Kenojuak Ashevak

reblogged vom Januar 2013 – aus Anlass von Kenojuaks Geburtstag heute – am 3. Oktober. You will find an English version here.

Am 8. Januar 2013 hat sich das Leben einer außergewöhnlichen Frau, einer Inuk aus der kanadischen Arktis, vollendet. Kenojuak Ashevak verstarb 85jährig nach einem langen und überaus erfolgreichen Leben als Frau, Mutter von 14 Kindern und Künstlerin in Cape Dorset auf Baffin Island, Nunavut. Sie war eine der bedeutendsten Vertreterinnen kanadischer Kunst.

Kenojuak Ashevak in ihrem Haus –  Foto: Joan Handel, 2010
Kenojuak Ashevak in ihrem Haus – Foto: Joan Handel, 2010

1927 in einem Inuit-Camp geboren, lebte sie bis in die 1960er Jahre mit ihrer Familie in der traditionellen Weise der Inuit in verschiedenen Camps an der Hudson Strait. Während Kenojuaks dreijährigem Aufenthalt von 1952 bis 1955 zur Behandlung von Tuberkulose in Quebeq City starben zuhause ihre drei Kinder. Infolge ihrer Krankheit war es ihr nicht möglich gewesen, zu ihrem Mann Johnniebo zu fahren, um diese schwierige Zeit gemeinsam zu überstehen.
Im Krankenhaus wurde sie zu ersten kunstgewerblichen Arbeiten angeregt. Als sie nach Baffin Island zurückgekehrt war, beteiligte sie sich als eine der ersten Frauen an den Aktivitäten von James Houston in Cape Dorset zur Herstellung und Vermarktung von Grafiken und Skulpturen, um damit zum Lebensunterhalt ihrer Familie beizutragen.

Cape Dorset vor dem Kinngait Hill
Cape Dorset vor dem Kinngait Hill

Bald wurde Kenojuaks ungewöhnliches Zeichentalent entdeckt und daraufhin ihre Arbeiten in die jährlich erscheinenden Grafik-Editionen von Cape Dorset einbezogen. Ihre Motive fand sie in der sie umgebenden Natur. In vielen ihrer Grafiken kombinierte sie Motive wie Vögel und Fische in ungewöhnlichen Farben zu fantasievollen Formen. Kenojuak hat in ihrem über 50jährigen Schaffen viele tausende Zeichnungen und Grafiken, aber auch Skulpturen geschaffen, die von Sammlern und Museen bis heute sehr begehrt sind. Sie fertigte gelegentlich auch sehr großformatige Grafiken an.

Druck einer Grafik von Kenojuak in der Werkstatt in Cape Dorset

Vielfach publiziert wurde die anlässlich der Gründungsvereinbarung des von den Inuit selbstzuverwaltenden Territoriums Nunavut am 25. Mai 1993 von Kenojuak geschaffene Grafik „Nunavut Qajanartuk (Our Beautiful Land)“. Diese kreisrunde Grafik musste wegen ihrer Größe in zwei Teilen, das heißt unter Verwendung von zwei Lithosteinen, gedruckt werden. Die beiden Drucke zeigen die arktische Natur und das Leben der Inuit im Verlauf der Jahreszeiten. In der Mitte ist der Himmel über der Arktis mit Sonne, einem Halbmond und einem Teil des Sternenhimmels angeordnet, was sicher den unverstellten 360°-Blick im Norden symbolisieren soll.

Grafik von Kenojuak auf dem Titel einer Broschüre von Nunavut Tunngavik Inc. (courtesy of Hans Blohm)
Grafik von Kenojuak auf dem Titel einer Broschüre von Nunavut Tunngavik Inc. (courtesy of Hans Blohm)

Um die Exklusivität des besonderen Anlasses festzuhalten, wurde diese Grafik in einer Auflage von nur drei Abzügen gedruckt und die Druckvorlagen anschließend vernichtet. Der international bekannte Fotograf Hans-Ludwig Blohm fotografierte diese drei Grafiken und dokumentierte die Enthüllung der Grafik durch Kenojuak Ashevak zusammen mit dem damaligen kanadischen Ministerpräsidenten Mulroney anlässlich dieser für die kanadischen Inuit so bedeutenden Veranstaltung. Zu sehen ist dieser wichtige historische Moment auf den S. 118-119 in seinem Buch “The Voice of the Natives – The Canadian North and Alaska”, das in Deutsch unter dem Titel „Die Stimme der Ureinwohner“ im vdL:Verlag in Wesel veröffentlicht wurde. Eine weitere Ausgaben des Buches erschien in Inuktitut, der Sprache der Inuit.

Kenojuaks Entwürfe zieren Münzen, Briefmarken, Kalender und sogar ein Glasfenster in einer Kirche in Oakville bei Toronto. Die Künstlerin war seit 1974 Mitglied der Royal Canadian Academy of Arts. Sie wurde Ehrendoktorin der Universitäten in Toronto und Kingston: 1982 wurde sie zum Companion to the Order of Canada ernannt und erhielt 1995 den National Aboriginal Achievement Award, die für indigene Künstler wohl wichtigste Auszeichnung.
Kenojuak Ashevaks Arbeiten sind in Galerien und auf Auktionen überaus erfolgreich und gehören zum Bestand vieler namhaften Museen und Galerien nicht nur in Kanada sondern auch in den USA, in Europa und Asien. In Deutschland wurde sie besonders durch das Buch „Kenojuak“ von Ansgar Walk, aber auch durch Ausstellungen in Museen und Galerien bekannt. 2004 wurde dem Werk von Kenojuak Ashevak eine mehrmonatige Ausstellung auf Burg Vischering (Lüdinghausen) gewidmet. Sie nahm persönlich an der Eröffnung teil und besuchte bei dieser Gelegenheit andere Veranstaltungen und Tagungen in Hamburg, Berlin und Potsdam. Weitere Ausstellungen führten Kenojuak auch in die USA, nach Japan und Korea.

Kirchenfenster in Oakville - Foto: Ansgar Walk
Kirchenfenster in Oakville – Foto: Ansgar Walk

Bei einem Besuch in der Druckwerkstatt in Cape Dorset im Sommer 2010 konnten wir beim Drucken einer Grafik von Kenojuak zusehen. Leider war sie selbst an diesem Tag nicht in der Werkstatt zum Zeichnen, so dass wir sie nicht persönlich kennenlernen konnten. Wir trafen dort aber eine ihrer Enkelinnen, Susie Ashevak, die ihrer Großmutter wohl auf die ungewöhnlichste Weise gedenken wird: sie hatte sich vor einigen Jahren ein Tattoo nach einer Grafik von Kenojuak Ashevak auf den Oberarm stechen lassen.

Tattoo nach einem Motiv von Kenojuak

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Robert Frank. Vernissage in Halifax

In Memoriam – aus Anlass des Todes des Fotografen am 9. September 2019
re-blogged vom 7.9.2014

Vom Zürichsee über New York zum Sankt-Lorenz-Golf

Robert Frank im September 2014 in Halifax
Robert Frank im September 2014 in Halifax

Es gibt sie also doch, diese unerwarteten Begegnungen der besonderen Art. Erst durch die E-Mail eines Freundes erfuhren wir von der Ausstellung (Anna Leonowens Gallery, 6.-12.9.2014) von Arbeiten des Fotografen und Filmemachers Robert Frank in Halifax, Nova Scotia. Der 1924 in Zürich geborene Deutsch-Schweizer ist einer der stilbildenden Fotografen der letzten 60 Jahren. Mit Anfang 20, damals schon im Beruf erfahren, wanderte er nach New York aus.

Robert Frank - Ausstellung in Halifax
Robert Frank – Ausstellung in Halifax

Als Immigrant aus dem zu dieser Zeit wohl etwas betulichen Zürich war er von der Rauheit, den Gegensätzen und der Hektik New Yorks beeindruckt. Um sich mit seiner neuen Heimat bekannt zu machen, durchquerte er später, unterstützt durch eine Zuwendung der Guggenheim-Stiftung, für zwei Jahre mit dem Auto das riesige Land in allen Richtungen.

