklenburg nach Patagonien und Feuerland

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Gunther Plüschow und Ernst Dreblow – fast am Ende der Welt

reblogged vom April 2016

Das „Ende der Welt“ ist eine Ortsbezeichnung, aber auch eine Zeitangabe. Üblicherweise denkt man an weit entfernte und schwer erreichbare Sehnsuchtsorte wie Tasmanien, Feuerland, Kamtschatka oder den Nordpol – obwohl gerade der letztere kein Ort, sondern nur eine Fiktion ist. Und Pessimisten und Verschwörungstheoretiker spekulieren über ein anderes „Ende der Welt“ – ihren nicht allzu fernen Untergang.

Grandiose Bergwelt – Cuernos del Paine
Grandiose Bergwelt – Cuernos del Paine

Für zwei deutsche Flugpioniere aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts waren diese beiden „Enden der Welt“ auf tragische Weise miteinander verbunden: den in München geborenen Mecklenburger Gunther Plüschow und den Rand-Berliner Ernst Dreblow. Plüschow, ein Flugpionier im 1. Weltkrieg, war besonders durch die Flucht mit seiner Taube aus der umzingelten deutschen Kolonie Tsingtau in China bekannt geworden.

Gunther Plüschow
Gunther Plüschow
Gunther Plüschow  und Ernst Dreblow
Gunther Plüschow und Ernst Dreblow

Dreblow arbeitete nach dem Krieg in den Berliner Askania-Werken, einem der seinerzeit führenden Unternehmen der Mess-, Navigations- und Kameratechnik. Die Kombination beider Talente und Erfahrungen machte aus ihnen ein erfolgreiches Team in der Geschichte des frühen kommerziellen Flugwesens. Von Plüschow stammte die Idee, sich als Flieger am weitgehend unerschlossenen „Ende der Welt“ Südamerikas – in Patagonien und Feuerland – zu versuchen. Dreblow, ein exzellenter Techniker, war für ihn der ideale Partner.

Wolkiger Tag in der Magellanstraße
Wolkiger Tag in der Magellanstraße

Ende November 1927 brach Plüschow mit dem speziell für ihn gefertigten Kutter Feuerland nach Südamerika auf. Gleichzeitig begleitete Dreblow den Transport eines zerlegten Flugzeuges der Warnemünder Heinkel-Werke auf einem Dampfer nach dem chilenischen Punta Arenas an der Magellanstraße.

Der Kutter Feuerland
Der Kutter Feuerland

Hier bauten sie den Doppeldecker Tsingtau zusammen. Es begann eine schwierige und auch gefährliche Erforschung der Eis- und Bergwelten Patagoniens und Feuerlands und der Kanäle, Seen und Wasserwege an diesem bis dahin nur wenig bekannten „Ende der welt”.

Das Flugzeug Tsingtau, eine Heinkel HD 24
Das Flugzeug Tsingtau, eine Heinkel HD 24

Antoine de Saint-Exupéry, weltberühmter Autor von „Der kleine Prinz“, war übrigens eine Art Pendant zu Plüschow: ein wagemutiger Pilot, erfolgreicher Schriftsteller selbst bis in den Tod.

Blick auf den schneebedeckten Monte Sarmiento
Blick auf den schneebedeckten Monte Sarmiento

Von den Ureinwohnern, die diese Insel- und Bergwelten seit Jahrhunderten bewohnt hatten, waren allerdings „dank“ der weißen Kolonisatoren damals leider nur noch wenige am Leben.

Die Ureinwohner vom Selknam-Volk – Foto: Alberto M. de Agostini
Die Ureinwohner vom Selknam-Volk – Foto: Alberto M. de Agostini

Die gewaltigen Gebirge, die zahlreichen Wasserstraßen, die schwer zugänglichen und weithin menschenleeren Gebiete mit ihren Naturschönheiten aus der Luft zu erkunden, war eine faszinierende Aufgabe für Plüschow und Dreblow. Ähnlich wie ein paar Jahre zuvor ihr Kollege Arthur Neumann, der mit dem Ziel “Nordpol” über Spitzbergen flog, überquerten sie auch ausgedehnte Schneefelder und Gletscher.

Leuchttum Les Éclaireurs im Beagle-Kanal
Leuchttum Les Éclaireurs im Beagle-Kanal

Nach einem Zwischenaufenthalt in Deutschland, wo Plüschow sein Buch Silberkondor über Feuerland und einen mit Dreblow gedrehten Dokumentarfilm vorgestellt hatte, kehrte Plüschow im Dezember 1930 nach Patagonien zurück, um seine Erkundungsflüge fortzusetzen.

Die berühmten Torres del Paine
Die berühmten Torres del Paine

Nur wenige Wochen später stürzte ihr Flugzeug infolge eines Maschinenschadens über dem Lago Argentino ab. Plüschow und Dreblow konnten nur noch tot geborgen werden.

Gedenkstein für Plüschow und Dreblow
Gedenkstein für Plüschow und Dreblow

Heute erinnern Denkmale in der Nähe der Absturzstelle und nahe ihres Basislagers an die beiden enthusiastischen Flieger.

Pinguine im Beagle-Kanal
Pinguine im Beagle-Kanal

Noch immer aber sind Patagonien und Feuerland für Reisende eines der schönsten „Enden der Welt“ – mit grandiosen Landschaften, unberührter Natur und einer einmaligen Tierwelt.

Abenteuerliche Fahrt über eine schmale Brücke
Abenteuerliche Fahrt über eine schmale Brücke

An die ursprünglichen Bewohner von Feuerland erinnern heute aber nur noch eine Reihe von Bücher und Fotografien aus vergangener Zeit, einige wenige Filmaufnahmen – sowie eine Handvoll Denkmale oder Bildkunstwerke.

Kataix, gehörnter Wald-Geist der Selknam
Kataix, gehörnter Wald-Geist der Selknam
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Friedhof – ein russisch geflickter Mantel

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Impressionen von der Bering-Insel

reblogged vom November 2017

Millionen Jahre brausen die Wellen gegen die Basaltriffe. Im Inneren der Insel liegen die Knochen der Seeleute, nicht länger als 276 Jahre. Die Knochen der anderen Lebewesen liegen tiefer vergraben, oder das Meer hat die Leichen und Kadaver am Ufer abgeräumt.
Unter dem maroden alten Schulgebäude liegt das Gräberfeld des 19. Jahrhunderts. In den Gehirnen der Funktionäre war kein Platz für Geschichte, obwohl es anderswo auf der Insel tausendmal Platz für die Schule gegeben hätte.

Unter dem Sowjetstern (das Vergangene) –  Foto © Ullrich Wannhoff
Unter dem Sowjetstern (das Vergangene) – Foto © Ullrich Wannhoff

An dem grünen Holzgebäude nagen Wind, Schnee, Frost und der häufige Regen. Die Indigenen sind an Zahl viel zu gering, sich dagegen aufzubäumen. Das Blut ist über die Generationen vermischt. Wer sagt: „Ich gehöre dazu“, der lügt. Nur ein empirisches Kleid schaut aus dem russischen Mantel heraus. Zu wenig für eine Identität. Die Sowjetzeit löschte die russischen Orthodoxen Kreuze aus. Der Sowjetstern sticht gegen den grauen Himmel empor. „Der erlöscht nie“, dachten die Führer der bolschewistischen Partei und betäubten das Volk mit wirtschaftlichen Großtaten, die heute in absurden Landschaften brach liegen.

Orthodoxe Kirche und Wohnhaus  –  Foto © Ullrich Wannhoff
Orthodoxe Kirche und Wohnhaus – Foto © Ullrich Wannhoff

Der heutige Friedhof liegt an einer Bergschräge, unauffällig hinter dem Dorf, vor den aufgegebenen Kartoffelfeldern. Weit dahinter beginnt die Tundra mit einer breiten Feuchtwiese, die von Bächen zerfurcht wird. Lachse laichen. Das kalte Schmelzwasser fließt durch den See, und am Ende des Dorfufers erreichen die jungen Lachse das ersehnte Meer.

Gräberfeld der Orthodoxen Kirche –  Foto © Ullrich Wannhoff
Gräberfeld der Orthodoxen Kirche – Foto © Ullrich Wannhoff

Orthodoxe Kreuze schmücken das überwachsene Gräberfeld. Das sowjetische Imperium hat sich verabschiedet. Die Sehnsucht nach dem alten russischen Mantel wird geflickt. Gogol erscheint als Gespenst des 19. Jahrhunderts. Wer kennt Gogol auf der Insel? – die düsteren Straßen von Petersburg, die windigen Ecken, wo das Elend der niederen Gesellschaft lebte? Der Geruch der Kanäle, der Dreck der Hinterhöfe, wo der Mensch die Ratten mitbrachte, während die Kuppeln und Dächer in Gold erglänzen?

Die neuen Grabsteine –  Foto © Ullrich Wannhoff
Die neuen Grabsteine – Foto © Ullrich Wannhoff

Verschämt werden rote Sowjetsterne ausgetauscht gegen orthodoxen Kreuze. „In unserer Verwandtschaft gab es keine Kommunisten“, so oder ähnlich kann man es interpretieren. Die Kirche ist ihnen fremd.

Ein neues Grab vom August 2017: Wladimir Fomin, Fischinspektor, der 
die Natur und die Insel liebte –  Foto © Ullrich Wannhoff
Ein neues Grab vom August 2017: Wladimir Fomin, Fischinspektor, der
die Natur und die Insel liebte – Foto © Ullrich Wannhoff

Der Ikonostas glitzert reich und neu. Wie ein unbekanntes Märchen einer fremden Welt steht das Bilderprogramm vor den Einwohnern. Wer schaut schon ins Wikipedia, um die Geschichte der russischen Orthodoxie zu verstehen? Nur das Gefühl sagt, ich gehöre dazu. Der Präsident weiß das zu nutzen.

Ausschnitt vom Ikonostas –  Foto © Ullrich Wannhoff
Ausschnitt vom Ikonostas – Foto © Ullrich Wannhoff
Lachspakete werden verfrachtet –  Foto © Ullrich Wannhoff
Lachspakete werden verfrachtet – Foto © Ullrich Wannhoff

Der Pfarrer steht mit seinem leeren Kinderwagen allein an der Pier und schaut melancholisch in die Weite. Zuvor transportierte er eine Kiste, die im Dampfer verstaut wurde. Dreißig Tonnen Lachse werden von den Fischern verfrachtet. Keiner kümmert sich um ihn. Der Dialog mit Gott findet in seinem schwarzen Mantel statt, und keiner sieht es.

