Jakob Michael Reinhold Lenz (1751-1792), der deutschsprachige Dichter und Dramatiker, wurde in Seßwegen, damals in Russisch-Livland und heute Ceswaine in Lettland, geboren.
Jakob Michael Reinhold Lenz
Ab 1759 wuchs er in Dorpat – heute Tartu – auf, da sein Vater als Pastor der dortigen St. Johannes Gemeinde berufen wurde.
Im Umfeld dieser berühmten gotischen Backsteinkirche mit ihren mehr als tausend Terrakottafiguren wuchs der junge Lenz auf. Noch heute stehen in der Nähe der Kirche einige Holzhäuser aus jener Zeit, die einen vagen Eindruck vom Dorpat des 18. Jahrhunderts vermitteln können.
Im Sommer 1768 wurde Jakob Michael Reinhold mit seinem jüngeren Bruder Johann Christian zum Studium nach Königsberg geschickt. Auf Wunsch des Vaters soll er Theologe werden. Er entzog sich jedoch dem strengen Vater, indem er im Dienst von zwei Brüdern, beide Barone von Kleist, die eine Offizierslaufbahn im französischen Militär anstrebten, 1771 nach Straßburg reiste. Lenz wollte Dichter statt Theologe werden.
Der strenge Vater Christian David Lenz
Die noch heute gespielten Theaterstücke von Lenz, „Der Hofmeister“ und „Die Soldaten“, entstanden in dieser Zeit und verarbeiten eigene Erlebnisse. Sie gelten als seine Hauptwerke. Beide Stücke wurden damals ohne Angaben eines Autors veröffentlicht und zunächst Goethe zugeschrieben. (1)
Titelblatt
Johann Gottfried Seume (1763-1810) gehört nicht zu den Deutsch-Balten, doch er bereiste die Region im Jahre 1805, mit einem Abstecher nach Moskau.
Johann Gottfried Seume
Anschließend überquerte er die Ostsee von Finnland nach Schweden und kehrte in das heimatliche Sachsen zurück.
Die Domruine Dorpat mit der eingebauten Universitätsbibliothek, 1837
Als er in Dorpat war, traf er den aus Magdeburg stammenden Karl Morgenstern (1770-1852), der als Professor an der Universität und als Direktor der Universitätsbibliothek wirkte.
Vermutlich hat Seume in Dorpat auch den Bruder von Jakob Lenz, Friedrich David Lenz, getroffen, der damals Lektor an der Universität und – wie vorher Vater Lenz – Pastor an der Johanniskirche war.
Zur gleichen Zeit lebte in Dorpat der Händler und Brauer Barthold Joachim Hesse (1762-1819). (Dessen Urenkel Hermann Hesse sollte hundert Jahre später ein weltberühmter Autor und Literatur-Nobelpreisträger werden.) Ob Seume, Friedrich David Lenz und Morgenstern damals gemeinsam mit anderen Dorpater Honoratioren wohl Barthold Hesses Bier genossenen haben?
August von Kotzebue
Seume fuhr von Dorpat weiter nach Reval (Tallinn), in der Hoffnung, dort den aus Weimar stammenden überaus erfolgreichen Theaterdichter August von Kotzebue (1761-1819) zu treffen. Dazu kam es aber nicht, da sich Kotzebue zu dieser Zeit auf einem Landsitz in der Nähe der Stadt befand. Seume hätte sich vermutlich gern mit ihm über Weimar und ihrer beider schwieriges Verhältnis zu Goethe ausgetauscht.
Ansicht von Reval (Tallin), Gemälde von Alexey Bogolyubov, 1853
Auch Augusts später berühmt gewordenen Sohn Otto von Kotzebue (1787-1846) konnte Seume in Reval nicht antreffen, denn der befand sich gerade mit Adam von Krusenstern auf einer Weltumseglung (1803-06). Übrigens nahm der Enkel eines der Brüder von Jakob Lenz, der Wissenschaftler Emil Lenz (1804-1865), später an der dritten Weltumseglung Otto von Kotzebues (1823-26) teil.
Apropos Hermann Hesse: Der schrieb in der späten Erzählung „Der Bettler“ über den Einfluss des Baltikums auf seinen Vater, dessen Erzählungen über seine Kindheit in Estland im Gegensatz zu seinen pietistischen Haltungen zu stehen schienen: „Eine überaus heitere, bei aller Christlichkeit sehr lebensfrohe Welt … nichts wünschten wir sehnlicher, als auch einmal dieses Estland … zu sehen, wo das Leben so paradiesisch, so bunt und lustig war.“ Es gilt als sicher, dass Hermann Hesse diesen seinen Wunsch nicht verwirklichen konnte.
Schon 1980 wollten wir mit einer bei einem Wissenswettbewerb gewonnenen Reise die damaligen baltischen Sowjetrepubliken besuchen. Das scheiterte allerdings – mangels entsprechender Angebote von Reisebüros (oder an erforderlichen Genehmigungen). So bezahlte man uns statt dessen eine Reise nach Budapest, was für uns durchaus ein akzeptabler Ersatz war.
Der Wunsch, eines Tages ins Baltikum zu fahren, blieb im Hinterkopf, doch andere Ziele drängten sich vor. Wir hatten uns lange vorbereitet, jetzt war es endlich soweit.
Der 36jährige Baltendeutsche Adam von Krusenstern
Deutsche Verbindungen ins Baltikum gibt es seit Jahrhunderten. Sie waren oft kriegerischer Art mit dramatischen Auswirkungen. Es gab aber immer auch eine friedliche Migration dorthin: Bauern, Handwerker, Literaten, Gelehrte und Forscher. Einer der bekanntesten „Baltendeutschen“ ist Adam Johann von Krusenstern (1770-1846), der in russischen Diensten 1803-1806 die Welt umsegelte.
Philipp Crusius, Ururgroßvater von Adam von Krusenstern
Sein Ururgroßvater Philipp Crusius (1597-1676) stammte aus Eisleben, wo auch Martin Luther geboren wurde. Luther soll übrigens dort einst den Großvater von Philipp Crusius, Johannes Krause, ordiniert haben. Wie sein Nachfahre war bereits Philipp Crusius ein Weitgereister. Er gelangte nach 1635 über Moskau bis nach Isfahan in Persien.
Eisleben um 1650
Adam von Krusenstern lebte nach seiner maritimen Karriere, in der er es bis zum Admiral brachte, auf dem Gut seiner Vorfahren in Kiltsi südlich von Tallinn. Sein Grab befindet sich an prominenter Stelle im Tallinner Dom.
Auf Krusenstern folgten andere Baltendeutsche in russischen Diensten, wie der Weltumsegler Otto von Kotzebue (1787-1846) zusammen mit Johann Friedrich Eschscholtz und dem Deutschfranzosen Adelbert von Chamisso, sowie Fabian Gottlieb von Bellingshausen (1787-1852), der 1819-1821 die Antarktis umrundete. Auch Krusensterns Sohn Paul Theodor und sein Enkel wurden Weltumsegler bzw. Polarreisende.
Karl Ernst von Baer (1792-1876) erlangte eine ähnliche Bedeutung wie Adam Johann von Krusenstern, allerdings als Naturwissenschaftler. Gelegentlich wird er als „Alexander Humboldt des Nordens“ bezeichnet.
Wir hatten das besondere Glück einer sonntäglichen Führung durch das Baer-Museum in Tartu. Erki Tammiksaar, der wohl profundeste Kenner von Baer und der baltischen Polarforschung überhaupt, erfreute uns im ehemaligen Wohnhaus von Baer mit Detailwissen und Anekdoten. Er gab uns auch Hinweise für unsere Weiterreise durch Estland.
Karl Ernst von Baer gilt als Anreger der Permafrost-Forschung, die heute für die Geschichte der Klimaveränderungen bis hin zur drohenden Klimakatastrophe von großer Bedeutung ist. Von ihm stammt die erste Karte mit der Ausbreitung des Permafrosts (von ihm als „Bodeneis“ bezeichnet) auf der Nordhalbkugel.
Baers Permafrost-Karte von 1840
Von Baer war nicht nur Gelehrter und Lehrender, sondern leitete selbst Expeditionen bis nach Nowaja Semlja und in den Kaukasus. Einer seiner Begleiter auf der Arktisexpedition war der Zeichner Karl von Röder, von dem mehrere Aquarelle stammen; eins davon zeigt die Siedlung Pjalitsa auf der Halbinsel Kola. Eine Lithografie dieser Zeichnung diente dem in Tilsit geborenen Schriftsteller Johannes Bobrowski (1917-1965) als Anregung für die kurze Erzählung „Betrachtung eines Bildes“, die 1967 im Erzählungsband „Der Mahner“ im Union Verlag in Berlin erschienen ist.
Karl von Röder: Ansicht des Dorfes Pjalitsa
Offenbar war Bobrowski an Entdeckungsgeschichte interessiert, denn am Beginn der Erzählung erwähnt er die Entdeckungsreisenden Otto Martin Torell, George Washington De Long, Adolf Erik Nordenskjöld und hebt besonders Krusenstern hervor, den „älteren, aber bekannten“.
Bücher Bobrowskis: „Litauische Claviere“ und „Der Mahner“
In „Betrachtung des Bildes“ löst sich Bobrowski schrittweise vom konkreten Bezug des in Röders Grafik Dargestellten und entwickelt ganz unabhängig davon eine spannende, dramatische Geschichte, wie sie sich überall an der rauen Nordküste Russlands hätte zutragen können. Es lohnt sich! Der Bezug zur Expedition von Baer und Roeder war ihm entweder nicht bekannt oder nicht wichtig genug, um darauf einzugehen.
Von Johannes Bobrowski stammt das Motto »Meinen Landsleuten erzählen, was sie nicht wissen«, was sich wohl hauptsächlich auf seine eigenen Lebenserfahrungen mit Deutschen, Polen, Litauern, und Juden beiderseits der Memel bezog. Exemplarisch steht dafür sein Roman „Litauische Claviere“, dem man an fast allen seinen Handlungsorten östlich Tilsits, (heute Sowjetsk), wie etwa Willkischken (Vilkyškiai) und Bittehnen (Biténai) folgen kann. Weitere Impressionen folgen später…
Chi Zijian erzählt in diesem Buch über ein „kleines“ Volk, die Ewenken. Sie vermittelt uns – trotz deren „Einfältigkeit und Einfachheit“ ein farbenreiches Spektrum des Lebens dieses Volkes, zerrieben zwischen den Mächtigen der Welt: Russland, Japan, Sowjetunion, China.
