Der „nützlichste Mann an Bord“

Johann August Miertschings Leistung für das Überleben der „Investigators“

Vier Winter (1850-1854) verbrachte die Mannschaft von HMS Investigator im Eis der Hocharktis auf der Suche nach der verschollenen Franklin-Expedition, großenteils unter unsäglichen Strapazen und Leiden. Vor dem schon fast sicheren Tod konnten sie jedoch gerettet werden, und daran hatte ein Mann einen wichtigen Anteil: Bedford Clapperton Pim, damals Leutnant auf HMS Resolute. Mit dem Hundeschlitten hatte er im Frühjahr 1853 mehr als 300 km übers Packeis zurückgelegt, um schließlich die festgefrorene Investigator zu finden. So konnten die Männer den langen Marsch zum rettenden Schiff antreten, von dessen Existenz sie zuvor nichts gewusst hatten. Die Investigator wurde in der Mercy Bay zurückgelassen, auf deren Grund das Wrack noch heute liegt

HMS Investigator in Mercy Bay, McDougall
HMS Investigator in Mery Bay, by George Frederick McDougall – Wikimedia

Noch fast 15 Jahre später, damals auf Reisen in Nicaragua, erinnerte sich Leutnant Pim an Johann August Miertsching: „… of Mr. Miertsching it is not too much to say that he was the most useful man on board, for not only did he set an excellent moral example to those around him, but, by his knowledge of mechanical arts, he proved of the greatest value to his shipmates, especially as a bootmaker, and besides taught both officers and men other useful Arctic accomplishments, without which they would have indeed fared badly.“(1)

Bedford Clapperton Pim
Bedford Clapperton Pim

Übersetzung: „Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Mr. Miertsching der nützlichste Mann an Bord war; denn er war nicht nur ein hervorragendes moralisches Beispiel für die Menschen um ihn herum, sondern erwies sich durch sein Wissen über die Handwerkskünste auch von größtem Wert für seine Schiffskameraden, insbesondere als Schuhmacher, und darüber hinaus brachte er sowohl den Offiziere als auch der Mannschaft andere nützliche arktische Fertigkeiten bei, ohne die es ihnen wirklich schlecht ergangen wäre.“

Miertsching und HMS Investigator, vom Buchcover
Johann August Miertsching, im Hintergrund HMS Investigator
Grafik auf dem Cover des Buches „Weil ich ein Inuk bin“

Auch der Kapitän von HMS Investigator, Robert McClure, sprach in seinen Berichten an die Admiralität stets voller Anerkennung von den Leistungen Miertschings; mehrfach lobte er den „invaluable interpreter“ und war dankbar für das Urteilsvermögen der Herrnhuter Missionsleitung, die genau den richtigen Mann für den Auftrag gesendet hätte. Vor allem waren es Miertschings umfangreichen Kenntnisse sowohl der Sprache als auch der Gewohnheiten und Mentalität der Inuit, die überhaupt erst eine friedliche Verständigung möglich machten. Darüber hinaus konnte der Kapitän mithilfe von Miertsching Erkundigungen von den Inuit einziehen und erlangte so wichtige Informationen, u.a. was den weiteren Verlauf der Buchten, Inseln etc., die Schiffbarkeit der küstennahen Gewässer und die Eisverhältnisse betraf. (2)

Captain Robert McClure
Kapitän Robert McClure

Die Schriftstellerin Jane Elgee – die Mutter von Oscar Wilde – veröffentlichte 1854 im Dublin University Magazin ein literarisches Porträt ihres Cousins Kapitän McClure, in dem sie detailliert die Reise der Investigator und die erfolgreiche Entdeckung der Nordwestpassage beschrieb. Wir können sicher sein, dass ihr Beitrag großenteils auf Informationen aus erster Hand – wohl von ihrem Cousin persönlich – beruhte. Sie schrieb, dass Miertsching alle Dialekte der Inuit perfekt beherrschte – eine Auffassung, die Miertsching in seiner Bescheidenheit wohl sofort von sich gewiesen hätte, denn er fühlte sich sicherlich weit von jeglicher Sprachperfektion entfernt. Doch das, was er bei all den Gesprächen leistete, nötigte dem Kapitän offenbar höchsten Respekt ab. (3)

Jane Elgee
Jane Elgee, Cousine von Robert McClure und Mutter von Oscar Wilde

Das war aber nicht das Einzige. Die unsäglichen Strapazen der Reise sorgten auch bei Miertsching für Zweifel, Mutlosigkeit und Krisen, doch er fand – wohl auch mit Hilfe seines Glaubens – immer wieder zurück zu Optimismus, Selbstvertrauen und einer mentalen Stärke, die auch dem Kapitän durch kritische Zeiten half und manchmal sogar dessen Jähzorn gegenüber anderen zügelte.

Auch Mitgliedern der Mannschaft konnte Miertsching mit Zuspruch, Trost und sein eigenes Beispiel durch die schlimmsten Zeiten von Hunger, Kälte und Krankheit helfen und nicht nur Hoffnungslosigkeit und Agonie bekämpfen, sondern Zuversicht und solidarisches Handeln befördern. Die Kapitäne der Rettungsschiffe lobten später das Verhalten der „Investigators“, das sich wohl positiv von dem der eigenen Mannschaften abhob.

Löffelkraut - Scurvy grass
Löffelkraut, auch „Scurvy grass“ genannt, hilft gegen Scorbut

Nicht zu unterschätzen sind die „arktischen Erfahrungen“, die Miertsching vor der Schiffsreise mit den Inuit in Labrador gesammelt hatte. Das begann damit, dass er als einer der wenigen an Bord bereits das Meereis kannte, insbesondere Packeis (4). Dazu kamen Kenntnisse der arktischen Flora und Fauna. Als viele aus der Mannschaft an Hunger und Skorbut litten, konnte Miertsching dies etwas lindern, als er vitaminreiche essbare Pflanzen fand – wahrscheinlich Löffelkraut und/oder Krauser Ampfer.

Dazu kamen seine Erfahrungen beim Aufspüren von Wild unter arktischen Verhältnissen, die ihn zu einem der besten Jäger der Expedition machten, die dadurch ab und zu mit frischem Fleisch versorgt werden konnte. Das Wissen darum, dass man durchaus den Mageninhalt eines Karibus – für viele Inuit seinerzeit eine Delikatesse – essen und das Blut eines frisch erlegten Tieres trinken sollte, bewahrte ihn wahrscheinlich vor Skorbut. Bei den extremen Hungerbedingungen konnte er wohl den einen oder anderen seiner britischen Leidensgefährten von diesem Vorteil überzeugen.

Nicht nur sein Kapitän McClure war voll des Lobes über Miertsching. Als er mit Leutnant Cresswell und den Schwachen und Kranken der Mannschaft nach tagelangem Gewaltmarsch übers Eis schließlich bei den Rettungsschiffen ankam, lud ihn Kapitän Kellett, der von McClure über ihn gehört hatte, umgehend in seine Kabine auf HMS Resolute ein. In den ersten Tagen (bis eine eigene Kabine für ihn eingerichtet wurde) durfte Miertsching hier wohnen und im Bett des Kapitäns schlafen, der ihn überdies mit frischer Wäsche aus seinem eigenen Bestand ausstattete. Darin drückte sich seine besondere Wertschätzung aus.

Captain Kellett
Sir Henry Kellett, Kapitän von HMS Resolute

Zur Frischfleischversorgung für die an Skorbut Leidenden wurde Miertsching in den folgenden Wochen und Monaten immer wieder zur Jagd abkommandiert. Auch für Kapitän Kellett und die Offiziere der Rettungsschiffe war er ein begehrter Jagdgefährte. So beschrieb Leutnant McDougall, wie er Anfang September 1853 gemeinsam mit Miertsching, Haswell und Mecham eine Herde Moschusochsen verfolgte, was durch die verwendete Taktik äußerst erfolgreich war und tausende Kilogramm Frischfleisch für die Mannschaften lieferte. (5)

Moschusochse, gezeichnet von Miertsching in seiner „Reisebeschreibung …“

Für alle seine Verdienste auf der Expedition wurde Miertsching, wie einigen seiner Mitstreiter, 1857 im Auftrag der britischen Königin Victoria die „Arktische Medaille“ verliehen.

Miertsching's "Arctic Medal"
Die „arktische Medaille“ von Königin Victoria, die Miertsching verliehen wurde. (Sammlung Jannasch)

Anmerkungen:

(1) Pim, Bedford; Seemann, Berthold: Dottings on the Roadside, London 1869, p.275

(2) McClure: The Arctic dispatches: containing an account of the discovery of the North-West Passage, London 1854, p. 49, p.56, p.70 et al.

(3) Jane Elgee: Our Portrait Gallery. Captain M’Clure, R.N., in: Dublin University Magazine 1854, p. 348

(4) Opel, M. u. W.: Weil ich ein Inuk bin. Johann August Miertsching – ein Lebensbild, Berlin 2022, u.a. S. 187

(5) George Frederick McDougall: The Eventful Voyage of H.M. Discovery Ship Resolute, London 1857, p. 221f

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Das kurze Leben des Benjamin Chee Chee

Bei einem Bummel durch die Galerien von Yorkville, Toronto, vor über 20 Jahren fiel mir eine Grafik auf, die mich unmittelbar beeindruckte. Sie zeigte einen ruhenden Büffel mit mächtigem Buckel und gewaltigen Hörnern. Auffällig waren die Farben des Körpers, die mich an die Herbstfärbung der kanadischen Landschaften erinnerten.

Benjamin Chee Chee: „Bison at rest“, 1975, Sammlung Opel

Dem Galeristen fiel mein Interesse auf, und er nannte den Namen des Künstlers: Benjamin Chee Chee, ein Ojibwa aus Ontario. Informationsmaterial oder gar einen Katalog gab es leider nicht, doch notierte ich mir den Namen.

Benjamin Chee Chee bei der Arbeit, August 1975. Foto: Ernie Bies

Benjamin Chee Chee wurde am 26. März 1944 in Temagami, Ontario, im Haus der Freundin seiner Mutter geboren. Diese, Angele Egwuna Belaney, war die erste Frau des berühmten Grey Owl, der durch den Film von Richard Attenborough auch in Deutschland bekannt wurde. Kurz vor seinem ersten Geburtstag starb der Vater. Es begann eine schwierige Zeit, da seine Mutter ihn oft anderen zur Betreuung übergeben musste. Schon mit elf Jahren begann er Alkohol zu trinken und mit zwölf „borgte“ er sich mit anderen ein Auto, um durch die Gegend zu fahren. Letztendlich endete er in der von der katholischen Kirche betriebenen St. Joseph’s Training School in Alfred, Ontario, wo er wie viele andere indigene Kinder auch körperlich und sexuell missbraucht wurde. Nachdem er die Schule verlassen hatte, lebte er für kurze Zeit wieder mit seiner Mutter zusammen, ging aber bald seine eigenen Wege. Mit 21 zog er nach Montreal, wo er dank seiner zeichnerischen Talente Arbeit als Gebrauchsgrafiker fand, ehe er ab 1972 versuchte, sich als Künstler zu etablieren. (1)

Benjamin Chee Chee: Rideau-Kanal, Ottawa, Sammlung Opel

Zu seinen traditionellen Grafiken gehörten Ansichten von Ottawa, wo er ab 1973 lebte. Im Gegensatz dazu entstanden aber auch abstrakte Farbkompositionen.
Regelrecht berühmt wurde Benjamin Chee Chee für seine vielen Zeichnungen und Grafiken, die die Schönheit der Kanada-Gänse feiern. Manche davon werden seit Jahren in Museen-Shops, Touristen- und Andenkenläden auf Postkarten, Taschen und auf Tassen vermarktet. Schwieriger ist es, originale Werke zu sehen. Gute Gelegenheit gibt es im Whetung Ojibwa Centre in Curve Lake, in der Temiskaming Art Gallery in Temiskaming Shores, in der Thunder Bay Art Gallery (alle Ontario), oder in den Galerien mit indigener Kunst in den großen Städten Kanadas.

