Buchrezension: „Robbenreich – Russland und die Grenzen der Macht am Nordpazifik“

Das Buch von Robert Kindler verdeutlicht sehr gut die Kämpfe des 19. Jahrhunderts um die Ressourcen und die Macht – mit dem Fokus auf dem Verhältnis der Kommandeur-Inseln und Pribylov-Inseln zu den Ländern Russland, USA, Japan, Kanada und England. Das „weiche Gold“, wie man allgemein die Pelze in Russland bezeichnete, weckte im 18. Jahrhundert und bis in die Gegenwart große Begehrlichkeiten.

Seebären-Liegeplatz  © Foto: Ullrich Wannhoff
Seebären auf ihrem Liegeplatz – © Foto: Ullrich Wannhoff

Die Kommandeur-Inseln sind wie ein Brennglas für das große Land. Das „Ernten“, wie man das Robbenschlagen bezeichnet, betrifft alle Peripherien Russlands bis heute, wo die Ortschaften an den Rändern, aber auch selbst im Landesinneren vernachlässigt wurden, auch während Sowjetzeit wurden noch viele Dörfer aufgegeben. Reformen, die unter Peter I., Katharina II. und Alexander II. begannen, blieben bis heute stecken. Archaisches Wirtschaften ist zu großen Teilen bis heute erhalten. Das Westeuropäische Wirtschaften bleibt den meisten Russen verschlossen, weil Denunziation, Diskriminierung, Vertrauensverlust, Unfähigkeit, Rechtlosigkeit und Korruption es nicht zulassen.

Junger Seebär  © Foto: Ullrich Wannhoff
Junger Seebär – © Foto: Ullrich Wannhoff

Mit enorm fleißigen Recherchen an vielen Orten kann der Autor deutlich machen, wie komplex und spannend alles verwoben ist. Die Recherchen fanden in erster Linie an Hand von Dokumenten und schriftlichen Originalquellen statt, und leider kommt dadurch – zumindest für mich – der Bezug zu den Menschen und den örtlichen Gegebenheiten zu kurz.

Seebären Harem und Kindergarten © Foto: Ullrich Wannhoff
Seebären: Haremsleiter mit seinen Weibchen und links der Kindergarten
© Foto: Ullrich Wannhoff

Den Titel „Robbenreich“ finde ich nicht besonders glücklich gewählt, weil die meisten dabei an Hundsrobben, an Seehunde denken. Hier aber geht es ausschließlich um die Nördlichen Seebären (Callhorhinus ursinus), die zur Familie der Ohrenrobben gehören. Es wäre gut, wenn Historiker sich mehr mit Zoologen austauschen würden.

H.W. Elliott Buchillustration
Henry W. Elliott, Buchillustration

Über das Robbenschlagen wurde viel in russischer ,aber auch in englischer Sprache publiziert und mit vielen Tabellen unterlegt. Für den unbedarften Leser wären Auszüge von Tabellen hilfreich gewesen.

Elliottt - Seebärenjagd
„Ernten“ der Pelze: Durch lautes Schlagen der Schulterblätter von Seebären werden diese vom Liegeplatz in Richtung Dorf getrieben. Illustration von H.W. Elliott
Elliott - Seevärenjagd Detail
H.W. Elliott, Seebärenjagd – Ausschnit

Ich vermisse im Buch zudem die hochinteressanten Lebensläufe wichtiger Personen, die im Buch immer wieder auftauchen, wie Grebnetzki, Stejneger, Sokolnikow oder Suvorov. Außerdem fehlen mir die großartigen Zeichnungen und Aquarelle von H.W. Elliott (1846–1930), der auf den Pribylov-Inseln tätig war und sich für den Schutz der Liegeplätze der Tiere einsetzte.

Elliott, Illustration
H.W. Elliot, Illustration

Kindlers Bezug zu den Unangan (Aleut*innen), aber auch zu den Russen beruht hauptsächlich auf der gelesenen Literatur. Originalzitate hätten das Buch menschlich verständlicher gemacht als bloße kühle Recherche – die jedoch sehr gut ist, das steht außer Frage!

Seebärenjagd - Jäger mit Stange - © Foto: Ullrich Wannhoff
Mit Stangen werden die Tiere auf Distanz gehalten – © Foto: Ullrich Wannhoff
Seebären an Felsen gedrängt
Die Seebären werden an den Felsen gedrängt – © Foto: Ullrich Wannhoff
Mit den Stangen werden die Tiere
Mit den Stangen werden die Tiere betäubt – © Foto: Ullrich Wannhoff

Ich selbst stand beim „Ernten“ der Seebären auf der Medny Insel, wo Naturschutz und die russische Pelzindustrie Hand in Hand arbeiteten, im blutigen Wasser. Die Tage danach waren von Traurigkeit untermalt.

Seebären leblos am Boden © Foto: Ullrich Wannhoff
Danach liegen die Tiere leblos am Boden © Foto: Ullrich Wannhoff

Der Autor kennt offenbar nicht die vielen kleinen Interessengruppen, die heute das Leben auf der Insel zu Hölle machen können: Die Grenzsoldaten in einer eigenen Einrichtung mit Umzäunung in Nikolskoje, der FSB, die Russ*innen, die Unangan (Aleut*innen), die zerstrittenen Familien, die Administration vor Ort, die Administration der Zentralregierung in Moskau, die Naturschutzleute und die Naturwissenschaftler. Jede Gruppe hat andere Interessen.

Blutbad bei der Pelztierjagd - © Foto: Ullrich Wannhoff
Am Ufer entsteht ein Blutbad. Anschließend werden die Tiere mit einer Seilwinde zum Schiff gehievt – © Foto: Ullrich Wannhoff

Es gibt heute „reiche“ russische Naturwissenschaftler, die von der amerikanischen Industrie bezahlt werden und auch in der USA leben, aber für Russland im Sommer vor Ort arbeiten (zur Erforschung von Meeressäugern) und die ich auch begleiten durfte. Dann die „armen“ Wissenschaftler, die von Moskau bezahlt werden. Der Kleinkrieg ist vorprogrammiert.

Ein Blick von oben
Ein Blick von oben auf das „Ernten“ – © Foto: Ullrich Wannhoff

Die Fellproduktion an der Pazifikküste fiel nach 1991 in Schritten zusammen. In Nikolskoje wurden etwa 2002, mit der Gründung der Naturschutzzonen, die Nerzfarm und die Jagdgenossenschaft aufgegeben. Die Bewerbung bei der UNESCO als Weltnaturerbe in den 1990er Jahren fiel durch.

Seebären-Junggeselle
Seebären-Junggeselle – © Foto: Ullrich Wannhoff

Das Schlimmste was nun passieren kann, wäre, wenn die Unangan (Aleut*innen) und Russ*innen von der Insel evakuiert werden: dann steht dem Raubbau Tor und Tür offen. In der Zeitschrift „Pogrom“ hatte ich schon 1996 einen Artikel über die Folgen einer Evakuierung angesprochen. Die kleinen Grenztruppen haben Null Interesse, die so gut gemeinte Naturschutzzonen zu überwachen. Private und staatliche Fischereifirmen hätten guten Zugriff, ohne belangt zu werden.

