Unterwegs im Baltikum (1)
Schon 1980 wollten wir mit einer bei einem Wissenswettbewerb gewonnenen Reise die damaligen baltischen Sowjetrepubliken besuchen. Das scheiterte allerdings – mangels entsprechender Angebote von Reisebüros (oder an erforderlichen Genehmigungen). So bezahlte man uns statt dessen eine Reise nach Budapest, was für uns durchaus ein akzeptabler Ersatz war.

Der Wunsch, eines Tages ins Baltikum zu fahren, blieb im Hinterkopf, doch andere Ziele drängten sich vor. Wir hatten uns lange vorbereitet, jetzt war es endlich soweit.

Deutsche Verbindungen ins Baltikum gibt es seit Jahrhunderten. Sie waren oft kriegerischer Art mit dramatischen Auswirkungen. Es gab aber immer auch eine friedliche Migration dorthin: Bauern, Handwerker, Literaten, Gelehrte und Forscher. Einer der bekanntesten „Baltendeutschen“ ist Adam Johann von Krusenstern (1770-1846), der in russischen Diensten 1803-1806 die Welt umsegelte.

Sein Ururgroßvater Philipp Crusius (1597-1676) stammte aus Eisleben, wo auch Martin Luther geboren wurde. Luther soll übrigens dort einst den Großvater von Philipp Crusius, Johannes Krause, ordiniert haben. Wie sein Nachfahre war bereits Philipp Crusius ein Weitgereister. Er gelangte nach 1635 über Moskau bis nach Isfahan in Persien.

Adam von Krusenstern lebte nach seiner maritimen Karriere, in der er es bis zum Admiral brachte, auf dem Gut seiner Vorfahren in Kiltsi südlich von Tallinn. Sein Grab befindet sich an prominenter Stelle im Tallinner Dom.

Auf Krusenstern folgten andere Baltendeutsche in russischen Diensten, wie der Weltumsegler Otto von Kotzebue (1787-1846) zusammen mit Johann Friedrich Eschscholtz und dem Deutschfranzosen Adelbert von Chamisso, sowie Fabian Gottlieb von Bellingshausen (1787-1852), der 1819-1821 die Antarktis umrundete. Auch Krusensterns Sohn Paul Theodor und sein Enkel wurden Weltumsegler bzw. Polarreisende.

Karl Ernst von Baer (1792-1876) erlangte eine ähnliche Bedeutung wie Adam Johann von Krusenstern, allerdings als Naturwissenschaftler. Gelegentlich wird er als „Alexander Humboldt des Nordens“ bezeichnet.

Wir hatten das besondere Glück einer sonntäglichen Führung durch das Baer-Museum in Tartu. Erki Tammiksaar, der wohl profundeste Kenner von Baer und der baltischen Polarforschung überhaupt, erfreute uns im ehemaligen Wohnhaus von Baer mit Detailwissen und Anekdoten. Er gab uns auch Hinweise für unsere Weiterreise durch Estland.


Karl Ernst von Baer gilt als Anreger der Permafrost-Forschung, die heute für die Geschichte der Klimaveränderungen bis hin zur drohenden Klimakatastrophe von großer Bedeutung ist. Von ihm stammt die erste Karte mit der Ausbreitung des Permafrosts (von ihm als „Bodeneis“ bezeichnet) auf der Nordhalbkugel.

Von Baer war nicht nur Gelehrter und Lehrender, sondern leitete selbst Expeditionen bis nach Nowaja Semlja und in den Kaukasus. Einer seiner Begleiter auf der Arktisexpedition war der Zeichner Karl von Röder, von dem mehrere Aquarelle stammen; eins davon zeigt die Siedlung Pjalitsa auf der Halbinsel Kola. Eine Lithografie dieser Zeichnung diente dem in Tilsit geborenen Schriftsteller Johannes Bobrowski (1917-1965) als Anregung für die kurze Erzählung „Betrachtung eines Bildes“, die 1967 im Erzählungsband „Der Mahner“ im Union Verlag in Berlin erschienen ist.

Offenbar war Bobrowski an Entdeckungsgeschichte interessiert, denn am Beginn der Erzählung erwähnt er die Entdeckungsreisenden Otto Martin Torell, George Washington De Long, Adolf Erik Nordenskjöld und hebt besonders Krusenstern hervor, den „älteren, aber bekannten“.

In „Betrachtung des Bildes“ löst sich Bobrowski jedoch vom Dargestellten und erzählt, völlig unabhängig von der Grafik, eine spannende, dramatische Geschichte, wie sie sich überall an der rauen Nordküste Russlands hätte zutragen können. Der Bezug zur Expedition von Baer und Roeder war ihm entweder nicht bekannt oder nicht wichtig genug, um darauf einzugehen.

Von Johannes Bobrowski stammt das Motto »Meinen Landsleuten erzählen, was sie nicht wissen«, was sich wohl hauptsächlich auf seine eigenen Lebenserfahrungen mit Deutschen, Polen, Litauern, und Juden beiderseits der Memel bezog. Exemplarisch steht dafür sein Roman „Litauische Claviere“, dem man an fast allen seinen Handlungsorten östlich Tilsits, (heute Sowjetsk), wie etwa Willkischken (Vilkyškiai) und Bittehnen (Bitenai) folgen kann.
































































































