Das Whetung Ojibwa Centre in Curve Lake, Ontario — Foto: Wolfgang Opel
Großartige Grafiken von Benjamin Chee Chee im Whetung Ojibwa Centre,
dieses und die folgenden Fotos: Wolfgang Opel

In den 1970er Jahren wurden Arbeiten von Chee Chee zunehmend in Ausstellungen neben denen von Norval Morrisseau, dem „Picasso des Nordens“, Carl Ray und anderen berühmten indigenen Künstlern gezeigt. Bei einer Personalausstellung in Victoria, BC, wurden alle seine 45 ausgestellten Arbeiten schon am ersten Tag verkauft. In der Kunstwelt wurde er nun allseits als eigenständiger Künstler akzeptiert.

Geniale Linienführung!

Trotz aller Erfolge wurde er aber immer wieder von seiner unglücklichen Vergangenheit eingeholt. Alkohol, Tabletten und gelegentliche Gewaltausbrüche gehörten wie seine außergewöhnlichen künstlerischen Talente zu seinem Leben. Als er 1976 endlich wieder in Kontakt zu seiner Mutter kam, schien ein Leben als anerkannter Künstler, der auch mit seinem Alkoholkonsum umgehen könnte, möglich zu sein. Es kam jedoch anders. Bei einem Abend in einem Restaurant geriet er in Streit mit dem Personal, das sich nicht zu helfen wusste und die Polizei rief. Diese schloss ihn in einer leeren Zelle zur Ausnüchterung ein. Bei einem Kontrollgang fand man den scheinbar leblosen Chee Chee. Er hatte sich mit seinem Hemd stranguliert. Drei Tage später, am 14.3.1977, starb er im Krankenhaus, ohne das Bewusstsein wieder erlangt zu haben. Was für ein sinnloser Tod!

Grabmal auf dem Notre-Dame-Friedhof in Ottawa,
Foto: Wolfgang Opel

(1) Quelle: Ernie Biess: https://www.canadashistory.ca/explore/first-nations-inuit-metis/dancing-his-own-line

Literatur: Dr. Alvin L. Evans, „Chee Chee: A Study of Aboriginal Suicide“, Montreal 2004

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Matthäus Warmow, Berthold Seemann – und Franklin

Dass der Sorbe Johann August Miertsching an der Entdeckung der Nordwest-Passage in der kanadischen Arktis und an der Suche nach der verschwundenen Franklin-Expedition beteiligt war, ist bekannt. Weniger bekannt ist jedoch, dass zwei weitere Männer aus Deutschland mit der Suche nach den 129 vermissten Seeleuten zu tun hatten, wenn auch nur indirekt.

Der Naturforscher Berthold Seemann

Berthold Seemann (28.2.1825-10.10.1871), ein in Hannover geborener Botaniker und Naturforscher, war unter Kapitän Henry Kellett an Bord des britischen HMS Herald an der Erforschung der Küsten entlang der Beringstraße beteiligt. Er schrieb darüber ein zweibändiges Reisewerk (1).

Die Kirche in Warmows Geburtsort Werben –
Foto: Wikimedia Creative Commons, Olaf Meister

Der sorbische Grönland-Missionar der Herrnhuter Brüdergemeine Matthäus Warmow / Matej Waŕmo (18.1.1818-29.3.1893) aus dem Niederlausitzer Werben bei Cottbus ist nahezu unbekannt. Wie auch Miertsching wuchs er in einem sorbischen Umfeld auf, lernte später Deutsch und während seines Missionsdienstes die grönländische Variante der Sprache der Inuit, Kalaallisut. Erst in Vorbereitung auf eine Rekognoszierungsreise nach Baffin Island im heutigen Kanada lernte er Englisch (2).

Das Eingangsportal der Royal Botanical Gardens, Kew (London)

Seemann zog es bereits im Alter von 19 Jahren nach England, um in den Royal Botanic Kew Gardens Botanik zu studieren. Schon zwei Jahre später wurde er als Teilnehmer der Expedition von HMS Herald (1845-1851) unter Kapitän Kellett berufen. 1848 schloss sich das Schiff dann der Suche nach der vermissten Franklin-Expedition an.

Sir John Franklin, hier kurz vor dem Start der verschollenen Expedition

Es patrouillierte – wie auch HMS Plover – in den Gewässern zwischen Alaska und Sibirien, ohne allerdings auf Spuren von Franklins Schiffen zu stoßen.

Allerdings traf die Herald im Sommer 1850 auf HMS Investigator unter Kapitän Robert McClure – mit Miertsching an Bord – bevor dieses Schiff auf der Suche nach Franklin weiter in die Arktis fuhr. Ob die beiden Teilnehmer aus Deutschland, Seemann und Miertsching, bei diesem Zusammentreffen ins Gespräch kamen, ist nicht überliefert. In ihren Büchern über die jeweiligen Expeditionen erwähnen sie einander jedenfalls nicht (1, 3).

Von Matthäus Warmow ist bisher kein Porträt bekannt. Man könnte sich ihn in der traditionellen Kleidung der grönländischen Inuit mit fellbesetztem Anorak und Seehundstiefeln vorstellen, der sich, wie auch Miertsching, in enger Zusammenarbeit mit den Inuit deren Sprache, Jagd- und Überlebenstechniken in der Arktis angeeignet hatte. Ab 1846 war er für zehn Jahre zunächst in Lichtenau (heute Alluitsoq) im Süden und dann in Lichtenfels (heute Akunnaat) im Südwesten Grönlands eingesetzt.

Die Mission-Station Lichtenau in Südgrönland
Die Missionsstation Lichtenfels in Südwestgrönland

Nach einem Heimaturlaub wurde er nach England entsandt, um dort in Fulneck im Schnellkurs Englisch zu lernen und Kapitän William Penny nach Baffin Island zu begleiten. Warmows Auftrag war, Möglichkeiten für die Einrichtung einer Missionsstation erkunden.

Kapitän William Penny

Pennys Schiffe „Lady Franklin“ und „Sophia“ lagen Ende Juni 1857 in Aberdeen, Schottland, zur Abfahrt bereit. Da zur gleichen Zeit Kapitän Francis Leopold McClintock mit der von Lady Franklin finanzierten „Fox“ zu einer weiteren Suchexpedition nach Franklin aufbrechen sollte, verwundert es nicht, dass Jane Lady Franklin mit der Nichte ihres Mannes, Sophia Cracroft, vor Ort war, um die Fox zu verabschieden.

Die Schiffe „Sophia“ und „Lady Franklin“ in der Arktis (Ausschnitt)

Lady Franklin war überzeugt, dass ein sprachmächtiger Missionar der Herrnhuter Brüdergemeine als Dolmetscher für die Suchexpedition bestens geeignet wäre. Zuvor hatte sie bereits versucht, Miertsching zu gewinnen, mit McClintock zu fahren. Doch trotz eines lukrativen Angebots hatte Miertsching nach seiner fünfjährigen Arktis-Odyssee abgelehnt, sich erneut dorthin zu begeben. Nachdem Lady Franklin Matthäus Warmow kennengelernt hatte, bedauerte sie sehr, dass dieser unabkömmlich war. Warmow berichtete nach Herrnhut:

Lady Franklin

„Lady Franklin, die wieder eine Expedition aussendet, und die seit 8 Tagen hier ist, bedauert sehr, daß ich nicht mit ihrem Schiff gehen kann. Ich war fast jeden Tag bei ihr und hatte ihr viel von der Grönländischen Sprache zu erklären und Fragen und Antworten im Grönländischem aufzusetzen. Sie wünscht, daß ich mich auch in der Region, in die ich komme, nach den früheren Expeditionen erkundigen und ihr im Herbst Nachrichten senden soll. Der Capitän von dem Schiff, welches Fox heißt und auch heute ausgehen will, hatte ebenfalls viele Fragen an mich. … Lady Franklin schätzt unsere Kirche und spricht sich für die Hülfe, die wir ihr geleistet haben, sehr dankbar aus …“ (4).

Darstellung des Suchschiffes „Fox“, Kapitän McClintock,
auf einer grönländischen Briefmarke

Warmows einjähriger Aufenthalt im Cumberland Sound von Baffin Island brachte nicht die erhofften Ergebnisse. Nach seiner Einschätzung war der Einfluss der dort aktiven Walfänger kontraproduktiv für eine erfolgreiche Missionierung der Inuit. Über die vermisste Franklin-Expedition hatte er nichts in Erfahrung bringen können.

Blacklead Island im Cumberland Sound

Zurück in Herrnhut, heiratete er 1862 und wurde erneut zur Mission nach Grönland entsandt, wo er bis 1883 (inzwischen mit einer zweiten Ehefrau, die erste war gleich nach der Ankunft verstorben) tätig war. 1897 starb seine Frau in Herrnhut und Warmow zog nach Kleinwelka, wo er am 29.3.1898 achtzigjährig starb. Sein Grab auf dem dortigen Gottesacker haben wir infolge der Verwitterung der Grabsteine nicht finden können.

Quellen:

(1) Berthold Seemann, Narrative of the voyage of H.M.S. Herald and three cruises to the arctic regions in search of Sir John Franklin. 2 Bände, London 1852

(2) Lubina Mahling: Der Grönlandmissionar Matthäus Warmow / Matej Waŕmo aus Werben, Serbska Pratyja, Domowina-Verlag Bautzen, 2023

(3) Johann August Miertsching: Reise-Tagebuch des Missionars Johann August Miertsching, welcher als Dolmetscher die Nordpol-Expedition zur Aufsuchung Sir John Franklins auf dem Schiffe Investigator begleitete. In den Jahren 1850 bis 1854, Verlag der Unitäts-Buchhandlung Leipzig, Gnadau 1855

(4) Missionsblatt der Brüdergemeine, Nr.8, August 1857 S. 131

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Tivi Etok – Jäger, Künstler, Elder der Inuit

Bei einer Reise von St. Johns auf Neufundland nach Kuujjuaq in Québec auf dem russischen Expeditions-Kreuzfahrtschiff „Lyubov Orlova“ hatten wir Gelegenheit, die Labrador-Halbinsel zu umrunden. Neben den alles überragenden Naturerlebnissen faszinierte uns besonders der Inuk Tivi Etok – wohl die interessanteste Persönlichkeit an Bord des bereits etwas in die Jahre gekommenen Schiffes.