Sonnenuntergang © Foto: Ullrich Wannhoff
Sonnenuntergang – © Foto: Ullrich Wannhoff

Die ökologischen Zusammenhänge zwischen Menschen, Fischen, Seebären, Kolonien der Seevögel und andere Meeressäugern sind dicht und komplex miteinander verwoben und lassen sich kaum einzeln sezieren. Trotz dieser meiner teils kritischen Anmerkungen: das Buch ist absolut lesenswert, und ich kann es nur sehr empfehlen!

Robert Kindler, Robbenreich – Russland und die Grenzen der Macht am Nordpazifik Hamburger Edition, 2022, 464 Seiten, gebunden, 11 Abb., 5 Karten, ISBN 978-3-86854-359-9, 45€



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Wie Miertsching unbeabsichtigt zur Polarforschung beitrug

Es war dem 1817 als Sohn eines Häuslers und Zimmermanns aus dem vorwiegend von Sorben bewohnten Gutsdorf Gröditz in der Oberlausitz wahrlich nicht in die Wiege gelegt, Beiträge zur Polarforschung zu leisten. Zu seinem Interesse für die Tier- und Pflanzenwelt und die Gesteine trug sicherlich die vielgestaltige Natur um Gröditz bei, insbesondere das von Felsen eingerahmte Engtal Gröditzer Skala am Löbauer Wasser mit seinem Auwald. Vermutlich haben Miertschings Lehrer sein Interesse noch gefördert, worauf ein Brief hinweist, den er im August 1850 in der Arktis schrieb.

Gröditzer Skala mit Schloss
Mühlwehr an der Gröditzer Skala, oben das Schloss. Zeichnung von C. Spielwerg, Archiv der EBU Herrnhut

Nach 8 Jahren Dorfschule in sorbischer Sprache endete die Schullaufbahn Miertschings mit seiner Konfirmation, und er erlernte das Schuhmacherhandwerk in der „Kolonie Kleinwelka“, einer Ansiedlung der Herrnhuter Brüdergemeine. Hier wurde er nicht nur mit den religiösen Auffassungen und ethischen Grundsätzen dieser Glaubensgemeinschaft vertraut. Ein beträchtlicher Teil der Gemeinde war bereits in Übersee gewesen, in jener Zeit etwas völlig Außergewöhnliches. Im Dorf wohnten einige Missionare im Ruhestand, aber auch Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die ihre ersten Lebensjahre an Missionsorten der Brüdergemeine in der Karibik, in Grönland, auf den amerikanischen Kontinenten oder in Afrika verbracht hatten.

Bossart, Anweisung, Naturalien zu sammlen
Bossarts Buch mit Hinweisen zum Sammeln von Naturalien
Archiv der Evangelischen Brüder-Unität Herrnhut

Viele der zurückgekehrten Missionare hatten in Ausland Objekte gesammelt und mit nach Hause gebracht, denn bei den Herrnhutern war man sehr wissensfreundlich. In der Natur sah man die Offenbarung der Schöpfung, die es zu erforschen galt. Es wurde sogar eine „Anleitung, Naturalien zu sammlen“ gedruckt, und viele der in aller Welt gesammelten Präparate wurden in Naturalienkabinetten ausgestellt. So konnte Miertsching sein Wissen erweitern, und es war nicht verwunderlich, dass er sich auf seinen eigenen Reisen mit Naturphänomenen befasste und ebenfalls zum Sammler wurde.

Saxifraga - Steinbrech
Gegenblättriger Steinbrech (Saxifraga oppositifolia)
gesammelt von Miertsching 1851, in den Royal Botanical Garden KEW/London

Lebhafte Naturschilderungen, wie sie bereits gelegentlich in Miertschings Berichten aus Labrador auffallen, durchziehen auch das Tagebuch seiner Arktisreise 1850-54. Kein geringerer als Alexander von Humboldt nahm bereits kurze Zeit später Bezug auf Miertsching, als er sich im Band 4 seines Monumentalwerkes „Kosmos“ mit den „Smoking Hills“ östlich des Mackenzie-Deltas befasste.

Humboldts "Kosmos"
Auszug aus Humboldts „Kosmos“ Bd. 4, 1858
Cresswell, Smoking Cliffs
Die „Smoking Hills“, 1850 aus der Distanz vom aus Schiff gesehen
von S.G. Cresswell

Miertschings Beobachtungen polarer Insekten wurden von Entomologen ausgewertet und finden sich bis heute in vielen Standardwerken wieder. Seine Aufzeichnungen über die verschiedenen Inuit in Nordamerika, ihre Kleidung, ihre Werkzeuge und ihre Dialekte nahmen nicht nur wichtige Erkenntnisse Knud Rasmussens bei seiner 5. Thule-Expedition vorweg – der dänische Forscher zitierte Miertsching ebenfalls in seinen Schriften.

Auszug aus Miertschings Tagebuch
Jeder Tagebucheintrag war mit Temperaturangaben versehen — hier ein Tag mit extrem strenger Kälte im Januar 1853. © Jannasch collection

Miertschings Aufzeichnungen der Temperaturen und auffälliger Wetterereignisse enthalten wertvolles Material zur Erforschung des arktischen Klimas im 19. Jahrhundert. Sein Original-Tagebuch, das zu großen Teilen 1967 in englischer Übersetzung verlegt wurde und dessen Text sich vom „Reise-Tagebuch“ von 1855 unterscheidet, ist Quelle vieler auch aktueller Arbeiten zur Polarforschung, zitiert u.a. von Geografen, Botanikern, Zoologen, Ethnohistorikern, Archäologen und Polarhistorikern.

Messer der "Copper Inuit" aus der Prince of Wales Strait
Messer der „Copper Inuit“ aus der Prince of Wales Strait
© The Trustees of the British Museum, CC BY-NC-SA 4.0

Obwohl Miertsching seine umfangreichen Sammlungen – u.a. ca. 4000 Pflanzen! – an Bord von HMS Investigator im Eis der Mery Bay zurücklassen musste und für immer verloren glaubte, sind von ihm gesammelte Präparate und Ethnografika in Londoner Museen gelangt – auf welchem Wege, kann man in unserem Buch: „Weil ich ein Inuk bin. Johann August Miertsching – Ein Lebensbild“ nachlesen.

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„Capitain Behring’s Journal“ – Teil II

Fortsetzung des Beitrags über das neue Buch zu Berings Expedition

Am 14. Juli verließ die Crew um Vitus Bering die Mündung des Kamtschatka-Flusses in die offene See. Mit der St. Gabriel fuhren sie an der Küste Kamtschatka entlang bis zur Halbinsel Tschukotka und weiter ins Polarmeer. Am 15. August beschlossen sie umzukehren. Regen und Nebel verhinderte die Sicht auf die beiden Kontinente Asien und Amerika, obwohl die große Diomede-Insel nur ein Steinwurf entfernt von ihrem Schiff lag. Bering schrieb: …da das Land sich nach Norden nicht weiter strekte; nach der Tschutkischen oder Ostlichen See war auch kein Land anzutreffen; begab mich also auf die Ryk Reyse;…

Bering - Blick ins Buch - Kartenskizze
Blick ins Buch: Die Route von Bering

Eine Woche zuvor waren sie „Bothen“ mit Tschuktschen begegnet. Auf der großen Karte (siehe Ausschnitt unten) ist das Fellboot sehr gut gezeichnet; auf Seiten der Halbinsel ist die gebirgige Uferzone erkennbar.