Gott im Gespräch mit dem Kinderwagen –  Foto © Ullrich Wannhoff
Gott im Gespräch mit dem Kinderwagen – Foto © Ullrich Wannhoff
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Reste der Berliner Mauer II – “Lichtgrenze” 2014

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Mit dem Rückblick auf die „Lichtgrenze“ am 9.November 2014 in Berlin

Die Mauer 1989 in der Nähe des Reichstags

Von der Berliner Mauer ist heute fast nichts mehr übrig. Außer der Gedenkstätte und den touristischen Orten sind nur noch wenige Mauerreste oder Wachtürme zu sehen.

Überrest der Mauer mit Wachturm in Berlin
Überrest der Mauer mit Wachturm in Berlin
Mauerkunst in Berlin
Mauerkunst in Berlin
Street Art in Berlin
Street Art in Berlin

Am 9.11.2014 wurde mit der Aktion “Lichtgrenze” an den Fall der Mauer vor 25 Jahren erinnert. Ungefähr eine Million Touristen und Bürger Berlins hatten dieses Ereignis und besonders den symbolischen Aufstieg der erleuchteten Ballons gefeiert.

Die "Lichtgrenze", Berlin am 9. November 2014
Die “Lichtgrenze”, Berlin am 9. November 2014
"Lichtgrenze" in der Alten Jakobstraße: 
Die ersten Ballons steigen nach oben - die Grenze löst sich auf
“Lichtgrenze” in der Alten Jakobstraße:
Die ersten Ballons steigen nach oben – die Grenze löst sich auf
"Lichtgrenze" in der Alten Jakobstraße:  Ballons steigen nach oben - die Grenze löst sich auf

Zum Teil I dieses Beitrages geht es hier.

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Reste der Berliner Mauer – in Berlin, Kanada und Südkorea

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Infolge der Ereignis am 9.11.1989 hat sich die ganze Welt und das Leben von Millionen Menschen verändert. In einer etwas verwirrenden Pressekonferenz in Ost-Berlin wurde damals mit sofortiger Wirkung die Änderung der Reisemöglichkeiten für DDR-Bürger verkündet. Niemand kann bis heute mit Sicherheit sagen, ob der Verkünder nur verwirrt war, oder ob sich dahinter der kalkulierte Versuch verbarg, die Machtverhältnisse in der DDR in eine bestimmte Richtung zu verschieben.
Erst viel später wurde bekannt, dass bereits Tage zuvor zwischen beiden Berliner Bürgermeistern die Möglichkeiten der Öffnung der Berliner Grenze diskutiert worden war.

Berlin, Potsdamer Platz, Dezember  1989
Berlin, Potsdamer Platz, Dezember 1989

Nach über 28 Jahren verschwand die Mauer genauso überraschend wie sie 1961 entstanden war. Der Grenzverlauf zwischen den Besatzungszonen war noch während des zweiten Weltkriegs am 15.1.1944 durch die Europäische Beratende Kommission (EAC) für den Fall des Sieges über Nazi-Deutschland festgelegt worden.

Der Verlauf der Mauer, heute symbolisiert durch Pflastersteine im Boden
Der Verlauf der Mauer, heute symbolisiert durch Pflastersteine im Boden

Heute erinnert in Berlin nur noch wenig an die langezeit geteilte Stadt. Eingeweihte erkennen die Doppelreihe von Pflastersteinen im Boden, die in Teilen Berlins den Verlauf der ehemaligen Grenze kennzeichnet.

Mauer-Gedenkstätte Berlin - Bernauer Strasse
Mauer-Gedenkstätte Berlin – Bernauer Strasse

Einen ungefähren Eindruck davon, wie die nahezu unüberwindbaren Grenzanlagen tatsächlich ausgesehen haben, kann man an der Gedenkstätte in der Bernauer Straße gewinnen.

Friedhof der Französischen Gemeinde Liesenstrasse
Friedhof der Französischen Gemeinde Liesenstrasse

Nur sehr selten stößt man auf Reste der Grenzanlagen, wie auf dem Friedhof in der Liesenstraße im Wedding, die nicht zu Gedenkzwecken verändert oder versetzt wurden.

Mauersegment in Lunenburg, Nova Scotia, Kanada
Mauersegment in Lunenburg, Nova Scotia, Kanada

Überraschenderweise befinden sich eine ganze Reihe von Mauersegmenten und -resten in Kanada.

Mauerstück im World Peace Pavillon Dartmouth, Nova Scotia, Kanada
Mauerstück im World Peace Pavillon Dartmouth, Nova Scotia, Kanada

Für Museen, wie in Ottawa und Montreal, bzw. für Orte mit historischem Bezug zu Deutschland, wie Lunenburg, Nova Scotia und Steinbach, Manitoba, ist das noch einigermaßen verständlich, hingegen verblüffen die Elemente in Truro, Nova Scotia den zufälligen Besucher.

Sechs Mauersegmente in Truro, Nova Scotia, Kanada
Sechs Mauersegmente in Truro, Nova Scotia, Kanada
Mauersegment in Montreal, World Trade Centre – Foto: Wikipedia
Mauersegment in Montreal, World Trade Centre – Foto: Wikipedia
Mauersegment im Museum of War, Ottawa, Kanada
Mauersegment im Museum of War, Ottawa, Kanada
Mauersegment in Steinbach, Manitoba, Kanada – Foto: John Paul Kleiner
Mauersegment in Steinbach, Manitoba, Kanada – Foto: John Paul Kleiner

Auch in Südkorea, auf dem Berliner Platz in Seoul, weisen drei Mauerteile auf den Abriss der Mauer vor 25 Jahren hin. Man kann nur hoffen, dass eine koreanische Wiedervereinigung genauso friedlich wie die der Deutschen in Ost und West ablaufen wird.

Mauersegmente in Seoul, South Korea
Mauersegmente in Seoul, South Korea

Wenn uns in Europa auch die Welt seit 1989 friedlicher vorkommen mag, sollte man doch nicht außer Acht lassen, dass auch immer wieder neue Mauern entstanden sind, wie zwischen Mexiko und den USA, zwischen Marokko und Westsahara oder im Westjordanland!

Den Teil II dieses Beitrages findet man hier.

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Nacht vom 9. auf den 10. November 1938

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NIE VERGESSEN: Reichspogromnacht, oder zynisch (Reichs-)Kristallnacht. Gedenken wir der Menschen, die vor 81 Jahren in der Pogromnacht beraubt, gequält und erniedrigt wurden.

Die Nacht des “Mauerfalls” ist ein anderes Thema, dazu kommen wir später.


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The Heydays And Decline Of Arctic Exploration

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Evidence from two Polar Bear Painting 

Guest contribution – by Michael Engelhard. Gastbeitrag, reblogged aus Anlass der Polar Bear Week

Analyzing the heroic quest narrative, the American mythologist Joseph Campbell pointed out that it is crucial for the protagonist to face unknown dangers and to gain some spiritually or physically valuable thing. As a placeholder for Arctic adversity, the polar bear perfectly embodied such a thing. Captured alive, pictured, described for science, or slain for its meat or skin, it signified the hero’s trophy, his travails and rewards.

Fight with polar bears, by François-Auguste Biard, 1840
Fight with polar bears, by François-Auguste Biard, 1840

Two English nineteenth-century paintings that fall well within the Heroic Age epitomize the polar bear’s role in visual mythmaking: Richard Westall’s apotheosis Nelson and the Bear (1806) and Edwin Henry Landseer’s memento mori Man Proposes, God Disposes (1864).

Landseer’s monumental canvas alludes to the fate of Sir John Franklin (Nelson’s subaltern at the battle of Trafalgar), “the man who ate his boots,” who with his sailors disappeared sometime after 1845, while seeking to conquer that other chimera, the Northwest Passage. Using dark tones throughout this painting, Landseer, who’d studied live polar bears at the menagerie at the Exeter Exchange in London’s Strand, cast long shadows upon “an English optimism and triumphalism, which was particularly apparent at mid-century.”

Franklin’s had been the largest and best-equipped Arctic expedition to embark until then. His wife, Lady Jane Franklin, who never stopped hoping for his return, attended a soiree at the Royal Academy at which the “offensive” painting was shown. Her indignation was caused by the inclusion of two polar bears that, in Landseer’s imagining of the aftermath, gnawed on a human ribcage and shredded a red British ensign, symbol of national pride. Lady Franklin’s shock at the sight of the disgraced flag could have been exacerbated by the fact that she had sewn it (or one very much like it) for her knight-errant before he embarked on his last journey. Allegedly, at home, she had thrown that silken flag over Franklin, who was stretched out on a divan, and he had startled, reminding her that the Navy covered corpses with the Union Jack before burial at sea. Superstition also surrounds the painting itself. Man Proposes, God Disposes now hangs in the study hall of the Royal Holloway (a college of the University of London) where administrators long felt it necessary to cover the work with a large Union Jack during exams. Rumor had it that a student who had looked directly at it went mad and committed suicide and that those who sat next to it would fail their exams or die.

Man Proposes, God Disposes - painting by Edwin Henry Landseer, 1864
Man Proposes, God Disposes – painting by Edwin Henry Landseer, 1864

Every animal painting is also always a self-portrait, a story we tell about Nature and thereby reflective of our own nature. The red ensign in Man Proposes, which draws the viewer’s gaze, recalls Tennyson’s “Nature, red in tooth and claw”—but to pious Victorians, the horror of men having become bear prey was nothing compared to the evil whose name few dared to speak.
In 1854, word had reached London that Dr. John Rae of the Hudson’s Bay Company had met some Inuit who had learned from others that about forty white men had been seen in 1850, dragging a boat south, and that later, the bodies of those men had been found. They most likely had died from cold and starvation, but John Rae’s report included a disturbing detail mentioned by his informants. “From the mutilated state of many of the bodies, and the contents of the kettles,” he wrote, “it is evident that our wretched countrymen had been driven to the last dread alternative as a means for sustaining life.”
That the men who had been commanded by the man who once ate his boots had allegedly resorted to this outraged the civilized British. To be known as men who were savaged by polar bears was tragic, if rather interesting—“to be known as men who ate each other, unthinkable.” In light of Dr. Rae’s news, the ravenous bears in Landseer’s work became interchangeable with men, identical to them—too close for emotional comfort, which Darwin’s ideas had already disturbed.
Landseer’s monumentalized animal stands firmly in the tradition of seventeenth-century vanitas still-life paintings. In this art form, bodily remains and sundry objects symbolize vanity and the fleetingness of wealth, power, and fame—indeed, of all human endeavors—in the face of death. It is unlikely that Landseer suggested that bears had killed any of Franklin’s men; rather, he portrayed them in the scavenger mode that explorers often observed. To one reviewer, the painting’s characters looked like “monster ferrets,” which must have pained Landseer, who had gone so far as to borrow a polar bear skull from a Scottish museum in order to get the animal’s face and dimensions right.