Grafik von Tivi Etok von 1973
Frühe Grafik von Tivi Etok

Er war uns erst im zweiten Teil der Fahrt aufgefallen, als er und sein Begleiter sich häufig ganz vorn an der Reling des Oberdecks aufhielten. Zwei rote Klappstühle mit dem Ahornblatt auf weißem Grund standen dort bereit, die, soweit wir das beobachteten, nie von anderen Passagieren benutzt wurden.

2 Klappstühle
An Bord der Lyubov Orlova, Foto: Wolfgang Opel

Den Namen des älteren Inuk mit kräftiger Statur und kurzgeschorenem weißen Haupthaar erfuhren wir erst während einer Gesprächsrunde, die von seinem jüngerem Begleiter, dem Inuk George Berthe, geleitet und übersetzt wurde – denn Tivi Etok selbst sprach nur Inuktitut.

Tivi Etok und George Berthe im Norden Labradors
Tivi Etok und George Berthe im Norden Labradors, Foto: Wolfgang Opel

So erfuhren wir, dass Tivi, geboren 1929, zu den lange halbnomadisch lebenden Inuit in Nordlabrador gehört. Je nach Jahreszeit wechselten sie zwischen der Ungava Bay im Westen und der Atlantikküste im Osten. Von seinen Eltern erlernten er und seine Geschwister das Überleben in der Wildnis. Sie jagten Robben, Walrosse und Wale, Karibus, Schwarz- und Eisbären, um ihre Familien zu ernähren. Was sonst noch benötigt wurde, erwarben sie im Austausch gegen Felle, Fisch und Fleisch von Händlern oder Missionaren.

Eisbär in Labrador
Ein Eisbär im Norden Labradors, Foto: Wolfgang Opel

Nordlabrador wird von den Torngat Mountains, den sogenannten Geisterbergen, geprägt: Hohe Berge mit Gletschern umrahmen tiefe Täler und ausgedehnte Fjorde, vor den steilen Ufern liegen unzählige kleine und größere Inseln. Die Gewässer sind bis in den Sommer hinein gefroren und die Berghänge lange schneebedeckt.

Torngat Mountains
Torngat Mountains, Foto: Wolfgang Opel

Die schönsten Fjorde sind der Saglek- und der Nachvak- Fjord; sie gehören zum einstigen Wohn- und Jagdgebiet Tivi Etoks. Wir befuhren also mit ihm seine heimatlichen Gewässer. Die beiden Inuit beobachteten aufmerksam die Gegend, mit bloßem Auge wie mit dem Fernglas, und erkannten lange vor uns Laien, wenn gelegentlich Schwarz- und Eisbären auszumachen oder bei Landgängen Spuren von Karibus und Wölfen zu sehen waren.

Im Nachvak Fjord
Im Nachvak Fjord, Foto: Wolfgang Opel

Die Welt der „Tongait“ (Inuktitut für „Geister“), war zumindest für den jungen Tivi eine Realität, die Einfluss auf Jagderfolge – oder aber Misserfolge – und damit das Überleben der Inuit haben konnte. So war es nicht ungewöhnlich, dass der junge Jäger im Oktober 1943 bei einem Streifzug an der Martin Bay im äußersten Nordosten Labradors meinte, Tongait zu sehen, als er im Wasser ein senkrechtes Rohr beobachtete, unter dem kurz darauf ein dunkler Rumpf auftauchte, auf dem seltsame Lebewesen herumliefen. Er bekam Angst und versteckte sich, in der Folge vermied er diese Gegend.

U-Boot
Deutsches U-Boot U-537 in der Martins Bay, 1943

Erst viele Jahre später wurde klar, dass Tivi Etok ein deutsches U-Boot beobachtet hatte, dessen Mannschaft an Land eine automatische Wetterstation installierte. Dieser Fakt wurde in Kanada erst 1981 bekannt, nach Recherchen des deutschen Ingenieurs Franz Selinger.

Auffinden der Wetterstation
Das Auffinden der Wetterstation, 1981. Foto: public domain

Das Leben Tivi Etoks war über viele Jahre lang von der Jagd bestimmt. Das änderte sich ca. 1960 Kanadische Bürokraten hatten aus angeblichen Sicherheitsgründen beschlossen, dass Beamten der RCMP (Polizei) sämtliche Schlittenhunde der Inuit erschießen sollten. Damit wurde jedoch den meisten Jägern und ihren Familien die Lebensgrundlage entzogen, und sie waren gezwungen, permanent in Siedlungen zu leben.

Katalog Tivi Etok
Erster Katalog mit der Kunst von Tivi Etok

Tivi Etok, der schon als Kind gern gezeichnet hatte, beschloss, seinen Lebensunterhalt zukünftig mit Kunst zu verdienen. Der überaus talentierte Jäger wurde schnell zu einem bekannten Künstler, der 1975 als erster Inuk überhaupt eine Personalausstellung mit Katalog erhielt. Inzwischen als Inuit-Elder hochgeachtet, hatte er weitere Herausforderungen zu meistern, die das Leben in der kanadischen Arktis auch für einen bekannten Inuk mit sich bringen.

Karibu-Jagd, Grafik von Tivi Etok
Karibu-Jagd, Grafik von Tivi Etok

2007 erschien die Biografie „Die Welt des Tivi Etok“ von Jobie Weetaluktuk (Inuk-Filmemacher) und Robyn Bryant, die eine Einführung in das Leben und die Kunst Tivi Etoks gibt. Nur wenige Exemplare davon waren in einem Laden in Kuujjuaq verfügbar; die glücklichen Erwerber ließen sie vor der Abreise von Tivi signieren.

Biografie Tivi Etok
Die Biografie

2022 wurde dem damals 94jährigem Künstler dann eine besondere Ehre zuteil. Er wurde in den renommierten „Ordre des Arts et des Lettres“ von Québec aufgenommen, zu dessen Mitgliedern u.a. Leonard Cohen und Celine Dion gehören.

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„SOS Eisberg“ und die drohende Katastrophe

Vor 91 Jahren, am 21. November 1932, schrieb der kommunistische Arzt und Schriftsteller jüdischer Herkunft Dr. Friedrich Wolf in einem Brief an seine Frau: „… mit Fanck und Udet war ich nochmals zusammen. Die Kerle haben herrliche Sachen da in Grönland gedreht …

Grönland - Karrat Fjord
Grönland – Karrat Fjord
Fanck, Udet, Riefenstahl und Kohner, 1932
Im Filmteam: Arnold Fanck, Ernst Udet, Leni Riefenstahl und Paul Kohner, 1932

Dr. Arnold Fanck, ein damals sehr bekannter Filmregisseur, hatte den Kontakt zu Wolf gesucht, weil dieser ihn bei der Endfassung des Drehbuches für den Film SOS Eisberg unterstützen sollte, denn die amerikanischen Auftraggeber waren mit dem bisherigen Stand unzufrieden. Wolfs letzte Arbeiten, besonders aber das Hörspiel „SOS … rao rao … Foyn – »Krassin rettet Italia«“ hatte damals für Furore gesorgt.

Briefmarke zu Ehren von Wolfs "Matrosen von Cattaro"
Briefmarke zu Ehren von Friedrich Wolf, dessen Stück „Die Matrosen von Cattaro“ 1930 uraufgeführt wurde

Wolf war von dem in Grönland gedrehtem Material so beeindruckt, dass er unter dem Pseudonym „Christian Baetz“ den von Fanck angebotenen lukrativen Vertrag unterschrieb. Produziert wurde das Projekt von Universal Pictures, einem von dem ausgewanderten deutsch-jüdischen Filmproduzenten Carl Laemmle Sr. gegründeten und inzwischen überaus erfolgreichem Studio in Hollywood. Partner für Fanck und damit auch für Wolf war der Produzent Paul Kohner, ebenfalls jüdischer Herkunft wie übrigens auch der Komponist der Filmmusik, Paul Dessau. Man bedenke, dass die Filmproduktion in den letzten Monaten der Weimarer Republik stattfand!

Gebäude von Universal Deutschland in Berlin
Das ehemalige Gebäude von Universal Deutschland in Berlin,
Mauerstrasse 83 u. 84

Am 27.12.32 übergaben Fanck und Wolf die Endfassung des Drehbuchs an Kohner. Nur wenige Wochen später, gleich nach der Machtergreifung der Nazis, emigrierten Wolf und Dessau.

Arnold Fanck, Knud Rasmussen, Ernst Udet
Arnold Fanck, Knud Rasmussen, Ernst Udet während der Filmaufnahmen

Der Dreh in Grönland im Sommer 1932 durfte übrigens nur stattfinden, weil Fanck mit Knud Rasmussen einen grönländischen Unterstützer und Garant der Seriosität des Vorhabens gefunden hatte und seiner Reise den Anstrich einer Expedition gab. Dafür engagierte er auch die beiden Teilnehmer der Grönland-Expedition Alfred Wegeners von 1930, Dr. Fritz Loewe und Dr. Ernst Sorge, die hier ihre wissenschaftlichen Arbeiten fortsetzten.

Dr. Fritz Loewe bei der Wegener-Expedition von 1930
Dr. Fritz Loewe in der Station Eismitte der Wegener-Expedition von 1930
Dr. Sorge und Dr. Georgi bei der Wegener-Expedition von 1930
Dr. Sorge und Dr. Georgi in der Station Eismitte

Zur gleichen Zeit hielt sich der bekannte amerikanische Maler Rockwell Kent mit seiner Frau France in Igdlorssuit, heute Illorsuit, auf. Udet hatte bei Erkundungsflügen die umgebende Bucht und einmündende Fjorde als für die Dreharbeiten Fancks geeignet befunden und richtete den Strand von Illorsuit als Basis für seine Flugzeuge ein. Die eigentlichen Drehorte waren etwa 50 km entfernt in Nuugaatsiaq, wo Fancks Drehteam seine Basis hatte, und in Nuliarfik auf Karrat Island.

Karte der Karrat Bay
Karte der Karrat Bay, aus Rockwell Kents „Greenland Journal“

Rockwell Kent, mit Knud Rasmussen befreundet, beobachtete das Geschehen und die durch die Dreharbeiten verursachte Unruhe mit gemischten Gefühlen, wie er in seinem Grönland-Tagebuch erzählte.

Abbildung Buch "Greenland Journal"

Vielleicht war es auch Ärger über seinen Freund Rasmussen, der die Dreharbeiten in Nuugaatsiaq unterstützte, aber ihn und seine Frau nicht besuchte, obwohl das mit Udets Hilfe leicht möglich gewesen wäre. Was zu dieser offensichtlichen Entfremdung der beiden geführt hatte, ist bis heute ungeklärt. Für Rockwell Kent gehörten seine insgesamt drei Aufenthalte in Grönland jedenfalls mit zu seiner produktivsten Zeit als Maler.