Bering - Blick ins Buch - Kartenausschnitt
Blick ins Buch: Das Fellboot der Tschuktschen

Bering schrieb: Den 8ten Augustij befanden wir Nordlicher Breite avancieret zu seyn, unter dem 64.Grad und 30. Minuten da dann zu uns vom Ufer 8.Persohnen in einem ledernen both angerudert kamen, welche uns fragten, wher und westfals wir kämen; von sich selbsten aber sagten sie; daß sie Tschuktsche wären, welche denen Rußischen Einwohner schon lange bekandt gewesen; da wir sie uns auf Fahrzeug zu kommen nöthigten, machten sie aus einer Haut sterp genandt, so wie allhier See-Hund-Felle heißen…

Skelett eines Umiaks © Ullrich Wannhoff
„Skelett“ eines Umiaks. Die Hölzer sind alle mit Stricken verknüpft.
© Ullrich Wannhoff

Das von Bering beschriebene „Both“ ist ein Umiak, größer als ein Kajak, das als Transportboot oder zur Walroßjagd dient; solche Boote werden bis heute benutzt und werden auch Frauenboot genannt. Das Holzskelett wird mit Stricken verbunden und mit Walroßhäuten ummantelt. Zum besseren Schutz wird es noch mit Ölfarbe angestrichen. Die Aufnahmen stammen knapp unterhalb des 64. Breitengrades.

Befestigung der Walrosshaut © Ullrich Wannhoff
Mit Stricken wird die Wallrosshaut über das Holzskelett ummantelt und befestigt.
© Ullrich Wannhoff
Bespannung mit Walrosshaut © Ullrich Wannhoff
Bespannung des Holzskeletts mit der Walrosshaut – © Ullrich Wannhoff

Bering schrieb: …kamen sie abermahl zu uns, mit einem both, sagten daß ihre nation Tschukotsch heiße, nebst den Uffer an der See in großer Menge wohnen, das Land wäre nicht weit von hier…

Umiak - Deshnev-Lagune © Ullrich Wannhoff
Ein besetztes Umiak – Deschnew-Lagune – © Ullrich Wannhoff
Folklore-Gruppe © Ullrich Wannhoff
Folklore-Gruppe (Yupik) – © Ullrich Wannhoff

Wir unterscheiden die Rentier-Tschuktschen und die sesshaften Tschuktschen, die an der Meeresküste leben und sich von Fischen und Meeressäugern (Grauwale und Walrosse) ernähren. Wie auch die Yupik leben Tschuktschen heute auf beiden Seiten der Beringstrasse (Russland/USA) .

Konservierung des Walrossfleisches  © Ullrich Wannhoff
Konservierung des Walrossfleisches – © Ullrich Wannhoff

Das frische Wallrossfleisch wird zerlegt, in die Haut der Tiere eingepackt, zugenäht wie ein Sack und unter der frostigen Erde konserviert.

Walrosse in der Natalja-Bucht  © Ullrich Wannhoff
Walrosse in der Natalja-Bucht © Ullrich Wannhoff

Die tiefeingeschnittene Bucht Natalja befindet sich in Nordkamtschatka angrenzend an Tschukotka. In den Nebelbänken verschwinden die Berge, die bis weit in den Sommer mit Schnee bedeckt sind.

Natlaja Bucht  © Ullrich Wannhoff
Die Bucht Natalja – © Ullrich Wannhoff
Abschied von den jungen Bewohnern - © Ullrich Wannhoff
Abschied von den jungen Bewohnern – © Ullrich Wannhoff

Das Buch „Captain Behring’s Journal“ – Unbekannte Dokumente zu Vitus Jonassen Berings Kamtschatka Expeditionen erschien 2022 im Wallstein-Verlag und kostet 24€.

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Neues Buch über Berings Erste Kamtschatka-Expedition

„Capitain Behring’s Journal“ – Unbekannte Dokumente zu Vitus Jonassen Berings Kamtschatka-Expeditionen

Ein großartiger Archiv-Fund von Gerd van den Heuvel liegt mir in Form eines neuen Buches vor. Es handelt es sich um die Handschriften von Berings Journal der Ersten Kamtschatka Expedition 1725-1730. Der Bericht erschien in Westeuropa 1735 in verschiedenen Auflagen.

von den Heuvel, Captain Behring's Journal
Gerd von den Heuvel, Captain Behring’s Journal, Wallstein-Verlag

Berings handgeschriebene Aufzeichnungen stammen aus dem Niedersächsischen Landesarchiv Hannover. „Nach Hannover dürfte dieser Expeditionsbericht zusammen mit den Akten der Deutschen Kanzlei in London nach dem Ende der britisch-hannoverschen Personalunion (1714-1837) gelangt sein“, schreibt die Präsidentin des Niedersächsischen Landesarchiv Sabine Graf.

Gedenktafel für Bering
Gedenktafel für Bering in Horsens, Dänemark.
Wikimedia Creativ Commons, ©2005 Hans Jørn Storgaard Andersen

Der Deutsche Naturforscher Georg Wilhelm Steller (1709-1746) schrieb umfangreiche naturwissenschaftliche Berichte über die Zweite Kamtschatka-Expedition – auch Große Nordische Expedition genannt. Doch bereits Berings Schriften über die Erste Kamtschatka-Expedition enthalten viele interessante kartografische und ethnografische Aufzeichnungen; mitsamt all den Strapazen und den logistischen Details der Reise.

Karte der Expedition
Blick ins Buch – Karte der Expedition

Einen Teil des im Buch abgebildeten Bildmaterials (aus der Kartensammlung Mappe XXXIV B 6a (61 x 136 cm) des Landesarchivs Hannover) möchte ich hier kommentieren:

Tungusen
Blick ins Buch: „Darstellung der Tungusen“

1 – Darstellung der Tungusen: Mit großer Wahrscheinlichkeit sind hier Ewenken dargestellt, deren Verbreitungsgebiet sich vom Baikal bis zur Ochotskischen Küste ausdehnt und südlich vom Hafen Ochotsk an das Gebiet der Ewenen angrenzt. Der Vogel in der Hand des Mannes ist wahrscheinlich ein Schneehuhn; der Fisch, den die Frau hält, ist möglicherweise ein Omul.

Kartenausschnitt
Blick ins Buch: Kartenausschnitt

2 – Kartenausschnitt: das Ochotskische Meer mit der Festlandküste und die Halbinsel Kamtschatka: Mit Tungusen wurden früher die Ewenen, Ewenken und die Völker Mittelsibirien bezeichnet. „Lamuten“ ist eine alte Bezeichnung für die östlichen Völker Nordasien, wo man unter andern Korjaken, Ewenen und Jukagiren in Ostsibirien einbezieht. Selbst Sten Bergman schreibt im Buch über seine Kamtschatka-Expedition (1920-1923) noch von Lamuten, wobei die Kleidung der Ewenen abgebildet wurde. Links unten im Bild sehen wir den Hafen Ochotsk. An den Küsten ziehen sich Wälder (Taiga) entlang, die symbolisch mit Bäumen gekennzeichnet sind.

