von Chi Zijian – Aus dem Buchregal
Chi Zijian erzählt in diesem Buch über ein „kleines“ Volk, die Ewenken. Sie vermittelt uns – trotz deren „Einfältigkeit und Einfachheit“ ein farbenreiches Spektrum des Lebens dieses Volkes, zerrieben zwischen den Mächtigen der Welt: Russland, Japan, Sowjetunion, China.

© Ullrich Wannhoff
Die Ewenken bewohnen eine große Landfläche Sibiriens, angefangen vom Krasnojarsker Gebiet, über das Chabarowsker Gebiet, die Amurregion, die Republiken Jakutien und Buriatien, das Irkutsker und das Tschiater Gebiet. Die beiden letzten genannten Gebiete liegen an der Chinesischen Grenze, und dort handelt der sehr authentisch angelegte Roman.

Im Buch „Die Völker des Hohen Nordens“ (2000) las ich, dass noch 30.150 Ewenken leben und neben den Jakuten eines der größten indigenen Völker im nördlichen Asien sind. Um das Volk der Ewenken herum sind viele kleine Völker angesiedelt, die sich über die Jahrhunderte in ihren Kulturen unterschiedlich assimilieren und widerspiegeln.

Die Kulturen dieser „Randvölker“ werden zwar von der Autorin beschrieben, aber ohne die Völker konkret zu benennen. Wir finden die Jakuten mit ihrer Rinder-und Pferdezucht wieder, wie auch die Ussurischen Völker, die durch ihre Verarbeitung von Fischhäuten bekannt sind. Dazu kommt der Einfluss der russischen Kolonialherren, die Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts Eisen, Waffen, Alkohol und Zucker mitbrachten. Die mongolische Kultur finden wir teilweise in den Ärmelumschlägen wieder, die die Hufen der Pferde widerspiegeln. Ebenso finden wir ornamentale Stilelemente des Buddhismus, auch aus der chinesische Kultur mit ihren reichen Stoffen. Oft überlappen sich sogar die Dialekte an den Randgebieten der angrenzenden Völker.

Ihre Rentierherden sind nicht all zu groß. Hier handelt es sich um eine Unterart des Waldrens. Ewenken leben hauptsächlich in den Taigawäldern Sibiriens, wo größere Herden unpraktisch sind –kein Vergleich zu den großen Rentierherden (weit über tausend Stück) im hohen Norden in der Tundralandschaft.

Ewenken haben verglichen mit durchschnittlichen Mitteleuropäern eine relativ kleine Körpergröße, dadurch können sie auf den Renen reiten. Zu ihrer Kleidung gehören offene Mäntel, die sie beim Reiten nicht behindern. Bei den Nordostsibirischen Völker wie auf Kamtschatka oder auf der Halbinsel Tschukotka sind die Mäntel, die Kuchljankas, geschlossen.

Die Musikinstrumente und die Ornamentik der Ewenken sind vielfältiger und komplexer, als die der Völker, die ganz im hohen Norden leben und wohnen. Ihre Behausungen sind meist mit Rinde und Grassoden bedeckt. Dies alles sind nur meine Bemerkungen, um das Leben der Ewenken für den Leser besser einzuordnen.

Obwohl das Buch ein Roman ist, wäre für den unkundigen Leser ein Nachsatz, ein Epilog über das Volk der Ewenken wünschenswert gewesen. Ebenso eine Liste der verwendeten Wörte, die aus der Tungusisch-Mandschurischen Sprachfamilie hervorkommen – so wie der kontinentale kalte Wind durch die Weiten Sibiriens fegt.

Das Buch ist absolut empfehlenswert und man möchte gar nicht mehr aufhören mit dem Lesen. Es erschien im Karl Blessing Verlag, ISBN 978-3896677594, 416 Seiten, 26€.

Anmerkung zu den Bildern: Es sind Arbeiten aus meinem Zyklus: „Als die Menschen noch Tiere waren“ von 1995, Übermalungen von Rentierfotos, zumeist mit Raben und korjakischen Ornamenten. Das Ren steht für die materielle Kultur dieser Völker, einschließlich der Verarbeitung von Fell und Fleisch. Der Rabe ist eine mythologische Figur, die Verbindung von Himmel und Erde. Die Ornamente sind stilisierte Rentiergeweihe.