Rockwell Kent - "Greenland Hunter"
Rockwell Kent – „Greenland Hunter“, 1933
Courtesy of St. Lawrence University (SLU Permanent Collection)

Während der Dreharbeiten kam es vermutlich auch zu ersten Missstimmungen unter den Teilnehmern, da die Hauptdarstellerin Leni Riefenstahl kurz vor der Abreise nach Grönland zur Hitler-Verehrerin mutiert war und in ihrem Zelt ein Bild von diesem aufgehängt hatte. Nach der Wahl Hitlers wurde Dr. Sorge ein eifriger Nazi, Mitglied der NSDAP und denunzierte seinen jüdischen Kollegen Dr. Fritz Loewe, der daraufhin interniert wurde und nach seiner Entlassung gerade noch rechtzeitig nach England und später nach Australien emigrieren konnte.

Karrat Bay mit Karrat Island,
Karrat Bay mit Karrat Island, wo Rockwell Kent malte
Auf Karrat Island
Auf Karrat Island

Der Film wurde nach Änderungen unter Protest von Fanck am 30. August in Berlin uraufgeführt. Mit Entsetzen registrierten Anwesende dort die den Hitlergruß zeigende Riefenstahl, deren weiterer Weg damit vorgezeichnet war. Fancks Karriere war im Wesentlichen beendet; die Udets endete später mit Selbstmord.

Filmprospekt SOS Eisberg
Filmprospekt der Universal, Sammlung Opel

Dr. Sorge starb bald nach dem 2. Weltkrieg. Dr. Loewe lebte als erfolgreicher Wissenschaftler bis zu seinem Tod 1974 in Australien. Rockwell Kent hatte in einem Brief an Loewe dessen Rettung aus Nazi-Deutschland begrüßt; mithilfe seiner Kontakte half er dem ebenfalls emigrierten Fotografen des Filmsets, Ferdinand Vogel, beim Start seines Studios in den USA. Sowohl Laemmle als auch Kohner unterstützten von Hollywood aus die Rettung deutscher Juden.

Eisberg im Karrat Fjord
Eisberg im Karrat Fjord

Der Film SOS Eisberg wurde infolge der politischen Ereignisse von 1933-45 nahezu vergessen, bis ein schrecklicher Tsunami am 17. Juni 2017 durch den Karrat Fjord tobte, in dessen Folge die beiden Ortschaften Illorsuit und Nuugaatsiaq aufgegeben werden mussten. Übrigens fand ein ähnliches Ereignis auch während der Dreharbeiten statt und ist Bestandteil des Films.

Ein Filmteam, das zunächst eng zusammen arbeitete – und danach so verschiedene, so konträre Lebenswege. Was mag die Zukunft uns und heutigen Filmteams bringen?

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Ein malerischer Zyklus zu „Der Schimmelreiter“ von Theodor Storm

Über diese Novelle schrieb Thomas Mann einst, sie sei eine „Verbindung von Menschentragik und wildem Naturgeheimnis, etwas Dunkles und Schweres an Meeresgröße und -mystik“, das „die Novelle, wie er sie verstand, als epische Schwester des Dramas auf einen seither nicht wieder erreichten Gipfel führte“ (zitiert nach der Textausgabe „Der Schimmelreiter“ in Reclams Universal-Bibliothek).

Ullrich Wannhoff, Zyklus "Schimmelreiter"
„… nur der Fischreiher und Krähen, die im Nebel so groß und fürchterlich erschienen; die holten sich die Fische aus den offenen Spalten.“
Collage: © Ullrich Wannhoff

Für mich bleibt diese spannende Novelle zeitlos und zeigt den Beginn der modernen Industrialisierung. Die Hauptperson Hauke Haien steht im Widerstreit zum Aberglauben der Dorfbevölkerung und ihren rückwärtsgewandten Ideen, was der Autor dramaturgisch vorantreibt und zuspitzt. Mein Zyklus zeigt mit Storms Schimmelreiter, wie der Mensch sich selbst abschafft. Die Hauptfiguren im Roman sind dem Untergang geweiht, nur der Damm steht als Zeichen und Mahnung. Auch wenn diese Geschichte im Norden Deutschland angesiedelt ist, betrifft sie uns alle!

Ullrich Wannhoff, Zyklus "Schimmelreiter"
„… zugleich schlug eine scharfe Kralle ihm ins Fleisch … Mit der Faust hielt er das mächtige Tier empor und würgte es, dass die Augen ihm aus den rauhen Haaren vorquollen, nicht achtend, dass die starken Hintertatzen ihm den Arm zerfleischten.“
Collage: © Ullrich Wannhoff

Meine Erinnerungen reichen weit zurück an meine Schulzeit, in die zehnte Klasse, als wir den Schimmelreiter behandelten. Die dramatische Szene, als Hauke Haien auf dem Schimmel am Uferdamm mit „Wutgebrüll“ entlang des Meeres ritt, prägte sich tief in mein Gedächtnis ein – bis heute. Interessanterweise wurde zu Zeiten des Kalten Krieges „Der Schimmelreiter“ in West- wie in Ostdeutschland in der Schule behandelt.

Ullrich Wannhoff, Zyklus "Schimmelreiter"
„»Wird schon, wird schon, gestrenger Herr Oberdeichgraf«, erwiderte der Alte schmunzelnd; »der Gansbraten da wird schon die Kräfte stärken!«“
Collage: © Ullrich Wannhoff

Für mich bleibt diese Novelle einzigartig und regte mich zum Illustrieren an. Es entstanden neunzehn Arbeiten in expressiver Form: der malerische Zyklus „Der Schimmelreiter“ nach Theodor Storm (Technik: Collagen, Pastell, Leimfarben; Konsumwerbepapier 50 x 65 cm).

Ullrich Wannhoff, Zyklus "Schimmelreiter"
„… dann kam mit Gekreisch und ausgespreizten Flügeln die Möwe aus irgendeinem Winkel hervorgeschossen und machte sich darüber her.“
Collage: © Ullrich Wannhoff

Das Meer frisst und frisst Land, und das seit menschlichem Gedenken. Über Hunderte von Jahren ringt der Mensch dem Meer Boden ab und baut Deiche, um sich vor den Sturmfluten zu schützen. Anderseits heizt er künstlich das Klima auf, um seinen Komfort ständig zu modernisieren.

Ullrich Wannhoff, Zyklus "Schimmelreiter"
„Unwillkürlich riß er das Pferd zurück; da flog der letzte Wolkenmantel von dem Mond, und das milde Gestirn beleuchtete den Graus, …“

Meinen Maluntergrund für den Zyklus bilden Werbeprospekte, mit denen wir alltäglich zugeschüttet werden. Tausende Dinge, die Frau/Mann nicht brauchen, die aber als Rauschen im Hintergrund existent sind. Die Kaufkraft wird ins Unendliche angekurbelt, ohne Rücksicht auf Natur und Umwelt. Mit unserer Sesshaftigkeit und Domestikation hat sich eine Spirale gebildet, eine Überproduktion, der wir nicht mehr Herr werden, und wir ersticken im Werbemüll.

Ullrich Wannhoff, Zyklus "Schimmelreiter"
„Am anderen Morgen, beim goldensten Sonnenlichte, das über einer weiten Verwüstung aufgegangen war, ritt ich über den Hauke-Haien-Deich zur Stadt hinunter.“
Collage: © Ullrich Wannhoff

Auf meiner Webseite www.ullrich-wannhoff.de erfahren Sie mehr über meine vielseitigen Tätigkeiten und Ausstellungen, die mich von Dresden bis nach New York brachten.

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Ungesehen aneinander vorbei

Aus Anlass des Geburtstags von Johann August Miertsching

Sie glaubten sich allein und isoliert in der Einöde der arktischen Eismeers – und ahnten nicht, dass ganz nahe Europäer vorbei ruderten, die davon ebenfalls nichts wussten und sich wohl genauso allein und isoliert fühlten. Es war lange bevor es Funkgeräte oder gar Satellitennavigation gab; Schiffsbesatzungen „sprachen“ mittels Flaggensignalen miteinander – falls man denn Sichtkontakt hatte. Vor Alaska hatte die Crew der Bark HMS Investigator letztmalig Ende Juli 1850 zwei dort stationierte Schiffe der Royal Navy – HMS Plover bzw. HMS Herald – kontaktiert.

Signalflaggen
Historisches Beispiel für Signalflaggen. Bild: Projekt Gutenberg

Ab August aber war die Besatzung der Investigator ganz allein und auf sich gestellt im Polarmeer unterwegs. Vom dichten Packeis weiter nördlich gezwungen, immer in Küstennähe weiter in Richtung Osten zu segeln, erreichten sie am 21. August 1850 das Delta des Mackenzie Rivers mit seinen zahlreichen vorgelagerten Inseln. Am Abend ankerte HMS Investigator vor Pelly Island. „Meinen Geburtstag konnte ich heute so recht in aller Stille feiern. Abends zwei recht angenehme Stunden in meiner Kajüte, mit Mr. Piers und Farquarson“ schrieb Miertsching ins Tagebuch. Am nächsten Tag kreuzten sie bei Gegenwind vor der Küste, in Sichtweite der Inselgruppe mit Pelly Island, Garry Island, Kendall Island und Richards Island.

Pelly Ialand - Foto © Lina Madaj
Küstenerosion mit tauendem Permafrost auf Pelly Island. Foto © Lina Madaj

Sie ahnten nicht, dass nur vier Wochen zuvor Europäer hier vorbeigerudert waren und auf dem Weg nach Osten genau auf diesen Inseln ihr jeweiliges Camp aufgeschlagen hatten. Es handelte sich um eine Expedition mit zwei Booten unter Leitung von Leutnant William J.S. Pullen und Leutnant William Hulme Hooper, die bereits im Sommer 1849 von HMS Plover vor Alaska aufgebrochen waren, um an der Küste nach Spuren der vermissten Franklin-Expedition zu suchen. Anfang September waren sie bis zur Mündung des Mackenzie Rivers gekommen, wo sie der Wintereinbruch zwang, landeinwärts den Fluss hinauf nach Süden zu rudern.

Fort McPherson © Wolfgang Opel
Fort McPherson war damals die nächstgelegene Station der Hudson’s Bay Company. Foto von 2019, © Wolfgang Opel

Die Pullen/Hooper-Expedition erreichte Fort McPherson, wo sich die Gruppe aufteilte, um in den Stationen der Hudson’s Bay Company – Fort Simpson und Fort Franklin – zu überwintern. Im Juni 1850 waren sie erneut aufgebrochen, um nun die Suche östlich des MacKenzie Deltas fortzusetzen, und hatten Ende Juli wieder das Delta erreicht. Sie stießen noch bis nach Cape Bathurst vor, doch der Versuch, darüber hinaus in die Franklin Bay weiter ostwärts zu gelangen, scheiterte am schweren Packeis, das ihnen den Weg versperrte, so dass sie sich am 13. August zur Umkehr entschlossen, um wiederum in Fort Simpson zu überwintern.