Kamtschatka - Detail
Blick ins Buch – Detailansicht Kamtschatka

3 – Kartenauschnitt vom südlichen und mittleren Teil Kamtschatkas: „Curil“ bezeichnet das Volk der Kurilen, deren Gebiet sich zu dieser Zeit von den Kurileninseln bis zum Hafen Bolscherertsk ausdehnte. Die Kurilen wurden erst Ende des 19. Jahrhunderts aus Südkamtschatka umgesiedelt. Unten links, an der Südwestküste Kamtschatkas, ist mit dem Fluss „Bistra“ der Hafen eingetragen. Im Winter 1727/1728 ging der ganze Transport der Expedition flussaufwärts zur Wasserscheide und dann in den „Chamcatschiche Rever“ [Fluss Kamtschatka]. Für den Transport war damals Martin Spangberg verantwortlich, der später als Kapitän die Kurilen und Japan bereiste. „Wirchna Ostrog“ war eine wichtige Festung auf mittlerer Höhe des Flusses Kamtschatka; heute liegt in der Nähe der Ort Milkovo. Dann kommt „Nirne Chamscatische Ostrog“ (heute Nischny Kamtschatsk), wo die St. Gabriel gebaut wurde. Der Autor schrieb „an der Küste“, was nicht richtig ist, weil es an dieser keine Wälder gibt, aus denen man das Holz für die Boote entnehmen konnte. Im Osten Kamtschatkas sehen wir auf der Karte zwei Mal einen „Brenenden Berg“. Das sind aktive Vulkane, die bis heute spucken. Bering schreibt: „Bey meiner Ankunft zu der untern Chamschadalischen Vestung [das alte Nischny Kamtschatsk liegt heute etwa 30 Kilometer westlich von Klutschi] wurden die mehresten baumaterialien zu Verfertigung eines neuen Fahrzeuges angeschaffen; den 4. April 1728 ein Anfang zum Bauen gemacht, welcher auch den 10.Juli darauf Gottlob fertig wurde. Besagte baumaterialien wurden mit Hunden aus dem Walde hergebracht, theer brandte man aus baumern, welche Blätter oder Lerchen Baum genannt werden, Branntwein branten wir aus einem dort wachsenden süßen Wax Gras [Bärenklau] und Kräuter…“. Auf der Karte sind deutlich die vielen Flüsse zu sehen, die aus dem westlichen und erkalteten Vulkangebirgsrücken in das Ochotskische Meer fließen.

Für den unvoreingenommenen Betrachter bleiben einige Details unscharf, was den nicht professionellen Abbildungen geschuldet ist. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist die im Buch verwendete Karte eine gezeichnete Kopie der von Berings Seeoffizier Pjotr Tschaplin geschaffenen, siehe farbige Abbildung unten. Diese befindet sich in der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen. Beide Karten sind inhaltlich nahezu identisch, aber die künstlerische Ausführung und die Handschrift unterscheiden sich. Die im Buch „Captain Behring’s Journal“ verwendete Kopie und deren Ausschmückung hat eine höhere Qualität als die des Seeoffiziers Tschaplin in Göttingen.

Tschaplin Kantschatka Expedition
Karte der Kamtschatka-Expedition von Pjotr Tschaplin, SUB Göttingen

Das Buch „Captain Behring’s Journal“ – Unbekannte Dokumente zu Vitus Jonassen Berings Kamtschatka Expeditionen erschien 2022 im Wallstein-Verlag und kostet 24€. Eine Fortsetzung meiner Betrachtungen zum Buch gibt es hier.

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Großes Interesse an Miertsching

„Reise-Tagebuch“, „Journal“ und „Reise-Dagbog“

Nachdem 1855 Johann August Miertschings „Reise-Tagebuch“ seiner Arktisexpedition – und schon ein Jahr später eine zweite Auflage – erschienen waren, wurden nach einer 1857 erfolgten Übersetzung ins Französische zwei Auflagen in Genf verlegt. 1860 erschien im Verlag von Peter Tidemand Malling in Christiania, dem heutigen Oslo, auch eine dänische Ausgabe.

Miertsching - Reisedagbog
„Reise-Dagbog af Missionær Joh. Aug. Miertsching“
Gebäude der Druckerei in Christiania
Das Gebäude der Druckerei in Christiania (heute Oslo)

Auf den ersten Blick erscheint das ungewöhnlich. Hätte nicht eine englische Übersetzung näher gelegen? Allerdings gab es ja schon Daniel Benhams „Sketch of the life of Jan August Miertsching“, die gleich nach dessen Rückkehr aus der Arktis 1854 in London erschienen war.

Benham, "Sketch of the Life"

Auf den zweiten Blick aber ist eine dänische Ausgabe sogar naheliegend, denn die Herrnhuter Brüdergemeine, zu der Miertsching gehörte, war bereits seit 1733 im zu Dänemark gehörenden Grönland tätig, am Ausgangspunkt der „Nordwestpassage“. Von dem Herrnhuter David Cranz stammt die „Historie von Grönland“, das Standardwerk zur Geschichte von Grönland, das bereits 1767 in englischer Sprache erschienen und in Großbritannien wohlbekannt war.

David Cranz, Historie von Groenland
David Cranz, Historie von Groenland

In Dänemark und Norwegen war das Interesse an der Nordwestpassage sicherlich nicht nur wegen der Geschichte der Wikinger und (später) das Walfangs groß. Ein wichtiger Faktor war auch, dass die Herrnhuter Brüdergemeine seit 1773 auch in Christiansfeld in Dänemark ansässig ist. Nach Miertschings Rückkehr von seiner fast fünfjährigen Arktisreise (mit einem kurzen Stopp in Grönland) kam besonders aus dieser Gemeine mehrfach die dringende Aufforderung, dass er dort über seine Erlebnisse berichten sollte. Da die Gemeine zusicherte, alle Kosten seiner Reise nach Christiansfeld und zurück zu tragen, und nachdem die Ältestenkonferenz in Herrnhut zugestimmt hatte, machte sich Miertsching im Juni 1855 dorthin auf den Weg. Wie aus einer kurzen Protokollnotiz hervorgeht, muss sein Vortrag in Christiansfeld sehr eindrucksvoll gewesen sein.

Brüderkirche in Christiansfeld
Brüderkirche in Christiansfeld
©Villy Fink Isaksen, Wikimedia Commons, License cc-by-sa-3.0

Übrigens begeht die Gemeine in Christiansfeld 2023 ihren 250. Geburtstag. Wegen seiner außergewöhnlichen Geschichte und Architektur gehört der Ort zum UNESCO-Weltkulturerbe – allein deshalb werden wir den Ort demnächst besuchen!

Brüderkirche Christiansfeld auf Briefmarke
Die Brüderkirche in Christiansfeld auf einer dänischen Briefmarke
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Begräbnis bei Cape Cockburn

Nachdem Johann August Miertsching und seine Leidensgenossen die Investigator verlassen und die Rettungschiffe HMS Resolute und HMS Intrepid bei Dealy Island erreicht hatten, hofften alle, im Herbst wieder in Europa zu sein. Tatsächlich brach am 17. August 1853 das Eis auf, und die Schiffe trieben mit den Eisfeldern gen Osten; nur selten lagen offene Wasserflächen vor ihnen, die es erlaubten, zu segeln. Doch bald blieben die Temperaturen konstant unter Null, und am 10. September waren die Schiffe wieder festgefroren.
„Von einem Tag zum andern war Miertschings Hoffnung vereitelt worden, noch im gleichen Jahr nach Hause zu kommen. Von Tag zu Tag wurde es kälter und das Eis immer dicker – die Schiffe froren endgültig ein“ (Zitat aus unserem Buch). Anders als bei Dealy Island waren sie nun weit vom Land entfernt, doch die Eisfelder, die die Schiffe gefangen hielten, bewegten sich mit den wechselnden Strömungen noch einige Wochen lang ostwärts.