Unkonventionelle Präsentation in Halifax: auf Zeitungspapierollen gedruckt
Unkonventionelle Präsentation in Halifax: auf Zeitungspapierollen gedruckt

Auf den langen Reisen entstanden 28.000 Fotos, von denen er 87 für sein Buch The Americans auswählte, das 1958 in Paris erschien. Der Erscheinungsort des Bildbandes – der heute als eines der einflussreichsten Fotobüchern überhaupt gilt – deutet bereits darauf hin, dass man in seiner neuen Heimat wenig begeistert von dem Bild war, das sich der Zugezogene gemacht hatte. Jack Kerouac allerdings schrieb in seinem Vorwort zu The Americans über seinen Freund: „ … he sucked a sad poem right out of America onto film, taking rank among the tragic poets of the world“.

Auf dem Foto im Hintergrund: Der Schriftsteller Jack Kerouac
Auf dem Foto im Hintergrund: Der Schriftsteller Jack Kerouac

Die ungewöhnliche Bildästhetik der schwarzweißen Fotos, die sich nur selten schnell und einfach erschließen, hat auf viele Betrachter eine langanhaltende Wirkung. Oft vorschnell als flüchtige Reportage- oder Gelegenheitsfotos diskreditiert oder als „Schnappschüsse eines Laien“ missverstanden, entstehen die Bilder in einer zwar manchmal spontanen, doch wohlbegründeten erzählenden und gestaltenden Absicht.

Andrang bei der Vernissage
Andrang bei der Vernissage: selbst Franks Freund Allen Ginsberg war da 😉

Dem Wunsch nach Erklärung seiner Bilder kommt Robert Frank selten nach: „The pictures have to talk not me“. Die Nähe zum Fotoalbum, wie es unseren Eltern und Großeltern vertraut war, ist durchaus gewollt. Anders als viele Fotografen, die nach immer größeren oder auch bunteren Bildern streben, sucht er das kleinere Format und sogar einfaches Papier für die Wiedergabe. In der Ausstellung in Halifax ist eine fiktive oder “vorweggenommene” Süddeutsche Zeitung vom 29.11.2014 (sic) zu sehen, die ganz Robert Frank gewidmet ist – das Experiment eines Ausstellungskatalogs auf Zeitungspapier.

Ihrer Zeit voraus: Süddeutsche Zeitung vom 29.11.2014
Ihrer Zeit voraus: Süddeutsche Zeitung “vom 29.11.2014”

Der Fotograf, der mit seiner Frau, der Künstlerin June Leaf, in New York und Mabou auf Cape Breton Island (Nova Scotia, Kanada) lebt, hält auch an den ungewöhnlichsten Orten an seiner Bildsprache fest.

Mabou Beach
Mabou Beach

Bei einer Reise 1992 nach Pangnirtung auf Baffin Island, gelegen in einer der schönsten Landschaften der Erde, fotografiert er, natürlich in schwarz-weiß, Ansichten von einfachen Häusern, vom Friedhof und Flugplatz, von Steinen und einer nebelverhangenen Landschaft. Und trotzdem geben die wenigen Fotos einen ganz speziellen Einblick in das Leben in einer Inuit-Siedlung am Polarkreis.

Robert Frank beim Signieren, Bildmitte: der Verleger Gerhard Steidl

Robert Frank beim Signieren, Bildmitte: der Verleger Gerhard Steidl

Es ist der Verdienst des Verlegers Gerhard Steidl aus Göttingen, dass das Gesamtwerk von Robert Frank – Foto für Foto, Film für Film – dem Publikum erschlossen wird.

Einige der Bücher von Robert Frank
Einige der Bücher von Robert Frank

Ob das jemals auch für dessen bis heute unveröffentlichten Film Cocksucker Blues über die Amerika-Tournee der Rolling Stones von 1972 gilt, steht wohl in den Sternen, denn die Stones, die bis heute den Film der Öffentlichkeit weitestgehend vorenthalten, misstrauen – mit Rücksicht auf das puritanische Amerika – dem Realismus Robert Franks. Wäre da nicht das Internet …

Robert Frank im Gespräch
Robert Frank im Gespräch – während der Vernissage in Halifax

posted by Wolfgang Opel am 7. September 2014; alle Fotos: © Wolfgang Opel

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150 Jahre Postkarte: auch Eisbären!

Per Post – auf einer Karte aus Papier: Seit dem 1. Oktober 1869, seit 150 Jahren, werden kürzere Nachrichten unverschlossen verschickt. Damals war das eine vergleichsweise schnelle und zudem sehr preiswerte Form, einander Mitteilungen zu machen.

Postkarte Sverdrup - Besuch der Eskimos
Die Inuit (damals Eskimos genannt) tragen wärmende Hosen aus dem Fell von Eisbären

Nicht mehr nur Worte, wie in Briefen und Telegrammen, waren auf dem Papier zu sehen. Umseitig gab es alsbald auch visuelles Material, das die Sinne in anderer Weise ansprach.

Im ozeanographischen Museum, Monaco
Eisbär im ozeanographischen Museum, Monaco

In unserem Buch “Eisbären – Wanderer auf dünnem Eis” finden sich neben vielem anderen Illustrationsmaterial auch einige historische Postkarten – für den Exkurs zur Kulturgeschichte der Eisbären oder im Kapitel “Zoo und Zirkus” ist das nicht überraschend.

Nordland-Panorama, Hagenbeck, Hamburg-Stelling
Unter anderem: Eisbären – im Nordland-Panorama, Hagenbeck

Früher wohl mehr noch als heute hatten Postkarten manchmal den Anspruch, nicht nur zur Veranschaulichung von Information, sondern sogar zur Bildung beizutragen. Doch gab es auch ganz andere visuelle Inhalte, wie die Postkarte unten zeigt, auf der sich eine Frau auf einem Eisbärenfell mit präpariertem Kopf räkelt.

Robert Sedlacek_Brumme nicht
Satirische Postkarte
Diese satirische Postkarte von 1903 thematisiert den Medienrummel um einen Eisbären, zu dem 1891 eine junge Frau (Karoline Wolf) ins Gehege eingedrungen war, was sie nicht überlebte. Das passierte weit über hundert Jahre vor KNUT, mehr dazu auf S. 265 in unserem Buch.

Postkarten dienten auch simpler Reklame/Werbung. Und auch hier wurden Eisbären eingesetzt, um Reisende nach dem Norden zu locken und neue Zweige des Tourismus anzukurbeln – schon vor weit über 100 Jahren, als Wilhelm Bade aus Wismar Fahrten nach Spitzbergen anbot. Anders als heute wurden Eisbären damals primär als Jagdobjekte gesehen, wie man im Kapitel “Reisen zu Nanook” in unserem Buch nachlesen kann.

Historische Postkarte, Sammlung Uwe Rüppel
Einst von einer Spitzbergen-Reise gesendet: Historische Postkarte, Sammlung Uwe Rüppel

Das Kommunikationsmittel Postkarte existiert immer noch – trotz SMS und “Messenger”! – doch das Motiv Eisbären ist heutzutage deutlich seltener geworden.

Unser Buch “Eisbären – Wanderer auf dünnem Eis” ist beim Buchhändler ihres Vertrauens erhältlich, oder direkt beim Verlag.

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HMS Terror – exzellenter Erhaltungszustand

Seit 2008 arbeitet Parks Canada an der Aufklärung der Franklin-Mysterien, eine in der kanadischen Geschichte einmalige Aktion, wobei man sich in den verschiedenen Jahren mit jeweils völlig unterschiedlichen, in jedem Fall aber herausfordernden Arbeitsbedingungen vor Ort konfrontiert sah. In diesem Jahr sind die Unterwasserarchäologen von Parks Canada ein entscheidendes Stück vorangekommen. 2016 und 2017 hatten extrem schlechtes Wetter und aufgewühltes Wasser nur eingeschränkte Beobachtungen am Wrack von HMS Terror erlaubt, und 2018 konnte das Schiff überhaupt nicht inspiziert werden – ganz anders sah es im August 2019 aus: nahezu ideale Bedingungen, ruhiges, fast kristallklares Wasser.