Die Küste vor Tuktoyaktuk, Ort der historischen „Nicht-Begegnung“, im Jahr 2019.
© Wolfgang Opel

Auf dem Rückweg erreichten Hooper und Pullen am 20. August Nuvarok Point, am 22. passierten sie Toker Point auf der Halbinsel östlich vom heutigen Tuktoyaktuk. Zur gleichen Zeit kreuzte HMS Investigator in weniger als 100 km Entfernung bei Nebel, Regen und Schnee vor Pelly, Kendall und Richards Island. Die beiden Expeditionen bewegten sich aufeinander zu, allerdings vermutlich in unterschiedlichem Abstand zum Festland. Im Laufe des 23. August erreichten beide Expeditionen die Bucht vor Tuktoyaktuk, in die der Hauptarm des Mackenzie River einmündet – und fuhren irgendwo aneinander vorbei.

Mackenzie Delta
Mackenzie Delta
Mackenzie-Delta mit Pelly Island, wo HMS Investigator am 21. und 22. 8. kreuzte.
Abbildung: NASA

Im Laufe des 24. entfernten sich die beiden Expeditionen wieder voneinander: Pullen und Hooper legten an der Insel an, die heute Hooper Island heißt, und benannten die nördlich davon gesichtete Insel Pullen Island. Besatzungsmitglieder von HMS Investigator hingegen gingen an der Halbinsel östlich von Tuktoyaktuk an Land, wo sie Kontakt mit der Inuit-Gruppe um ihren Führer Kairoluak aufnahmen – vermutlich am Toker Point. Das Schiff setzte in den nächsten Tagen seinen Ostkurs über Point Warren in Richtung Cape Bathurst fort, wohingegen Hooper und Pullen wieder in den Mackenzie-Fluß hineinfuhren; sie überwinterten wieder in Fort Simpson und kehrten im Sommer 1851 über York Factory an der Hudson Bay nach England zurück.

Fort Simpson
Fort Simpson 2019 – hier befand sich seinerzeit das Fort der Hudson’s Bay.
Foto © Wolfgang Opel

Mehr über die Reise von Miertsching und der Investigator-Crew, die die nächsten vier Winter im Eis der Arktis verbringen mussten, hier. Über die Pullen-Hooper-Expedition berichtet das Buch von William Hulme Hooper: Ten Months Among The Tents Of The Tuski with incidents of an Arctic Boat Expedition in search of Sir John Franklin, London 1853.

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Erfolgreiche Passage der Aleuten am 20. Juli 1850

Erst im Nachhinein wurde klar, dass dieser 20. Juli in vieler Hinsicht entscheidend für den letztendlichen Erfolg der HMS Investigator war – die Entdeckung der Nordwestpassage.

Investigator und Enterprise 1848-49
HMS Enterprise und HMS Investigator in der Polarnacht
(auf einer vorherigen Suchexpedition 1848-49 bei Port Leopold)

Der ursprüngliche Plan der britischen Admiralität sah vor, dass die Schiffe HMS Enterprise und HMS Investigator im Sommer 1850 gemeinsam von der Beringstraße aus ostwärts in die Arktis fahren sollten, um nach der verschwundenen Franklin-Expedition zu suchen.

Richard Collinson, Befehlshaber der Expedition
und Kapitän von HMS Enterprise

Die beiden Schiffe, deren Segelgeschwindigkeit sich deutlich unterschied, waren aber schon seit Wochen getrennt, und HMS Enterprise unter Kapitän Richard Collinson erreichte vor HMS Investigator unter Kapitän Robert McClure den Hafen Honolulu auf Hawaii. Nicht wissend, wann die Investigator eintreffen würde, entschloss sich Collinson, allein weiterzufahren, wohl wissend, dass sich Johann August Miertsching, Übersetzer für die Kommunikation mit den Inuit, an Bord der Investigator befand. HMS Enterprise nahm einen wohlbekannten Kurs auf – zunächst in Richtung Kamtschatka.

Kapitän McClure
Robert McClure, Kapitän von HMS Investigator

Collinson hatte in Honolulu einen Brief für McClure hinterlegt, in dem mitteilte, dass er nunmehr am Cape Lisburne auf die Investigator warten würde, jedoch plante, „im Falle dass die Investigator die Beringstraße nicht rechtzeitig erreichen sollte, mit der Enterprise entweder allein oder zusammen mit der beim Cape Lisburne im Nordwesten Alaska stationierten HMS Plover auf die Suche nach der Franklin-Expedition zu gehen, wohingegen die Investigator die Rolle der Plover als fest stationiertes Schiff übernehmen müsste.“ (Zitat aus unserem Buch)

Honolulu um 1850
Hafen von Honolulu, ca. 1850

Als HMS Investigator in Honolulu eingetroffen war, rief Collinsons Brief bei McClure und seinen Offizieren massive Unzufriedenheit hervor. Sie wollten nicht bei Cape Lisburne stationiert werden; schließlich hatten sie sich als Freiwillige der Suchexpedition angeschlossen und wollten nicht darauf verzichten, an der Auffindung der Franklin-Expedition und den damit verbundenen Ehrungen beteiligt zu sein.

Passage durch die Aleuten
Die Passage der Investigator durch die Aleuten-Inseln

Wie auch Collinson war McClure darauf hingewiesen worden, dass der schnellste Weg nach Norden mitten durch die Inselkette der Aleuten führe. Als ihm dieses nun vom Kapitän eines Handelsschiffes bestätigt wurde, gab es für McClure kein Zögern mehr: die Investigator nahm umgehend direkten Kurs auf die Aleuten, wo sie am 20.7. den Seguam Pass zwischen den Inseln Amlia und Seguam erreichten. Damit hatten sie den langen Umweg in Richtung Kamtschatka um mindestens zwei Wochen abgekürzt.

Pyre Peak auf Seguam, Foto USFWS
Pyre Peak auf der Aleuten-Insel Seguam, Foto: USFWS

Nachdem McClure Ende Juli Cape Lisburne erreicht und dort vergeblich nach der Enterprise Ausschau gehalten hatte, entschied er sich, allein in die Arktis weiterzusegeln. So fuhr HMS Investigator noch rechtzeitig um Cape Barrow ins Polarmeer, bevor das Packeis im Spätsommer diese Passage erneut verschließen würde.

HMS Investigator
HMS Investigator am Ort der ersten Überwinterung
1850 in der Prince of Wales Strait

Noch im gleichen Herbst konnten sie die Entdeckung der Nordwestpassage feiern, fanden jedoch keinerlei Spuren der vermissten Franklin-Expedition. Mehr dazu in unserem Buch über das Leben von Johann August Miertsching „Weil ich ein Inuk bin“.

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100. Jahrestag des ersten Fluges in Richtung Nordpol

Der Flieger Arthur Neumann aus Warnemünde

Am 8. Juli 2023 jährt sich zum 100. Mal der Tag, an dem der Warnemünder Pilot Arthur Neumann als erster ein Flugzeug von Spitzbergen aus in Richtung Nordpol lenkte. Neumann, Pilot im 1. Weltkrieg, kam 1919 nach Warnemünde und arbeitete ab 1923 für Junkers Luftverkehr AG, das damals führende Flugverkehrs-Unternehmen.

Arthur Neumann
Arhtur Neumann (hier in Island); Foto: Á.B./Ljósmyndasafn Akraness

Junkers hatte bereits zwei Flugzeuge vom Typ F 13 an Roald Amundsen – den Bezwinger des Südpols, der Nordwest- bzw. auch der Nordost-Passage – geliefert. Amundsen wollte nonstop von Alaska über den Nordpol nach Spitzbergen fliegen. An der Montage des in Einzelteilen in Kisten gelieferten Flugzeugs waren jedoch keine Spezialisten von Junkers beteiligt. Nach einem kurzen Testflug brach der linke Ski bei der Landung, und der nun verunsicherte Amundsen blies den geplanten ersten Flug über den Nordpol ab.

D 260 auf Spitzbergen
D 260 auf Spitzbergen, Foto: Walter Mittelholzer

Bei Junkers war man in Sorge über Amundsens Ambitionen und hatte zur Absicherung des Polarflugs eine weitere F13 (D 260) mit dem Flieger Arthur Neumann auf den Weg nach Spitzbergen geschickt, als plötzlich Amundsens generelle Absage eintraf. Junkers beschloss nun, das Flugzeug, geführt von Neumann und dem ihn begleitenden bekannten Schweizer Flieger und Fotografen Walter Mittelholzer, für Erkundungsflüge und erste Luftbildaufnahmen Spitzbergens zu nutzen.

Spitzbergen
Blick vom 80. Breitengrad auf Spitzbergen, 1998

Beim letzten dieser Flüge mit der D 260, dem „Eisvogel“, gelang es Neumann am 8.7.1923, trotz nicht störungsfrei arbeitendem Motor erstmalig mit einem Motorflugzeug den 80. Breitengrad zu überfliegen. Nach diesem mehr als sechsstündigen Rekordflug landeten sie im Basislager im Gronfjorden, der Bucht, wo sich heute die russische Siedlung Barentsburg befindet. Hier mussten sie allerdings feststellen, dass ein Ersatzteil zur Reparatur des Motors nicht zur Verfügung stand, und somit wurde das gesamte Unternehmen abgebrochen.

Barentsburg
Barentsburg auf Spitzbergen, 1998

Man hatte jedoch den Beweis geliefert, dass Flugzeuge für die Erkundung der Arktis geeignet waren. Die fotografische Ausbeute Mittelholzers auf diesen Flügen war immens, selbst ein 16 Minuten langer Film ist bis heute erhalten geblieben. Arthur Neumann äußerte später, dass sie nach einer Reparatur des Motors gute Chancen gehabt hätten, erstmalig den Nordpol zu erreichen.

Arthur Neumann auf Island
Arthur Neumann auf Island, wahrscheinlich 1929, Foto: Á.B./Ljósmyndasafn Akraness

Für Arthur Neumann war es wohl der einzige Arktisflug, obwohl er als Pilot einer weiter entwickelten F13 von Junkers mit dem Namen „Súlan“ für die Lufthansa 1929 und 1930 in Island tätig war und bei der Gelegenheit auch den Polarkreis überflogen haben könnte.

Arthur Neumann auf Vestmannaeyjar
Arthur Neumann auf Vestmannaeyjar, wahrscheinlich 1929, Foto: unbekannt

Im Sommer 1929 flog Neumann mit der D 463 „Súlan“ eine Gesamtstrecke von 22.500 km und transportierte unter anderem 580 Passagiere, Post und Waren.

Arthur Neumann bei Akranes, Island
Arthur Neumann bei Akranes, Island; Foto: Á.B./Ljósmyndasafn Akraness
Landschaft bei Akranes, Island, 2017
Landschaft bei Akranes, Island, 2017

Zu seinen Aufgaben bei der Lufthansa gehörten neben Flügen nach Skandinavien, u.a. Stockholm 1924, auch Touristenflüge entlang des Ostseeküste. In diesen Jahren bildete er ebenfalls sowjetische Piloten im Blindflug aus, was offensichtlich im Zusammenhang mit Junkers Flugzeugbau-Aktivitäten in der UdSSR stand.