Nelson and the Bear - painting by Richard Westall, 1806
Nelson and the Bear – painting by Richard Westall, 1806

Westall’s Nelson and the Bear reflects a younger, more confident empire. It poises the plucky, fifteen-year-old midshipman and future hero of Trafalgar at the edge of the pack ice, in a frockcoat, with buckled shoes and a bonnet resembling a chef’s hat—not really dressed for such an outing. Nelson wields his musket like a club against an opponent that has flattened its ears against its head and looks more like a scared sheepdog than a polar bear.
In 1773, young Horatio’s ship, HMS Carcass, like many before it on the search for the Northeast Passage, ground to a halt in the ice near Spitsbergen. Carcass and a second ship, Racehorse, were sailing under the command of Commodore Constantine Phipps, who on that same voyage named the polar bear Ursus maritimus.
Together with a shipmate, Nelson went after the bear, whose skin he wished to give to his father. That, at least, is the story the ship’s captain, Commander Skeffington Lutwidge, started telling decades later. He added the companion and the loyal filial element only in 1809, four years after Nelson had bled to death on the deck of HMS Victory. In Lutwidge’s story, Nelson’s rusty, borrowed musket misfired and he was saved only because a rift in the ice had appeared, separating him from the bear. Westall’s painting, however, shows only Nelson, a single, steadfast Briton facing the epitome of the hazardous North. Obviously, a companion on the ice would have diminished Nelson’s glory. Westall also included, in the background, Carcass helping to scare of the bear by firing a cannon. Besides adding to the hagiography of a national hero, the work celebrated Britannia and its mariners, tougher than walrus hide.
Westall had conceived the painting as one of a series of episodes illustrating Robert Southey’s Life of Nelson, begun in 1809 and published in 1813. Southey gave his hero a line ripe with braggadocio. “Do but let me get a blow at this devil with the butt-end of my musket, and we shall have him,” Nelson supposedly shouted to his comrade after his shot had missed the bear. It gets stranger yet: Westall’s painting was copied as an engraving for the Life of Nelson by John Landseer, the father of Edwin Henry Landseer.

Another version of the Westall painting, in Federick Whymper, The Sea, 1877-1880,  (National Library of New Zealand)
Another version of the Westall painting, in Federick Whymper, The Sea, 1877-1880, (National Library of New Zealand)

Nelson and the Bear and to a degree even Man Proposes follow conventions of the exploration narrative, a genre seeking to terrify and to titillate. Such dramatizations of the quest—hand-to-paw combat, hull-crushing bergs, scurvy, and starvation—hallowed soldiers and explorers, especially in premature death. By the time Landseer finished Man Proposes, more ships and men had been lost in search of Franklin. The futility of Arctic exploration was starting to register, but British hubris and vainglory persisted until 1912, when another hero—Robert Falcon Scott—perished at a pole, and an iceberg ruined both an “unsinkable” ship and the confidence of a nation.

Arctic exploration in a contemporary cartoon
Arctic exploration in a contemporary cartoon

Michael Engelhard is the author of Ice Bear: The Cultural History of an Arctic Icon and of American Wild: Explorations from the Grand Canyon to the Arctic Ocean. Trained as an anthropologist, he lives in Fairbanks, Alaska and now works as a wilderness guide in the Arctic.

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Sherlock Holmes – und Eisbären?

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Polar Bear Week – und Arthur Conan Doyle

Hatte Sherlock Holmes jemals etwas mit Eisbären zu schaffen? – Ich kenne das Werk des berühmten Arthur Conan Doyle leider nicht genau genug, um zu wissen, ob jemals in irgendeiner seiner Detektiv-Geschichten ein Eisbär eine Rolle spielt. Kann jemand helfen?

Im Arbeitszimmer von Arthur Conan Doyle, Foto in „The Idler“,  1894
Eisbärschädel im Arbeitszimmer von Arthur Conan Doyle, Foto in „The Idler“, 1894

Sicher ist eins: der Schädel eines dieser großartigen Arktisbewohner schmückte das Arbeitszimmer Arthur Conan Doyles. Der Autor der berühmten Kriminalgeschichten um Sherlock Holmes und Dr. Watson konnte nämlich als junger Mann sehr, sehr gründlich Arktis-Luft schnuppern: Dem damaligen Medizinstudenten war eine Position für sechs Monate als Schiffsarzt auf dem Walfänger Hope angeboten worden.

Walfangschiff Hope, Foto: Project Gutenberg of Australia
Walfangschiff Hope, Foto: Project Gutenberg of Australia

Das Schiff mit dem jungen Doyle an Bord läuft Ende Februar 1880 in Richtung Grönland aus. Der damals Zwanzigjährige erhält von seinen Kameraden bald den Spitznamen „großer Eistaucher“. Denn bei der einträglichen, aber lebensgefährlichen Jagd auf Robben, die er als „blutiges Handwerk“ bezeichnet, fällt er wiederholt ins Eismeer! Glücklicherweise kann der kräftige junge Mann sich stets retten – oder gerettet werden – und anschließend wohlbehalten in trockene Kleidung schlüpfen.

Auf dem Quarterdeck der Hope, Foto: Project Gutenberg of Australia
Auf dem Quarterdeck der Hope, Dritter von links: Arthur Conan Doyle, Foto: Project Gutenberg of Australia

Der junge Medizinstudent ist anfangs noch total unerfahren und muss in kurzer Zeit sehr viel dazulernen, nicht nur aus Büchern, sondern vor allem von seinen Schiffskameraden. Natürlich übernimmt er damit unbewusst zunächst auch deren teilweise überheblichen Meinungen und Haltungen gegenüber der arktischen Tierwelt – auch gegenüber Eisbären. So schreibt er am 26. März: … Eclipse [ein anderes Walfänger-Schiff] erwischte heute einen Bären, und wir sahen die Spuren eines anderen im Schnee neben dem Schiff. Sie sind feige Geschöpfe, wenn sie nicht gerade in die Ecke gedrängt werden.

Eisbären auf einer Eisscholle
Eisbären auf einer Eisscholle

Normalerweise sind im Frühjahr, wenn die Robben Nachwuchs bekommen, viele Eisbären auf dem Eis unterwegs. Die Hauptnahrungsquelle der Eisbären sind Robben – mehr dazu auf S. 185 in unserem Buch; und auch die Kadaver toter Wale sind ein ergiebiges Nahrungsreservoir – vgl. S. 191 hier. Somit stehen die Eisbären in direkter Konkurrenz zu den Männern an Bord der Hope.

Sattelrobbe auf einer gestrandeten Eisscholle
Sattelrobbe auf einer gestrandeten Eisscholle

Das weiß auch Arthur Conan Doyle, und daher verwundert er sich am 23. April zu Recht: Es ist außergewöhnlich, dass wir bislang keinem Bären begegnet sind. Erstmals erblickt er am 26. Mai einen Eisbären ganz in der Nähe des Schiffes. Dieser konnte den Jagdversuchen der Männer jedoch entkommen. Erst im Juni tauchen Eisbären auf der Liste der Jagdbeute der Hope auf: 12. Juni … 1 Bär; … 18. Juni: 1 Bär & 2 Junge; … Insgesamt werden 1880 von der Besatzung der Hope fünf Eisbären erlegt. Arthur Conan Doyle erwähnt im Tagebucheintrag vom 1. Juli, dass er nun einen Eisbärenschädel besitze.

Trauriger Anblick: Jagdbeute an Bord der Hope – Foto: Project Gutenberg of Australia
Trauriger Anblick: Jagdbeute an Bord der Hope – Foto: Project Gutenberg of Australia

Arthur Conan Doyles Meinung über Eisbären hat sich im Laufe der Zeit etwas konkretisiert.
So schreibt er etwa 1897 in einem Magazin-Artikel über seine Reise auf dem Walfang-Schiff: … überall gibt es Bären. Die Eisschollen in der Umgebung des Robbenjagdgebiets sind überzogen von ihren Spuren – arme harmlose Geschöpfe mit dem schlurfenden und schaukelnden Gang eines Hochseematrosen… Das klingt nicht besonders respektvoll; offenbar hatten die mit Gewehren bewaffneten Männer der Hope 1880 keine Situation erlebt, in der ein Eisbär ihnen gefährlich wurde. Eisbär-Mütter mit Jungen verhalten sich in der Regel defensiv und vermeiden Situationen, die ihre Jungen in Gefahr bringt – siehe S. 212 hier. Und auch erfahrene männliche Eisbären verhalten sich überwiegend vernünftig und gehen Konfrontationen aus dem Wege; es sind hauptsächlich die jungen, unerfahrenen und zumeist hungrigen Eisbären, die Menschen angreifen – mehr S. 220 hier.

Selbstbewusster Eisbär
Selbstbewusster Eisbär

Conan Doyle muss aber auch Eisbären bei der Robbenjagd beobachtet haben, und hier kann er ihnen seinen Respekt nicht versagen:
… sie haben eine sehr gewitzte Methode, sie zu fangen, denn sie suchen sich stets ein großes Eisfeld mit nur einem Blasloch für Robben in der Mitte. Dorthin hockt sich der Bär und krümmt seine mächtigen Vordertatzen um die Öffnung. Dann, wenn die Robbe ihren Kopf aus dem Wasser streckt, schnappen große Tatzen zu, und Meister Petz bekommt sein Mittagessen.

Das Buch aus dem mareverlag
Das Buch aus dem mareverlag

Über Arthur Conan Doyles Erlebnisse auf der Hope konnte man im Januar 1897 in The Strand Magazine den Artikel „Life on a Greenland Whaler“ lesen. Der mareverlag hat 2015 das Tagebuch seiner arktischen Reise in deutscher Sprache herausgegeben: „Heute dreimal ins Polarmeer gefallen“ in der Übersetzung von Alexander Pechmann, in einer sehr schönen illustrierten Ausgabe, mit Faksimiles der Handschrift einschließlich bezaubernder Zeichnungen.

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Unsere ersten Erlebnisse mit Eisbären

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Der vierte Beitrag zur Polar Bear Week – ein Auszug aus unserem Buch Eisbären – Wanderer auf dünnem Eis

Hebron Bay, Labrador (Nunatsiavut), Kanada

… Ein schöner, abwechslungsreich geformter Eisberg taucht auf, begleitet von vereinzelten Eisschollen. Im Laufe der nächsten Stunden kommt noch mehr Eis dazu, zumeist flache Schollen, die sich zum Horizont hin verdichteten. Plötzlich ein lauter Ruf, und alle Passagiere drängen sich nach Backbord an die Reling, schauen fasziniert zu einer Eisscholle in über 100 Meter Entfernung, auf der sich etwas bewegt: „Polar Bear!“ Es ist der erste, den wir auf unserer Reise zu sehen bekommen, und alle an Bord sind aufgeregt und begeistert. Das Schiff hat den Kurs nicht geändert, es fährt weiter parallel zur Küste, kommt dabei aber allmählich näher an die Eisscholle heran.