Koje, Schubladen und Regal im Unterdeck. copyright Parks Canada, Underwater Archaeology Team
Koje, Schubladen und Regal im Unterdeck.
© Parks Canada, Underwater Archaeology Team

HMS Terror wurde nun von außen mit allen Strukturen mittels 3D-Technik vermessen. An sieben Tagen war es möglich, insgesamt 48 Tauchgänge am Schiff zu unternehmen – bei Wassertemperaturen um 0°C (!) waren diese jeweils auf ca. 35 Minuten begrenzt. Wegen des hohen Risikos sind die Taucher noch nicht in das Innere des Schiff gegangen. Unter Nutzung von vier Öffnungen gelang es dem leitenden Unterwasserarchäologen Ryan Harris jedoch, mit hochauflösender, sehr vorsichtig ferngesteuerter Kameratechnik etwa 90 Prozent des Unterdecks zu erfassen, aufzunehmen und fototechnisch zu dokumentieren – ohne dabei Schlamm aufzuwirbeln! Das erfordert Können und Fingespitzengefühl.

Flaschen und andere Artefakte in einer der Kabinen - © Parks Canada, Underwater Archaeology Team
Flaschen und andere Artefakte in einer der Kabinen
© Parks Canada, Underwater Archaeology Team

Obwohl natürlich Ablagerungen auf dem Boden und auf allen Gegenständen liegen, waren die Archäologen begeistert vom exzellenten Erhaltungszustand der sichtbaren Objekte. Kabine für Kabine wurde fotografiert/gefilmt. Glücklicherweise standen alle Türen offen – mit Ausnahme der Schlafkabine von Kapitän Crozier.

Teller und andere Artefakte auf einem Regal nahe des Essplatzes der Mannschaft
 © Parks Canada, Underwater Archaeology Team

Teller und andere Artefakte auf einem Regal nahe des Essplatzes der Mannschaft
© Parks Canada, Underwater Archaeology Team

Die bisherigen Beobachtungen lassen durchaus die Vermutung zu, dass HMS Terror, nachdem sie 1847 aufgegeben worden war, später wieder bemannt und an den heutigen Standort in der Terror Bay von King Williams Island gesegelt wurde. Doch noch ist das bloße Spekulation – denn auch Meeresströmungen könnten das Schiff an den heutigen Platz gebracht haben.

Kapitänskajüte © Parks Canada, Underwater Archaeology Team
Sedimente und Bewuchs in der Kapitänskajüte, im Hintergrund das Kabinenfenster am Heck.
© Parks Canada, Underwater Archaeology Team

Wie Ryan Harris auf der heutigen Pressekonferenz von Park Canada äußerte, wird es nach der Bewertung potentieller Gefahren und Risiken vielleicht möglich sein, dass die Taucher im nächsten Jahr in das Schiff hineingehen, dann aber natürlich mit entsprechender Schutzausrüstung, Schutzhelmen etc. Ob man in Croziers Kabine Logbücher, Tagebücher und andere Aufzeichnungen finden kann, die das Mysterium der Franklin-Expedition aufklären können?

Zur Vorgeschichte der Erforschung der Wracks:

Erebus und Terror: eine Retrospektive – Teil 1 – Die Suche nach den Wracks
Erebus und Terror: eine Retrospektive – Teil 2 – Die Ereignisse im September 2014
Erebus und Terror: eine Retrospektive – Teil 3 – Eistaucher auf Schatzsuche Erebus und Terror: eine Retrospektive – Teil 4 – Der Fund von HMS Terror

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Erebus und Terror: Retrospektive – Teil 4

Der Fund von HMS Terror – September 2016

Auch das zweite Wrack der Franklin-Expedition liegt weitgehend intakt auf dem Meeresgrund.
Das 1848 verlassene und aufgegebene Schiff wurde im September 2016 – außerhalb der bisher bevorzugten Suchregionen! – durch die Mannschaft der „Martin Bergmann“, dem Schiff der kanadischen Arctic Research Foundation (seinerzeit Kooperationspartner der zuständigen Regierungsbehörde Parks Canada) gefunden, nachdem sie einem Hinweis des Inuk Sammy Kogvik aus Gjoa Haven gefolgt war.

HMS Terror im Eis – George Back
HMS Terror im Eis – Zeichnung von George Back

Von der in den unzugänglichen Regionen der kanadischen Arktis verschollenen und gescheiterten Franklin-Expedtion waren (bis 2014) nur wenige aufschlussreiche Relikte gefunden worden. Zuerst – 1850 – waren drei Gräber auf Beechey Island die einzigen Spuren der Expedition.

Grab John Torrington, HMS Terror,
Grabmal für den als 20jähriger verstorbenen Matrosen John Torrington, HMS Terror, auf Beechey Island

Aus weiteren Funden auf King Williams Island konnte man schließen, dass die Schiffe Erebus und Terror nordwestlich dieser Insel im Eis eingeschlossen wurden. Vermutlich dort starb auch Franklin. In der Hoffnung auf Rettung kämpften sich zumindest Teile der Mannschaft zu Fuß in Richtung Süden. Aber keiner der 129 Seeleute überlebte. –
Mehr als 150 Jahre lang haben zahlreiche Forscher und Historiker versucht, aus den wenigen verfügbaren Informationen den Verlauf der Franklin-Expedition und die Gründe des Scheitern zu rekonstruieren, doch das meiste davon liegt noch immer im Bereich der Spekulation. 2014 wurde HMS Erebus viel weiter im Süden vor der Adelaide-Halbinsel gefunden. War das Schiff wieder bemannt und dorthin gesegelt worden?

Kapitän Francis Rawdon Moira Crozier, Befehlhaber von HMS Terror
Kapitän Francis Rawdon Moira Crozier, Befehlhaber von HMS Terror

Am 3. September 2016 wurde HMS Terror, die unter dem Kommando von Kapitän Francis Rawdon Moira Crozier gestanden hatte, in der Terror Bay – ganz passend zum Namen des Schiffes – gefunden. Das war knapp 100 km südlich der Position, in der sie einst vom Eis eingeschlossen und dann verlassen wurde. Weitgehend intakt, mit allen drei Masten noch stehend, ruht sie in 24 Meter Tiefe. War auch dieses Schiff wieder bemannt worden?

Karte von King Williams Island, Auschnitt mit der Terror-Bay
Karte von King Williams Island, Auschnitt mit der Terror-Bay

An der „Mission Erebus and Terror 2016“ in verschiedenen Gebieten des kanadischen arktischen Archipels, die aufgrund der Eisbedingungen immer nur am Ende des Sommers stattfinden kann, waren neben der privaten gemeinnützigen Arctic Research Foundation mit dem Schiff Martin Bergmann und der Regierungsbehörde Parks Canada mit dem Forschungsboot Investigator auch der Eisbrecher Sir Wilfrid Laurier der Canadian Coast Guard und HMCS Shawinigan der Royal Canadian Navy beteiligt. Wäre doch eigentlich nett, wenn den Findern die vor 170 Jahren ausgelobte Summe von 10.000 Britischen Pfund zustehen würde!

Ausgelobte Belohnung für die Auffindung Franklins oder seiner Schiffe
Ausgelobte Belohnung für die Auffindung Franklins oder seiner Schiffe

Unterwasserarchäologen bestätigen Identität des Wracks

Nach dem Fund des Schiffswracks haben Archäologen von Parks Canada die Fundstelle aufgesucht. Wie der Unterwasser-Archäologe Ryan Harris in einer Pressekonferenz am 26. September 2016 erklärte, hatten jedoch schwierige Wetterverhältnisse den Beginn der archäologischen Untersuchungen am Wrack verzögert.

Immer noch an Ort und Stelle: ein Belegnagel – Foto: © Parks Canada
Immer noch an Ort und Stelle: ein Belegnagel – Foto: © Parks Canada

Erst am 17.9. konnten lediglich drei Tauchgänge stattfinden, wobei die Sichtverhältnisse unter Wasser wegen der wetterbedingten Aufwirbelungen sehr schlecht waren. Das Deck des Wracks war nicht nur mit einer Menge von Ablagerungen, sondern auch mit reichhaltigem Bewuchs von Meerespflanzen bedeckt, wie man sie in solch nördlichen Breitengraden kaum erwartet.