Die Ewenken bewohnen eine große Landfläche Sibiriens, angefangen vom Krasnojarsker Gebiet, über das Chabarowsker Gebiet, die Amurregion, die Republiken Jakutien und Buriatien, das Irkutsker und das Tschiater Gebiet. Die beiden letzten genannten Gebiete liegen an der Chinesischen Grenze, und dort handelt der sehr authentisch angelegte Roman.
Im Buch „Die Völker des Hohen Nordens“ (2000) las ich, dass noch 30.150 Ewenken leben und neben den Jakuten eines der größten indigenen Völker im nördlichen Asien sind. Um das Volk der Ewenken herum sind viele kleine Völker angesiedelt, die sich über die Jahrhunderte in ihren Kulturen unterschiedlich assimilieren und widerspiegeln.
Die Kulturen dieser „Randvölker“ werden zwar von der Autorin beschrieben, aber ohne die Völker konkret zu benennen. Wir finden die Jakuten mit ihrer Rinder-und Pferdezucht wieder, wie auch die Ussurischen Völker, die durch ihre Verarbeitung von Fischhäuten bekannt sind. Dazu kommt der Einfluss der russischen Kolonialherren, die Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts Eisen, Waffen, Alkohol und Zucker mitbrachten. Die mongolische Kultur finden wir teilweise in den Ärmelumschlägen wieder, die die Hufen der Pferde widerspiegeln. Ebenso finden wir ornamentale Stilelemente des Buddhismus, auch aus der chinesische Kultur mit ihren reichen Stoffen. Oft überlappen sich sogar die Dialekte an den Randgebieten der angrenzenden Völker.
Ihre Rentierherden sind nicht all zu groß. Hier handelt es sich um eine Unterart des Waldrens. Ewenken leben hauptsächlich in den Taigawäldern Sibiriens, wo größere Herden unpraktisch sind –kein Vergleich zu den großen Rentierherden (weit über tausend Stück) im hohen Norden in der Tundralandschaft.
Ewenken haben verglichen mit durchschnittlichen Mitteleuropäern eine relativ kleine Körpergröße, dadurch können sie auf den Renen reiten. Zu ihrer Kleidung gehören offene Mäntel, die sie beim Reiten nicht behindern. Bei den Nordostsibirischen Völker wie auf Kamtschatka oder auf der Halbinsel Tschukotka sind die Mäntel, die Kuchljankas, geschlossen.
Die Musikinstrumente und die Ornamentik der Ewenken sind vielfältiger und komplexer, als die der Völker, die ganz im hohen Norden leben und wohnen. Ihre Behausungen sind meist mit Rinde und Grassoden bedeckt. Dies alles sind nur meine Bemerkungen, um das Leben der Ewenken für den Leser besser einzuordnen.
Obwohl das Buch ein Roman ist, wäre für den unkundigen Leser ein Nachsatz, ein Epilog über das Volk der Ewenken wünschenswert gewesen. Ebenso eine Liste der verwendeten Wörte, die aus der Tungusisch-Mandschurischen Sprachfamilie hervorkommen – so wie der kontinentale kalte Wind durch die Weiten Sibiriens fegt.
Anmerkung zu den Bildern: Es sind Arbeiten aus meinem Zyklus: „Als die Menschen noch Tiere waren“ von 1995, Übermalungen von Rentierfotos, zumeist mit Raben und korjakischen Ornamenten. Das Ren steht für die materielle Kultur dieser Völker, einschließlich der Verarbeitung von Fell und Fleisch. Der Rabe ist eine mythologische Figur, die Verbindung von Himmel und Erde. Die Ornamente sind stilisierte Rentiergeweihe.
Gerade ist die aktualisierte Neuauflage meines Buches „Atlantik-Provinzen Kanada – 60 Tipps abseits der ausgetretenen Pfade“ erschienen. Einer dieser Tipps gilt Brigus, dem Geburts- und Wohnort von Kapitän Robert Bartlett in Neufundland.
Capt‘n Bob, wie er von seinen Freunden und Mitreisenden respektvoll genannt wurde, war einer der erfahrensten Kapitäne der Arktis von Labrador im Osten Kanadas bis nach Wrangel Island nördlich von Sibirien. Wäre er nicht Opfer des Eigensinns von Robert Peary geworden, hätte er vielleicht als erster Mensch 1909 den Nordpol erreicht – denn Pearys Anspruch darauf ist höchst umstritten. Übrigens hatte Peary selbst das Erreichen des großen Zieles in seinem Tagebuch gar nicht erwähnt. Warum wohl?
Robert Peary mit Robert Bartlett in Battle Harbour, 1909, Foto: Wikimedia commons
Hermann Theodor Jannasch war der Schwiegersohn von Johann August Miertsching, einem weiteren berühmten Polarreisenden, der 1850 an der Entdeckung der lang gesuchten Nordwestpassage durch HMS Investigator beteiligt war. Wie Miertsching war auch Jannasch als Missionar der Herrnhuter Brüdergemeine, gemeinsam mit seiner Frau Marie – der Tochter Miertschings – von 1879 bis 1904 in Labrador tätig.
Hermann Theodor Jannasch und seine Frau Marie geb. Miertsching und ihr Sohn Harald in Labrador
Der kleine Ort Brigus an der Westseite der Conception Bay ist sehenswert und wird von vielen Neufundländern als Urlaubsort genutzt. Hier wurde am 15. August 1875 Robert Bartlett in eine Familie geboren, an die bis heute wegen ihrer erfahrenen Kapitäne, Fischer und Walfänger erinnert wird. Der bekannteste von ihnen war Robert Bartlett selbst, der mit über 40 Arktisexpeditionen wohl der erfahrenste Polarkapitän überhaupt war. Nach seinem Tod 1946 in New York wurde er in seinem Heimatort bestattet.
Brigus ist – für Kanada erstaunlich – 400 Jahre alt. Neben dem schön gelegenen Hafen ist besonders das Hawthorne Cottage, das frühere Wohnhaus der Familie Bartlett, sehenswert. In dem heutigen Museum ist Robert Bartlett aufgewachsen, und er hat bis zu seinem Tod hier gelebt – wenn er nicht gerade auf einem seiner Schiffe zwischen Grönland und Russland in der Arktis oder auf Vortragsreisen unterwegs war.
Hermann Theodor Jannasch war neben seiner Tätigkeit als Missionar und Stationsleiter auch einer der ersten professionellen Fotografen in der Arktis; vor allem war er ein erfahrener Zimmermann und sogar Bootsbauer. Nach seinen eigenen Entwürfen errichtete er mit anderen 1897 das neue Missionsgebäude mit Kirche in Makkovik. Diese Gebäude gelten als die ersten Fertigteilhäuser in Nordamerika, denn sie wurden in Niesky in der Oberlausitz in der Firma seines Schulfreundes Christian Ferdinand Christoph vorgefertigt, aufgebaut und wieder in Einzelteilen zerlegt nach Labrador verschifft. Leider sind sie 1948 abgebrannt.
Missionshaus und Kirche in Makkovik, 1897-1948, Foto: Sammlung Jannasch
In seiner unveröffentlichten Biografie berichtet Jannasch von einer gefährlichen Reise im offenen Boot von Makkovik nach West Turnavik Island, wo sich eine Fischereistation der Familie Bartlett befand. Aufgrund eines aufziehenden Sturms verzögerte sich die auf zwei Stunden angesetzte Fahrt bis zum nächsten Morgen. Nur mit viel Mühe und Glück war es ihnen gelungen, in der Dunkelheit der Nacht ohne zu kentern den Hafen von Turnavik zu erreichen, wo er an Kapitän Bartletts Fenster klopfte, der aber noch schlief. „Lieber Gott! Bist Du diese Nacht auf der See gewesen?“ rief er von drinnen. „Hätte ich geahnt, dass Du doch draußen bist, hätten 10 Boote hinaus gemusst, Euch zu suchen!“ „Nun sei ruhig, Gott hat uns auch ohne das hergebracht“ antwortete Hermann Theodor Jannasch.
Turnavik Island, Fischereistation der Bartletts
Leider erwähnte er in seiner Biografie nicht, um welchen der Kapitäne Bartlett es sich gehandelt hatte – ob es Capt’n Bobs Vater William Bartlett war oder er selbst? Nach diesem knapp überlebten „Abenteuer“ machte sich Jannasch bald an den Bau eines 15m langen Kajütbootes, das er Agnes taufte.
Beim Bau der „Agnes“, Foto: Sammlung Jannasch
Die „Agnes“ unter Segeln, Foto: Sammlung Jannasch
Robert Bartletts wohl größte Leistung war 1914 ein mehr als 1000 km langer Fußmarsch gemeinsam mit dem Inuk Kataktovik, den sie von Wrangel Island in der russischen Arktis bis nach Alaska unternahmen, um die auf der Insel zurückgebliebene Mannschaft der gesunkenen HMCS Karluk, Flaggschiff der kanadischen Arktisexpedition 1913-1916, zu retten.
Überlebende der „Karluk“, Foto: Wikimedia commons
Hermann Theodor und Marie Jannasch kehrten 1904 nach Deutschland zurück, wo sie in Stuttgart weiter für die Brüdergemeine tätig waren. Ihren Lebensabend verbrachten sie in Bad Boll. – Die Fischerei-Station der Bartletts auf West Turnavik Island wurde vor vielen Jahren aufgegeben. Der geschützte natürliche Hafen wird nur noch gelegentlich von lokalen Fischern oder Seglern genutzt.
Marie und Hermann Theodor Jannasch, zurück in Deutschland, Foto: Sammlung Jannasch
Ein Besuch des Bartlett-Museums in Brigus lohnt sich besonders wegen seiner Arktis-bezogenen Ausstellung. Interessant ist auch die ungewöhnlich komfortable Ausstattung des Wohnhauses mit Badewanne und WC – das war in Brigus in der damaligen Zeit noch lange nicht Standard.