“Look at this!“ –  „Polar Bear!!!“
“Look at this!“ – „Polar Bear!!!“

Wir versuchen, auszumachen, was da links vor dem Eisbären liegt. Ein schmales Bündel, auf der hellen Scholle wirkt es in dem vom Eis reflektierten, grellen Sonnenlicht zunächst blassgrau – kann das vielleicht seine Beute sein, eine tote Robbe? Zunächst ist selbst mit dem Fernglas noch nichts Genaues zu erkennen. Der Bär läuft ein paar Schritte zur Seite, dann kommt er zurück und stupst mit der Schnauze gegen das Bündel. Wieder geht er ein ganzes Stück weg, vielleicht 20 Meter, läuft dann immer wieder hin und her; er wirkt unruhig und etwas nervös.

Eisbär auf Scholle
Und was liegt da links auf der Eisscholle?

Und dann plötzlich bewegt sich das Bündel. „Look at this“, ruft die Frau neben mir aufgeregt, und alle Kameras klicken, denn das Bündel erhebt sich nun, da steht etwas auf seinen vier Beinen – eine Bärenjunges! Die Bärenmutter läuft zurück zu dem Kleinen, entfernt sich aber umgehend wieder. Das Kleine steht still, wirkt erst unentschlossen, dann läuft es schließlich langsam auf die Mutter zu.
Die berührt es nur kurz, dreht sich weg, steigt in Wasser, schwimmt, und nach kurzem Zögern tut das Kleine es ihr nach. Hatten sie das Schiff bemerkt, flüchten sie? Oder wollten sie nur zufällig gerade woanders hin? Wir werden es nicht erfahren. Sie entfernen sich schnell, zwei kleine Punkte im Wasser. Mit bloßem Auge wären sie nun kaum noch zu erkennen, wüsste man nicht genau, was da schwimmt, und bald sind sie verschwunden. …

Eisbärmama mit Eisbärbaby auf der Scholle
Eisbärmama mit Eisbärbaby auf der Scholle

Am Nachvak Fjord, Torngat Mountains National Park

… Es war uns schon etwas mulmig zumute, als wir uns jetzt, das erste Mal ohne einem schützenden Zaun wie im Zoo, Eisbären näherten. Diese Tiere sind schließlich sehr schnell und auch gute Schwimmer. Würde unser Zodiac rasch genug wenden können, falls der Bär denn auf die Idee käme, uns näher in Augenschein zu nehmen? Wie dick ist eigentlich so eine Gummiwulst? …

Eisbär, stehend
In sicherer Entfernung – der Eisbär lässt sich nicht erschüttern

Glücklicherweise war der Abstand zu dem ersten Bären recht groß, so 30-40 m. Wie relativ sind doch Entfernungen! Der andere Eisbär war nicht zu sehen, er war noch hinter dem Hügel – besser so. Langsam entspannten wir uns. … Der Eisbär stand auf der Hügelkuppe und beobachtete uns. Ob er schon mal Menschen gesehen hatte? Angst zeigte er jedenfalls nicht, denn er legte sich gemütlich nieder. …

Eisbär, liegend
Der Eisbär hat sich niedergelegt

Lower Savage Islands, Hudson Strait, Nunavut

… Als wir wieder in die Bucht einbiegen, wo wir den ruhenden Bär gesehen hatten, steht dieser jetzt auf der gegenüberliegenden Klippe und beobachtet die Zodiacs. Wir sind nur etwa 15 m von ihm entfernt. Er wendet immer wieder seinen Kopf zwischen unseren Booten und einer Stelle hinter einigen Felsen. Langsam läuft er an der Felswand hin und her, lässt uns nicht aus dem Blick. Der Benzingeruch scheint ihm nicht zu behagen. Er wirkt unschlüssig, als ob er überlegt, ob ihn unsere Anwesenheit beunruhigen sollte oder nicht. Es ist ein schönes großes männliches Tier, nicht sehr fett, aber auch nicht mager. Wir sind ziemlich nah an ihm dran. Man kann sogar die Insekten sehen, die um seinen Kopf kreisen. …

Der Eisbär lässt uns nicht aus den Augen
Der Eisbär lässt uns nicht aus den Augen

… Der Bär steigt etwas höher, wohl um bessere Übersicht zu haben. Dann taucht er hinter einem Felsen ab. Als er wieder hervorkommt, hat er etwas schwarzes im Maul. Nur mit dem Fernglas erkennen wir die Flosse einer Robbe. Aha, daher also der blutige Fleck in seinem Fell!

Eisbär mit Robbenhaut
Im Maul hat der Eisbär ein Stück Robbenhaut

Während er sich immer wieder nach uns umsieht, steigt er gemächlich höher, bis er – nach einem abschließenden Rundblick – endgültig hinter dem Felsgrat verschwindet. …
(Texte aus unserem Buch „Eisbären – Wanderer auf dünnem Eis“)

polar bear going away
Der Eisbär trollt sich

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Jagd auf Eisbären?

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Noch ein Beitrag zur Polar Bear Week

Wieder einmal ist Polar Bear Week, und viele Menschen machen sich Gedanken um die Zukunft der Eisbären. Auch wir in unserem Buch Eisbären – Wanderer auf dünnem Eis. 97% der in der Klimaforschung tätigen Wissenschaftler sind sich einig, dass die gerade stattfindende Erwärmung der Arktis besonders in den letzten Jahrzehnten durch uns Menschen erheblich verstärkt wird. Immer wieder aber versuchen sogenannte Klimawandel-Skeptiker, diesen Zusammenhang zu negieren. Zu ihnen gehören auch die Verteidiger der weltweiten Trophäenjagd, unter anderem auch auf Eisbären.

Jagd auf Eisbaeren - Sammelbild
Jagd auf Eisbaeren – Sammelbild

Die Jagd auf Eisbären ist eigentlich nur noch Vertretern indigener Völker gestattet, und zwar streng reguliert zur sogenannten Subsistenzjagd, was den Bestand der Tiere nicht bedrohen soll. Doch ist es für die Inuit in Kanada auch möglich, ihre Jagdlizenzen auf andere Jäger – sprich: Jagdtouristen, zumeist aus anderen Ländern – zu übertragen, und einige tun das auch, denn es generiert für die betreffenden Gemeinden ein (mangels anderer Möglichkeiten) bitter benötigtes fianzielles Einkommen. Sehr zur Freude von finanziell potenten Trophäensammlern, die diese Möglichkeiten allzugern nutzen.

Subsistenzjagd: ein erfolgreicher junger Inuit-Jäger – Foto: © Levi Noah Nochasak
Subsistenzjagd: ein erfolgreicher junger Inuit-Jäger – Foto: © Levi Noah Nochasak

Während die Jagd durch die Inuit selbst, auch infolge der vollständigen Verwertung der geschossenen Eisbären, als nachhaltig zu bewerten ist, interessiert die Großwildjäger nur eine besonders imposante Trophäe. Den Rest überlassen sie großzügig ihren indigenen Jagdhelfern. Die USA hat den Import von Eisbärentrophäen und -produkten inzwischen verboten, doch ist der Import in die EU, China, die arabischen und andere Ländern weiterhin gestattet. Unglücklicherweise stellt diese Trophäenjagd auf Eisbären – mangels anderer ausreichend gut bezahlter Jobs – für die Inuit eine wichtige, unverzichtbare Einkommensquelle dar.

Eisbärenfelle beim Trocknen – Foto: Wikipedia, Hannes Grohe
Eisbärenfelle beim Trocknen – Foto: Wikipedia, Hannes Grohe

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte die schonungslose Jagd auf Eisbären weltweit zu einem erheblichen Bestandsrückgang geführt. So erlegte der bekannte norwegische Jäger Henry Rudi von 1908-1948 713 Eisbären – davon 252 in den Wintern 1946/47 und 1947/48. Er setzte dabei Selbstschussfallen und Giftköder ein.

Rudolf Kmunke: Eisbärenjagd
Rudolf Kmunke: Eisbärenjagd

Rudi allein tötete damit ungefähr so viele Eisbären wie heutzutage in einer Jagdsaison in ganz Kanada zum Abschuss freigegeben werden. Als sogenannter Eisbärkönig hatte er sich damit einen aus heutiger Sicht sehr zweifelhaften Ruhm erarbeitet. Wurden Eisbär-Mütter erschossen, versuchte man, die Jungtiere einzufangen, um sie daheim an einen Zoo oder Zirkus zu verkaufen. Seit 1973 ist die Jagd auf Eisbären in Norwegen verboten und in den anderen Arktisstaaten streng reguliert, so dass sich inzwischen die Bestände wieder erholen konnten.

Eisbärfang, Svalbard (Spitzbergen)
Eisbärfang, Svalbard (Spitzbergen)

Auch wenn sich Inuit und Wissenschaftler in Kanada einig sind, dass der derzeitige Bestand an Eisbären nicht durch die Jagd gefährdet ist, sondern durch die Veränderung der Umweltbedingungen und die Erwärmung der Arktis, kann niemand prognostizieren, ob das angesichts der Folgen der fortwährenden Erwärmung so bleibt. Die Trophäenjagd auf Eisbären ist schon lange nicht mehr zeitgemäß. Auch wenn die Reiseanbieter, die entprechende Jagdtouren anbieten, von einer angeblich notwendigen Hege schwafeln, geht es letztendlich doch nur um attraktive Trophäen für die Sammlung, nach dem zweifelhaftem Motto “Wer hat den größten …?”

Eisbärfell als Dekoration – Robert Sedlacek: "Brumme nicht"
Eisbärfell als Dekoration – Robert Sedlacek: “Brumme nicht”

Fotos in den Katalogen von Jagdanbietern zeigen, wie sich die „erfolgreichen” Schützen manipulativ hinter den durch extreme Weitwinkelobjektive vergrößerte Eisbären präsentieren. Tierschützer und Wissenschaftler vermuten sicher zurecht, dass gerade solche Darstellungen wiederum Begehrlichkeiten wecken und damit indirekt Wilderei befördern, die wahrscheinlich besonders in der russischen Arktis stattfindet.

Eisbärtrophäe in einer historischen Postkarte
Eisbärtrophäe in einer historischen Postkarte

Die kanadische Regierung sollte endlich zur Beendigung dieses fragwürdigen Jagdtourismus den Inuitgemeinden einen finanziellen Ausgleich leisten sowie vor allem für andere Erwerbsmöglichkeiten sorgen – zum Beispiel im Umweltschutz, bei der Eisbärenforschung oder bei “nicht-invasiven” Eisbärbeobachtungen für Touristen. Das wäre doch ein gelungener Beitrag zur “Polar Bear Week”!