Cape Cockburn
Cape Cockburn, Zeichnung von Frederic William Beechey

Miertschings Tagebucheintrag vom 14. November 1853 – vor genau 169 Jahren:
Seit mehreren Tagen wurde bemerkt daß das Eis nun zum völligen still stehen gekommen ist; beide Schiffe befinden sich nach den angestellten Beobachtungen seit 3 Tagen auf einer und derselben Stelle, und diese wurde nun als unser Winterquartier bezeichnet.“ Sie waren jetzt etwa 60 Kilometer vom Cape Cockburn auf Bathurst Island entfernt. Seinen Namen erhielt das Kap zu Ehren des Vize-Admirals Sir George Cockburn (1788-1853) von Edward Parry auf seiner Reise zur Suche nach der Nordwestpassage 1819/20, bei der Parrys Schiffe bis nach Melville Island gelangt waren – viel weiter als jedes britische Schiff zuvor.

Sir Georg Cockburn
Vizeadmiral Sir George Cockburn, Gemälde von Henry William Beechey, Royal Museums Greenwich

Anlass für Miertschings Tagebucheintrag am 14.11. war der Tod von Leutnant Henry Hubert Sainsbury, gerade einmal 26 Jahre alt, der an diesem Tag seinen langen und schweren Leiden erlegen war. Miertsching hatte sich gemeinsam mit dem Assistenzarzt Henry Piers ganz besonders um den erkrankten Sainsbury gekümmert und in letzter Zeit nachts bei ihm gewacht. Tags darauf wurde sein Leichnam mit militärischen Ehren durch das Eis im Meer versenkt. Miertsching schrieb einen Spruch für ihn ins Tagebuch, der aus einem Gesangbuch der „Moravian Church“ (Herrnhuter Brüdergemeine) stammt, doch er ersetzte hier das Wort „earth (Erde) mit „Sea“ (Meer) :

To the Sea let these remains
In hope committed be;
Until the body, changed, obtains
Blessed immortality
.

Begräbnis im Eis
Begräbnis im Eis – hier eine zeitgenössische Darstellung, die das (allerdings fiktive) Begräbnis von Sir John Franklin zeigen soll.

Auf Befehl des Flotten-Admirals Sir Edward Belchers wurden HMS Intrepid und HMS Resolute im Frühjahr 1854 aufgegeben und verlassen, und die Männer machten sich zu Fuß auf den Weg nach Beechey Island.

Verlassen von HMS Intrepid und HMS Resolute
Verlassen von HMS Intrepid und HMS Resolute im Frühjahr 1854: die mit Segeln ausgerüsteten Lastschlitten werden in Bewegung gesetzt.

Mehr über die Arktisreise Miertschings in unserem Buch „Weil ich ein Inuk bin. Johann August Miertsching – Ein Lebensbild

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Bei Sonnenaufgang: Entdeckung der Nordwestpassage

Am 21. Oktober 1850 zog Kapitän Robert McClure gemeinsam mit dem Navigator Stephen Court und sieben Matrosen entlang der Küste von Banks Island, an der die Investigator im Eis eingeschlossen war, nach Norden. Er wollte herausfinden, ob sich das Schiff in einem Wasserarm befand, der mit den arktischen Gewässern weiter im Norden verbunden war, oder ob es eine Bucht war, in der es festsaß.

Prince of Wales Strait
Das Schiff war vom Südwesten her in die Prince of Wales Strait gesegelt und dort vom Eis eingeschlossen worden, doch anfangs wusste man nicht, dass es sich um eine Wasserstraße handelt

Der Morgen des 26. Oktober 1850 war schön und wolkenlos. Kapitän McClure und seine Schlittenmannschaft machten sich noch vor Sonnenaufgang auf den Weg, um von einem Hügel in der Nähe einen freien Blick auf das umliegende Meer zu haben. Sie stiegen bis 200m über dem Meeresspiegel auf und warteten dort auf die Zunahme des Lichts.

Cresswell, Blick auf Melville Island
Blick von Banks Island auf Melville Island – Zeichnung von S.G. Cresswell, 1852

Die aufsteigende Sonne eröffnete ihnen zunächst einen freien Blick auf Victoria Island, dessen Küste sich weit nach Osten zog, und dann auf die Nordostspitze von Banks Island von wo die Küste nach Nordwesten führte. Im Norden jedoch war nur noch Eis zu sehen, das den ganzen Viscount Melville Sound bedeckte. Wegen ihres hohen Standortes über dem Meeresspiegel und der freien Sicht nach Norden konnten sie weiteres Land zwischen Banks und Melville Island ausschließen. Sie hatten somit die Nordwest-Passage entdeckt!

Cresswells Karte - Ausschnitt
Der zeitgenössische Kartenausschnitt zeigt die Prince of Wales Strait zwischen Baring (Banks) Island und Victoria Island; nördlich davon Melville Island

Während der Abwesenheit McClures hatte man bei einer Inspektion an Bord festgestellt, dass 700 Pfund eingekochtes Fleisch verdorben waren und dringend Frischfleisch benötigt wurde. Am 29.10. ging Miertsching deshalb mit zwei Offizieren und einem Matrosen an Land, um zu jagen. Was als „Herrenpartie“ gedacht war, endete als höchst gefährliche, aber überaus erfolgreiche Jagd auf ihnen zunächst unbekannte Tiere.

Miertsching - Moschusochse
Die unbekannten Tiere waren Moschusochsen. Zeichnung von Miertsching

Hier ein Auszug aus unserem Buch: „Die Männer legten sich mit den Gewehren im Anschlag mit deutlichem Abstand zueinander flach auf den Schnee, während sich die unbekannten Tiere unentwegt auf sie zubewegten. »Wir sahen nun dass die Thiere, nicht ahnend was ihnen bevorstehe, immer näher kamen; hatten die Größe eines Rindes, furchtbare Hörner etwas krumm gebogen wie ein Ochse, den ganzen Körper mit langen Haren bedeckt, die bis auf den Schnee herunter reichten, so daß kaum die untern Theile der Füße sichtbar waren«, notierte Miertsching später.“

Als Kapitän McClure am 31.Oktober unter dramatischen Umständen, mehr tot als lebendig, die Investigator erreichte, war er zunächst gar nicht in der Lage, von seinem Erfolg zu berichten. Erst Stunden später kam – zusätzlich zur Begeisterung über die 1300 Pfund frisches Moschusochsenfleisch – allgemeine Freude über die Entdeckung der Nordwestpassage auf.

Grabmal McClures
Das Grabmal McClures würdigt ihn als Entdecker der Nordwestpassage

Ausführlich in unserem Buch: Weil ich ein Inuk bin. Johann August Miertsching – Ein Lebensbild.