Oberlicht der Kapitänskajüte und  Steuerrad von HMS Terror – Foto: © Parks Canada
Oberlicht der Kapitänskajüte, Steuerrad von HMS Terror – Foto: © Parks Canada

Dennoch konnten die Taucher typische Merkmale und Aufbauten britischer Forschungsschiffe des 19. Jahrhundert erkennen, die auch für HMS Erebus und Terror zutreffen. Der Rest der Untersuchungen stützt sich auf Scans mittels eines Seiten-Sonar und eines Fächer-Echolots. Schließlich verglich man die Scans mit dem historischen Archivmaterial, einschließlich der Schiffspläne. Das Ergebnis: Details wie die Anordnung des Bugspriets, der Ort und die Beschaffenheit des Steuers und die Größe der Speigatte belegen, dass es sich tatsächlich um HMS Terror handelt.

Schlechte Lichtverhältnisse erschweren den Blick durch die intakte Fensterscheibe in Kapitän Croziers Kabine – Foto: © Parks Canada
Schlechte Lichtverhältnisse erschweren den Blick durch die intakte Fensterscheibe in Kapitän Croziers Kabine – Foto: © Parks Canada

Ein Problem in der Folgezeit nach diesem glücklichen Fund war es, den Schutz der Fundstätte von HMS Terror zu sichern. Dazu hat Kanadas Regierung mit der Regierung des Territoriums Nunavut und den zuständigen Organisationen der Inuit langwierige Verhandlungen geführt; in der Folge überwachen und sichern lokale Inuit in einem Guardian program die Fundstätten der Schiffe vor unbefugtem Zutritt. – Die weitere archäologische Erforschung ging nur in kleinsten Schritten vorwarts, denn sie musste sich jeweils auf winzige Zeitfenster in den kurzen arktischen Sommern beschränken.

HMS Terror – Gemälde von George Chambers, 1837
HMS Terror – Gemälde von George Chambers, 1837

Fortsetzung folgt: August 2019 – Bericht der Archäologen vom Wrack der Terror

Erebus und Terror: eine Retrospektive – Teil 1 – Die Suche nach den Wracks
Erebus und Terror: eine Retrospektive – Teil 2 – Die Ereignisse im September 2014
Erebus und Terror: eine Retrospektive – Teil 3 – Eistaucher auf Schatzsuche


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Erebus und Terror: Retrospektive – Teil 3

2015: Eistaucher auf Schatzsuche – Wracks im Polarmeer

Ein Schiffswrack kann eine wahre Schatzkammer sein. Zahlreiche wahre Berichte und noch viel mehr Gerüchte und Legenden existieren – etwa über Funde von unermesslich wertvollen Schätzen, Gold, Juwelen und dergleichen, im Bauch von gesunkenen Schiffen. Neben professionellen Archäologen ist daher weltweit auch die Gilde die Schatztaucher am Werk, immer in der Hoffnung auf wundersamen Reichtum.
Hier wollen wir jedoch über Schiffswracks reden, die zwar vermutlich weder Gold noch Juwelen verbergen, hingegen unschätzbar wertvolle Einblicke in die Geschichte geben und offene Fragen über ungeklärte Rätsel der Vergangenheit beantworten können – sogar wenn die betreffenden Gegenstände die Archäologen zunächst einmal vor neue Herausforderungen und Fragen stellen.

Live-Video von 2015: der leitende Archäologe Ryan Harris bei eine Weltpremiere –
direkt unter dem arktischen Eis gibt er eine erste Präsentation des Wracks der Erebus
– Courtesy of Parks Canada

Das im Herbst 2014 geortete Wrack des Flaggschiffs der verschollenen Franklin-Expedition von 1845, HMS Erebus (siehe Teil 1 und Teil 2 dieser Retrospektive) hat zweifellos das Potential einer Schatzkammer – zuallererst für die kanadischen Archäologen, die an seiner Erforschung beteiligt sind. Aber auch die Herzen von vielen Enthusiasten mit Interesse an der Geschichte der Polarforschung, auch aus anderen Ländern und Kontinenten, schlagen höher, sobald sie etwas über Fundstücke von Bord des Schiffes erfahren.

Bergung eines Kanonenrohrs von HMS Erebus – Courtesy of Parks Canada
Bergung eines Kanonenrohrs von HMS Erebus im April 2015
– Courtesy of Parks Canada

Im April 2015 startete Parks Canada eine noch nie zuvor dagewesene Aktion. Die Unterwasser-Archäologen, die dem Wrack von HMS Erebus im Herbst 2014 wegen Stürmen, hohem Wellengang und zunehmender Eisbildung nur wenige Tauchstunden widmen konnten, gingen wieder ins eisige Nass. Diesmal allerdings unter einer meterdicken Eisdecke! Das Hindernis Eis wurde diesmal als Vorteil genutzt: es bot ein stabile Plattform für die Tauchgänge und machte es möglich, auch schwere Technik einzusetzen. Auf dem Eis direkt über dem Schiff konnte ein Arbeitszelt errichtet werden. Durch ein breites Loch, das ins Eis gesägt wurde, war es den Archäologen für eine knappe Woche möglich, weitere Untersuchungen am Wrack anzustellen.

Taucher am Rohrstutzen einer Pumpe von HMS Erebus – Courtesy of Parks Canada
Taucher am Rohrstutzen einer Pumpe von HMS Erebus
– Courtesy of Parks Canada

Eismeer-Wasser ist im April auch kaum kälter als im September, Tauchen bei ca. -1°C Wassertemperatur ist jedoch immer eine Herausforderung. Marc André Bernier, Chef der Unterwasserarchäologen, sagt, dass man es nicht länger als eine Stunde unten aushalten kann. Das reichte – neben weiteren nötigen Vermessungen und Bestandsaufnahmen – zumindest dafür, dass die April-2015-Expedition sogar einige bemerkenswerte Artefakte bergen konnte.

Ryan Harris mit einem von HMS Erebus geborgenen Seilzughaken  – Courtesy of Parks Canada
Ryan Harris mit einem von HMS Erebus geborgenen Seilzughaken – Courtesy of Parks Canada

Dazu gehörten nicht nur das Rohr eine Kanone und Bestandteile des Schiffes wie das Prismenglas eines Oberlichts und ein Seilzughaken aus Messing, sondern auch Gegenstände, die von den Menschen an Bord erzählen, wie Uniformknöpfe, ein Medizinfläschchen und sogar Porzellanteller.

Porzellanteller von HMS Erebus – Courtesy of Parks Canada
Porzellanteller von HMS Erebus – Courtesy of Parks Canada

Die interessierte Öffentlichkeit konnte bereits einen vorläufigen Blick in die Geschichte der Franklin-Expedition werfen, als die Artefakte im Mai 2015 kurzzeitig in der Ausstellung „Breaking the Ice“ im Canadian Museum of History in Gatineau (vormals bekannt als „Museum of Civilization) gezeigt wurden. Da sie aber weiterer konservatorischer Behandlung bedurften, um wegen der nun veränderten Umgebungsbedingungen keinen Schaden zu nehmen, wanderten sie danach zunächst wieder zurück ins Labor. 2018 und 2019 waren sie, zusammen mit weiteren in den Folgejahren geborgenen Artefakten, in der Ausstellung “Death in The Ice” in London, Ottawa und Mystic Seaport zu sehen, derzeit (noch bis Ende September 2019) sind sie in Anchorage (Alaska) ausgestellt.

Taucher am Wrack von HMS Investigator – Courtesy of Parks Canada
Taucher am Wrack von HMS Investigator – Courtesy of Parks Canada

HMS Erebus ist nicht das einzige Wrack von geschichtlicher Bedeutung.
Als die Archäologen von Parks Canada im Jahre 2010 in der Mercy Bay das Wrack von HMS Investigator – eines der zur Suche nach Franklin ausgesandten Schiffe – entdeckten und im Sommer 2011 eine Folgeuntersuchung unternahmen (siehe Lost Beneath the Ice – Bildband über HMS Investigator), sah es äußerlich ganz ähnlich aus wie bei HMS Erebus: umherliegende Planken und Holzteile auf dem Deck und neben dem Schiff, Sedimentablagerungen, Bewuchs durch Algen und Kelp. Vielleicht ist der pflanzliche Bewuchs bei der Erebus stärker, denn dort waren deutlich mehr lange Kelp-Bänder zu sehen – sie liegt ja auch in etwas südlicheren Gewässern.