Eisbären-Tourismus – Foto: © Annette ConradEisbären-Tourismus – Foto: © Annette Conrad
Eisbären-Tourismus bei Churchill – Foto: © Annette Conrad

Mehr dazu in unserem Buch “Eisbären – Wanderer auf dünnem Eis“. Hier geht es zu weiteren Betrachtungen aus Anlass der “Polar Bear Week”: Teil 1 und Teil 2.

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Eisbären auf dünnem Eis

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Noch ein Beitrag aus Anlass der “Polar Bear Week”

Die “Polar Bear Week” soll unter anderem auf die Bedrohung der Eisbären durch die Erwärmung der Arktis aufmerksam machen. Eisbären stehen dabei als Symbol für die arktische Artenvielfalt. Dabei wird zu oft vergessen, dass es bei den schwerwiegenden Folgen der Erwärmung der Arktis nicht nur um die Tierwelt geht. Denn: erstens leben in der Arktis auch Menschen! Und zweitens: Wass jetzt in der Arktis passiert, bleibt nicht in der Arktis; früher als erwartet wird es auch das Leben, unser Leben, in den südlicheren Gebieten betreffen …

Ein kräftiger, satter Eisbär
Ein kräftiger, satter Eisbär

Die Menschen in der Arktis, die Inuit, haben ein viel engeres Verhältnis zu den Eisbären, mit denen sie ja seit über 4000 Jahren in unmittelbarer Nachbarschaft leben, als wir im Süden; das schließt spirituelle wie sachliche Aspekte ein. Sie sehen die Eisbären als Verwandte an – was aber die Jagd auf sie durchaus nicht ausschließt.

Eisbärfell, Upernavik
Grönländische Jäger haben ein Eisbärenfell zum Trocknen aufgespannt
Kinderbuchillustration 1924
Inuit-Kinder treffen auf einen Eisbären – Illustration von 1924

In Europa sind die Eisbären seit ungefähr 1000 Jahren bekannt. Ihre Felle waren von jeher begehrtes Handelsgut, und lebendige Tiere wurden zunächst in den Menagerien der Herrschenden ausgestellt oder sogar – zum Amüsement der Zuschauer – in “Hetzgärten” auf andere Tiere losgelassen.

Eisbären im Zoo haben eine hohe Lebenserwartung
Eisbären im Zoo haben kein beneidenswertes Leben, aber im Vergleich zur Wildnis eine hohe Lebenserwartung
Doris Arndt-Schaaff mit ihrer Eisbärgruppe – © Archiv Schaaff
Doris Arndt-Schaaff mit ihrer Eisbärgruppe – © Archiv Schaaff

Unsere Vorfahren lernten die Eisbären im Zoo und im Zirkus kennen, denn außer für Walfänger und Forscher war das arktische Lebensumfeld der weißen Bären für den Normalbürger nicht erreichbar. Allerdings gibt es schon seit dem 17. Jahrhundert bildliche Darstellungen dieser Tiere auf Gemälden und in Büchern.

Eisbär-Darstellung von John Webber, 1784
Eisbär-Darstellung von John Webber, 1784
François-Auguste Biards Gemälde "Kampf mit Eisbären", 1842
François-Auguste Biards Gemälde “Kampf mit Eisbären”, 1842
Eisbär-Trophäe auf einer Postkarte
Eisbär-Trophäe auf einer Postkarte

Infolge der gedankenlosen und profitorientierten Jagd waren die Eisbären bis zur Mitte des 20. Jahrhundert erheblich dezimiert und beinahe ausgerottet worden. Erst 1973 wurden international koordinierte Maßnahmen zur Erforschung der Lebensbedingungen und zum Schutz der Eisbären beschlossen.

Schwimmender Eisbär, Hudson Strait
Schwimmender Eisbär, Hudson Strait

Die Erwärmung der Arktis besonders im letzten Jahrzehnt und ihre Folgen haben Tierschützer und Umweltaktivisten mobilisiert, den Schutz der Eisbären zu intensivieren.

Verendeter Eisbär, Devon Island
Reste eines verendeten Eisbären, Devon Island

Gelegentlich wird dabei leider der Erfahrungsschatz und das Wissen der Inuit außer Acht gelassen, obwohl es gerade auch im Interesse der Eisbären läge, wenn die Anstrengungen von Inuit, von Wissenschaftlern und von Umweltschützern gebündelt würden, um die arktische Natur vor den Folgen menschlicher Gedankenlosigkeit und vor unüberlegter rein profitorientierter Ausbeutung von Rohstoffen zu schützen.

Eisbär in der kanadischen Arktis
Eisbär in der kanadischen Arktis

Das hier Gesagte ist nur eine Andeutung der Betrachtungen, die viel ausführlicher (auf 352 Seiten) und reich illustriert (ca. 300 Abbildungen!) in unserem Buch “Eisbären – Wanderer auf dünnem Eis” zu finden sind, ergänzt durch eine Vielzahl von Sachinformationen über die Könige und Königinnen der Arktis.

Eisbären - Wanderer auf dünnem Eis. Von Mechtild und Wolfgang Opel. MANA-Verlag

Den ersten Beitrag aus Anlass der Polar Bear Week kann man hier lesen.

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“Polar Bear Week” – Hoch-Zeit des Tourismus; die ungewisse Zukunft der Eisbären

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In der Gegend um Churchill an der Mündung des gleichnamigen Flusses im Norden Manitobas versammeln sich derzeit die Eisbären. Sie warten darauf, dass sich auf der Hudson Bay eine Eisdecke bildet, die ihnen ermöglicht, nach langer Jagdpause und Fastenzeit endlich wieder an ihre Hauptnahrung zu kommen: Robben.

Ringelrobbe - Foto: MichaelCameron, NOAA
Ringelrobbe – Foto: MichaelCameron, NOAA

In der selbsternannten “Eisbären-Hauptstadt der Welt” läuft nun der Tourismus auf Hochtouren. Inzwischen ermöglicht sogar Google Street View Einblicke in die kleine Arktisgemeinde an der westlichen Hudson Bay. Nirgendwo anders auf der Welt ist die Beobachtung von Eisbären in ihrer arktischen Umgebung so einfach, so gut organisiert und zudem auch noch vergleichsweise bequem und komfortabel, wenngleich auch ziemlich kostspielig. Der sogenannte “Tundrabuggy” oder “Polar Rover” ermöglicht die Begegnung mit den Königen der Arktis auch auf sehr kurzer Distanz.

Polar Rover in Churchill - Foto: Annette Conrad
Polar Rover in Churchill

Hoffentlich ist ab Mitte oder wenigstens Ende November neues Eis da, das fest genug für die Tatzen und das Gewicht der Eisbären ist. Die hungrigen Tiere sind begierig, aufs Eis zu kommen, ihre “Jagdplattform”, um endlich wieder den Ringelrobben und Bartrobben nachstellen zu können. Seitdem im Juli das Eis verschwunden war, hatten sie monatelang nichts Gutes mehr zwischen die Zähne bekommen.

Gesunder Eisbär, Coningham Bay

Der Winter und das Frühjahr sind noramlerweise eine gute Zeit, nahrungsreiche Zeit für die Eisbären. Obwohl sie ausdauernde Schwimmer sind, haben sie im Wasser kaum jemals eine Chance, eine Robbe zu erwischen. Die Jagd vom Eis aus dagegen haben sie perfektioniert, und fette Robben liefern ihnen ausreichend Nahrung, um sich selbst die Fettvorräte aufzubauen, mit denen sie die „Fastenzeit“ im Spätsommer und im Herbst überstehen können.

Eisbären - auf dünnem Eis
Eisbären – auf dünnem Eis

Die globale Erwärmung, die in der Arktis viel stärker und auch weit deutlicher wahrnehmbar ist als in unseren gemäßigten Breiten, hat viele Eisbärenpopulationen in Schwierigkeiten gebracht. Die Hudson Bay taut im Durchschnitt früher auf, und die winterliche Eisdecke bildet sich später als noch vor 10-20 Jahren. Die Jagdsaison der hiesigen Bären auf dem Eis verkürzt sich dadurch um 4 Wochen oder mehr, und sie verbringen viel mehr Zeit auf dem Land, wo sie nicht ausreichend oder gar nicht fressen.
Die Inuit in den Gemeinden an der Bay beklagen daher, dass sie von hungrigen Eisbären geradezu belagert werden – viel mehr als früher. Auf der Suche nach etwas Essbarem besuchen die Tiere die Mülldeponien und durchwandern sogar die Siedlungen, besonders nachts.

Inuit-Kunst: Kleine Eisbären-Skulptur
Inuit-Kunst: Kleine Eisbären-Skulptur

Den Schlussfolgerungen mancher Inuit – es gäbe jetzt viel mehr Eisbären als früher, also müssten die Jagdquoten erhöht werden – folgen die führenden Eisbär-Forscher allerdings nicht, denn sie stützen sich auf wissenschaftliche Daten anstelle von anekdotischen Beobachtungen.
Die Auswertung dieser Daten zeigt, dass die Zahl der Eisbären in der westlichen Hudson-Bay-Region rückläufig ist; dass die Bären zudem im Durchschnitt etwas kleiner und dünner als in den Jahrzehnten zuvor sind, und dass sie nicht mehr so viele Junge aufziehen.

Reste eines verendeten Eisbären, September 2012
Reste eines verendeten Eisbären, September 2012

Man weiß natürlich nicht, woran der hier abgebildete Eisbär gestorben ist. Vielleicht war er ja altersschwach. Jedoch wird es in vielen arktischen Regionen immer schwieriger für die Tiere. Vor zwei Jahren wurde eine Studie veröffentlicht, die 2001 begann und zeigt, dass die Anzahl der Eisbären in der südlichen Beaufortsee innerhalb von 10 Jahren um 40 Prozent gesunken ist. Unter anderem beobachtete man dabei zwischen 2004 und 2007 80 Eisbärenbabys, von denen ganze zwei Tiere überlebten! Die Ursache des drastischen Rückgangs vermuten die Wissenschaftler darin, dass sich, anders als früher, das Packeis im Sommer jetzt viele hunderte Kilometer weit von der Küste zurückzieht; die Eisbären müssen entweder mit nach Norden ziehen, wo es aber viel weniger Robben gibt, oder sie schwimmen ans Land. Die Populationsgröße – 2004 waren es noch 1600 Eisbären – schien sich seit 2007 bei etwa 900 zu stabilisieren. Doch die Inuit an der Küste Alaskas machten in diesem Herbst verstörende Beobachtungen: es ist viel zu warm, es bildete sich immer noch kein Eis, und sie sahen viele magere, hungrige Bären.