Ein Spaziergang durch den Ort führt am Familiengrab der Bartletts vorbei zum Hafen, in dessen Nähe gleich zwei Denkmäler an den Polarkapitän erinnern. Ein Stück weiter ist „The Brigus Tunnel“ zu bewundern, der 1860 von Bergleuten durch einen mächtigen Felsen gehauen wurde, um den Bartletts und ihren Seeleuten einfachen Zugang zu den Schiffen zu ermöglichen.
Mein Buch „Kanada – Atlantik-Provinzen – 60 Tipps abseits der ausgetretenen Pfade“ ist beim Verlag 360° medien kürzlich in der 2., aktualisierten Auflage erschienen, 16,95 €, ISBN: 978-3968556727, und kann in jeder Buchhandlung bestellt/erworben werden.
Die im Eis der Mercy Bay eingeschlossene HMS Investigator musste 1853 entsprechend den Befehlen von Kapitän Henry Kellett (HMS Resolute) endgültig verlassen werden. Dieser hatte im April die Überprüfung des Gesundheitszustandes der an Bord verbliebenen Mannschaft angeordnet – was für die Ambitionen von Kapitän McClure katastrophal ausging. Nun wurde das Schiff in einem reinlichen und sicheren Zustand versetzt. An Land legte man ein Depot mit Vorräten und Kohle an. Zurück blieben auch die Leichname der im Frühjahr verstorbenen Seeleute Boyle, Ames und Kerr. Ihre Gräber am Ufer der Bay waren durch Tafeln gekennzeichnet worden.
Schlittenmannschaften beim Verlassen der Investigator – Farblithografie nach Samuel G. Cresswell
Unweit des Schiffes am Point Providence wurde ein Steinmal errichtet, das bereits von weitem auf den Überwinterungsort der Investigator hinweisen sollte. Unter vielen anderen Dingen blieben an Bord die Tagebücher der Offiziere zurück, wie auch das von Johann August Miertsching. Er hatte es, gemeinsam mit seiner umfangreichen Sammlung von Naturalien und Ethnografika, mit großem Bedauern dem Kapitän anvertraut, als er im April mit einem Teil der Mannschaft das Schiff verlassen hatte. Die verbliebene Mannschaft unter Führung von Kapitän McClure brach am 3. Juni 1853 mit vier Schlitten in Richtung Melville Island auf. Wohl ohne Bedauern verließen sie das Schiff, das ihnen trotz aller Widrigkeiten fast vier Jahre lang ein Zuhause gewesen war. Keiner von ihnen kehrte je in die Mercy Bay zurück.
HMS Investigator in der Mercy Bay, Zeichnung von George McDougall (Detail)
Wie lange die Investigator an ihrem Ankerplatz verblieben war, ob sie vielleicht mit dem Eis aus der Bucht gedriftet oder aber untergegangen war, blieb für die nächsten 150 Jahre unbekannt. Erst 1909 erreichte Jules Morin von der D.G.S. Arctic (das ehemalige deutsche Forschungsschiff Gauss) unter Kapitän J-E. Bernier den Ankerplatz der Investigator. (1) Das Schiff fand er allerdings nicht mehr vor, nur Überreste des Depots, das jedoch weitgehend zerstört war. Reste der dort gelagerten Ausrüstungen lagen verstreut in der Umgebung. Offenbar waren in den Jahren nach 1854 insbesondere Teile aus Metall von vorbeiziehenden Inuit als Ressourcen genutzt worden, wie Vilhjalmur Stefansson vermutete, der bei der Rückkehr von seiner Arktisexpedition 1915 hier vorbeikam. (2)
Reste des Steinmals an der Mercy Bay 1916, Foto von George H. Wilkins, der an Stefanssons Expedition teilnahm
Vermutlich gelangten Banks Island und die Mercy Bay erst nach dem 2. Weltkrieg wieder in den Fokus der kanadischen Regierung, als die Sicherung der Souveränität des Landes, der Schutz gegen einen eventuellen Raketenangriff der Sowjetunion und die Suche nach Rohstoffen dringlicher wurden. Erste intensive Erkundungen von Banks Island und der Mercy Bay erfolgten durch die Wissenschaftler Erling Porsild, J. L. Jenness und Thomas Manning in den 1950er Jahren. Manning umrundete 1952-56 mit Begleitern und einem Kanu in mehreren Etappen die Insel und erreichte am 9. August 1952 auch die Mercy Bay. (3) Er fand dort Reste des Steinmals und des Depots, doch – ebenso wie Morin zuvor – keinen Hinweis auf die Investigator und auch nicht auf die Gräber der Toten.
Reste des Steinmals an der Mercy Bay, 1952
1954 untersuchten drei Eisbrecher – Labrador, Northwind und Burton Island – gemeinsam die Gewässer um Banks Island. Dabei gelang die Umrundung der Insel mit der erstmaligen Durchfahrt durch die Prince of Wales Strait, ein Vorhaben, an dem 100 Jahre zuvor die Investigator gescheitert war. Ein Hubschrauber der Northwind erreichte dabei auch das Depot an der Mercy Bay.
Vertreter des US-Unternehmens Texaco suchten nach Rohstoffen in der kanadischen Arktis. Bei einem Besuch der Mercy Bay 1961 sammelte einer der Mitarbeiter, Don Yont, Artefakte von der Investigator. Er bewahrte sie lange in einer Kiste in seinem Haus auf, übergab sie jedoch später an ein Museum. Heute befinden sie sich im Prince of Wales Northern Heritage Centre in Yellowknife, wo Teile davon ausgestellt sind.
Artefakte vom „McClure Depot“ im Museum in Yellowknife – Foto: Wolfgang Opel
Überraschenderweise waren auch deutsche Wissenschaftler von der Universität Tübingen an der Erforschung von Banks Island beteiligt. Einer ihrer Besuche an der Mercy Bay wurde 1977 von dem Dokumentarfilmer Peter Milger begleitet.
Fassdauben am McClure-Depot, aus der TV-Dokumentation zur Nordwestpassage von Peter Milger
Ihm sind die ersten Filmaufnahmen von den Überresten der Investigator zu verdanken: Reste des Kohledepots, Fassdauben, verrostete Konservendosen und ein schwerer Metallgegenstand, der erst viel später von Parks Canada als eine Mast-Traverse identifiziert werden konnte (4).
Ein Ulu (Inuit-Frauenmesser), gefertigt von Inuit mithilfe eines Metallgegenstands vom Depot, aus der TV-Dokumentation zur Nordwestpassage von Peter Milger
Im August 1990 war Milger erneut auf dem Weg zur Mercy Bay zu Filmaufnahmen für eine TV-Serie über die Suche nach der Nordwest-Passage. (5) Mit dabei war diesmal der Urenkel Miertschings, Holger Jannasch. Wegen widriger Wetterumstände konnte das Flugzeug jedoch nicht landen. „That’s the arctic!“ war Milgers sarkastische Bemerkung.
TV-Dokumentation zur Nordwestpassage von Peter Milger
Es dauerte noch fast 20 Jahre, ehe HMS Investigator und die Mercy Bay ins Zentrum öffentlicher Aufmerksamkeit rückten. Unterwasserarchäologen von Parks Canada entdeckten am 25.7.2010 das Wrack der Investigator in nur acht Meter Tiefe. Erste Aufnahmen des Wracks bestätigten, dass der Rumpf noch intakt war.
An Land konnten die Lage der Gräber der drei toten Seeleute identifiziert werden. Ein Jahr später wurden bei weiteren Tauchgängen einige Artefakte gesichert. Die Hoffnung, dass sich Miertschings Tagebuch noch irgendwo an Bord finden ließ, dass es im kalten Wasser der Arktis erhalten geblieben und vielleicht sogar noch lesbar war, stieg bei den Interessierten.
Leider blieb es bei diesen beiden Expeditionen zur Mercy Bay. Hingegen wurde die Suche nach den Schiffen der Franklinexpedition intensiviert – und schließlich 2014 (HMS Erebus) und 2016 (HMS Terror) von Erfolg gekrönt. Weitere Tauchexpeditionen an Franklins Schiffen in der Nähe von King William Island erfolgten bis 2024. Am Wrack der Erebus konnten zahlreiche Artefakte gesichert werden. Von der Investigator aber war leider nur noch gelegentlich die Rede, obgleich weitere archäologische Forschungen in der Mercy Bay vorgesehen waren.
Und dann kam 2025 die traurige Mitteilung von Parks Canada, dass bis auf weiteres an allen drei Schiffen auf weitere Tauchgänge verzichtet wird. Die politische und wirtschaftliche Situation in Kanada erfordert wohl neue Prioritäten.
(1) Report on the Dominion of Canada Government Expedition „Arctic Islands and Hudson Strait“ on Board the D.G.S. Arctic by Capatain J. E. Bernier, Ottawa, 1910, S.167ff
(2) Vilhjalmur Stefansson, Länder der Zukunft, 2. Band, Leipzig, 1923, S.40ff
(3) Thomas H. Manning, Narrative of a second Defence Research Board Expedition to Banks Island, 1956, S.9ff
(4) Peter Milger: Der tödliche Sprung nach vorn, TV-Doku, Hessischer Rundfunk 1978
(5) Peter Milger: Die Nordwestpassage, TV-Doku, Teil 7, Hessischer Rundfunk 1992
„Heute fing ich auf dem Lande 14 allerliebste bunte Schmetterlinge„, schrieb Miertsching im Sommer 1852 in sein Tagebuch (22. Juli 1852), und später: „In der warmen Mittagsstunde sieht man viele schwarze sehr haarige Raupen auf dem Moos herumkriechen“ (24. Juni 1852).
Boloria chariclea (ein Perlmuttfalter, früher wohl Argynnis ossiana), hier eine Sichtung in Grönland. Foto: Wikimedia, Kim Hansen
Dass Miertsching sich zeitlebens für die Tier- und Pflanzenwelt seiner Umgebung und sogar für Gesteine interessierte, hat seinen Ursprung zweifellos in seiner Kindheit, in der er die vielgestaltige Natur um das Oberlausitzer Dorf Gröditz erlebte, wie etwa in dem felsigen Engtal Gröditzer Skala am Löbauer Wasser. Sicher trug später die Wissensfreundlichkeit der Herrnhuter Brüdergemeine, für deren Missionare sogar eine „Anweisung, Naturalien zu samlen [sic]“ gedruckt wurde, dazu bei, dass er zu eigenen Sammlungen angeregt wurde.