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Schicksalswende für Miertsching und die Investigator-Crew

Genau vor 170 Jahren, am 14. Oktober 1852, kehrte ein Schlittentrupp unter Leutnant Mecham zum Winterlager der Schiffe Resolute und Intrepid bei Dealy Island zurück. Mittels eines Lastschlittens, beflaggt mit dem Motto „Per mare, per terram, per glaciem“, hatten sie auf Melville Island ein Depot mit Versorgungsgütern und Lebensmitteln angelegt. Damit sollten im kommenden Frühjahr längere Erkundungsexpeditionen per Schlitten ermöglicht werden.
Auf dem Rückweg hatte Mecham am 12. Oktober an einem markanten Sandsteinfelsen oberhalb von Winter Harbour haltgemacht: Parry’s Rock.

Parrys Rock 1990 Grant-Jannasch
Parry’s Rock 1990, im Vordergrund der berühmte Arktispilot Duncan Grant und Miertschings Urenkel Holger Jannasch. – Foto © Jannasch Collection

„Der große Sandsteinfelsen in Form einer langgestreckten Stumpfpyramide überragt das umliegende flache Land und ist schon aus größerer Entfernung erkennbar. Seinen Namen erhielt er wegen der tief eingeschnittenen Inschrift, die an Parrys Überwinterung erinnert: »His Britannic Majesty’s ships Hecla and Griper, Commander Parry and Lyddon, wintered in the adjacent harbour during the winter of 1819-20, A. Fisher« …“ (Zitat aus unserem Buch: Weil ich ein Inuk bin. Johann August Miertsching – ein Lebensbild).

Kuperzylinder
Relikte der Franklin-Expedition. In solchen Zylindern wurden an markanten Punkten der Arktis Nachrichten hinterlegt. – Foto: © Wolfgang Opel

Mecham wollte gerade die über 30 Jahre alte Inschrift vom Aufenthalt Parrys mit den Namen und Daten der eigenen Expedition ergänzen, da rollte ihm ein Kupferzylinder vor die Füße. Der enthielt eine Nachricht von Kapitän McClure vom April, die über die Entdeckung der Nordwestpassage und den Verbleib seines Schiffes Investigator informierte, das 270 km südwestlich von hier im Eis der Mercy Bay auf Banks Island gefangen lag.
Mechams Fund sollte eine Schicksalswende für die Männer auf der Investigator bedeuten, die schon zwei Winter im Eis der Arktis verbracht hatten – die ahnten davon jedoch nichts.

Resolute und Intrepid im Winterquartier - McDougall
Resolute und Intrepid im Winterquartier. Zeichnung von George F. McDougall

Mecham eilte umgehend zurück zur Resolute, um Kapitän Kellet diese wichtige Nachricht zu überbringen. „Der einbrechende Winter machte es jedoch unmöglich, der Investigator noch im gleichen Jahr zur Hilfe zu kommen. Im März 1853 meldete sich Leutnant Pim freiwillig, um nach dem Schiff zu suchen. Mit einem von sieben Männern gezogenen Lastschlitten und einem Hundeschlittengespann machten er und der Schiffsarzt Dr. Domville sich am 10. des Monats auf den Weg. Extremes Wetter mit orkanartigen Schneestürmen verzögerte das Vorankommen des Trupps um viele Tage. Der Lastschlitten war dem mühseligen Weg über die „Hummocks“, die Presseishügel, nicht gewachsen und zerbrach. Bei eisiger Kälte beschloss Pim, den Rest des Weges nunmehr allein mit dem Hundegespann und nur zwei Männern zurückzulegen. Nach 28 Tagen waren sie gerade noch rechtzeitig eingetroffen …“ (Zitat aus unserem Buch).

Pim findet die Investigator
Leutnant Pim findet die Investigator. Buchillustration von 1877

Pims Ankunft bedeutete die Rettung für die meisten der inzwischen von Hunger und Krankheit gezeichneten, schwachen Männer auf der Investigator. Ihnen stand jedoch noch ein Gewaltmarsch über das zerklüftete Packeis nach Dealy Island zu den Schiffen Resolute und Intrepid bevor.

Cresswell, Hummocks
Die Schlittentrupps hatten mit den schwierigsten Bedingungen zu kämpfen, um über das Packeis zu kommen. Zeichnung von S.G. Cresswell

Johann August Miertsching schrieb im Tagebuch über den Teil der Mannschaft, der dort Tage nach ihm selbst eintraf: „Diesen traurigen Anblick, der sich hier uns darbot, werde ich in meinen Leben nicht vergessen. Auf jeden der 4 Schlitten lagen 2 Krancke festgebunden; andre ganz Entkräftete wurden von ihren etwas stärckeren Kameraden geführt; wieder andre hielten sich und lehnten an die Schlitten, und diese wurden von einer Mannschaft gezogen, wo mehrere ihrer Füße nicht mächtig alle 5 Minuten wieder hinfielen und von ihren Gefährten, dem Kapitain oder denen Officieren aufgerichtet werden mußten. Dieses Bild des Elendes erinnerte mich an die unglückliche Francklinsche Expedition …“ (Zitat aus unserem Buch). – Nicht auszudenken, was aus der Mannschaft der Investigator geworden wäre, wenn Mecham den Zylinder mit McClures Nachricht übersehen hätte!

Warum die Mannschaft der Investigator dann aber noch einen vierten Winter im Eis verbringen musste, kann man in unserem Buch im Kapitel „Ums Überleben“ nachlesen.

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„Wir müssen gegen unsern Willen in dieser traurigen Einöde verbleiben“

Bei uns geht gerade ein heißer Sommer zu Ende. Doch als Johann August Miertsching vor 170 Jahren den obigen Satz notierte, hatte in der Mercy Bay (Banks Island, im Hohen Norden Kanadas) bereits der Winter das Regime übernommen. 1852 war der Sommer dort extrem kühl, und entgegen aller Hoffnungen war Ende August das Eis nicht aufgebrochen; lediglich ein schmaler Wasserstreifen in Ufernähe hatte den Männern den Weg vom Schiff zum Land erschwert. Nun war auch der wieder fest zugefroren, der Boden bereits von Neuschnee bedeckt, und sämtliche Wasservögel waren längst auf dem Weg nach dem Süden.

Cresswell - HMS Investigator nahe Mercy Bay.
Als HMS Investigator in der Mercy Bay Zuflucht suchte, ahnte niemand, dass das Schiff die Bucht nie mehr verlassen wurde.
Nach einer Zeichnung von S.G. Cresswell

Von der Spitze der Hügel aus konnte man jenseit des Eises Melville Island ausmachen, doch es blieb unerreichbar. Das Schiff, HMS Investigator auf der Suche nach der verschollenen Franklin-Expedition, war im Eis gefangen. Miertschings Beschreibung, wie die Männer „mit hängenden Köpfen und hungrigen Magen herumschleichen“ und „der mit Sorgen belastete Kapitän … auf einsamen Wanderungen auf den Bergen“ Trost sucht, zeichnet ein Bild der Hoffnungslosigkeit. Dennoch versuchte er, anderen Mut zu machen, indem er zu kleinen, privaten Versammlungen einlud, bei denen er auch aus der Bibel las; gemeinsam beteten die Männer um die „Hilfe des Herrn“, und es muss ihm zumindest zeitweise gelungen sein, die Verzweiflung zurückzudrängen und der Hoffnung wieder Raum zu geben.