Zoo Berlin, Schau-Fütterung von Eisbären mit Brot
Zoo Berlin, Schau-Fütterung von Eisbären mit Brot

Werden um die Mitte des Jahrhunderts noch Eisbären in der Arktis zu sehen sein, wenn es uns nicht gelingt, die Treibhausgasemissionen drastisch zu reduzieren? Dieses Szenario halten Wissenschaftler für durchaus realistisch. Ob eines Tages die Eisbären in den Zoos sogar die letzten Vertreter ihrer Spezies sein könnten?
Die Fragen um die Zukunft des Eisbären und die ganz unterschiedlichen Vorstellungen zu ihrer Beantwortung spielen auch in unserem Buch „Eisbären – Wanderer auf dünnem Eis“ eine wichtige Rolle.

Hier gibt es noch mehr Betrachtungen anlässlich der “Polar Bear Week”

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Patti Smith, die Stiefel Alfred Wegeners …

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… und die Zehen von Fritz Loewe

reblogged vom Mai 2016 – aus Anlass der Lektüre von Patti Smith’s neuem Buch “Year of the Monkey” – und weil Alfred Wegener am 1. November Geburtstag hatte!

Die Stimme und die Lieder von Patti Smith kannte ich lange, bevor ich sie zum ersten (und bisher einzigem) Mal am 8.2.2008 in der Berliner Passionskirche live erlebte. Nach meiner Erinnerung gab es dort nur wenige Sitzplätze und so stand ich seitlich aber nahe der Bühne, um staunend und zunehmend begeistert durch ihre Klangwelten zu folgen. Schon ihre Lieder von Platte oder aus dem Radio lassen durch ihre Intensität von „Flüstern und Schreien“ nicht wieder los. Sie selbst als Performerin ihrer Songs, Gedichte und Prosa im Konzert zu erleben, ist jedoch ein unvergessliches und nachhaltiges Erlebnis.

Patti Smith in Finnland 2007 – Foto: Beni Köhler
Patti Smith in Finnland 2007 – Foto: Beni Köhler

Am folgenden Tag besuchte ich in der stillen Hoffnung, sie noch einmal aus der Nähe zu erleben, ihre Ausstellung von Fotos und Objekten in einer Galerie in Berlin-Mitte.

Ausstellung Patti Smith, 2008 in der Berliner Galerie ArtMBassy
Ausstellung Patti Smith, 2008 in der Berliner Galerie ArtMBassy

Patti Smith war natürlich nicht da, dafür sah ich zum ersten Mal Fotos von ihr – Zeugnisse ihres Interesses an scheinbar alltäglichen, aber zumeist bedeutsamen, wenn nicht gar geschichtsträchtigen Objekten.

Patti's Reisegepäck
Patti’s Reisegepäck

In meinem Bücherregal steht ebenfalls ein seltsames Objekt von besonderer Bedeutung – für mich. Auch wenn ich mich kaum mehr daran erinnern konnte, hatte ich doch bereits vor einem halben Jahrhundert einen Artikel über Polargebiete von Dr. Fritz Loewe aus Melbourne gelesen: in Urania Universum, Band 6, 1960. Diese populärwissenschaftliche Reihe hat mich über die ganze Kindheit und Jugend begleitet, denn Berichte über Raketen, Flugboote, Transistoren, Wüsten und ferne Länder waren damals genau das richtige für mich.

Upernivik-Insel, Grönland – in der Nähe forschten Wegener und seine Mitarbeiter
Upernivik-Insel, Grönland – in der Nähe forschten Wegener und seine Mitarbeiter

Das Leben Fritz Loewes und seine wissenschaftlichen Leistungen blieben mir noch lange unbekannt. Von dem Polarforscher Alfred Wegener und seiner Theorie der Kontinentaldrift erfuhr ich erst 1980 durch die Herausgabe einer Briefmarke anlässlich seines 100. Geburtstages und seines 50. Todestages.

Briefmarke zu Ehren von Alfred Wegener
Briefmarke zu Ehren von Alfred Wegener

Patti Smith hat neben ihren Platten immer auch Bücher, zumeist Gedichte und Songs, veröffentlicht. Seit einigen Jahren gibt es Prosatexte von ihr und jüngst erschien „M Train“, übersetzt von Brigitte Jakobeit.

Das Buch von Patti Smith erschien bei Kiepenheuer & Witsch
Das Buch von Patti Smith erschien bei Kiepenheuer & Witsch

Dass dieses autobiografische Buch, das Realität, Fantasie und Traumwelt miteinander verwebt, auch von Alfred Wegener und Fritz Loewe, den bedeutenden deutschen Wissenschaftlern, handelt, verraten weder Klappentext noch die meisten deutschen Rezensionen. Offensichtlich sind manche Rezensenten weder in der Geschichte der Polarforschung zuhause, noch kennen sie “Urania Universum”.
Ich für meinen Teil war völlig überrascht, als ich neulich [das liegt inzwischen dreieinhalb Jahre zurück!] mit dem Buch von Patti Smith vor dem Kamin in einem Jahrhunderte alten toskanischen Haus saß und beim Lesen auf die Namen Wegener und Loewe stieß. Es war verdammt kühl, viel zu kalt für Mai, und trotz des Feuers im offenen Kamin konnte ich den überraschenden Ausflug in die Polarforschung sehr gut nachempfinden.

Büste von Alfred Wegener im AWI
Büste von Alfred Wegener im AWI

Wäre nicht Patti Smith die Sammlerin von Fotografien seltsamer Objekte, hätte wohl niemand von einem geheimen Verbund CDC, dem Continal Drift Club, gehört, der Alfred Wegener und seine lange verlachte Theorie von der Auseinanderdrift der Kontinente nach dem Bruch von Pangea, dem Urkontinent, würdigt. Patti Smith beschreibt, wie sie nach Alfred Wegeners Stiefeln sucht, um ein Foto von ihnen zu machen, und dabei ganz zufällig das 23. (!) Mitglied dieses Continental Drift Clubs wurde.

Die Stiefel, die Alfred Wegener bei seiner letzten Expedition 1930 trug
Die Stiefel, die Alfred Wegener bei seiner letzten Expedition 1930 trug

Alfred Wegener war 1930 während seiner Grönland-Expedition ums Leben gekommen. Wie so oft bei Wissenschaftlern wurden seine wissenschaftlichen Leistungen und ihre Bedeutung für das inzwischen bewiesene Phänomen von der Plattentektonik erst lange nach seinem Ableben gewürdigt. Heute trägt das Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven und Potsdam (AWI) seinen Namen.

Das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven – Foto: Garitzko
Das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven – Foto: Garitzko

Fritz Loewe überlebte die Expedition mit Überwinterung in einer Eishöhle – allerdings mit dem Verlust seiner Zehen infolge von Erfrierungen, die er sich auf einem Marsch über das Inlandeis zugezogen hatte. Nach der Expedition 1934 wurde er durch seinen Überwinterungskollegen Ernst Sorge als Jude denunziert und in „Schutzhaft“ genommen. Dank einer Amnestie kam er frei und konnte mit Frau und Kindern gerade noch rechtzeitig Deutschland verlassen. Nach einem Aufenthalt in England hat er seine erfolgreiche wissenschaftliche Karriere in Australien fortgesetzt. Dass der dritte Überwinterer in Grönland, Johannes Georgi, den Mut hatte, den Juden Loewe gegen alle Anfeindungen zu verteidigen und damit sich selbst und seine Familie in Gefahr brachte, wurde erst nach dem Krieg bekannt.

Georgi und Loewe in der Eishöhle – Foto: Ernst Sorge
Georgi und Loewe in der Eishöhle – Foto: Ernst Sorge

Auch wenn Patti Smith diese Zusammenhänge in ihrem Buch nicht beschreibt, sei ihr schon allein für diesen – vielleicht virtuellen? – Ausflug in die Geschichte der deutschen Polarforschung gedankt. Darüber hinaus ist ihr Buch voll von vielen weiteren wunderbaren Details und Geschichten zwischen Traum und Wirklichkeit! Vielleicht sieht man sich ja eines Tages wieder? Eine schlanke Frau mit wehenden Haaren, Mütze, Jeans und langem Mantel auf einer Berliner Straße, auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, im Pasternak an ihrem Lieblingsplatz unter dem Portrait des berühmten jüdisch-russischen Dichters oder wieder einmal in einem Konzert in der Passionskirche in Kreuzberg.

Patti Smith – Foto: © Rainer Knäpper, Free Art License
Patti Smith – Foto: © Rainer Knäpper, Free Art License
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Der Fischer und die Raben

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Im Thomas Radall Park

reblogged vom Dezember 2015

Bevor die Mi’kmaq in Nova Scotia siedelten, waren die Raben da, die viele und lange Geschichten erzählen. Jeden Tag höre ich ihre Stimmen, von früh bis abends. Eine Geschichte handelt von späteren Siedlern, die aus Europa kamen und ihre Wünsche und Hoffnungen auf ein anderes Leben mit dem neuen Land verbanden; die das alte Europa mit seiner Enge hinter sich ließen.

abgestorbene Fichten an der Küste – Foto: © Ullrich Wannhoff
Die abgestorbenen Fichten an der Küste schützen den jungen Nachwuchs dahinter – Foto: © Ullrich Wannhoff

So kam 1786 die Familie MacDonald in der Bucht „Port Joli“ an. Die britische Armee setzte sie dort an Land, wo die Küsten mit dunklen Nadelwäldern umsäumt sind. Hier stehen die alten abgestorbenen Fichten vorne am Strand, die jüngeren geschützt dahinter.
Die McDonalds ließen sich hier nieder und begründeten ihre neue Existenz. Ob sie in der alten Heimat Fischer waren oder das jetzt erst wurden, bleibt mir verborgen. Die Raben antworten nicht, sondern erzählen irgend etwas, wie in einer endlosen Bandschleife.

Alter Anker – Foto: © Ullrich Wannhoff
Alter Anker, etwa neunzig Jahre alt – Foto: © Ullrich Wannhoff

MacDonalds Niederlassung lag am seitlichen Ausgang der Bucht in Richtung zum offenen Atlantik. Hier ziehen Fischschwärme vorbei, aber auch die Stürme verbreiten ihr Unheil. Die Behausungen standen hundert Meter landeinwärts in den geschützten Wäldern. Schuppen, Bootshaus und der Garten lagen am Ufer, wo heute noch ein alter Apfelbaum steht.

Apfelbaum – Foto: © Ullrich Wannhoff
Immer noch trägt ein alter Stamm rote, genießbare Äpfel – Foto: © Ullrich Wannhoff

Ein dicker Baum, mit einem abgestorbenen hellen Stamm ohne Rinde und einem noch treibendem Teil, an den viele kleine rotbäckige Äpfel hängen. Ihr hartes Fruchtfleisch schmeckt leicht säuerlich, aber mit süßen Anteilen, also durchaus essbar. Auf diesen Fleck scheint die Sonne besonders lange, und die Fichten schützten die Äpfel vor den Stürmen.