Dieses Werk befindet sich im Archiv der Evangelischen Brüdergemeine in Herrnhut
Den Aufzeichnungen Miertschings während der gefahren- und strapazenreichen Arktisreise mit HMS Investigator kann man entnehmen, dass er der umgebenden Landschaft stets viel Aufmerksamkeit widmete. Wann immer es möglich war, ging er an Land; er begann schon in Patagonien, Pflanzen zu sammeln. Nachdem drei Jahre später, 1853, das Schiff in der Mercy Bay von Banks Island aufgegeben wurde, schrieb er betrübt: „… nun sind alle meine Sammlungen an Naturalien, Pflanzen u.a.m., so wie alle meine schriftlichen Arbeiten seit 3 Jahren verloren.“ In vier Koffern und vier Kästen verpackt, hatte er die ganze Sammlung an Bord zurücklassen müssen.
Colias sulphur, auch Colias pelidne, ein arktischer Gelbling. Foto: Wikimedia, Josve05a
Nach der Rückkehr nach Deutschland hielt sich Miertsching im Januar 1855 in Niesky auf, um Freunde und Verwandte zu treffen. Dabei besuchte er auch den Insektenforscher Hugo Christoph, der ihn natürlich zu Insekten in der Arktis befragte. Christoph veröffentlichte kurz danach in der Entomologischen Zeitschrift einen Artikel, in dem er über Insekten im Hohen Norden schrieb und sich dabei auf Miertschings mündlichen Bericht stützte. Dieser hatte im August 1852 offenbar Perlmuttfalter (Argynnis) und Pelidne-Gelbling (Colias Pelidne) sowie „schwarze haarige Raupen“ gesichtet, die Christoph der Euprepien-Familie zuschrieb.
Aus dem Artikel von H. Christoph, März 1955, in der Entomologischen Zeitung
Hugo Christophs Notizen und Veröffentlichungen über Miertschings Beobachtungen wurden weithin zitiert und fanden ihren Weg in weitere Publikationen zur arktischen Fauna, wie zum Beispiel in die 1885 von Adolf Erik von Nordenskjöld herausgegebenen „Studien und Forschungen“.
Welche Raupen mag Miertsching wohl gesehen haben?
Als die HMS Investigator im Eis zurückgelassen werden musste, glaubte Miertsching seine Sammlungen, unter anderen über 4000 gepresste Pflanzen, für immer verloren. Wir dachten das auch, bis wir beim Recherchieren auf eine Spur stießen, die uns in London ins Herbarium der Royal Botanical Gardens KEW führte, und konnten feststellen, dass dort mehr als 40 seiner Pflanzenpräparate archiviert sind. Ob vielleicht Teile seiner Schmetterlings-Sammlung ebenfalls in Britischen Museen gelandet sein mögen?
Boloria polaris (ein Perlmuttfalter, Argynnis freya), hier auf Banks Island. Foto: Wikimedia, Stephan Sprinz
Von Steffen Graupner erhielt ich die traurige Nachricht vom Freitod meines Freundes Sergej.
Mit Sergej am Bootshaus – Foto: Unbekannt (Gast einer Kreuzfahrt)
Hier ein Auszug aus „Kamchatka Life“ – ein Nachruf von seinen Kollegen:
Am Sonntag, dem 1. Juni 2025, verstarb Sergej Pasenjuk. Seine Leiche wurde am Ufer des Pazifischen Ozeans gefunden, einen Kilometer von seinem Heimatdorf Nikolskoje entfernt. Vor anderthalb Jahren diagnostizierten Ärzte bei Pasenjuk Krebs. Dem Schriftsteller, Künstler, Philosophen und Segler wurde klar, dass er sein Lebenswerk – „Das Tagebuch der Kommandeurinseln“, das einen dreißigjährigen Zeitraum der Geschichte der Beringinsel abdeckt – nicht vollenden könnte, wenn er weiterhin in Krankenhäusern herumläuft. Dieses bemerkenswerte Werk wurde vor einigen Monaten veröffentlicht. Pasenjuk war glücklich, doch die Krankheit forderte immer mehr ihren Tribut. An der Küste seines geliebten Ozeans, den Pasenjuk auf Yachten besegelte und auf dem er eine beispiellose Solo-Überfahrt nach Alaska unternahm, beschloss er, seine Lebensreise zu beenden. Eine Waffe und ein Abschiedsbrief wurden gefunden. Sergej Pasenjuk wurde am 26. Mai 71 Jahre alt, Gesegnetes Andenken!
Sergejs Werke – Tagebücher der Kommandeurinseln
Stimmen von Menschen, die Sergej begegneten
Andreas Tretner, Slawist aus Spandau (mit Andreas war ich 1992 auf der Beringinsel): Lieber Ulli, danke für die bewegende traurige Mitteilung. Genauso hätte man sich das wohl vorgestellt, wenn man es sich vorgestellt hätte, diese würdige selbstbestimmte Art in den Tod zu gehen. Musste öfter an ihn denken, erst neulich wieder, auch für mich einer der beeindruckendsten Menschen, …
Sergej Pasenjuk – der Philosoph. Foto: Ullrich Wannhoff
Karen Törmer, Architektin (mit Karen war ich im Sommer 1995 und im Winter 1995/96 auf der Beringinsel): Lieber Ulli, Danke für deine traurigen mails mit den bewegenden Worten. Irgendwie ist das alles sehr stimmig. Sergejs intensives Leben – und dann ein Schlussstrich. – Ihr seid euch ähnlich, schau mal auf das letzte Foto, was du geschickt hast. In meiner Erinnerung hat er viel gelacht, wenn wir zusammen waren und war immer von irgendwas begeistert.
Weihnachten in der Hütte am Tolstoi Kap auf der Bering-Insel mit Karen Törmer Foto: Ullrich Wannhoff
Mailpost von Armin und Bärbel Schwarm aus Darmstadt: Lieber Ulli, das ist sehr traurig! Ich erinnere mich gerne an meine Begegnung mit Sergej in Nikolskoje und wie sehr er sich freute, als ich ihm erzählte, dass ich seinen Freund Ulli kenne. Sein Bild eines Seeotters an der Wand in unserem Wohnzimmer wird Bärbel und mich ewig an Sergej erinnern …
Armin und Bärbel Schwarm: Sergejs Tuschezeichnung eines Seeotters
Mailpost von Steffen Graupner, Geologe und Lektor auf verschiedenen Kreuzfahrtschiffen: Hallo Ulli, ja, der Tod von Sergey ist sehr traurig. Für mich war er die gute Seele der Kommandeursinseln und die Beringinsel wird ohne ihn nicht mehr dasselbe sein. Du kanntest ihn natürlich viel länger und intensiver als ich, ich hatte ihn erst 2012 auf unserer gemeinsamen Tour mit Hapag getroffen … Ich saß im September 2021 das letzte Mal beisammen mit ihm, unter dem zusammengestückelten Skelett der Seekuh, bei einem Tee in seinem selbstgebauten Atelier am Meer. Er hat mit sicht- und fühlbahrer Berührtheit viel von Dir gesprochen und wie wichtig ihm Eure gemeinsamen Zeiten waren, die abenteuerlichen Segeltouren nach Alaska, die Winterszeit auf der Beringsinsel, wie sehr er Dich als Künstler und Freund schätzt und wie viel ihm die jahrzehntelange Freundschaft bedeutet. Und ja, auch, mit Wehmut, darüber, wie sehr es bedauert, das der Streit über die Politik eine gewisse Distanz zwischen Euch brachte. Vor allem aber war er, wie Sergey immer war: energiegeladen und neugierig und wach und voll Tatendrang in die Zukunfts schauend, sein Buchprojekt zum Tagebuch vorantreibend. Und er hat sich auch gewünscht, daß Dein Weg eines Tage wieder auf die Beringinsel führt und Ihr Euch treffen könnt.
Sergej und ich beim Entladen des Bootes – Foto: Dima Utkin
Propagandistisch gefärbtes Badetuch von der Krim 2014 Foto: Ullrich Wannhoff
Sergejs Sohn Dima arbeitet an der Stahlkonstruktion für das Seekuh-Skelett Foto: Sergej Pasenjuk
Steffen Bohl, Potsdam: Lieber Ulli, Die traurige Nachricht aus Nikolskoy hatte mir Steffen Graupner geschickt. Es tut im Herzen weh, auch wenn ich ihn nur kurz kennenlernen dürfte. Er schenkte mir 2001 eine kleine Rippe der Seekuh aus dem Moor. Ihr habt so gute Zeiten verbracht. Der Krebs ist unbarmherzig.
Das Seekuhskelett wird für die Installation im Bootshaus vorbereitet. Foto: Sergej Pasenjuk
Alexandria, Sergejs Frau, schrieb: Ulli, guten Tag. Vielen Dank für deine Unterstützung und für die herzlichen Worte. Wir haben beschlossen, Serjoscha auf Tolstoi-Gedenkstätte zu begraben, in seinem, wie er selbst sagte, „Palästina“. Die Beerdigung findet am 10. statt. Ich warte auf Dima und Olja. [Anmerkung: Tolstoi ist das Kap, das 70 km von Nikolskoje südöstlich der Beringinsel entfernt liegt, Foto ganz unten. Dima und Olja = Sohn und Tochter. Das Wort „Palästina“ benutzte Sergej, seitdem ich ihn 1992 kennenlernte. Die Hütte am Kap Tolstoi war sein und mein Lieblingsplatz.]
Seit Juli 2024 gehört das ostsächsische Herrnhut zur UNESCO Welterbestätte „Siedlungen der Herrnhuter Brüdergemeine“ – wie auch Christiansfeld in Dänemark, Bethlehem in den USA und Gracehill in Nordirland. Letzte Woche hatten wir Gelegenheit, endlich einmal Christiansfeld zu besuchen, das unweit der deutschen Grenze im Süden Jütlands (Nordschleswig) liegt.
Im Søstrehuset – dem ehemaligen Schwesternhaus, das heute Museum und Archiv beherbergt – empfing uns Lise, die freundliche und hilfsbereite Archivarin. Wir hatten uns erst kurz zuvor angemeldet, und doch lagen schon Archivdokumente aus dem Jahr 1855 für uns bereit. Es dauerte nicht lange, und wir fanden etwas Interessantes.