Am Wrack von HMS Investigator – Video; Courtesy of Parks Canada

Auch bei der Untersuchung der Investigator 2011 konnten einige aufschlussreiche Gegenstände geborgen werden, und das dereinst noch zu erschließende archäologische Potential des Wracks wird als gewaltig eingeschätzt.

Artefakte, gefunden auf HMS Investigator – Courtesy of Parks Canada
Artefakte, gefunden auf HMS Investigator – Courtesy of Parks Canada

Die weiteren Untersuchungen dieser Schiffswracks sind nicht einfach. Früher wie heute sind die äußeren Bedingungen in der hohen Arktis eine große Herausforderung – hier nur einige Stichworte dazu: extremste und unberechenbare Eis- und Witterungsverhältnisse, ungewöhnlich aufwändige Logistik wegen der Abgelegenheit der Fundorte und dem Fehlen jeglicher Infrastruktur, hochspezialisierte Technik, hoher Aufwand an Kosten, Einsatzbereitschaft, Mut zum Risiko und Ausdauer der beteiligten Personen.

Am Wrack der Maud in Cambridge Bay, 2015
Am Wrack der Maud in Cambridge Bay, 2015

Die Unternehmungen an einem weiteren arktischen Schiffswrack haben gezeigt, wie unberechenbar die arktischen Bedingungen sind. Die „Maud“, die jahrzehntelang unweit von Cambridge Bay auf Grund lag, sollte bereits 2014/2015 gehoben, geborgen und nach Norwegen transportiert werden. Zeit- und Kostenplanung erwiesen sich als hinfällig, als die arktischen Eisverhältnisse einfach nicht mitspielten. Es dauerte noch Jahre, bis das Schiff schließlich im August 2018 in Norwegen ankam.

Eisverhältnisse Ende Juni 2015 – Courtesy of CIS, Environment Canada
Eisverhältnisse Ende Juni 2015 – Courtesy of CIS, Environment Canada

Fortsetzung folgt: Der Fund von HMS Terror

Ausführlicheres zu den Taucharbeiten an HMS Erebus kann man in meinem Artikel “In die Geschichte tauchen. Der Fund von HMS EREBUS” im Magazin Marineforum, Heft 07-08 2015, S. 59-61 nachlesen.

Erebus und Terror: eine Retrospektive – Teil 1 Die Suche nach den Wracks
Erebus und Terror: eine Retrospektive – Teil 2 – Die Ereignisse im September 2014: Viel Glück – und das Wissen der Inuit; Identifizierung des Wracks

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Erebus und Terror: Retrospektive – Teil 2

Die Ereignisse im September 2014: Viel Glück – und das Wissen der Inuit; Identifizierung des Wracks

Unendlich glücklich waren die Archäologen von Parks Canada, als sie nach jahrelanger Suche am Sonntag, den 7.9.2014, im Queen Maud Golf im Kanadischen Archipel ein Wrack ausmachen konnten – eines der Schiffe der 1845 letztmalig gesehenen Franklin-Expedition zur Auffindung einer Nordwest-Passage.

Ryan Harris zeigt den Kollegen die Visualisierung des Wracks – Foto:  Theresa Nichols  © Fisheries and Oceans Canada
Ryan Harris zeigt den Kollegen die Visualisierung des Wracks – Foto: Theresa Nichols © Fisheries and Oceans Canada

Aufgrund der schwierigen Eisbedingungen des Sommers 2014 war das eigentliche geplante Suchgebiet in der Victoria Strait über Wochen noch nicht erreichbar gewesen, so dass sich die Suche auf ein zweites Gebiet südwestlich von King William Island konzentrierte. Ob man hier wirklich auf den großen Fund hoffte oder die Messungen eher als “Zeitvertreib” der Kartierung der schwierigen Seewege in dieser Region dienten, wird nach dem glücklichen Fund des Wracks wohl nicht mehr verraten werden.

Ryan Harris am Navigationscomputer des Forschungsbootes– Foto: Jonathan Moore  © Parks  Canada
Ryan Harris am Navigationscomputer des Forschungsbootes– Foto: Jonathan Moore © Parks Canada

In den mündlichen Überlieferungen der Inuit wurde schon seit über 150 Jahren von einem großen Schiff gesprochen, das südwestlich von King William Island im Eis feststeckte und später verschwand. Immer wieder hatten Forschungsreisende wie Charles Francis Hall, Frederick Schwatka, William H. Gilder oder auch später Knud Rasmussen darüber berichtet. Doch die Finanziers der Suchexpeditionen trauten den Erzählungen der Inuit wohl nicht.

"Oral History" - Weitergabe mündlicher Überlieferungen: Mabel Angulalik untersucht einen Artefakt – Foto: © David F. Pelly
“Oral History” – Weitergabe mündlicher Überlieferungen: Mabel Angulalik untersucht einen Artefakt – Foto: © David F. Pelly

So blieb es denn – nach den “Offiziellen” Findern John Rae und Francis Leopold McClintock – Enthusiasten wie dem Händler William Gibson, Autoren wie Richard J. Cyriax und David C. Woodman, dem Inuit-Historiker Louie Kamookak aus Gjoa Haven oder Barry Ranford, einem fast fanatischen Hobby-Forscher, vorbehalten, das Wissen um das Schicksal der Franklin Expedition Stück für Stück zu erweitern: Sie alle setzten dabei auf das Wissen der älteren Inuit, die noch aus eigenem Erleben oder der “oral history”, der zumeist unglaublich exakten mündlichen Überlieferung ihrer Vorfahren, über die Geschehnisse um das Schicksal der Franklin-Expedition berichten konnten.

Porträt Mabel Ekvanna Angulalik, die über Schiffsteile auf Hat Island berichtete – Foto: © David F. Pelly
Porträtfoto von Mabel Ekvanna Angulalik, die seit langem über Schiffsteile auf einer Insel nahe der Fundstelle berichtet hatte – Foto: © David F. Pelly

Obwohl es durch Mabel Ekvanna Angulalik (1925-2002), einer Inuit Elder aus Cambridge Bay, wichtige Hinweise auf den möglichen Ort eines Wracks in der Nähe von Hat Island gab, war es letztendlich einem Zufall zu verdanken, dass Archäologen der Suchexpedition vom September 2014 dort auf Artefakte stießen, die sich zweifelsfrei einem Schiff aus dem 19. Jahrhunderts zuordnen ließen. Eines der Objekte wog 5 kg und konnte also kaum über größere Strecken angeschwemmt worden sein. Das überzeugte Ryan Harris, den leitenden Unterwasserarchäologen von Parks Canada, dass eine Suche im Meer in unmittelbarer Nähe der Fundstätte vielversprechend sein würde. Der Rest war reine Routine: nicht lange, nach dem man das Seitenscan-Sonar ins Wasser gelassen hatte, erschienen die Umrisse eines Wracks auf dem Bildschirm. Mit einer Unterwasserkamera wurden zur Bestätigung der Scans erste Videoaufnahmen gemacht – und die Sensation war perfekt.

Unterwasserkamera: Blick auf das Deck des Wracks - Courtesy of Parks Canada
Unterwasserkamera: Blick auf das Deck des Wracks – Courtesy of Parks Canada

Nach der spektakulären Pressekonferenz, bei der der Fund des Wracks bekanntgegeben wurde, reisten die Archäologen umgehend zurück zur Fundstelle – doch Sturm und hohe Wellen schienen sich zunächst regelrecht gegen sie verschworen zu haben. Sie mussten lange auf die nächste Gelegenheit für einen Tauchgang warten. Das Foto unten gibt eine Vorstellung von dem Wellengang, als Ryan Harris, leitender Unterwasser-Archäologe bei Parks Canada, das HD-Videokamerasystem zu seinem Kollegen Marc-Andre Bernier herabließ, der bereits im Wassser wartete.

hoher Wellengang - Foto: © Thierry Boyer, courtesy of Parks Canada
Foto: © Thierry Boyer, courtesy of Parks Canada

Bis die Wetter- und Eisbedingungen weitere Arbeiten unmöglich machten, waren im September 2014 lediglich noch sieben Tauchgänge möglich. Dabei konnten die Archäologen von Parks Canada verschiedene Untersuchungen am Wrack vornehmen. Das Foto unten zeigt, wie der Unterwasserarchäologe Filippo Ronca den Durchmesser der Mündung von einer der beiden Kanonen bestimmt, die am Wrack gefunden wurden. Sie erwies sich als Sechspfünder.