Apfelbaum abgestorbener Stamm – Foto: © Ullrich Wannhoff
Links der abgestorbene Stamm. Der mittlere Stamm trägt heute noch volle Früchte – Foto: © Ullrich Wannhoff

Den hier brütenden Flötenregenpfeifern schenkte die Fischerfamilie damals wohl nicht zu viel Beachtung. Sicherlich wurden die Vögel wahrgenommen, ebenso wie die Raben, die hier auch heute fliegen. Ob die MacDonalds in den langen Winternächten auch Gespräche über die Vögel führten? Ob sie ihren Kindern vielleicht gar Märchen über die Vögel erzählten?

Piping Plover – Foto: © Ullrich Wannhoff
In der Sandy Bay und an anderen Stränden Nova Scotias befinden sich die Brutgebiete der Flötenregenpfeifer – Foto: © Ullrich Wannhoff

Das Alltagsleben wurde vom Meer bestimmt: wann ziehen die Heringe? wo ist der Kabeljau? Können wir Hummer fangen? Dies bestimmte wichtige und sehr arbeitsreiche Perioden des Jahres. Mit dem Fang ließen sich in größeren Hafenorten Mehl, Lebensmittel, Gerätschaften, Eisen und andere wichtige Dinge eintauschen.

Grabstein der Familie Mac Donald – Foto: © Ullrich Wannhoff
Hier liegen Mitglieder der Familie Mac Donald begraben, die 1786 aus Schottland hier eintraf – Foto: © Ullrich Wannhoff

Freizeit, wie wir es heute kennen, hat es damals wohl kaum gegeben – und wenn, dann waren das Pausen, wo man vielleicht andächtig rauchend in die weite Ferne schaute, sich an das Land von gestern erinnernd – Schottland. Man saß in der engen verrauchten warmen dunklen Stube. Wenig Licht fiel durch die kleinen Scheiben. Die Gedanken gingen schon an die nächste arbeitsreiche Saison. Man lief den langen Weg in die Kirche und hegte die Hoffnung, Gott wird es richten…?

Karte von Port Joli Harbor um 1930
Karte von Port Joli Harbor um 1930

Heute wirkt so etwas fast romantisch, aber damals war für Romantik wenig Platz. Die harte Zeit, das salzige Meer nagte buchstäblich an Haut und Knochen. Wir kennen die realistischen Bilder von deutschen Malern, wie Wilhelm Leibl (1844-1900) oder den frühen Max Liebermann (1847-1935), die das Leben des 19. und frühen 20. Jahrhundert auf dem Lande zeigt.

Fischerboot – Foto: © Ullrich Wannhoff
Die Form der Fischerboote aus dem frühen 20. Jahrhundert hat sich bis heute erhalten: Boot in Port Medway – Foto: © Ullrich Wannhoff

Mit dem Einzug moderner Technik wurde die Zeit der Fischerei „unter Segeln“ abgelöst. Seit den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ergänzten Dieselmotoren und bessere nautische Instrumente die Ausstattung der Hummern-Boote. Das Leben wurde aber nicht unbedingt einfacher – nur anders. Der Markt hat sich verschoben. Die industriemäßig betriebene Fischerei erschwert das harte Leben der kleinen Fischer bis heute.

Silbermöwe – Foto: © Ullrich Wannhoff
Silbermöwe kurz vor dem Auffliegen – Foto: © Ullrich Wannhoff

Nur wenige junge Menschen betreiben heute noch Küstenfischerei, deren Vergangenheit nicht romantisch und deren Zukunft unsicher ist. Die Raben könnten viele neue Geschichten darüber erzählen … aber ich möchte jetzt in der Sandy Bay baden und den Silbermöwen nachschauen. Ich sehe die zuckenden Hälse der Ohrenscharben (sie gehören zur Familie der Kormorane), sie schauen auf mich, um gleich darauf weg zu fliegen.

Double-crested cormorant – Foto: © Ullrich Wannhoff
Ohrenscharbe kurz vor dem Abfliegen – Foto: © Ullrich Wannhoff

Anmerkung: Ich war zehn Tage im Thomas Radall Provincial Park in Nova Scotia. Thomas Radall (1903-1994) war Schriftsteller und Historiker. Ein großer Teil seines Nachlasses liegt in Museen und Archiven in Nova Scotia.

Hier sind meine anderen Beiträge zu Nova Scotia: “The Hare and Hounds” und “Frühherbst an der Ostküste Kanadas“.

Übrigens: Die Sandy Bay ist eines der Themen in Wolfgang Opels Buch “Nova Scotia: 50 Highlights abseits der ausgetretenen Pfade“.

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Frühherbst an der Ostküste Kanadas (Ornithologisches)

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Port Joli Bay und Medway Bay – zwei völlig unterschiedliche Meeresbuchten in Nova Scotia

reblogged vom November 2015

Obwohl sie nicht weit von einander liegen, unterscheiden sich die beide Buchten an der South Shore Nova Scotias allein schon durch die unterschiedliche Zusammensetzung des Wassers. In der Bucht des Port Joli dringt frisches Meereswasser bis ans innere Ende ein und legt beim Rückfluten bis zweihundert Meter breite Ebbefelder frei, im hinteren Teil sogar bis vierhundert Meter.

Der große Gelbschenkel (<i>Tringa melanoleuca</i>) – Foto: © Ullrich Wannhoff” class=”wp-image-1506″/><figcaption>Der große Gelbschenkel (<em>Tringa melanoleuca</em>) – Foto: © Ullrich Wannhoff</figcaption></figure></div>



<p>Diese Wattfelder werden gern von Limikolen, wie Großer Gelbschenkel, Flötenregenpfeifer, Sandstrandläufer, Kiebitzregenpfeifer und Sanderling aufgesucht. </p>



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Ein Steinwälzer legt auf dem Weg in Richtung Süden eine kurze Pause ein – Foto: © Ullrich Wannhoff
Ein Steinwälzer (Arenaria interpres) legt auf dem Weg in Richtung Süden eine kurze Pause ein – Foto: © Ullrich Wannhoff

Hinter den salzhaltigen Feuchtwiesen befinden sich meist torfhaltige Gewässer. Das feste Land ist fast ausschließlich mit Schwarzfichte besetzt, und im vorderen ungeschützten Bereich ziehen sich Windbrüche am Ufer entlang, deren großer Lichteinfall wieder das Wachstum von Hochstauden und Erlensträuchern zulässt.

Grasammer  – Foto: © Ullrich Wannhoff
Grasammer (Passerculus sandwichensis) – typisch für Strand- und Strauchvegetation – Foto: © Ullrich Wannhoff

Es entsteht ein undurchdringlicher Pflanzenfilz, der das Eindringen erschwert. In kleineren Truppen zieht hier der Kronenwaldsänger vorbei, der recht erfolgreich Insekten am Stamm findet und sich weniger an den vom Wind zerzausten Außenzweigen aufhält.

Der hier in Nova Scotia vom Aussterben bedrohte Flötenregenpfeifer – Foto: © Ullrich Wannhoff
Der hier in Nova Scotia vom Aussterben bedrohte Flötenregenpfeifer (Charadrius melodus) brütet in sandigen Buchten – Foto: © Ullrich Wannhoff

Bei Ebbe wird der breite Sandstrand, wie in der Sandy Bay oder der St. Catharine River Bay weiter im Osten, frei gelegt. Aus dem vom Meer angespülten Tang, meist Braunalgen, picken die Limikolen ihre Nahrung heraus. Leere Klaffmuscheln, Seeigel, Miesmuscheln, verschiedene Krebsarten, aber auch hier und da abgerissene Hummerkörbe finden sich als Strandgut.

Flussseeschwalbe – Foto: © Ullrich Wannhoff

Flussseeschwalbe (Sterna hirundo) Ende August kurz vor dem Flug in den Süden – Foto: © Ullrich Wannhoff

In der Port Joli Bay beobachte ich Robben: hier ausschließlich Kegelrobben, die mit ihren heulenden Gesang sehr dominant sind. Bis zu vierzig Individuen bilden auf kleinen Steininseln eine Kolonie.
Immer wieder einmal, wenn ich in Richtung zum Ende der Bay paddle, treffe ich ein Weißkopfseeadlerpaar an. Auf den Wattfeldern finden sich größere Ansammlungen von Kanadagänsen ein, die hier um diese Zeit gejagt werden dürfen. Draußen auf dem Meer sehe ich einige wenige Eiderenten.

Weißkopfseeadler – Foto: © Ullrich Wannhoff
Den Weißkopfseeadler (Haliaeetus leucocephalus) trifft man wieder häufig an – Foto: © Ullrich Wannhoff

In die Medway Bay fließen der Medway River und dazu noch kleinere Bäche, die viel torfhaltiges Wasser mit sich führen. Das klare Meereswasser trübt sich ein, und erst im vorderen Drittel Richtung Meer spürt man dem Atlantik mit seinem Schwell. Die Uferzonen sind steinig und im unteren Bereich mit Blasentang überzogen, der besonders bei Ebbe an den Steinen sichtbar wird.

Blaureiher – Foto: © Ullrich Wannhoff
Oft findet sich in den Buchten der Blaureiher (Ardea herodias) ein – Foto: © Ullrich Wannhoff

Landeinwärts zieht sich ein dichter Wald mit Fichten, Kiefern, Birken, Pappeln, Eichen und Ahorn. Auf Grund der starken Abholzung im 18. bis zur Mitte 20. Jahrhunderts haben wir hier einen recht jungen Wald vor uns. Die einzige Limikole ist der Einsame Wasserläufer, der recht scheu ist und den man an den Uferzonen antrifft.

Sandstrandläufer  – Foto: © Ullrich Wannhoff
Der Sandstrandläufer (Calidris pusilla) ist um diese Zeit auch ein vorüberziehender Gast aus dem Norden – Foto: © Ullrich Wannhoff

In der Medway Bay konnte ich in dieser Jahreszeit bis zu fünfzehn Prachttaucher beobachten, die sich meisten in einer ruhigen Nebenbucht aufhalten. Am Waldessaum streichen Schwarzkopfmeisen vorbei, die im Verbund mit Zweigsängern (Warbler) auftreten, wie Weidengelbkehlsänger und Kletterwaldsänger. Natürlich dürfen die Haarspechte nicht fehlen, die recht häufig anzutreffen sind.