Schon vor Jahren waren wir bei unseren Recherchen in Herrnhut auf eine Anfrage aus Christiansfeld gestoßen, die Miertschings Besuch wünschte, doch die Ältestenkonferenz der Herrnhuter Brüdergemeine hatte sich schnell dagegen ausgesprochen. Denn seit seiner Rückkehr aus der Arktis im Herbst 1854 hatte Miertsching immer wieder auf Veranstaltungen über seine Erlebnisse berichtet – auf Einladungen hin, die von Brüdergemeinen in England, von Adelshäusern seiner Oberlausitzer Heimat und sogar vom Sächsischen König kamen.
Der Missionsdirektion und der Ältesten-Conferenz in Herrnhut/Berthelsdorf war es aber gar nicht recht, dass Miertsching so viel Aufmerksamkeit erfuhr, weil das „in Ansehung seines inneren Herzens-Ganges gefährlich werden dürfte.“ Man befürchtete offenbar, er könnte stolz werden, also die gewünschte demütige Haltung verlieren. Zudem meinte man, „daß seine Reise keine Missionsreise war, und im Grunde vom eigentlichen Missions-Interesse etwas fremd ist.“ [1]
Doch die Christiansfelder setzten ihren Wunsch auf eine „Belebung“ ihres Missionsfestes durch den vielgereisten Missionar Miertsching durch; sie hatten sogar sein Reisegeld im Voraus angewiesen. Nun endlich wissen wir Genaues über die Reise: Im Diarium ist vermerkt, dass Johann August Miertsching am 10. Juni 1855 in Christiansfeld eingetroffen war und am 14. wieder abreiste. [2]
Auszug aus dem Diarium mit der Notiz über Miertschings Aufenthalt
Und dann der nächste Fund: „Unsere diesjährige Jahresfeier des Nordschleswigschen Missionsvereins am 11. Juni war ausgezeichnet durch die Anwesenheit unseres Bruders Miertsching, welcher … in zwei Vorträgen … Mittheilung machte von … der Nordpolexpedition zur Aufsuchung Kapitän Franklins …, die er als Dolmetscher in der Eskimosprache begleitet hat, … und von den Gelegenheiten, die sich ihm darboten, mit den … heidnischen Bewohnern jener Polarländer … Unterredungen einzuleiten.“ [3]
Christiansfeld auf einer Briefmarke von 1975
Wahrscheinlich musste die Ältestenkonferenz der Brüdergemeine sogar noch weiteren Nachfragen zustimmen, denn wir wissen, dass Miertsching auch in Gnadenberg (Schlesien) im August 1855 und in Hamburg im Oktober 1856 über seine Reiseerlebnisse berichtet hat.
Ob Miertschings Vorträge in Christiansfeld wohl den Anstoß dazu gegeben haben, dass sein 1855 von den Herrnhutern editiertes Reisetagebuch ins Dänische übersetzt wurde? Denn 1860 erschien eine Ausgabe im heutigen Oslo. Es könnte gut sein, dass Miertschings Aufenthalt in Basel von April bis August 1856, wo er ebenfalls häufig von seinen Reisen berichtete, letztlich zu der von Jean-Louis Micheli ins Französische übersetzten Ausgabe führte, die 1857 in Genf erschien.
Nach dem Besuch von Archiv und Museum gönnten wir uns noch eine Christiansfelder Spezialität: nach alten Rezepten zubereitete Honigkuchen in verschiedenen fantasiereichen Ausführungen. Die wurden auch schon zu Miertschings Zeiten hier zubereitet, und vermutlich hat auch er damals welche genossen.
Am 30. März 1875, vor 150 Jahren, starb Johann August Miertsching. Nicht nur ein Anlass, an seine Lebensleistungen zu denken, sondern auch daran, wie an ihn erinnert wird.
Die neueste Würdigung Miertschings ist der Gedenkstein, der erst vor wenigen Monaten nahe seines Geburtshauses in Gröditz bei Weißenberg eingeweiht wurde. Bevor 2022 unser Buch über ihn „Weil ich ein Inuk bin“ erschien, war Miertsching deutschlandweit über Jahrzehnte nahezu vergessen – außer in der Oberlausitz, seiner sorbischen Heimat, wo man in sorbischen Zeitschriften und in Büchern gelegentlich über ihn schrieb, und wo sein von Verwitterung bedrohter Grabstein 2005 gerade noch rechtzeitig restauriert wurde.
Etwas anders sah es international aus. Man konnte (und kann) in wissenschaftlichen Artikeln und Büchern zur Polarforschung auf Miertschings Namen stoßen; immer wieder werden Passagen aus Miertschings Reisetagebuch referiert und zitiert, am meisten aus „Frozen Ships“, der englischen Übersetzung seiner Reisebeschreibung, die nach wie vor eine wichtige Quelle für die Polarforschung ist.
Vermutlich aber war Alexander von Humboldt der erste und berühmteste Wissenschaftler, der sich explizit auf Miertschings Reisetagebuch bezog – und das bereits 1858, im vierten Band seines Werkes „Kosmos“; er stützte sich auf die 1856 in deutscher Sprache von der Herrnhuter Brüdergemeine editierte Ausgabe.
Eine andere dauerhafte Würdigung Miertschings erfolgte in dem 10 Jahre später erschienen Standardwerk „Flora fossilis Arctica (1868) – Die fossile Flora der Polarländer“ von Oswald Heer, Karl Eduard Cramer, Adolf Erik Nordenskiöld und Carl Schröter. Dieses Buch verzeichnet zwei fossile Pflanzen mit seinem Namen: Sphenopteris Miertschingi, eine farnartige Pflanze, und Betula Miertschingi, eine polare Birke. Diese „Verewigung“ in den botanischen Wissenschaften war eine besondere Ehre für den Laien Miertsching, der selbst Fossilien gesammelt und ein Herbarium von etwa 4000 Pflanzen angelegt hatte.
Die für Miertsching vermutlich höchste Ehrungen zu Lebzeiten waren die Biografie, die 1854 in London erschien, sowie die „Arktische Medaille“ der Queen Victoria, der britischen Königin. Miertschings Leistungen in der Arktis wurden aber nicht nur in Großbritannien, sondern auch in Deutschland gewürdigt; nach seiner Heimkehr schrieben verschiedene Zeitungen darüber, er hielt viele Vorträge, und der sächsische König empfing ihn. Doch dann entsendete ihn die Herrnhuter Brüdergemeine nach Südafrika, und damit war sein Ruhm in Deutschland praktisch zu Ende.
Schon im Herbst 1854 schrieb Daniel Benham eine Biografie von Miertsching
Die „Arktische Medaille“ der Queen Victoria, mit der Miertsching geehrt wurde
Wir staunten nicht schlecht, als wir das Foto einer markanten Felsformation nahe Gnadenthal (Genadendal) in Südafrika sahen, wo er acht Jahre im Dienst der Herrnhuter Mission verbracht hatte. Das Foto war einige Jahr nach Miertschings Tod aufgenommen worden, und der Felsen trug den scherzhaften Namen „Miertschings Nase“! Offenbar war diese Felsformation seinerzeit ein bei den Missionaren beliebter Ort für Sonntagsausflüge. Als wir uns näher mit diesem geografischen Phänomen befassten, fanden wir allerdings nur den aktuell gebräuchlichen Namen „Wonderklippen“. Auch persönliche Nachfragen vor Ort während unserer Reise nach Genadendal 2018 brachten nichts Neues – jeder kannte die „Wonderklippen“, aber „Miertschings Nase“ war vergessen.
„Miertschings Nase“ – Wonderklippen bei Genadendal, Südafrika. Foto: EBU-Archiv
In Kanada aber, wo Miertsching einen ausführlichen Eintrag im „Dictionary of Canadian Biography“ hat (ganz im Gegensatz zu dem mageren Eintrag in der „Deutschen Biographie“, der lediglich Namen, Geburts- und Sterbedatum, Wohnort und Berufe enthält), findet man seinen Namen sogar in den offiziellen Landkarten: ein See in Nunavut, dem Inuit-Territorium im Hohen Norden, heißt „Miertsching Lake“.
Miertsching Lake in Nunavut. Karte: Toporama
Wir waren überrascht, als wir noch auf eine zweite kanadische Ortsbezeichnung mit seinem Namen stießen: die „Sailing Directions for Labrador and Hudson Bay“ des United States Naval Oceanographic Office verzeichneten in der Ausgabe von 1965 die „Miertsching Bay“ nahe der Napartok-Bucht in Labrador, ebenso wie der Gazetteer of Canada des Canadian Permanent Committee on Geographical Names von 1968, allerdings mit dem Zweitnamen „Rifle Bay“ – das ist der Name, den man heute in den Landkarten findet.
Nördlich des Fingerhill Mountain an Labradors Küste liegt die Einfahrt zur Napartok Bay und zur Miertsching Bay alias Rifle Bay. Foto: Wolfgang Opel
Wie mag der Name „Miertsching Bay“ entstanden sein? Vermutlich hat es mit Miertschings mehrfachen Hundeschlitten-Reisen zwischen den Missionssiedlungen Okak und Hebron zu tun: vielleicht weil er von der üblichen Schlittenroute abwich und über das Eis einer anderen Bucht – die heutige Rifle Bay – fuhr. Offenbar konnte sich der einstige Name in dieser oft von Inuit-Jägern aufgesuchten Gegend nicht bis in die Gegenwart halten – denn auch bei den Labrador-Inuit denkt man nicht mehr an Miertschings hiesige Tätigkeit von 1844-49. Doch in Deutschland ist er nun wohl endgültig dem Vergessen entrissen. An seinem 150. Todestag verweisen wir wieder auf seine bedeutendsten Leistungen.
Sir Henry Kellett – ein von Miertsching wertgeschätzter Kapitän
Am 1. März 1875, heute vor 150 Jahren, starb Sir Henry Kellett. Als Kapitän von HMS Resolute verantwortete er maßgeblich die Rettung der Besatzung von HMS Investigator und damit von Johann August Miertsching.
Henry Kellett, Gemälde von Stephen Pearce, National Portrait Gallery London
Geboren am 2.11.1806 in Clonacody im Süden Irlands, diente Kellett bereits ab einem Alter von 15 Jahren bis 1871, zuletzt als Vice-Admiral, der britischen Royal Navy. Er nahm u.a. am ersten Opium-Krieg gegen China teil. 1845 wurde er Kapitän von HMS Herald, einem Vermessungsschiff zur Erkundung des Nordpazifiks. An Bord des Schiffes befand sich auch der deutsche Botaniker Berthold Seemann, der später umfangreiche Berichte über die Herald-Expedition veröffentlichte. Das Schiff wurde ab 1848 an der umfangreichen Suche nach der vermissten Franklin-Expedition beteiligt.