Súlan auf Briefmarke
Die „Súlan“ schmückt eine isländische Briefmarke (D 463, links unten)

Leider sind von Arthur Neumann nur wenige persönlichen Aufzeichnungen über seine Zeit als Pilot in Island und fast nichts über sein späteres Fliegerleben bekannt. Wären da nicht das Buch „Im Flugzeug dem Nordpol entgegen“ von Mittelholzer, dessen wunderbaren Fotos in den Archiven und verstreute Artikel in DDR-Zeitschriften und Tageszeitungen (u.a. in der NNN von Reiner Frank geschrieben), wäre der Polarflieger Arthur Neumann aus Warnemünde, der als erster Flieger überhaupt von Spitzbergen in Richtung Nordpol geflogen war, längst vergessen.

Arthur Neumann Briefe
Briefe von Arthur Neumann; mit vielem Dank an Reiner Frank

Arthur Neumann starb 84jährig am 4. März 1974 in Rostock. Falls sich jemand im Besitz von unbekannten Dokumenten aus dem Nachlass befinden sollte oder Hinweise geben kann, bin ich dankbar für eine Nachricht. Mehr über Arthur Neumann auf hier: „Ein Polarflieger aus Warnemünde

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12 Jahre in der Arktis begraben

Am 4. Juni 1857 brach Roderick MacFarlane, Angestellter in der Niederlassung Fort Good Hope der Hudson’s Bay Company am Mackenzie River, zu einer Bootsfahrt in den Norden auf.

Mackenzie-River
Auf Miertschings Spuren unterwegs – Mackenzie River, 2019

Er wollte endlich in direkten Kontakt mit den Inuvialuit – einem Inuit-Volk – treten. Ihn begleiteten sechs Männer, darunter zwei frankokanadische „Voyageurs“ und vier Angehörige der First Nations, vermutlich Satuh Dene. Auf Seen und Flüssen und über viele Portagen suchten sie einen Weg nordwärts zum „Begh-Ula River“ (Anderson River), den sie eine Woche später erreichen. Hier war das Eis bereits aufgebrochen. Die Satuh Dene, die hier ihre Fischgründe hatten, trieb gelegentlich Handel mit den Inuvialuit weiter im Norden.

Robert MacFarlane
Robert MacFarlane (Archives of Manitoba)

Flussabwärts auf dem Anderson River kam MacFarlane mit seinen Leuten nunmehr schnell voran und erreichte schon nach zwei Tagen einen Siedlungsplatz der Inuvialuit. Über einen Dolmetscher versuchte er, diese zum zukünftigen Handel mit der Hudson’s Bay Company zu überreden, was ihm offenbar gelang.

Karibu-Jagd, Malerei der Inuvialuit
Karibu-Jagd, Malerei der Inuvialuit aus der Sammlung von MacFarlane
National Museum of Natural History, Smithsonian Institution

McFarlane hatte aber noch ein zweites Anliegen: er wollte etwas über den Verbleib der Berichte von Kapitän McClure erfahren. Als 1850 die Crew von HMS Investigator im August bei Cape Bathurst auf eine Gruppe von Inuvialuit traf, übergab der Kapitän mithilfe seines Übersetzers Johann August Miertsching dem Elder* Kenalualik ein Bündel mit Berichten für die britische Admiralität und Briefen. Er bat darum, diese an die Hudson’s Bay Company in Fort Good Hope weiterzuleiten.

Inuvialuit am Cape Bathurst, 1850

Der Kapitän zweifelte, ob die Briefe jemals London erreichen würden, denn die Männer hatten erzählt, dass sie lediglich mit den sogenannten Locheaux oder »Hare Indians« (sie selbst bezeichneten sich als Satuh Dene) Handel treiben; diese wiederum würden allerdings mit der Hudson’s Bay Company im Süden handeln, aber es war eben kein direkter Weg. Miertsching war jedoch zuversichtlich, denn Kenalualik hatte ihm versprochen, sein Bestes zu tun, um die Post zu befördern.“ (Zitat aus unserem Buch „Weil ich ein Inuk bin. Johann August Miertsching – Ein Lebensbild„). Doch McClure schien mit seiner Skepsis Recht behalten zu haben, denn als er 1854 nach London zurückgekehrte, musste er feststellen, dass die an Kenalualik übergebene Post nicht bei der Admiralität eingetroffen war.

Beaufort-See, Mackenzie-Delta, Tuktoyaktuk-Halbinsel, Fort Anderson, Cape Bathurst; verwendete Karte: Canadian Museum of History

McFarlanes Bemühungen um das vermisste Postbündel hatte zunächst keinen Erfolg: die Inuvialuit schienen wohl nichts davon zu wissen, woran er zwar aufgrund ihrer Reaktionen – Minen und Gesten – einige Zweifel hatte, doch er war auf Übersetzer angewiesen und konnte zunächst nichts ausrichten. Auf seinem Rückweg erforschte er noch den Anderson River flussaufwärts, bevor er über den Lake Colville am 14. Juli wieder nach Fort Good Hope zurückkehrte.

MacFarlane, Karikatur

Auch in den folgenden Jahren, als er einige Winterreisen nach Norden unternahm, fragte McFarlane wiederholt nach dem Bündel – ohne Erfolg. 1861 wurde schließlich am Anderson River ein Handelsposten, Fort Anderson, errichtet. Als MacFarlane von hier aus im Februar 1862 das Winterlager einer anderen Inuvialuit-Gruppe besuchte und seine übliche Frage stellte, wusste man dort sogleich Bescheid. Es stellte sich heraus, dass Kenalualik bereits lange vor 1857 verstorben war. Wie es Tradition war, hatte man sein persönliches Eigentum, aber auch das Bündel mit der Post ins Grab gelegt! Es dauerte noch einige Wochen, bis es aus dem Grab geborgen werden konnte, aber am 5. Juni 1862, fünf Jahre nach MacFarlanes erster Reise zu den Inuvialuit, kam einer von ihnen nach Fort Anderson und übergab das nahezu unversehrte Paket.

Fort Anderson
Das ehemalige Fort Anderson (1861-66), Zeichnung von Èmile Petitot

Schließlich – mit 12 Jahren Verspätung – kam die so lange im arktischen Boden vergrabene Post, nunmehr befördert über Port Simpson und Red River (Winnipeg), 1862 in London an.

Tuktoyaktuk
Auf Miertschings Spuren unterwegs: In der Inuvialuit-Siedlung Tuktoyaktuk, 2019

In diesem Bündel befanden sich auch Privatbriefe, darunter ein Brief Miertschings an seine Familie, seine Freunde und die Leitung der Brüdergemeine. Wir glaubten unseren Augen nicht zu trauen, als wir 2017 überraschend diesen zuvor völlig unbekannten Brief in einer Ablage im Unitätsarchiv in Herrnhut entdeckten! Der Zufallsfund brachte uns auf die Spur dieses bemerkenswerten postalischen Umwegs über das Grab eines Inuk. – Zu diesem Brief später mehr.

Brief Miertschings
Brief Miertschings an Familie, Freunde und Vorgesetzte. Er endete in einer Ablage.

Übrigens erwarb McFarlane von den Inuvialuit am Anderson River einige Sammlerstücke – darunter die bisher älteste bekannte graphische Inuit-Kunst in Kanada, mit Farbe auf Holzbretter gemalt.

Inuvialiut, Ice fishing - MacFarlane collection
Inuvialuit beim Eisfischen – aus der Sammlung von MacFarlane
National Museum of Natural History, Smithsonian Institution

* („Ältester“, eigentlich: erfahrenste Person, eine Art gewählter temporärer Anführer)

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Der Ruf der Seevögel

Eine Rezension zu Adam Nicolsons Buch über „Papageientaucher, Tölpel und andere Meeresreisende“

Auf wunderbare Weise erzählt der Autor in poetischer und populärwissenschaftlicher Sprache über das Leben der Seevögel. Mit heutigen wissenschaftlichen Methoden und der Ausstattung vieler Vögel mit Sendern erfahren wir viel mehr als in früheren Jahren, als wir die meisten Seevögel nur an den Brutplätzen beobachten konnten.

Seevogel - Collage © Ullrich Wannhoff
Collage © Ullrich Wannhoff

„In diesem faszinierenden, mitreißenden erzählten Band zeigt Adam Nicholsen, dass Seevögel unsere Mitspieler in Drama des Lebens sind – und zugleich Metaphern für das, was wir sind und sein können“, steht auf dem Buchdeckel.

Collage © Ullrich Wannhoff
Collage © Ullrich Wannhoff

Der Langzeittrend der Vogelpopulationen geht in den letzten Jahrzehnten abwärts. Nur ein Beispiel: Durch die Überfischung werden die Wege der Lummen von ihren Fangplätzen zu ihren Brutplätzen länger und der damit verbundene Energieverbrauch größer, so dass viele keine Eier mehr legen, denn die verbleibende Energie brauchen sie für sich selbst.

Collage © Ullrich Wannhoff
Collage © Ullrich Wannhoff

Ein mahnendes Buch für nächste Generationen, schonend mit unserer Umwelt umzugehen und die Klimaziele einzuhalten. – Hier die Vogelarten, die im Buch vorkommen und die ich alle selbst auf hoher See oder an den Brutfelsen erlebt habe – und von denen manche Arten stark gefährdet sind: die Familien der Albatrosse, der Kormorane, der Sturmvögel, der Möwen. Die Arten: Dreizehnmöwe, Tölpel, Lummen, Papageientaucher, Tordalk und Eissturmvogel.

All diese Vögel habe ich in einem malerischen Zyklus in Collagen-Form vereinigt. Der geografische Schwerpunkt liegt hier in der Beringsee entlang der Inselkette der Aleuten, wo ich sie beobachten konnte. Dabei verwendete ich Werbeprospekte, mit denen wir alltäglich zugeschüttet werden, um unseren Konsum anzutreiben. Hierbei zeigt sich, wie wir mit unseren wertvollen Ressourcen umgehen und das Klima und Umwelt schädigen. Meine Arbeiten sollen auch mahnen und aufzeigen, wohin wir uns bewegen, wenn nicht Einhalt geboten wird. Dann werden wir diese Seevögel nur noch in Museen erleben, wie den ausgestorbenen Riesenalk.

Adam Nicolson: Der Ruf des Seevogels. Aus dem Leben von Papageientauchern, Tölpeln und anderen Meeresreisenden, Liebeskind Verlag 2021, 368 Seiten, 36€

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Beim Verlassen des Schiffs (April 1853)

Nach dem dritten entbehrungsreichen Winter an Bord von HMS Investigator war die gesamte Mannschaft körperlich geschwächt, Hunger und Skorbut forderten ihren Tribut. Als sie dann mit dem Eintreffen von Leutnant Pim – dem „schwarzen Mann mit dem Hundeschlitten“ – vor dem fast sicheren Tod gerettet worden waren, musste das noch immer fest vom Eis umschlossene Schiff schließlich verlassen werden.