Cresswell, View of Melville Island
Unüberwindbares Eis liegt zwischen der Mercy Bay und Melville Island.
Zeichnung von S.G. Cresswell

Den Kapitän von HMS Investigator, Robert McClure, beneidete Miertsching wahrlich nicht um seine Verantwortung für die 65 Männer: „Er zeigte immer besonders in Gegenwart der Officiere und Mannschaft den besten Muth und stärckste Hoffnung, aber in seinem Innern war es ganz anders; als ein erfahrener Seeman im Eismeer, wo er schon zum drittenmal war, kannte und wusste er vielmehr als irgend jemand auf dem Schiff; die vielen Gebete und Seufzer in seiner Kajüte und bei unsern einsamen Wanderungen auf dem Lande und Eise besagten viel mehr als er mit Worten äußerte„.

Eis
Nichts als Eis …
In der kanadischen Arktis

Den Männern blieb nichts weiter übrig, als sich dem Unausweichlichen zu stellen, „denn jede Hoffnung ist verschwunden, dieses Jahr aus dem eisigen Gefängnis erlöst zu werden.“ Miertsching ergänzt diese Feststellung mit einem Auszug aus George Bokers „A Ballad of Sir John Franklin“: „The winter went, the summer went, The winter came around; But the hard green ice was strong as death, And the voice of hope sank to breath“ [sinngemäß: Der Winter ging, der Sommer ging, der Winter kam zurück; aber das harte grüne Eis war stark wie der Tod, und die Stimme der Hoffnung sank zu einem Flüstern]. Sie mussten sich nun für ihren dritten Winter im Eis einrichten und das Schiff zum Winterquartier umrüsten …

Sartain's Magazine, Mai 1850
Seite aus Sartain’s Magazine, Mai 1850, mit dem Abdruck von Bokers Ballade

Das Schiff kam nie mehr frei. Noch heute liegt das Wrack auf dem Grund der Mercy Bay. Mehr über das Schicksal der Mannschaft von HMS Investigator bei der Suche nach der verschollenen Franklin-Expedition, ihren dritten Winter im Eis, ihre Rettung und den Lebensweg von Johann August Miertsching erfährt man in unserem Buch „Weil ich ein Inuk bin„.

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Der erste Oberlausitzer, der die Amerikas umrundete

Vor genau 205 Jahren, am 21. August 1817, wurde der Oberlausitzer Sorbe Johann August Miertsching in Gröditz bei Weißenberg geboren. Wie er in seiner Jugendzeit und als junger Mann seinen Geburtstag beging, ist nicht überliefert. Es werden sicher heitere und glückliche Tage dabei gewesen sein, ob in Gröditz, in Kleinwelka oder auch bei den Inuit in Labrador.

Okak - Reichel
Okak, Miertschings Wirkungsstätte in Labrador. Zeichnung von L.T. Reichel,
Archiv der Evangelischen Brüdergemeine in Herrnhut

Anders war es am 21. August 1848, an seinem 31. Geburtstag, als er mit schweren Herzen am Bootsanleger in Okak in Labrador stand und dem Ehepaar Herzberg nachschaute, seinen vertrauten Kollegen, die das Missionshaus verlassen hatten, um an Bord der Harmony nach dem weiter nördlich gelegenen Hebron zu reisen. Eigentlich wollten sie ja nach Deutschland zurückkehren, doch die Nachrichten über die revolutionären Ereignisse in Deutschland im Frühjahr, die mit dem Schiff angekommen waren, hatten sie abgeschreckt.

Das Missionsschiff Harmony
Mit der „Harmony“ reiste Miertsching von und nach Labrador; 1848 reisten die Herzbergs mit ihr von Okak nach Hebron

Schon zwei Jahre später befand sich Miertsching Bord von HMS Investigator, die auf der Suche nach der verschollenen Franklin-Expedition von Alaska her im Polarmeer unterwegs war und nun bei Pelly Island – nahe der Mündung des Mackenzie River – ankerte. Seinen Geburtstag feierte er hier in aller Stille gemeinsam mit zwei befreundeten Schiffskameraden – dem zweiten Schiffsarzt Piers und seinem „Bediensteten“, Korporal Farquarson.

An der Mündung des Mackenzie River - Tuktuyaktuk
An der Mündung des Mackenzie River, hier bei Tuktoyaktuk

Ein Jahr danach, 1851 (inzwischen hatten sie die Nordwestpassage gefunden!!!) verbrachte Miertsching seinen 34. Geburtstag in sehr niedergedrückter Stimmung am Ballast Beach auf der Nordseite von Banks Island, wo das Schiff einige Zeit vom Eis eingeschlossen war. In seinen seinen Aufzeichnungen bekannte er, dass er, zur Untätigkeit verurteilt, mit der „gnädigen Führung“ Gottes unzufrieden sei und ihm Geduld, Glaube, Liebe und Hoffnung fehlten. In der nutzlosen Wartezeit beschäftigte er sich immerhin mit dem Sammeln von Pflanzen und Fossilien.

HMS Investigator, Cresswell
Wenige Tage danach verließ das Schiff Ballast Beach, geriet aber dann in eine sehr gefährliche Position (Lithografie nach S.G. Cresswell)

Bei seinen dritten Geburtstag im Polarmeer – 1852 wurde er 35 Jahre alt – war die Situation nahezu hoffnungslos: Die Investigator war fest im Eis eingefroren, das auch im Sommer nicht aufbrach, und alle litten Hunger; einige waren an Skorbut erkrankt. Im Tagebuch erwähnte Miertsching die „niedergeschlagene Mannschaft“, über seinen Geburtstag vermerkte er nur knapp: „Ich verbrachte den heutigen Tag auf dem Lande, und wanderte einsam herum.

HMS Intrepid
HMS Intrepid, gezeichnet vom Miertsching, der ein beachtliches Zeichentalent besaß; erstmals abgedruckt im Buch „Weil ich ein Inuk bin“. © Jannasch collection

Genau ein Jahr später befand er sich zwar gerettet an Bord von HMS Intrepid, doch auch diese trieb hilflos mit den Eisschollen umher, anstatt zielgerichtet nach England segeln zu können, und seine Hoffnung, endlich heimzukehren, schwand. Zusätzlich durch eine starke Erkältung beeinträchtigt, drückte er seine Stimmung im Tagebuch mit dem Vers eines Kirchenliedes aus, das oft bei Beerdigungen ertönte: „Ach wär ich doch schon droben, mein Heiland…„.

Beechey Island
Das Polarmeer vor Beechey Island – ohne Eis im Sommer 2012

Hingegen gab es 1854, als er das fünfte Mal seinen Geburtstag im Polarmeer beging, beste Aussichten für die Heimkehr: die Eisdecke vor Beechey Island, wo man überwintert hatte, war bereits in Schollen zerbrochen, und davor lag offenes Wasser. Daheim angelangt, konnte er 1855 seinen Geburtstag endlich wieder mit Eltern und Geschwistern feiern. Ein Jahr später war er um den 21. August damit beschäftigt, eine Frau zu finden, die ihn bei seiner kommenden Entsendung als Herrnhuter Missionar nach Südafrika begleiten würde.