Die „Herald“ im Hafen von Petropawlowsk, Abbildung aus Seemanns Reisebericht
Bei einer Fahrt der Herald ins Polarmeer entdeckte man 1849 eine unbekannte Inselgruppe im Norden Sibiriens. Kellet landete auf einer der Inseln und nahm sie für die Krone in Besitz. Sie erhielt den Namen „Herald Island“. Während des Aufenthaltes im Nordpazifik nutzte die Herald auch eine neue Schiffsroute, eine Abkürzung durch die Aleuten-Kette. In einem auf Hawaii deponierten Brief informierte Kellett die Kapitäne von Enterprise und Investigator, die im Sommer 1850 auf der Suche nach Franklin vom Pazifik aus ostwärts in das Polarmeer fahren sollten, von dieser Möglichkeit. Doch nur Kapitän McClure nutzte den Hinweis, und so traf die Investigator bereits Ende Juli im Norden Alaskas mit der Herald und Kapitän Kellett zusammen, der später berichtete: „On the morning of the 31st July, Cape Lisburne … we fell in with her Majesty’s ship „Investigator“; she had made a surprising passage of 26 days from Oahee …“.
HMS Plover und HMS Herald im Nördlichen Eismeer
Ob Miertsching und Kellett damals einander trafen, ist nicht bekannt. Aber fast drei Jahre später, am 2. Mai 1853, machten die beiden persönliche Bekanntschaft. Kellett war inzwischen Kapitän der HMS Resolute, die sich, auf der Suche nach Franklin vom Osten kommend, bei Dealy Island im Winterquartier befand. Kellett hatte die Suche nach der Mannschaft der im Eis eingeschlossenen Investigator befohlen und so ihre Rettung eingeleitet.
Die „Rettungsschiffe“ Resolute und Intrepid im Winterquartier
Miertschings Empfang durch Kellett war ungewöhnlich zuvorkommend. Das lässt sich nur dadurch erklären, dass Kapitän McClure ihn über den außerordentlichen Anteil Miertschings am Überleben der Besatzung informiert hatte. „Ich wurde in des Kapitains Kajüte gebracht, wo ich mich nach 16 Tagen wieder einmal ordentlich waschen konnte, und die vom Kapitain Kellett mir geborgte Kleidung und Wäsche anzog.“ Noch für die nächsten zwei Wochen durfte Miertsching in Kelletts Kajüte wohnen, bis für ihn eine eigenen Unterkunft eingerichtet wurde.
Aus Miertschings Brief in der sorbischen Zeitschrift „Tydzenske Nowiny“ (1853)
Bald lernte Kellett Miertschings Fähigkeiten aus eigener Erfahrung schätzen. Sie gingen sogar gemeinsam auf Jagd mit dem Hundeschlitten, nachdem Miertsching neue Stiefel für den Kapitän gefertigt hatte. Auch noch nach dem Umzug in die eigene Kabine wurde Miertsching zu besonderen Gelegenheiten zum Dinner in die Kapitänskajüte geladen. In einem Brief vom Mai 1853 nach Hause schrieb er „Ich … erfreue mich allerbester Freundschaft mit dem von mir hochgeschätzten Kapitän Kellett“. Das Zitat stammt aus einem Artikel in der sorbischen Zeitschrift Tydzenske Nowiny von Ende 1853. Das handschriftliche Original des Briefes ist leider nicht mehr auffindbar.
Diese Flagge von Kapitän Kellet wurde vor einigen Jahren versteigert; mittels Spenden konnte sie durch das Royal Navy Museum erworben werden.
Auf Dealy Island ließ Kellett ein Vorratshaus errichten, in dem Lebensmittel und Ausrüstungen gelagert wurden, damit sich Überlebende der Franklin- oder anderer Expeditionen versorgen könnten. Von „Kellett’s Storehouse“ sind heute nur noch die Grundmauern erhalten. Hier vor dieser Ruine zitierte Miertschings Urenkel Prof. Dr. Holger Jannasch bei einem Aufenthalt im August 1990 aus dem Tagebuch seines Urgroßvaters. Diese Szene ist Bestandteil einer Dokumentation über die Suche nach der Nordwestpassage von Peter Milger.
Nach einer weiteren Überwinterung wurden HMS Resolute und die begleitende HMS Intrepid aufgegeben. Offiziere und Mannschaften, unter ihnen Kapitän Kellett und Miertsching, marschierten über das Eis des Parry-Kanals nach Beechey Island, von wo sie im Herbst 1854, jetzt aufgeteilt auf verschiedene Schiffe, nach England zurückkehren konnten.
„Resolute“ und „Intrepid“ werden verlassen
Noch auf dem Heimweg über Grönland wurde Miertsching bei einem Landgang in Godhavn (Qeqertarsuaq) von Kellett und den anderen Kapitänen zu einem „zweiten Frühstück“ gebeten und später dem dänischen Handelsinspektor vorgestellt. Nach der Ankunft in London nahmen Kellett und McClure ihn mit auf die Admiralität, wo er John Barrow junior, dem entscheidenden Mann hinter der Suche nach der Franklin-Expedition, vorgestellt wurde – die Wertschätzung war durchaus gegenseitig.
Sir Henry Kellett
Bis zu seiner Pensionierung übernahm Kapitän Kellett, später als Commander, Rear- und Vice-Admiral, weitere Positionen in der Royal Navy, bevor er sich in seinen Geburtsort in Irland zurückzog, wo er am 1.3.1875 starb. Sein Geburtshaus steht noch heute. Umgewandelt in ein komfortables Gästehaus, kann man dort in der „Henry Kellett Suite“ übernachten.
Zum 150. Geburtstag des Lehrers, Ornithologen und Arktisforschers Bernhard Hantzsch
Bernhard Adolf Hantzsch wurde am 12. Januar 1875 in Dresden geboren. Er war der jüngste Sohn von Emma Hantzsch und ihrem Ehemann, dem Lehrer, Heimatforscher und Chronisten Adolf Hantzsch.
Bernhard Hantzsch als Schüler – Foto: Sammlung Dr. Dietz
Nach der Schule besuchte Bernhard Hantzsch – wohl dem Wunsch des Vaters folgend – von 1889-1995 das königliche Schullehrerseminar in der Dresdner Friedrichstadt. Nach einer Zeit als Hilfslehrer in Grillenburg bei Tharandt wurde er 1898 Lehrer an der Höheren Volksschule in Dresden-Plauen.
Schon früh lernte Bernhard Hantzsch den nahegelegenen Tharandter Wald kennen und begann, sich für die dortige Vogelwelt zu interessieren. Seine Ambitionen als Ornithologe reichten jedoch bald weit über Sachsen hinaus. Ein geplanter mehrjähriger Aufenthalt im damaligen Deutsch-Ostafrika ließ sich allerdings nicht finanzieren. Deshalb konzentrierte er sich zunächst auf die nähere Umgebung, und ab 1898 fuhr er mehrfach nach Slawonien und 1901 nach Bulgarien. Erste Veröffentlichungen erschienen u.a. 1903 im Journal für Ornithologie über „Brutvögel der Gegend von Königswartha (Lausitz)“.
Auf diesem Schiff umrundete Hantzsch den Nordwesten Islands
Dem wachsenden internationalen Interesse an der Arktis folgend, wandte sich Bernhard Hantzsch zunächst Island und später Labrador zu. 1903 brach er zu einer mehrmonatigen Expedition (10.4.-4.9.) nach Island auf. Zunächst reiste er nach Kopenhagen und von dort aus über die Orkney- und die Färöer-Inseln nach Reykjavik. Er umrundete den Nordwesten Islands per Schiff, um sich dann den kleinen Fischereihafen Hjalteyri nördlich von Akureyri als Ausgangspunkt für seine Beobachtungen der Vogelwelt Islands zu wählen.
Diese führten ihn auch auf die abgelegene Insel Grimsey am Polarkreis und danach an den Myvatn, dem als „Mückensee“ bekannten Vogelparadies im Nordosten Islands.
Über seine Zeit in Island schrieb Bernhard Hantzsch den noch heute lesenswerten Bericht: „Beitrag zur Kenntnis der Vogelwelt Islands“. Dieser enthält – neben einem geschichtlichen Abriss und der Reise- und Landschaftsbeschreibung – den Bericht über die beobachteten und präparierten Vögel sowie viele Fotografien von Hantzsch.
Hantzsch unterwegs in Island – mit dem Pferd Heira
Um seine spätere Expedition nach Baffin Island gründlich vorzubereiten, reiste Bernhard Hantzsch 1906 zunächst nach Labrador. Dort wollte er auch das Leben der Inuit kennenlernen, weil er vorhatte, Baffin Island gemeinsam mit einer Gruppe von Inuit zu durchqueren.
Das Missionsschiff „Harmony“ im Packeis
Mit der SS Harmony, dem Schiff der Herrnhuter Brüdergemeine, gelangte er am 4. August nach Killinek ganz im Norden der Labrador-Halbinsel, wo er sich mehrere Wochen aufhielt. Mit Hilfe des Inuk Paksau erkundete er die Umgebung und die Tierwelt. Hier begann er auch, sich mit dem Alltag der Inuit und ihrer Sprache vertraut zu machen.
Die Missionsstation Killinek
Der Inuk Paksau – Foto: Bernhard Hantzsch
Auf der Heimreise im Oktober, wiederum mit der Harmony bis nach St. John’s, konnte er auch die anderen Stationen der Brüdergemeine entlang der Nordostküste Labradors kennenlernen.
Hantzsch (obere Reihe Mitte), links vor ihm Miertschings Enkelin Gretel Lenz
In Okak traf er auf die Enkelin von Johann August Miertsching, Gretel Lenz. Es ist aber nicht überliefert, ob Hantzsch sich dieser Verbindung bewusst war. Über seine Reise veröffentlichte er verschiedene Berichte: „Beiträge zur Kenntnis des nordöstlichsten Labradors“, „Beitrag zur Kenntnis der Vogelwelt des nordöstlichsten Labradors“, „Über Eskimo-Steingräber im nordöstlichen Labrador…“ sowie diverse Artikel in Zeitschriften.