Leitenant Pim arrives at HMS Investigator
Die Ankunft von Pim bei HMS Investigator veränderte alles

Miertsching war zwar heilfroh über die Rettung, doch er war auch traurig, vor allem wegen seiner Sammlungen – Fossilien, Ethnografika sowie ein Herbarium von ca. 4000 Pflanzen – wie auch wegen seines Tagebuchs, die an Bord bleiben mussten.
„»Also mußte auch ich meine vierjährige Arbeit hier in Todt geben.« Das mag übertrieben klingen, aber Miertschings Niederschriften enthielten viele wertvolle Fakten und Begebenheiten aus fast dreieinhalb erlebnisreichen Jahren: Beschreibungen von Orten und Menschen, von Begegnungen und Funden, persönliche Eindrücke und zwischen den Zeilen auch über seinen Gemütszustand, seine Zweifel und seine Hoffnungen.“ (S. 291)

Saxifraga - Steinbrech
Saxifraga – Steinbrech

Am 11. April 1853 schrieb er ins Tagebuch: „Da wir alle unsre Sachen auf dem Schiff zurücklassen müssen, und nur erlaubt ist 2 paar Strümpfe nebst dem was man auf dem Leibe trägt mitzunehmen, so habe ich nun alle meine Sachen zusammengepackt; 4 mit Leder überzogenen Koffer, 1 Kasten mit Steinen; 1 Kasten mit Eskimo-Waffen; 1 Kasten mit getrockneten Pflanzen; 1 Lederne Huthschachtel. – Daß ich meine ganzen Schreibereien die mir viel Mühe gemacht haben und mir über alles andre werth sind verlassen muss, schmerzt mich sehr.“ Er hat nie erfahren, das Teile seiner Kästen später noch geborgen und nach London verbracht wurden.

S.G. Cresswell, Verlassen des Schiffs
Cresswell: Verlassen von HMS Investigator

Vier Tage später, bei stürmischem Wetter und Temperaturen um minus 20° C begann der Abmarsch nach Dealy Island: mehr als 300 km übers Eis mit schweren Lastschlitten, die mit Verpflegung, Zelten, Schlafsäcken, Werkzeug und Waffen beladen waren. „Cresswell hatte die Szene des Abschieds in einer Zeichnung festgehalten: Drei vollgepackte Schlitten stehen neben der Investigator auf dem Eis. Die einzelne Person ganz links könnte Cresswell selbst sein – oder aber Miertsching.“ (S. 293)

Cresswell: Mit den Schlitten übers Packeis

„Für gesunde Männer wäre die Last zu bewältigen gewesen, doch die geschwächten Seeleute kamen nur langsam voran: »Es gab heute viele lahme Pferde; … weil so viele durch die Scorbut-Kranckheit so entkräftet und leidend sind und kaum – sich an die Schlitten anhaltend – mit fortkommen können, so fiel die ganze Last auf die wenigen Gesunden«. Oft mussten sie auf Händen und Knien über das aufgetürmte Packeis klettern und die Schlitten mit vereinten Kräften einzeln über die Hindernisse hieven.“ (S. 294)

Melville Island - photo copyright Andrew Derocher
Melville Island, gegenüber von Banks Island – Foto: © Andrew Derocher

Nach sieben Tagen Marsch erreichten sie Melville Island, für Miertsching Anlass, trotz aller Anstrengung und Müdigkeit, sich nicht wie die anderen schlafen zu legen, sondern hügelan zu steigen; seine Gedanken an diesem Tag hielt er fest: „»Hier stand ich nun auf Mellvile Insel, und konnte mich bei allen Elend und Noth des schmeichelnden Gedancken nicht enthalten, daß ich hier in diesen Polar-Regionen der einzige Wende aus Deutschland bin, und an der seit mehr als 300 Jahren gesuchten nun von uns entdeckten Nordwestlichen Durchfahrt theil habe«; ein bewegender Moment, in dem er sein Bekenntnis zu seiner sorbischen Herkunft explizit zum Ausdruck brachte.
Sein kleiner »Ausflug« auf den Hügel zeigt exemplarisch seine mentale und physische Stärke, die ihn so wichtig für das Überleben vieler Seeleute der Investigator machte. Leutnant Pim schrieb Jahre später über ihn: »…er war der nützlichste Mann an Bord [der Investigator]… .«“ (S. 295)

Die Zitate stammen aus unserem Buch Weil ich ein Inuk bin. Johann August Miertsching – ein Lebensbild, die kursiv gesetzten Zitate sind aus Miertschings Tagebuchhandschrift.

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Buchrezension: „Robbenreich – Russland und die Grenzen der Macht am Nordpazifik“

Das Buch von Robert Kindler verdeutlicht sehr gut die Kämpfe des 19. Jahrhunderts um die Ressourcen und die Macht – mit dem Fokus auf dem Verhältnis der Kommandeur-Inseln und Pribylov-Inseln zu den Ländern Russland, USA, Japan, Kanada und England. Das „weiche Gold“, wie man allgemein die Pelze in Russland bezeichnete, weckte im 18. Jahrhundert und bis in die Gegenwart große Begehrlichkeiten.

Seebären-Liegeplatz  © Foto: Ullrich Wannhoff
Seebären auf ihrem Liegeplatz – © Foto: Ullrich Wannhoff

Die Kommandeur-Inseln sind wie ein Brennglas für das große Land. Das „Ernten“, wie man das Robbenschlagen bezeichnet, betrifft alle Peripherien Russlands bis heute, wo die Ortschaften an den Rändern, aber auch selbst im Landesinneren vernachlässigt wurden, auch während Sowjetzeit wurden noch viele Dörfer aufgegeben. Reformen, die unter Peter I., Katharina II. und Alexander II. begannen, blieben bis heute stecken. Archaisches Wirtschaften ist zu großen Teilen bis heute erhalten. Das Westeuropäische Wirtschaften bleibt den meisten Russen verschlossen, weil Denunziation, Diskriminierung, Vertrauensverlust, Unfähigkeit, Rechtlosigkeit und Korruption es nicht zulassen.

Junger Seebär  © Foto: Ullrich Wannhoff
Junger Seebär – © Foto: Ullrich Wannhoff

Mit enorm fleißigen Recherchen an vielen Orten kann der Autor deutlich machen, wie komplex und spannend alles verwoben ist. Die Recherchen fanden in erster Linie an Hand von Dokumenten und schriftlichen Originalquellen statt, und leider kommt dadurch – zumindest für mich – der Bezug zu den Menschen und den örtlichen Gegebenheiten zu kurz.

Seebären Harem und Kindergarten © Foto: Ullrich Wannhoff
Seebären: Haremsleiter mit seinen Weibchen und links der Kindergarten
© Foto: Ullrich Wannhoff

Den Titel „Robbenreich“ finde ich nicht besonders glücklich gewählt, weil die meisten dabei an Hundsrobben, an Seehunde denken. Hier aber geht es ausschließlich um die Nördlichen Seebären (Callhorhinus ursinus), die zur Familie der Ohrenrobben gehören. Es wäre gut, wenn Historiker sich mehr mit Zoologen austauschen würden.

H.W. Elliott Buchillustration
Henry W. Elliott, Buchillustration

Über das Robbenschlagen wurde viel in russischer ,aber auch in englischer Sprache publiziert und mit vielen Tabellen unterlegt. Für den unbedarften Leser wären Auszüge von Tabellen hilfreich gewesen.

Elliottt - Seebärenjagd
„Ernten“ der Pelze: Durch lautes Schlagen der Schulterblätter von Seebären werden diese vom Liegeplatz in Richtung Dorf getrieben. Illustration von H.W. Elliott
Elliott - Seevärenjagd Detail
H.W. Elliott, Seebärenjagd – Ausschnit

Ich vermisse im Buch zudem die hochinteressanten Lebensläufe wichtiger Personen, die im Buch immer wieder auftauchen, wie Grebnetzki, Stejneger, Sokolnikow oder Suvorov. Außerdem fehlen mir die großartigen Zeichnungen und Aquarelle von H.W. Elliott (1846–1930), der auf den Pribylov-Inseln tätig war und sich für den Schutz der Liegeplätze der Tiere einsetzte.

Elliott, Illustration
H.W. Elliot, Illustration

Kindlers Bezug zu den Unangan (Aleut*innen), aber auch zu den Russen beruht hauptsächlich auf der gelesenen Literatur. Originalzitate hätten das Buch menschlich verständlicher gemacht als bloße kühle Recherche – die jedoch sehr gut ist, das steht außer Frage!

Seebärenjagd - Jäger mit Stange - © Foto: Ullrich Wannhoff
Mit Stangen werden die Tiere auf Distanz gehalten – © Foto: Ullrich Wannhoff
Seebären an Felsen gedrängt
Die Seebären werden an den Felsen gedrängt – © Foto: Ullrich Wannhoff
Mit den Stangen werden die Tiere
Mit den Stangen werden die Tiere betäubt – © Foto: Ullrich Wannhoff

Ich selbst stand beim „Ernten“ der Seebären auf der Medny Insel, wo Naturschutz und die russische Pelzindustrie Hand in Hand arbeiteten, im blutigen Wasser. Die Tage danach waren von Traurigkeit untermalt.

Seebären leblos am Boden © Foto: Ullrich Wannhoff
Danach liegen die Tiere leblos am Boden © Foto: Ullrich Wannhoff

Der Autor kennt offenbar nicht die vielen kleinen Interessengruppen, die heute das Leben auf der Insel zu Hölle machen können: Die Grenzsoldaten in einer eigenen Einrichtung mit Umzäunung in Nikolskoje, der FSB, die Russ*innen, die Unangan (Aleut*innen), die zerstrittenen Familien, die Administration vor Ort, die Administration der Zentralregierung in Moskau, die Naturschutzleute und die Naturwissenschaftler. Jede Gruppe hat andere Interessen.

Blutbad bei der Pelztierjagd - © Foto: Ullrich Wannhoff
Am Ufer entsteht ein Blutbad. Anschließend werden die Tiere mit einer Seilwinde zum Schiff gehievt – © Foto: Ullrich Wannhoff

Es gibt heute „reiche“ russische Naturwissenschaftler, die von der amerikanischen Industrie bezahlt werden und auch in der USA leben, aber für Russland im Sommer vor Ort arbeiten (zur Erforschung von Meeressäugern) und die ich auch begleiten durfte. Dann die „armen“ Wissenschaftler, die von Moskau bezahlt werden. Der Kleinkrieg ist vorprogrammiert.

Ein Blick von oben
Ein Blick von oben auf das „Ernten“ – © Foto: Ullrich Wannhoff

Die Fellproduktion an der Pazifikküste fiel nach 1991 in Schritten zusammen. In Nikolskoje wurden etwa 2002, mit der Gründung der Naturschutzzonen, die Nerzfarm und die Jagdgenossenschaft aufgegeben. Die Bewerbung bei der UNESCO als Weltnaturerbe in den 1990er Jahren fiel durch.

Seebären-Junggeselle
Seebären-Junggeselle – © Foto: Ullrich Wannhoff

Das Schlimmste was nun passieren kann, wäre, wenn die Unangan (Aleut*innen) und Russ*innen von der Insel evakuiert werden: dann steht dem Raubbau Tor und Tür offen. In der Zeitschrift „Pogrom“ hatte ich schon 1996 einen Artikel über die Folgen einer Evakuierung angesprochen. Die kleinen Grenztruppen haben Null Interesse, die so gut gemeinte Naturschutzzonen zu überwachen. Private und staatliche Fischereifirmen hätten guten Zugriff, ohne belangt zu werden.