Weidengelbkehlchen – Foto: © Ullrich Wannhoff
Weidengelbkehlchen (Geothlypis trichas), ein typischer Vertreter der Strauchvegetation – Foto: © Ullrich Wannhoff

In der Bucht befinden sich viele kleine Steininseln, die von Kegelrobben und Seehunden besetzt werden. Auf den hohen Fichten und Kiefern, die am steinigen Ufersaum wachsen, beobachte ich ein Fischadlerpaar mit einem Jungtier. Am Ende der Bucht sehe ich in kleiner Anzahl Stockenten und die für diese Gegend typische Amerikanische Dunkelente.

Mantelmöwe – Foto: © Ullrich Wannhoff
Mantelmöwe (Larus marinus), ein ständiger Vertreter am Atlantik – Foto: © Ullrich Wannhoff

Trotz aller Unterschiede vereint beide Buchten eine Schönheit, die selbst durch gelegentliche Straßen und Waldwege, die die umgebende Landschaft zerschneiden, nicht gestört wird; hier siedeln nur wenige Menschen. Erstaunlich, dass trotz der Grundstücke am Wasser nur sehr wenige Wasserfahrzeuge unterwegs sind, die die Stille der Natur kaum stören.

Einsiedlerdrossel  – Foto: © Ullrich Wannhoff
Die Einsiedlerdrossel (Catharus guttatus) hält sich gerne in Sträuchern auf – Foto: © Ullrich Wannhoff

Ganz andere Erlebnisse beim Paddeln in Nova Scotia hatte ich am Second Christopher Lake.

Weitere Paddelerlebnisse: Eröffnung der Paddelsaison von Berlin nach KamtschatkaDas süße Spreewasser fließt in den Dämeritzsee – Sonnige Tierbeobachtungen.

Über meine Paddeltouren in Kamtschatka: “Ust-Kamtschatsk – Geflügeltes an der Mündung des Flussess” und “Bis zum Stillen Ozean und weiter“.
In meinem Buch “
Der stille Fluss Kamtschatka” kann man erfahren, was ich auf einer 400 km langen Paddeltour auf dem Kamtschatka-Fluss noch alles erlebte – und was mich dort bewegte.

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„The Hare & Hounds“ – aus Nova Scotia

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reblogged vom Oktober 2015

Die einzige Insel auf dem Second Christopher Lake in Nova Scotia/Kanada wurde für zwei Wochen mein Domizil.
Es war eine glückliche Notlösung, nachdem das geplante Zelten im Nationalpark Kejimkujik schief lief, weil dies mit vielen Umständlichkeiten und mit langer Voranmeldung verbunden ist. Kurzfristig mussten wir einen anderen See finden. In unserer gemeinsamen Verlegenheit fuhren meine Freunde mich zu zwei uns unbekannten Seen, zwischen denen ein Campingplatz liegt. Sie luden mich ab und entließen mich in die Freiheit.

Seenebel – Foto: © Ullrich Wannhoff
Früher Seenebel zieht auf – Foto: © Ullrich Wannhoff

Gleich paddelte ich fluchtartig und schnellstmöglich von dem Campingplatz weg, wo ein Wohnwagen sich an den anderen reiht und lärmendes Menschengewirr noch Hunderte Meter weit über dem See zu spüren war. Dann endlich war ich außer Sichtweite der Zivilisation und hatte noch vier Stunden Zeit, einen passenden Zeltplatz zu finden, bevor die Sonne untergeht.

Mein Boot auf der Insel Foto – © Ullrich Wannhoff
Mein Boot auf der Insel, die mich 14 Tage beherbergt – Foto: © Ullrich Wannhoff

Ich steuerte am Anfang eine Insel an, die mir vordergründig ins Auge fiel. Mit dem steinigen Untergrund war ich nicht so zufrieden. So paddelte ich weitere Buchten ab, die alle nicht in Frage kamen. Entweder war der Boden viel zu feucht oder weiter drin im Wald viel zu holprig. Moose und Flechten überziehen große und kleine Steine und ergeben keine ebene Fläche für das Zelt.

Insel im morgendlichen Nebel – Foto: © Ullrich Wannhoff
Meine Insel im morgendlichen Nebel – Foto: © Ullrich Wannhoff

Also zurück zur Insel, die etwa hundert Meter lang und vierzig Meter breit ist und auf der Kiefern, Fichten, Birken und verfilzte Sträucher wachsen. Ich finde einen flachen, großen Stein aus der Eiszeit, den einst ein kilometerdicker Eispanzer schliff und hobelte. Die Größe der Grundfläche ist wie geschaffen für das Zelt. Mit anderen Steinen, anstatt Heringen, kann ich meine Unterkunft fixieren. Auf der westlichen Seite habe ich die herrlichen Sonnenuntergänge und auf der anderen Seite die Aufgänge. Beide färben sich in dieser Zeit meist rot, wie das Blut erlegten Wildes, das zur Jagdzeit fließt.

Roter Sonnenuntergang – Foto: © Ullrich Wannhoff
Einer der vielen roten Sonnenuntergänge – Foto: © Ullrich Wannhoff

In tagelangen Erkundungen entdecke ich Jagdwege, Tierpfade von Weißwedelhirschen, bewohnte Biber-Baue und da und dort manche Vogelarten, die leider recht rar bleiben. Unendlich viele Steine schauen nicht nur aus dem torfhaltigen See, sondern befinden sich unsichtbar unter der Wasserfläche. Der Untergrund meines schönes roten Gummibootes verliert die Farbe. An fast jedem Stein schürfe ich an, es ist, als würde man mit Sandpapier die Farbe abschleifen.

In einer Steinritze bereite ich mein Essen zu – Foto: © Ullrich Wannhoff
In einer Steinritze bereite ich mein Essen zu – Foto: © Ullrich Wannhoff

In einer Steinritze lege ich mit dünnen Kiefernzweigen und Birkenrinde ein kleines Feuerchen an für Tee zum Frühstück und Abendbrot. Für mich, der mehr das subarktische Klima gewohnt ist, sind die Temperaturen zwischen 30-40°C eine Qual.

Sonntag, der 13. September – Foto: © Ullrich Wannhoff
Das war Sonntag, der 13. September – Foto: © Ullrich Wannhoff

Endlich gibt es einen Regentag. Es ist der Dreizehnte, aber nicht Freitag, sondern Sonntag. Zuerst kommt Nieselregen von den feuchten Wolken herunter, der sich zwar wie Nebel anfühlt, aber nicht wie an anderen Tagen in Sonnenschein übergeht. Ich wanderte um den oberen, kleineren Third Christopher Lake und entdecke eine Jagdhütte mit der witzigen Türüberschrift „The Hare & Hounds“. Bin ich der Hase oder ein Jagdhund?

Überraschend finde ich eine versteckte Jagdhütte – Foto: © Ullrich Wannhoff
Überraschend finde ich eine versteckte Jagdhütte – Foto: © Ullrich Wannhoff

Hier trinke ich in Ruhe meinen Tee und habe das Gefühl, der Regen hört nicht mehr auf. So bleibt mir nichts weiter übrig, als bei der Nässe zurück zum Boot zu laufen. Vorher nehme ich mir aus der Jagdhütte noch eine Cellophantüte, um meine Fotoausrüstung in der Fototasche vor Nässe zu schützen. Unterwegs sehe ich rote Bändchen an den Bäumen, die mir den Weg zeigen. So laufe ich diesen hinterher, anstatt am Seeufer mit den hohen Sträuchern zurück zu gehen. Jetzt führt der Weg mit den roten Fähnchen immer weiter weg vom See. So ein shit!

Ein gut organisierter Haushalt! – Foto: © Ullrich Wannhoff
Ein gut organisierter Haushalt! – Foto: © Ullrich Wannhoff

Ich biege ab in Richtung See. Feuchtwiesen und große, nasse Erlensträuchern erschweren das Laufen. Der Himmel liegt tiefgrau, und Wasser über mir, unter den Füßen morastige Gründe und an den Seiten die klitschnassen Sträucher – und kein Ende abzusehen.
Im Hintergrund sehe ich etwas Helleres durchleuchten. Ja, das muss die Lichtung sein, wo sich der See befindet. Fehlanzeige. Laufe weiter und stehe an einer markanten Fichte, die ich schon mal vom Ufer aus gesehen hatte. Weit kann es nicht mehr sein. Der Himmel ist nicht nur grau, sondern wässrig, wie schmutzige Wäsche. Ich habe keine Ahnung, welche Richtung ich einschlagen soll. Hier werde ich zum hilflosen Hasen und weiß von nichts. Alle Himmelsrichtungen sind von gleicher Farbe. So bleibt mir nichts anderes übrig als zu laufen, laufen und nochmals laufen – bis irgendwann ein Weg kommt, der mich in die Zivilisation bringt – und wenn ich bei einem fremden Kanadier übernachten muss.

Schild über der Eingangstür der Jagdhütte – Foto: © Ullrich Wannhoff
Schild über der Eingangstür der Jagdhütte – Foto: © Ullrich Wannhoff

Ich habe mich im Kreis bewegt und komme wieder an einem Holzeinschlag vorbei, wo Forstfahrzeuge ihre Spuren hinterlassen haben und mir die Richtung anzeigen. Mehrere Wege gehen davon ab. Ich laufe einen davon entlang, den ich später wieder erkenne – an Fähnchen, Bierbüchse, einen alten Kartoffelsack usw. – den ich vor Tagen schon mal abgelaufen bin. Ich atme tief durch, und mein Jagdgespür ähnelt jetzt dem eines Hundes. Naja, nur noch zwei Stunden bis zum Boot.

Das Regenwasser füllt meine leeren Wasserkanister und den Teetopf – Foto: © Ullrich Wannhoff
Das Regenwasser füllt meine leeren Wasserkanister und den Teetopf – Foto: © Ullrich Wannhoff

Meine Insel ist unsichtbar im dicken Grau verschwunden. Doch auf dem Wasser bin ich mir sicherer, und nach einer halben Stunde Paddeln kann ich anlegen, nach unfreiwilligen zehn Stunden Wanderung. Schnell entledige ich mich meiner triefend nassen Sachen. Stehe nackt vor dem Zelt, strecke mich, bevor ich mich ins Trockene lege. Ich bereite mir heißen Tee und schreibe Tagebuch, und die Gedanken zwischen „Hare und Hounds“ bleiben auf der Strecke.

Weitere Kanada-Erlebnisse folgen demnächst.

Andere Paddelerlebnisse: Eröffnung der Paddelsaison von Berlin nach Kamtschatka
Das süße Spreewasser fließt in den Dämeritzsee – Sonnige Tierbeobachtungen.

Über meine Paddeltouren in Kamtschatka: “Ust-Kamtschatsk – Geflügeltes an der Mündung des Flussess” und “Bis zum Stillen Ozean und weiter“.
In meinem Buch “
Der stille Fluss Kamtschatka” kann man erfahren, was ich auf einer 400 km langen Paddeltour auf dem Kamtschatka-Fluss noch alles erlebte – und was mich dort bewegte.

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