Hantzsch in Labrador
Die nächsten zwei Jahre war Bernhard Hantzsch mit der detaillierten fachlichen Vorbereitung der Baffin Island-Expedition beschäftigt. Er korrespondierte mit namhaften Wissenschaftlern, denen er seine Konzeption zur Beurteilung vorlegte. Die Finanzierung musste gesichert, Sponsoren und Kooperationspartner eingebunden werden. In Archiven in Dresden und Berlin kann man den ungeheuren Arbeitsaufwand nachvollziehen, den Hantzsch zu bewältigen hatte, bevor er Anfang Juli 1909 endlich seine ersehnte Reise in die Arktis antreten konnte.
Überwinterung auf Blacklead Island – Foto Public Domain
Wie sich diese Reise so ganz anders entwickelte als er sich erträumt hatte, lässt sich in seinem Reisebuch nachlesen, das bisher allerdings leider nur in englischer Übersetzung veröffentlicht wurde. Dem Untergang des Schiffes und dem Verlust eines großen Teils seiner Ausrüstung folgte die ermüdende Auseinandersetzung um die Sicherung einer Mindestausstattung, um seine Expedition wenigstens in Teilen durchführen zu können. Man kann den Druck, der auf Hantzsch lastete, nur erahnen. Fühlte er sich doch gegenüber seinen Finanziers in der Pflicht und dafür verantwortlich, wissenschaftlich wertvolle Forschungsergebnisse zu liefern.
Zeichnung von Bernhard Hantzsch
Die Expedition fand mangels Ausrüstung und fehlender Jagderfolge unter schlechtesten Bedingungen statt. Der erfolgreichen Durchquerung von Baffin Island folgten Zeiten extremer Kälte und von Hunger. Nach dem Verzehr von Eisbärfleisch auf dem Rückweg wurden Hantzsch und einige seiner Begleiter krank. Die Inuit erholten sich wieder, er aber starb Ende Mai oder Anfang Juni 1911 am Ufer des Foxe Basin, wo ihn seine Begleiter nahe einem Fluss bestatteten. Der Fluss trägt inzwischen seinen Namen, aber sein Grab wurde bis heute nicht gefunden.
Dank der begleitenden Inuit gelangten seine Aufzeichnungen und Teile seiner Sammlung zu seiner Familie nach Dresden. Die Exponate wurden zwischen den unterstützenden Institutionen aufgeteilt und Auszüge aus seinen Aufzeichnungen publiziert. Die Veröffentlichung seines Reisewerkes scheiterte jedoch an den wirtschaftlichen Bedingungen nach dem 1. Weltkrieg. Erst 1977 erschien eine englische Übersetzung in Kanada, eine deutsche Ausgabe fehlt noch.
Straßenschild in Dresden
Immerhin aber gibt es in Dresden eine Hantzsch-Straße; auf Initiative rühriger Enthusiasten trägt heute die Grundschule in Hartha seinen Namen und beherbergte jahrelang auch eine Bernhard Hantzsch gewidmete Dauerausstellung. Diese soll in neuer Gestalt künftig in der ehemaligen Schule in Grillenburg – Hantzsch‘ erster Wirkungsstätte – zu sehen sein. Eine angemessene und umfangreiche Würdigung des Wirkens und der außergewöhnlichen Leistungen von Bernhard Hantzsch in Deutschland steht aber bis heute – zu seinem 150. Geburtstag – noch aus.
Aus dem Buchregal: „Mein Spitzbergen“ von Birgit Lutz
Ich war sehr gespannt auf dieses Buch. Denn an diesem Ort hatten wir selbst einst – vor Jahrzehnten – unseren ersten, aber gleich sehr intensiven Kontakt mit der polaren Welt. Schnell waren wir „arctic-bitten“, wie man im Englischen sagt; vom sogenannten „arktischen Virus“ befallen. Die Arktis hat uns seither immer mehr beschäftigt, wir haben über sie gelesen und recherchiert, haben unseren Möglichkeiten gemäß mehrfach arktische Regionen in Kanada und Grönland besucht, so manches auch darüber geschrieben. Aber nach Spitzbergen haben wir es leider nie wieder geschafft.
Nun, kurz vor Weihnachten, konnten wir es virtuell besuchen: mit dem Lesen des wunderbaren neuen Buches von Birgit Lutz. Ihre leidenschaftliche Liebeserklärung an Spitzbergen. Auf 224 Seiten – welche Vielfalt von Geschichten! Birgit Lutz kennt Spitzbergen so gut wie nur wenige. In ihrer ersten Geschichte schildert sie die Erinnerung an ihr Erlebnis der „blauen Stunde“, als Longyearbyen 2008 für sie zur Durchgangsstation einer Reise zur Drifteis-Station Barneo wurde – auch sie war dann der Arktis verfallen.
Spitzbergen mit allen Sinnen erfahren – Birgit Lutz ist mittlerweile Spezialistin darin, und sie gibt das auch weiter: nicht nur direkt – an Reisende vor Ort, die mit ihr unterwegs sind – sondern auch indirekt mit ihrem wunderbaren Buch. Ihre Geschichten schildern die verschiedensten Facetten der natürlichen Schönheit des Archipels, die Inseln als Ruhepol, die Wunder der Landschaft und der Tierwelt, der man hier begegnen kann, und das alles eingebettet in spannende und sehr persönliche Episoden, mit Eisbären, Finn-, Buckel- und Zwergwalen.
Manche der vielen abwechslungsreichen Kapitel führen von den Schauplätzen vor Ort zurück in die Geschichte, wie etwa das Scheitern der Ballonexpedition zum Nordpol, die auf der Insel Danskøya gestartet war, und das tragische Schicksal von Salomon August Andrée, Nils Strindberg und Knut Frænkel, das auf der Insel Kvitøya endete; oder die Unternehmungen von Roald Amundsen. Noch weiter zurück geht es in der Geschichte zur „Stadt der Walfänger“ Smeerenburg auf der Amsterdam-Insel im frühen 17. Jahrhundert, oder aber zur neueren Geschichte mit dem Abbau von Steinkohle. Und selbst wenn Birgit Lutz über den Spitzbergen-Vertrag und die aktuellsten politischen Implikationen schreibt, wird das zur spannenden Geschichte, die uns sehr nachdenklich hinterlässt.
Zu vielen anschaulich geschilderten persönlichen Erfahrungen von Birgit Lutz – ob beim Nacktbaden im Eiswasser, beim Leben in einer einsamen Hütte ohne Wasser und Stromanschluss, beim Umgang mit Schlittenhunden oder beim Einsammeln von Plastikmüll an einsamen Stränden – kommt stets ihr reiches Wissen über die Arktis, die Zusammenhänge zwischen Mikro- und Makrowelt in diesem komplexen Ökosystem.
Da ist es selbstverständlich, dass sie den Blick auch auf die Veränderungen richtet, deren Tempo in den letzten Jahren dramatisch zugenommen hat. Der schnelle Rückgang der Gletscher auf Spitzbergen – nur eines der Zeichen für die menschengemachte Klimakatastrophe, die in der Arktis viel deutlicher spür- und sichtbar geworden ist als anderswo – erfüllt sie mit „Entsetzen und großer Trauer“, auch darüber, dass wir Menschen die natürliche Welt immer noch nicht wirklich wertschätzen, sondern diesen Schatz nur auf Verwertbarkeit hin behandeln und damit zerstören.
Fazit: Birgit Lutz‘ liebevolle Ode an Spitzbergen ist ein wunderbares Buch, das die Faszination der Arktis am Beispiel Spitzbergens wissensreich und lebendig übermittelt, gleichzeitig zum Nachdenken anregt. „Mein Spitzbergen ist unser aller Spitzbergen. Aber ist ein Ort, an dem all gleich sind und die gleichen Rechte haben, ein Ort ohne Militär, Konflikte und Krieg, eine Utopie?“
Barbara Schennerlein: Aeroarctic – Das Zeppelin-Arktis-Projekt
Es hört sich fast romantisch an: Ein weltweit Aufsehen erregendes „Polar-Rendezvous“ in der „Stillen Bucht“ // Бухта Тихая // Buchta Tichaja von Hooker Island (Franz-Josef-Land) am 27. Juli 1931, an dem einige bedeutende Arktisforscher ihrer Zeit – wenn auch nur für 15 Minuten – zusammentrafen. Hier, in einer extrem entlegenen, von der Sowjetunion beanspruchten Region lag der sowjetische Eisbrecher „Malygin“ – der einst in Kanada zwischen dem Festland und Neufundland das Wintereis brach – vor der nördlichsten Polarstation der Welt, und hierhin flog das deutsche Luftschiff „LZ 127“.
Blick auf den Zeppelin in der „Stillen Bucht“, 1931
Tatsächlich war dieses Aufeinandertreffen sehr verspätet. Es vergingen über 10 Jahre von der Vision einer internationalen Arktisexpedition per Luftschiff bis zur Umsetzung, die immer wieder herbe Rückschläge erlitt. Das vorgesehene Forschungsprogramm – von der geografischen und geomorphologische Erkundung weithin unbekannten Landes mit Hilfe der Photogrammetrie bis hin zu meteorologischen und geomagnetischen Messungen – musste immer wieder modifiziert bzw. gekürzt werden.
Die Ursachen für den wiederholten Aufschub und die jeweiligen Änderungen der Prämissen sind äußerst komplex. Es war ein Zusammenspiel von außen- und innenpolitischen Umständen und deren Weiterentwicklungen, technischen Problemen, zugesagten und wieder zurückgezogenen Finanzierungen, dazu kam ein Wandel der Interessenlagen, bei denen durchaus auch die Charaktereigenschaften der beteiligten Männer eine Rolle spielte, und nicht zuletzt der Tod einer der Schlüsselfiguren, des Arktisforschers Fridtjof Nansen.