Vermessen des Kanonenrohrs - Foto: © Thierry Boyer, courtesy of Parks Canada
Foto: © Thierry Boyer, courtesy of Parks Canada

Obwohl die Taucher das Innere des Schiffes nicht aufgesuchen konnten, war es doch möglich, durch verschiedene Öffnungen hineinzusehen.
Das Foto zeigt, wie Ryan Harris ein Oberlicht untersucht. Es besteht aus runden Prismenglas in einer Messingfassung und ermöglichte, Tageslicht in den dunklen Raum unter dem Deck zu bringen.

Ryan Harris examines Illuminator - Foto: © Thierry Boyer, courtesy of Parks Canada
Foto: © Thierry Boyer, courtesy of Parks Canada

Nach sorgfältigster Auswertung aller bisher getätigten Untersuchungen sowie dem Vergleich mit den originalen Schiffsplänen stand es endlich fest: Das Anfang September 2014 gefundene Schiffswrack ist HMS Erebus – das Schiff, auf dem 1845 der Expeditionsleiter Sir John Franklin reiste.

"HMS Erebus passing through the chain of bergs, 1842" - Gemälde von Admiral Richard Brydges Beechey
“HMS Erebus passing through the chain of bergs, 1842” – Gemälde von Admiral Richard Brydges Beechey

Fortsetzung folgt: Eistaucher auf Schatzsuche

Zum Teil 1 dieser Retrospektive

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„Let’s raise a toast to Miertsching!“

reblogged from August 2017 // Deutsche Version hier

On August 21, 1817, a young son by the name of Johann August was born into family of the carpenter Johann Miertsching in the Sorbian village Hrodźišćo (Gröditz) near the town Weißenberg in Upper Lusatia. Only 4 years earlier, the fields around this village had been whipped up by cannon balls and soaked in blood when Napoleon and his Saxonian allies fought against the Prussian and Russian troops in the battle of Bautzen.

Gröditz
Gröditz near Weissenberg, Upper Lusatia

From the village on a hilltop, one had a clear view of the surrounding country with the bell-towers of the neighboring parishes clearly visible. On the horizon, one could recognize the towers of Budissin (now Bautzen), the capital of Upper Lusatia, a region under the rule of Saxony. Might this view into the long distance have influenced the later life of the boy?
When Johann August turned 10, the village school of Gröditz got a new teacher, who started to teach his pupils to read German. Before, lessons had been held exclusively in Sorbian.

Bruederhaus in Kleinwelka
From 1831 to 1844 Miertsching lived in the Bruederhaus in Kleinwelka

When Miertsching celebrated his twentieth birthday, he was a skilled shoemaker in the village of Kleinwelka near Budissin, an important settlement of the „Herrnhutians“, the Moravian Brethren. When he turned 25, he had already been accepted as a member of the Moravian Brethren for two years. He had passed the master craftsman’s examination and was head of the shoemaker’s workshop in the village.

Okak
Old drawing showing Okak in Northern Labrador

On his 30th birthday, Miertsching was far away from home, on another continent. He had already been serving in the Moravian mission with the Inuit in the settlement of Okak in the subarctic region of Northern Labrador, just north of the 57th latitude, for three years.
Here, he had learned the language of the Inuit and, along with everyday work and other duties, was working mainly as a teacher. On August 24, 1847, three days after his birthday, he wrote in a letter to Herrnhut: “Because the unmarried brothers and the boys were visiting me every day, I had started a lesson in geography and science of the world, and it seemed to please them, And for me, it was a good exercise in the language … “.

Flaxman Island
Near Flaxman Island Miertsching, as an interpreter for his ship’s captain, was talking with the local Inuit

Turning 35, Miertsching was in a very critical situation. Two years earlier, in 1850, he had been chosen as an Inuit interpreter for one of the British naval expeditions in search for Franklin’s lost expedition. After arriving on board of the HMS Investigator, he had had to learn the English language very quickly. Now, on August 21th 1852, he had already gone through two winters full of hardship in the High Arctic.

HMS Investigator
HMS Investigator in the pack ice

The ship lay in a small bay north of Banks Island, north of 74°N in the Western Arctic. It was firmly caught in ice of the Polar Sea. Many of the crew were suffering from scurvy. Everyone was eagerly waiting for the break-up of the ice, but this summer seemed to be cooler than normal. The ship was still frozen and the food was scarce. In his diary, Miertsching is mentioning the “crestfallen crew“; he himself seeks consolation in his faith. On his birthday, he notes only briefly: “I spent this day on the land, wandering around alone. The Lord gave me great grace also today … “.

Lord Nelson Head - by Cresswell
Lord Nelson Head, Banks Island – by Samuel Gurney Cresswell

By the time Miertsching is turned 40 years old, he was living on a completely different continent. He had married shortly before, and, together with his wife, had traveled to South Africa to serve in the Moravian mission there. He was now living in Elim, about 15 km away from the Southern tip of Africa, where he was in charge of the mission’s trade in the village. Now, with the help of his wife, he was working hard to turn the previously loss-making store profitable, he established proper bookkeeping – and he was learning a new language: Afrikaans. In the beginning, the completely different climate with its unfamiliar warmth did not bother him too much, because there “is always some fresh air blowing from the sea“ in Elim. His young wife was pregnant and their first child was due at the end of the year.

Johann August Miertsching with his young wife Clementine Auguste

On his 45th birthday, in 1862, Miertsching was living in Genadendal, a village in the Cape region, which is somewhat closer to Cape Town than Elim, but further inland. Here, too, he had the job to put the shop operation in better order then the previous storekeeper. Meanwhile, he had a four-and-a-half-years-old daughter; and although two little sons had passed away shortly after their birth in Elim, the couple was now enjoying a new baby, an eight-months-old girl. At this point, they did not know yet that this poor little girl would not survive to see her third birthday!

Genadendal
Genadendal, South Africa

The living conditions in Genadendal were not easy. Miertsching often had to travel to Cape Town which was more than 100 km away. The arduous and strenuous transportation was carried out with oxen carts. The country was suffering from drought and crop failure and both animals and people were suffering from diseases, including contagious epidemics.
Did Miertsching spend his 50th birthday in 1867 in good spirits? Probably not. The day before, his little son would have turned two – had he survived. But only two months earlier, the boy had died of diphtheria. Only their eldest daughter, Marie, was still alive. However, according to the rules of the Moravian Brethren, she had been separated from her parents the year before and had been sent to a boarding school in Germany.

Miertsching's Headstone
Miertsching’s headstone at the Moravian cemetery in Kleinwelka

Miertsching did not live to see his 60th birthday in 1877. More than two years earlier, in the early spring of 1875, he found his resting place in the Brethren’s cemetery in Kleinwelka. His wife had already passed away in 1869, shortly after their return from South Africa. His remaining life as a widower, as a father of an adolescent girl and a toddler, had certainly not been very joyful.

Moravian Archives in Herrnhut
Moravian Archives in Herrnhut

Miertsching’s life is only partially documented, at its best during his Arctic journey – by himself and by other contemporaries. His efforts under these extreme conditions were highly appreciated by his captain, by the ship’s crew, by the officers involved in their rescue, and, finally, even by the Queen of Great Britain, who awarded him with the “Arctic Medal”.

Graves on Beechey Island
On the way back from the Arctic, Miertsching spent several weeks on Beechey Island. One of his crew members found his resting place close to three graves from Franklin’s lost expedition

Other periods of his life, however, are unfortunately only known in fragments. During our archival searches in Germany, England, Hawaii, and Canada, we have repeatedly unearthed new documents which were little or never known before – like two unknown letter we found just a few weeks ago. They shine a new light on the personality of Miertsching, even if some questions still remain unanswered. In the book we are currently working on, we will present the results of our findings and try to give a more complete picture of Johann August Miertsching.