Sonnenuntergang © Foto: Ullrich Wannhoff
Sonnenuntergang – © Foto: Ullrich Wannhoff

Die ökologischen Zusammenhänge zwischen Menschen, Fischen, Seebären, Kolonien der Seevögel und andere Meeressäugern sind dicht und komplex miteinander verwoben und lassen sich kaum einzeln sezieren. Trotz dieser meiner teils kritischen Anmerkungen: das Buch ist absolut lesenswert, und ich kann es nur sehr empfehlen!

Robert Kindler, Robbenreich – Russland und die Grenzen der Macht am Nordpazifik Hamburger Edition, 2022, 464 Seiten, gebunden, 11 Abb., 5 Karten, ISBN 978-3-86854-359-9, 45€



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Wie Miertsching unbeabsichtigt zur Polarforschung beitrug

Es war dem 1817 als Sohn eines Häuslers und Zimmermanns aus dem vorwiegend von Sorben bewohnten Gutsdorf Gröditz in der Oberlausitz wahrlich nicht in die Wiege gelegt, Beiträge zur Polarforschung zu leisten. Zu seinem Interesse für die Tier- und Pflanzenwelt und die Gesteine trug sicherlich die vielgestaltige Natur um Gröditz bei, insbesondere das von Felsen eingerahmte Engtal Gröditzer Skala am Löbauer Wasser mit seinem Auwald. Vermutlich haben Miertschings Lehrer sein Interesse noch gefördert, worauf ein Brief hinweist, den er im August 1850 in der Arktis schrieb.

Gröditzer Skala mit Schloss
Mühlwehr an der Gröditzer Skala, oben das Schloss. Zeichnung von C. Spielwerg, Archiv der EBU Herrnhut

Nach 8 Jahren Dorfschule in sorbischer Sprache endete die Schullaufbahn Miertschings mit seiner Konfirmation, und er erlernte das Schuhmacherhandwerk in der „Kolonie Kleinwelka“, einer Ansiedlung der Herrnhuter Brüdergemeine. Hier wurde er nicht nur mit den religiösen Auffassungen und ethischen Grundsätzen dieser Glaubensgemeinschaft vertraut. Ein beträchtlicher Teil der Gemeinde war bereits in Übersee gewesen, in jener Zeit etwas völlig Außergewöhnliches. Im Dorf wohnten einige Missionare im Ruhestand, aber auch Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die ihre ersten Lebensjahre an Missionsorten der Brüdergemeine in der Karibik, in Grönland, auf den amerikanischen Kontinenten oder in Afrika verbracht hatten.

Bossart, Anweisung, Naturalien zu sammlen
Bossarts Buch mit Hinweisen zum Sammeln von Naturalien
Archiv der Evangelischen Brüder-Unität Herrnhut

Viele der zurückgekehrten Missionare hatten in Ausland Objekte gesammelt und mit nach Hause gebracht, denn bei den Herrnhutern war man sehr wissensfreundlich. In der Natur sah man die Offenbarung der Schöpfung, die es zu erforschen galt. Es wurde sogar eine „Anleitung, Naturalien zu sammlen“ gedruckt, und viele der in aller Welt gesammelten Präparate wurden in Naturalienkabinetten ausgestellt. So konnte Miertsching sein Wissen erweitern, und es war nicht verwunderlich, dass er sich auf seinen eigenen Reisen mit Naturphänomenen befasste und ebenfalls zum Sammler wurde.

Saxifraga - Steinbrech
Gegenblättriger Steinbrech (Saxifraga oppositifolia)
gesammelt von Miertsching 1851, in den Royal Botanical Garden KEW/London

Lebhafte Naturschilderungen, wie sie bereits gelegentlich in Miertschings Berichten aus Labrador auffallen, durchziehen auch das Tagebuch seiner Arktisreise 1850-54. Kein geringerer als Alexander von Humboldt nahm bereits kurze Zeit später Bezug auf Miertsching, als er sich im Band 4 seines Monumentalwerkes „Kosmos“ mit den „Smoking Hills“ östlich des Mackenzie-Deltas befasste.

Humboldts "Kosmos"
Auszug aus Humboldts „Kosmos“ Bd. 4, 1858
Cresswell, Smoking Cliffs
Die „Smoking Hills“, 1850 aus der Distanz vom aus Schiff gesehen
von S.G. Cresswell

Miertschings Beobachtungen polarer Insekten wurden von Entomologen ausgewertet und finden sich bis heute in vielen Standardwerken wieder. Seine Aufzeichnungen über die verschiedenen Inuit in Nordamerika, ihre Kleidung, ihre Werkzeuge und ihre Dialekte nahmen nicht nur wichtige Erkenntnisse Knud Rasmussens bei seiner 5. Thule-Expedition vorweg – der dänische Forscher zitierte Miertsching ebenfalls in seinen Schriften.

Auszug aus Miertschings Tagebuch
Jeder Tagebucheintrag war mit Temperaturangaben versehen — hier ein Tag mit extrem strenger Kälte im Januar 1853. © Jannasch collection

Miertschings Aufzeichnungen der Temperaturen und auffälliger Wetterereignisse enthalten wertvolles Material zur Erforschung des arktischen Klimas im 19. Jahrhundert. Sein Original-Tagebuch, das zu großen Teilen 1967 in englischer Übersetzung verlegt wurde und dessen Text sich vom „Reise-Tagebuch“ von 1855 unterscheidet, ist Quelle vieler auch aktueller Arbeiten zur Polarforschung, zitiert u.a. von Geografen, Botanikern, Zoologen, Ethnohistorikern, Archäologen und Polarhistorikern.

Messer der "Copper Inuit" aus der Prince of Wales Strait
Messer der „Copper Inuit“ aus der Prince of Wales Strait
© The Trustees of the British Museum, CC BY-NC-SA 4.0

Obwohl Miertsching seine umfangreichen Sammlungen – u.a. ca. 4000 Pflanzen! – an Bord von HMS Investigator im Eis der Mery Bay zurücklassen musste und für immer verloren glaubte, sind von ihm gesammelte Präparate und Ethnografika in Londoner Museen gelangt – auf welchem Wege, kann man in unserem Buch: „Weil ich ein Inuk bin. Johann August Miertsching – Ein Lebensbild“ nachlesen.

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„Capitain Behring’s Journal“ – Teil II

Fortsetzung des Beitrags über das neue Buch zu Berings Expedition

Am 14. Juli verließ die Crew um Vitus Bering die Mündung des Kamtschatka-Flusses in die offene See. Mit der St. Gabriel fuhren sie an der Küste Kamtschatka entlang bis zur Halbinsel Tschukotka und weiter ins Polarmeer. Am 15. August beschlossen sie umzukehren. Regen und Nebel verhinderte die Sicht auf die beiden Kontinente Asien und Amerika, obwohl die große Diomede-Insel nur ein Steinwurf entfernt von ihrem Schiff lag. Bering schrieb: …da das Land sich nach Norden nicht weiter strekte; nach der Tschutkischen oder Ostlichen See war auch kein Land anzutreffen; begab mich also auf die Ryk Reyse;…

Bering - Blick ins Buch - Kartenskizze
Blick ins Buch: Die Route von Bering

Eine Woche zuvor waren sie „Bothen“ mit Tschuktschen begegnet. Auf der großen Karte (siehe Ausschnitt unten) ist das Fellboot sehr gut gezeichnet; auf Seiten der Halbinsel ist die gebirgige Uferzone erkennbar.

Bering - Blick ins Buch - Kartenausschnitt
Blick ins Buch: Das Fellboot der Tschuktschen

Bering schrieb: Den 8ten Augustij befanden wir Nordlicher Breite avancieret zu seyn, unter dem 64.Grad und 30. Minuten da dann zu uns vom Ufer 8.Persohnen in einem ledernen both angerudert kamen, welche uns fragten, wher und westfals wir kämen; von sich selbsten aber sagten sie; daß sie Tschuktsche wären, welche denen Rußischen Einwohner schon lange bekandt gewesen; da wir sie uns auf Fahrzeug zu kommen nöthigten, machten sie aus einer Haut sterp genandt, so wie allhier See-Hund-Felle heißen…

Skelett eines Umiaks © Ullrich Wannhoff
„Skelett“ eines Umiaks. Die Hölzer sind alle mit Stricken verknüpft.
© Ullrich Wannhoff

Das von Bering beschriebene „Both“ ist ein Umiak, größer als ein Kajak, das als Transportboot oder zur Walroßjagd dient; solche Boote werden bis heute benutzt und werden auch Frauenboot genannt. Das Holzskelett wird mit Stricken verbunden und mit Walroßhäuten ummantelt. Zum besseren Schutz wird es noch mit Ölfarbe angestrichen. Die Aufnahmen stammen knapp unterhalb des 64. Breitengrades.

Befestigung der Walrosshaut © Ullrich Wannhoff
Mit Stricken wird die Wallrosshaut über das Holzskelett ummantelt und befestigt.
© Ullrich Wannhoff
Bespannung mit Walrosshaut © Ullrich Wannhoff
Bespannung des Holzskeletts mit der Walrosshaut – © Ullrich Wannhoff

Bering schrieb: …kamen sie abermahl zu uns, mit einem both, sagten daß ihre nation Tschukotsch heiße, nebst den Uffer an der See in großer Menge wohnen, das Land wäre nicht weit von hier…

Umiak - Deshnev-Lagune © Ullrich Wannhoff
Ein besetztes Umiak – Deschnew-Lagune – © Ullrich Wannhoff
Folklore-Gruppe © Ullrich Wannhoff
Folklore-Gruppe (Yupik) – © Ullrich Wannhoff

Wir unterscheiden die Rentier-Tschuktschen und die sesshaften Tschuktschen, die an der Meeresküste leben und sich von Fischen und Meeressäugern (Grauwale und Walrosse) ernähren. Wie auch die Yupik leben Tschuktschen heute auf beiden Seiten der Beringstrasse (Russland/USA) .

Konservierung des Walrossfleisches  © Ullrich Wannhoff
Konservierung des Walrossfleisches – © Ullrich Wannhoff

Das frische Wallrossfleisch wird zerlegt, in die Haut der Tiere eingepackt, zugenäht wie ein Sack und unter der frostigen Erde konserviert.

Walrosse in der Natalja-Bucht  © Ullrich Wannhoff
Walrosse in der Natalja-Bucht © Ullrich Wannhoff

Die tiefeingeschnittene Bucht Natalja befindet sich in Nordkamtschatka angrenzend an Tschukotka. In den Nebelbänken verschwinden die Berge, die bis weit in den Sommer mit Schnee bedeckt sind.

Natlaja Bucht  © Ullrich Wannhoff
Die Bucht Natalja – © Ullrich Wannhoff
Abschied von den jungen Bewohnern - © Ullrich Wannhoff
Abschied von den jungen Bewohnern – © Ullrich Wannhoff

Das Buch „Captain Behring’s Journal“ – Unbekannte Dokumente zu Vitus Jonassen Berings Kamtschatka Expeditionen erschien 2022 im Wallstein-Verlag und kostet 24€.

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