Der Friedensvertrag von Versailles
Was da alles zwischen den ersten Ideen, die einer der Protagonisten, Walter Bruns, im Jahre 1919 vor der Naturforschenden Gesellschaft in Görlitz vorstellte, bis zur Arktisfahrt des Zeppelins 1931 passierte, ist für Interessierte äußerst schwierig zu recherchieren. Dennoch kann man es seit kurzem in einem handlichen Buch nachlesen, das diesen „Hindernislauf“ akribisch nachzeichnet: beginnend bei den konkreten Folgen des Friedensvertrages von Versailles von 1919, der für Deutschland viele Einschränkungen beinhaltete, über die Machtübernahme Stalins in der Sowjetunion, bis hin zu den internationalen und nationalen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise ab 1929 auf dieses arktische Forschungsprojekt, das seit 1924 von der Gesellschaft „Aeroarctic“ vorangetrieben wurde.
Das neue Buch „Aeroarctic“ von Frau Dr. Barbara Schennerlein greift auf eine Fülle von Originalquellen aus einer Vielzahl von unterschiedlichen Archiven zurück, die hier nachvollziehbar aufbereitet wurden, so dass nicht nur die Chronologie der Ereignisse deutlich wird, sondern auch die Kausalität der Wechselbeziehungen. Eine äußerst verdienstvolle Arbeit, die allen an der Geschichte der Polarforschung des 20. Jahrhunderts Interessierten eine Fülle von Fakten und Materialien erschließt.
Die Autorin hat selbst einige Wochen in „Бухта Тихая“ auf Franz-Josef Land verbracht und kennt so den Ort des Geschehens aus eigener Anschauung. Ihre Sorgfalt und Unermüdlichkeit beim Suchen und Finden der „Puzzlestücke“ in den Archiven, ihre Ausdauer beim Recherchieren ist bemerkenswert. Wie in einem der Kapitel geschildert, kamen dazu dann auch noch Zufall und Glück, so dass neben der Auswertung der unzähligen Dokumente und zahlreichen historischen Detailkarten mit den eingezeichneten Routen sogar Luftaufnahmen aus dem Zeppelin im Buch enthalten sind.
Ein Blick ins Buch, hier sieht man eine bei der Expedition verwendete Panorama-Kamera und ihre Einzelteile
Dieses Buch ist nicht nur inhaltlich, sondern auch ästhetisch bemerkenswert. Bei Sachbüchern sieht man eine solch bewusst gestaltete Synthese von Buchcover, Illustrationen und besonderer Typographie (ausgeführt vom Bureau Punktgrau) nicht allzu oft. Sehr nützlich ist auch eine Zeittafel im Anhang, die wichtige Ereignisse der Polar- und Zeitgeschichte in einer Übersicht zusammenführt. Nur ein Wunsch blieb offen: ein Personenregister wäre hilfreich gewesen.
Arktisforschung ist eigentlich per sé immer international – oder sollte es zumindest sein; denn was in der Arktis passiert, wirkt sich auf den gesamten Planeten aus. Das Beispiel „Aeroarctic“ zeigt, dass dieses internationale Zusammenwirken bei den unterschiedlichen Interessenlagen der beteiligten Länder alles andere als einfach ist – etwas, das wir auch heute wieder erleben, wo die Kooperation in der Arktisforschung herbe Rückschläge erfährt und imperiale Machtinteressen den Bemühungen zum Überleben der Menschheit in der Klimakrise entgegenstehen.
Bücher können die Welt nicht verändern – oder doch? Auf jeden Fall kann das Lesen Gedanken anregen. Im manchen Fällen führt das zu Aktivitäten – sogar solchen, die zum Schluss materiell, buchstäblich in Stein gemeißelt präsent sind, wie in diesem Fall: in Gröditz (bei Weißenberg) – sorbisch: Hrodźišćo – steht seit einigen Tagen ein großer Findling mit einer Gedenktafel in unmittelbarer Nähe des Geburtshauses des Sorben Johann August Miertsching. Dass sich unser Anliegen, mit unserem Buch Miertsching vor dem Vergessen zu bewahren, auch auf solch wunderbare Weise erfüllt – damit hatten wir nicht gerechnet.
Das Denkmal für Johann August Miertsching wird enthüllt
Zu danken ist es dem Regionalverband der Domowina und engagierten Einwohner*innen von Gröditz. Zwar konnten wir bei der Einweihung nicht wie vorgesehen dabei sein, aber gute Freunde und Verwandte sorgten mit Fotos und kurzen Videos dafür, dass wir einen Eindruck von der Festveranstaltung bekamen, die an einem kalten Herbsttag stattfand. Weit über 100 Gäste waren zu dem noch mit der sorbischen Fahne in den Farben blau, rot und weiß verhüllten Gedenkstein gekommen. Der Enthüllung gingen Ansprachen seitens der Domowina, des Ortsvorstehers und des Bürgermeisters voraus; musikalisch wurde die Veranstaltung vom Chor Budyšin – auf den Bildern in sorbischer Tracht – gestaltet.
Der Chor Budyšin gestaltete die Veranstaltung musikalisch
Die Tafel auf dem Gedenkstein
Der Chor Budyšin in der Pfarrscheune Gröditz
Der zweite Teil der Veranstaltung fand in der Gröditzer Pfarrscheune statt, mit einem Vortrag der Historikerin Dr. Lubina Mahling, die auch unser Grußwort verlas, über das Leben Miertschings.
Beim Vortrag von Dr. Lubina Mahling in der Gröditzer Pfarrscheune
Wie dieser – ca. 160 Jahre zuvor – war sie selbst ebenfalls als sorbisches Kind in Gröditz aufgewachsen und ist durch ihre Forschungen mit der sorbischen Kulturgeschichte bestens vertraut. Den nun nahezu 200 Anwesenden stellte sie Miertschings Gröditzer Kindheit im sorbischen Dorf, seine Zeit als junger Mann in Kleinwelka und die weiteren Lebensphasen, einschließlich seiner Erlebnisse in der Arktis und des Lebensabends wieder in Kleinwelka, einfühlsam und mit Überzeugungskraft vor.
Im Haus rechts, dem damals sogenannten „Efeuhaus“, verbrachte Miertsching seinen Lebensabend in Kleinwelka
Dass bei der Veranstaltung auch zwei Nachfahrinnen von Miertschings jüngster Schwester anwesend waren, hat wohl kaum jemand von den Anwesenden gewusst!
Grabstätte Miertschings auf dem Gottesacker in Kleinwelka
Es folgten weitere kurze Ansprachen, so vom sorbischen Landtagsabgeordneten Marko Schiemann und vom Bischof der Herrnhuter Brüdergemeine Theodor Clemens.
Wenige Tage nach der Veranstaltung waren wir in teils persönlichem Kontakt mit direkten Nachfahren Miertschings, die sich sehr über die Ehrung ihres Vorfahren gefreut haben.
Wir danken allen Freunden und Verwandten, die uns Bilder zur Verfügung stellten.
Auch in anderen Medien wurde berichtet, so etwa hier bei der Herrnhuter Brüdergemeine, oder der Beitrag vom 3. Oktober nachmittags hier, sowie in der Sächsischen Zeitung (für Abonnenten).
Eine Würdigung aus Anlass des 207. Geburtstags von Johann August Miertsching
Einblicke in das handschriftliche Tagebuch von Johann August Miertsching
Herbst 1850: der erste arktische Winter für die Crew von HMS Investigator hatte begonnen. Das nun fest im Eis der Prince-of-Wales-Strait eingeschlossene Schiff war als Winterquartier eingerichtet und fest mit Schneeblöcken umhüllt worden. Aufgespannte Segel über dem Deck boten Schutz gegen Wind und Schnee und Raum für Bewegung. Die Tage wurden nun deutlich kürzer, und bei klarem Wetter waren fast täglich Nordlichter zu sehen. Johann August Miertsching bezeichnete sie in seinem Tagebuch – obwohl er das bestimmt nicht in der Schule gelernt hatte – exakt mit ihrem lateinischen Namen: Aurora Borealis. Tagsüber beobachteten sie zuweilen Nebensonnen, »jeden Tag nachmittag zwei Stunden lang gar drei oder vier – ungefähr in dieser Gestalt:«
Aus Miertschings Tagebuch: Zeichnung einer Halo-Erscheinung mit Nebensonnen
Das ist eine der wenigen Zeichnungen, die uns in Miertschings handschriftlichem Tagebuch überraschten. Sie zeigt nicht nur die beiden Nebensonnen dieser Halo-Erscheinung, sondern noch einer dritte unterhalb – ungewöhnlich, wahrscheinlich eine Reflexion auf der Eisfläche des Meeres.
Miertsching handschriftliches Tagebuch enthält neben genauen Beschreibungen auch eine Tabelle der erfolgreich gejagten Tiere, deren Fleisch das Überleben ermöglichte, sowie einige Zeichnungen, die z.B. einen Lastschlitten, ein Zelt sowie einen Moschusochsen zeigen
Miertschings Tagebucheintragungen sind Zeugnisse seiner genauen Beobachtungsgabe; oft beschreibt er Situationen, Landschaften und Naturerscheinungen detailreich und in bildhafter Sprache. Das Tagebuch offenbart aber auch, dass er, der nur ein Dorfschule besucht und bestimmt nie Zeichenunterricht hatte, sogar über zeichnerische Talente verfügte. Ein Beispiel ist die Zeichnung von HMS Intrepid, das Schiff, auf dem er nach der Rettung der „Investigators“ fast ein Jahr lang lebte. Es ist eine der wenigen bildlichen Darstellungen dieses Schiffs, das seit 1854 in der Arktis verschollen ist.
HMS Intrepid (1850-1854), gezeichnet von Johann August Miertsching
Vielleicht hat Miertsching noch mehr gezeichnet? Nach der Rückkehr von der Arktisreise war er beim sächsischen König eingeladen: »Meine Bilder, welche er sich genau betrachtete, schienen ihn zu interessieren.« Acht Bilder von der Reise der Investigator, die der zweite Offiziers Samuel Cresswell angefertigt hatte, waren als Mappe im Druck erschienen, und Miertsching besaß eine dieser heute überaus seltenen Mappen.
Deckblatt der Mappe mit den Bildern von Leutnant Samuel Gurney Cresswell.
Vermutlich hatte er dem König diese Mappe vorgelegt – oder waren es vielleicht doch eigene Zeichnungen? Es wird wohl ein Geheimnis bleiben – außer wenn jemand in der Oberlausitz oder anderswo, vielleicht in einer Kiste auf dem Dachboden, noch unbekannte Papiere aus Miertschings Nachlass entdecken sollte.