Mission Houses Museum Honolulu
On the traces of Miertsching, we visited the Mission Houses Museum in Hawaii
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Ein Toast zu Ehren von Johann August Miertsching

reblogged vom 20.8.2017 // English version here

Zum 200. Geburtstag des einzigen Mannes aus Deutschland, der am Auffinden der Nordwestpassage beteiligt war

Am 21. August 1817 wurde im sorbischen Dorf Hrodźišćo (Gröditz) bei Weißenberg in der Oberlausitz Johann August (sorbisch: Jan Awgust) – der Sohn des Zimmermanns Johann Miertsching (Měrćink), geboren. Da war es erst vier Jahre her, dass die Äcker rund um das Dorf durch Kanonenkugeln aufgewühlt und von Blut getränkt worden waren, als Napoleon mit den verbündeten Sachsen in der Schlacht bei Bautzen hier gegen die preußischen und russischen Truppen kämpfte.

Gröditz bei Weißenberg, Oberlausitz
Gröditz bei Weißenberg, Oberlausitz

Von dem auf einem Hügel gelegenen Dorf hatte man auch damals einen freien Blick ins umgebende Land, aus dem die Glockentürme der benachbarten Kirchspiele aufragten. Am Horizont waren die Türme von Budissin (heute Bautzen) erkennbar, der Hauptstadt der unter sächsischer Herrschaft stehenden Oberlausitz. Hat diese Sicht in die Weite das spätere Leben des Knaben beeinflusst?
Seinen 10. Geburtstag beging Jan Awgust als Schüler der Gröditzer Dorfschule, wo der Unterricht bis dahin ausschließlich in Sorbisch stattgefunden hatte; nun brachte ein neuer Lehrer den Schülern auch das Lesen der deutschen Sprache bei.

Bruederhaus in Kleinwelka
Von 1831 bis 1844 lebte Miertsching im Brüderhaus in Kleinwelka

Als Miertsching seinen 20. Geburtstag feierte, war er Schustergeselle in dem nahe Budissin gelegenen Dorf Kleinwelka, einem Stützpunkt der Herrnhuter Brüdergemeine. Als er 25 wurde, hatte er seine Meisterprüfung abgelegt und war inzwischen in die Brüdergemeine aufgenommen worden.

Okak im Norden Labradors, historische Zeichnung
Okak im Norden Labradors, historische Zeichnung

Seinen 30. Geburtstag feierte Miertsching bereits weit weg von zuhause, auf einem anderen Kontinent. Mittlerweile arbeitete er bereits im dritten Jahr seines Dienstes in der Herrnhuter Mission bei den Inuit in Okak, einer Siedlung in der subarktischen Region im Norden Labradors nördlich des 57. Breitengrades. Hier erlernte er die Sprache der Inuit und war neben praktischen Alltagsarbeiten und anderen Pflichten vor allem als Lehrer tätig. Am 24.8.1847, drei Tage nach seinem Geburtstag, berichtet er in einem Brief nach Herrnhut: „Ich hatte für die ledigen Brüder und Knaben, weil sie mich täglich besuchen, einen Unterricht in der Weltkunde angefangen, und es schien ihnen Vergnügen zu machen, und für mich war es eine gute Übung in der Sprache …

Flaxman Island
Nahe Flaxman Island konnte sich Miertsching als Dolmetscher für seinen Kapitän mit den dortigen Inuit verständigen

Seinen 35. Geburtstag, 1852, muss Miertsching in sehr kritischer Lage begehen. Anfang 1850 war er als Inuit-Dolmetscher für eine britische Expeditionen zur Suche nach Franklins verschollener Expedition ausgewählt worden und musste an Bord des Schiffes HMS Investigator in kürzester Zeit die englische Sprache erlernen. Nun hatte er bereits zwei Winter in der Arktis hinter sich, und zwar im Hohen Norden.

Das Schiff „Investigator“ im arktischen Packeis
Das Schiff „Investigator“ im arktischen Packeis

Das Schiff liegt in der westlichen Arktis nördlich des 74. Breitengrades in einer Bucht des Polarmeeres im Norden von Banks Island Banks Island fest, gefangen im Eis. Viele Männer leiden an Skorbut. Alle hatten sehnlichst auf das Aufbrechen des Eises gewartet, doch dieser Sommer ist kühler als normal, das Schiff bleibt fest eingefroren, und die Lebensmittel werden knapp. In seinem Tagebuch erwähnt Miertsching die „niedergeschlagene Mannschaft“, er selbst sucht Trost in seinem Glauben und vermerkt über seinen Geburtstag nur knapp: „Ich verbrachte den heutigen Tag auf dem Lande, und wanderte einsam herum. Der Herr schenckte mir auch heute große Gnade …“.

Lord Nelson Head -Zeichnung von Samuel Gurney Cresswell
Lord Nelson Head auf Banks Island – Zeichnung von Samuel Gurney Cresswell

Als Miertsching 40 wird, befindet er sich in einem völlig anderem Erdteil. Er hatte kurz zuvor geheiratet und war im Dienst der Herrnhuter Mission mit seiner Frau nach Südafrika gereist. In Elim, etwa 15 km entfernt von der Südspitze Afrikas, hat er den Handel der Mission übernehmen müssen. Nun bringt er unter der Mitwirkung seiner Frau das zuvor verlustreiche Ladengeschäft der Mission und die vernachlässigte Buchhaltung in Ordnung und erlernt eine neue Sprache (Afrikaans). Das völlig andere Klima mit der ungewohnten Wärme macht ihm zunächst noch nicht allzu sehr zu schaffen, da in Elim “immer etwas Seeluft weht“. Seine junge Frau ist schwanger, am Jahresende wird ihr erstes Kind erwartet.

Johann August Miertsching und seine junge Frau Clementine Auguste
Johann August Miertsching und seine junge Frau Clementine Auguste

Seinen 45. Geburtstag 1862 verbringt Miertsching in Genadendal, ebenfalls in der Kapregion: näher an Kapstadt, aber weiter im Inland gelegen. Er soll nun auch hier den Handel und den Ladenbetrieb in Ordnung bringen. Inzwischen hat er eine viereinhalbjährige Tochter, und nachdem in Elim zwei Söhnchen kurz nach der Geburt verstorben waren, erfreut sich das Paar jetzt an einem neuen Baby, einem nunmehr acht Monate altem Mädchen – das allerdings nur zwei Jahre alt werden sollte.

Genadendal, Südafrika
Genadendal, Südafrika

Die Lebensbedingungen in Genadendal sind nicht einfach. Miertsching muss für seinen Tätigkeit oft nach dem über 100 km entfernten Kapstadt reisen. Der mühselige und aufwändige Transport erfolgt mit Ochsenkarren. Das Land leidet in dieser Zeit immer wieder unter Dürre und schlechten Ernten, die Tiere und die Menschen unter Krankheiten, darunter ansteckende Epidemien.
Ob Miertsching seinen 50. Geburtstag 1867 in guter Stimmung verbrachte? Wohl kaum. Am Vortag wäre sein kleines Söhnchen zwei Jahre alt geworden – wenn es denn überlebt hätte; es war jedoch zwei Monate zuvor an Diphterie gestorben. Von bisher fünf Kindern war nur noch die älteste Tochter Marie am Leben, doch die war im Jahr zuvor, gemäß den Regeln der Herrnhuter, von den Eltern getrennt und nach Deutschland zur Schule geschickt worden.

Miertschings Grab auf dem Gottesacker in Kleinwelka
Miertschings Grab auf dem Gottesacker in Kleinwelka

Seinen 60. Geburtstag erlebte Miertschings nicht mehr – er ruhte schon seit über zwei Jahren, seit 1875, auf dem Gottesacker der Brüdergemeine in Kleinwelka. Seine Frau war bereits 1869, kurz nach ihrer Rückkehr nach Afrika, verstorben. Sein Lebensabend als Witwer, damals Vater einer Halbwüchsigen und eines Kleinkinds, war sicherlich alles andere als freudvoll gewesen.

Archiv der Evangelischen Brüder-Unität in Herrnhut
Archiv der Evangelischen Brüder-Unität in Herrnhut

Miertschings Leben ist nur teilweise dokumentiert, am besten während seiner Arktisreise von ihm selbst und anderen Zeitgenossen. Sein Wirken unter diesen extremen Bedingungen fand höchste Anerkennung von seiten seines Kapitäns, der Schiffsmannschaft und der an der Rettung beteiligten Offiziere sowie schließlich sogar von der englischen Königin, die ihm die “Arktische Medaille” verlieh.

Beechey Island - Gräber
Miertsching verbrachte mehrere Wochen auf Beechey Island, wo sich Gräber der verschollenen Franklin-Expedition befinden

Andere Etappen seines Lebens sind leider nur in Bruchstücken bekannt. Bei unseren Archiv-Recherchen in Deutschland, England, Hawaii und Kanada sind wir immer wieder auf neue, kaum oder gar nicht bekannte Quellen gestoßen, so erst vor wenigen Wochen auf unbekannte Briefe. Sie lassen seine Persönlichkeit in neuem Licht erscheinen, auch wenn noch manche Fragen offen sind. In dem Buch, an dem wir derzeit arbeiten, werden wir unsere Erkenntnisse über Johann August Miertsching vorstellen.

Mission House Museum in Hawaii
Auf den Spuren Miertschings besuchten wir u.a. auch das Mission House Museum in Honolulu, Hawaii
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Johann August Miertsching zum Gedenken

Dieser Beitrag wurde zuerst im März 2014 gebloggt, daher die Reminiszenzen an Winter und Frühling. Wir re-bloggen ihn aus Anlass des morgigen Geburtstages von Miertsching.

Dieser Tage können wir in ganz Deutschland viel Grün und farbige Blüten sehen – unzweifelhaft hat der Frühling bereits Einzug gehalten. Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass heute vor 139 Jahren in der Oberlausitz das Thermometer unter -10°C anzeigte.
Der Winter von 1874/75 suchte die Oberlausitz in ungewöhnlicher Strenge heim. Bereits seit November hatte fast durchweg, mit nur wenigen kurzen Unterbrechungen, scharfer Frost geherrscht, der auch Ende März noch anhielt. Kein Frühling war in Sicht, als das Leben des damals noch nicht einmal 58-jährigen Johann August Miertsching am 30. März 1875 in Kleinwelka bei Bautzen überraschend zu Ende ging.

Als junger Mann wohnte Miertsching im Brüderhaus in Kleinwelka
Als junger Mann wohnte Miertsching im Brüderhaus in Kleinwelka

In Kleinwelka hatte der 1817 in Gröditz geborene und aufgewachsene Sorbe Miertsching seine Jugendjahre verbracht, hier hatte er das Schusterhandwerk erlernt und war als junger Mann in die Herrnhuter Brüdergemeine, eine protestantisch geprägte Religionsgemeinschaft, aufgenommen worden. 27jährig wurde er in den Missionsdienst berufen und reiste über London mit dem Segelschiff „Harmony“ nach dem Norden Labradors, in die Missions-Siedlung Okak.

Die Missionsstation Okak im Norden Labradors
Die Missionsstation Okak im Norden Labradors

Hier war Miertsching zunächst im Schuldienst tätig und begann sogleich Inuktitut, die Sprache der Inuit, zu lernen. Er unterrichtete die Kinder in Lesen und Schreiben, aber auch in Geografie und Musik; nach einiger Zeit hielt er auch Predigten in Inuktitut. Und natürlich war er, wie auch andere Missionare, mit den notwendigen Alltagsverrichtungen in dieser harschen subarktischen Umgebung befasst: etwa dem Anbau von Gemüse in Frühbeet und Garten, oder dem Herbeischaffen von Brennholz aus den bewaldeten Regionen weiter südlich.
Nach fünfjährigem Dienst in Labrador war Miertsching gerade erstmals auf Urlaub zu seiner Familie in Gröditz heimgekehrt, als er schon wenige Tage später die Anfrage für eine ganz andere Mission erhielt: Er sollte im Auftrag der britischen Admiralität als Dolmetscher eine Schiffsexpedition in die Arktis begleiten, um die seit drei Jahren auf der Suche nach der Nordwest-Passage verschollene Franklin-Expedition zu finden.

Die HMS Investigator in der Prince of Wales Strait, Nordwestpassage
Die HMS Investigator in der Prince of Wales Strait, Nordwestpassage

Die Einzelheiten über dieser Expedition auf dem Segelschiff HMS Investigator – die Beschwernisse durch Stürme, Eis und Kälte, die Entbehrungen, Hunger und Not, die unglaublichen Leistungen der Expeditionsteilnehmer, die sich, als ihr Schiff mehrere Winter im Eis eingefroren blieb, nach Gewaltmärschen durch die arktischen Einöden schließlich retten konnten, kann man im Reisetagebuch Miertschings nachlesen.

Titelblatt des Reisetagebuchs von J.A. Miertsching
Titelblatt des Reisetagebuchs von J.A. Miertsching

Über seine Leistungen und Verdienste bei der Expedition soll an dieser Stelle nicht gesprochen werden, aber wir wollen zumindest erwähnen, dass die überlieferten Aufzeichnungen der Seeleute und Offiziere an Bord der HMS Investigator und der Rettungsschiffe der Royal Navy dem sorbischen Schuhmacher und Missionar höchste Wertschätzung zuteil werden lassen. Er gehörte zu den auserwählten Seeleuten, die für aussergewöhnliche Leistungen die von Queen Victoria gestiftete “Arctic Medal” erhielten.

Johann August Miertsching 1854
Johann August Miertsching 1854

Bereits zwei Jahre nach seiner glücklichen Rückkehr aus der Arktis verließ Miertsching die Oberlausitz wieder, nachdem er kurz zuvor geheiratet hatte. Diesmal bleib er für lange Zeit weg: 12 Jahre lang diente er in der Herrnhuter Mission in Südafrika, wo er in den Stationen Elim und Genadendal vorwiegend den Handel betreute – teils unter misslichen Umständen in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit.

Missionsstation Genadendal, Südafrika
Missionsstation Genadendal, Südafrika

Von den sechs in Südafrika geborenen Kindern des Paares überlebten nur zwei Töchter; die älteste war, wie bei den Herrnhuter Missionaren üblich, bereits im Schulalter von den Eltern getrennt und in die Mädchen-Anstalt nach Kleinwelka geschickt worden.

Die Mädchenanstalt in Kleinwelka
Die Mädchenanstalt in Kleinwelka

1869 verließ Miertsching mit seiner Frau und der zweiten Tochter, damals gerade neun Monate alt, Südafrika und kehrte zurück nach Deutschland. Die Familie siedelte sich in Kleinwelka an und war so wieder vereint. Aus dem erträumten geruhsamen und glücklichen gemeinsamen Familienleben in der Heimat wurde jedoch nichts. Schon nach wenigen Monaten starb Miertschings Frau, die seit längerem gesundheitliche Probleme hatte. Glücklicherweise konnte Miertschings Halbschwester ihm in der Folgezeit bei Haushaltsführung und Kinderbetreuung unterstützen.

Grabstein von Miertsching auf dem Gottesacker in Kleinwelka

Die folgenden Jahre verbrachte Johann August Miertsching als Witwer in Kleinwelka – und boten ihm die gegebenen Umstände nicht viel Anlass zur Freude, so konnte er vielleicht etwas Zufriedenheit finden, wenn er von seinen im Ruhestand befindlichen Missionars-Kollegen aufgefordert wurde, von dem bedeutendsten Ereignis seines Lebens, der Reise in die Arktis und seinem Anteil an der Entdeckung der Nordwest-Passage, zu erzählen. – Miertsching wurde auf dem Gottesacker der Herrnhuter in Kleinwelka bestattet. Noch heute ist sein Grabstein dort erhalten. Seine Nachfahren leben weit verstreut in Kanada, den USA, den Niederlanden, in Surinam und in Deutschland.

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