Cape Agulhas
Leuchtturm am Cape Agulhas, an der Südspitze Südafrikas

Seinen 40. Geburtstag, 1857, feierte er bereits dort, nämlich im nahe am Cape Agulhas gelegenen Elim, nun zusammen mit seiner Frau Clementine Auguste und den Elimer Missionarskollegen. Doch er war nicht ganz glücklich: Es plagten ihn schwere Zweifel über den Sinn seiner Tätigkeit, denn sie unterschied sich stark von seiner Arbeit als Missionar bei den Inuit 1844-49, die er als sehr sinnvoll und befriedigend empfunden hatte. In den folgenden Jahren erlebte seine Familie mancherlei Glück, aber noch viel mehr Leid. Das Auf-und-Ab im Leben Miertschings haben wir nun erstmals in dem biografischen Werk „Weil ich ein Inuk bin. Johann August Miertsching – ein Lebensbild“ zugänglich gemacht, das vor zwei Wochen erschienen ist.

Miertsching Biografie

Das Werk ist überall im lokalen Buchhandel verfügbar, bzw. bestellbar.

Zu Miertschings 200. Geburtstag hatten wir bereits 2017 gebloggt.

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Miertsching und die „herrlichen Blümchen“

Heute schönes Wetter aber Windstille; – nördlich von uns ist offen Wasser, können aber ohne Wind nichts thun,“ schrieb Miertsching am 24. Juli 1851 ins Tagebuch. Die Crew von HMS Investigator hatte den Winter im Eis der Prince of Wales Strait verbracht, wo das Schiff zwischen riesigen Eisschollen gefangen war. Nach ihrer Winterstarre gerieten diese ab Mitte Juli in Bewegung und setzten dem Schiff mit harten Stößen gefährlich zu; es wurde zum Spielball der starken Gezeitenströmungen in der Wasserstraße. Offene Wasserflächen waren selten – das treibende Eis behinderte den von Kapitän McClure vorgesehenen Kurs nach Norden, und nun fehlte auch noch Wind in den Segeln.

HMS Instigator - Cresswell
HMS Investigator hilflos im Packeis der Prince of Wales Strait.
Lithografie nach Samuel Gurney Cresswell.

Aus unserem Buch: „Das Schiff befand sich in der Nähe von Armstrong Point, einem markanten Punkt am östlichen Ufer der Prince of Wales Strait, den McClure nach dem Schiffsdoktor benannte. Das Auf-und-Ab der letzten Tage hatte bei Miertsching an den Nerven gezerrt, und er ergriff die Gelegenheit, zusammen mit dem Zimmermann Ford, der nutzbares Treibholz bergen wollte, und fünf Matrosen an Land zu gehen. Ford fand brauchbare Fichtenstämme, die er ins Boot laden ließ.“ Miertsching sah sich auf dem Land um und entdeckte alte Wohnstätten von Inuit – und Pflanzen.

Saxifraga oppositifolia
Gegenblättriger Steinbrech (Saxifraga oppositifolia)
gesammelt von Johann August Miertsching

Lassen wir ihn selbst zu Wort kommen: „Nahe am Strand fand ich viele schneelose kleine Flächen, die mit Moos und Gras bewachsen waren; die weißen und gelben Blümchen standen herrlich in voller Blüthe. – Ich sammelte Pflanzen … und fand einige kleine Muscheln, die mir aber der Kapitän und der Docter auf eine sehr freundliche Art raubten, mit dem Versprechen, das ich nächstens wieder an’s Land gehen und mehr sammeln könnte.“ (Zitat aus Miertschings handschriftlicher Reise-Beschreibung) Allerdings wurde Miertschings Beschreibung in der Herrnhuter Druckausgabe seines Reisetagebuch auf die reine Sachinformation reduziert – keine Spur mehr von Begeisterung und guter Stimmung; die Textpassage mit dem „Raub“ der Muscheln wurde ganz gestrichen. – Das Sammeln von Pflanzen, das er bereits in Patagonien begonnen hatte, setzte Miertsching im Laufe der Arktisreise fort – ob auf Victoria Island, am Ballast Beach oder in der Mercy Bay von Banks Island. Insgesamt umfasste sein Herbarium etwa 4000 Pflanzen! Als die HMS Investigator im Eis zurückgelassen werden musste, glaubte er die Sammlung für immer verloren.

Der Eingang der Royal Botanical Gardens in London (KEW)

Auch wir waren davon überzeugt, bis unsere Recherchen uns eines Besseren belehrten. Wir stießen auf eine Spur, die uns schließlich nach London in die botanischen Sammlungen in KEW Gardens führte. Aus unserem Buch: „Eine zuvorkommende Mitarbeiterin begleitete uns mit viel Geduld durch die Sammlungsstandorte in dem fünfflügeligen Gebäude, in dessen ältesten Teil wir auf bewundernswert dekorativen gusseisernen Wendeltreppen quasi ins 19. Jahrhundert stiegen.“ Unter den über 7 Millionen Pflanzenpräparate wurden wir mehrfach fündig. Wenn Miertsching gewusst hätte, dass mindestens 40 Exemplare seiner verloren geglaubten Sammlung Bestandteil der Royal Botanical Gardens wurden, hätte er sich sicher sehr gefreut!

In wenigen Tagen erscheint unser Buch „Weil ich ein Inuk bin. Johann August Miertsching – ein Lebensbild“ im Lukas Verlag, Berlin.

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E.T.A. Hoffmann, Chamisso und das Polarmeer

Der vor genau 200 Jahren, am 25.6.1822, viel zu früh verstorbene Dichter, Komponist und Jurist E.T.A. Hoffmann hatte gute Freunde, unter denen ihm einige hin und wieder Inspirationen zu seinen phantasievollen Werken lieferten.

E.T.A. Hoffmann 1821
E.T.A. Hoffmann 1821

Zum Berliner Freundeskreis des Künstlers gehörte Adelbert von Chamisso, der sich im Juli 1815 auf eine Weltreise begeben hatte, die bis 1818 andauerte. Auf Empfehlung von Hoffmanns Freund Hitzig hatte man ihn als Naturforscher – Botaniker und Zoologe – für die russische Expedition auf der Zweimast-Brigg „Rurik“ unter dem Kommando von Otto von Kotzebue berufen.

Rurik
Die Rurik bei der St. Paul Insel, Zeichnung von L. Choris

Die Rurik segelte zunächst von St. Petersburg nach Plymouth. Von dort sandte Chamisso 1815 einen Brief an Hoffmanns Freund Eduard Hitzig, ein geplantes Buchprojekt mit Hoffmann, Karl Wilhelm Salice-Contessa und ihn betreffend, das er nun nicht mehr beenden konnte. Von Plymouth aus reiste Chamisso – ähnlich wie 35 Jahre später Johann August Miertsching auf HMS Investigator – um Südamerika, von wo die Rurik allerdings Kurs auf Kamtschatka nahm. Seinem Freund Hoffmann hatte er die Idee zu einer skurrilen Erzählung im botanischen Umfeld hinterlassen, und nachdem Hoffmann sich drei Jahre später etwas fachkundig machte, entstand die Erzählung „Datura fastuaosa (Der schöne Stechapfel)“, die erst 1823 posthum veröffentlicht wurde.

Hoffmanns Grab auf dem Jerusalem-Freidhof vor dem Halleschen tor, Berlin
Hoffmanns Grab auf dem Kirchhof Jerusalem-Neue Kirche III vor dem Halleschen Tor, Berlin

Als die Rurik Petropawlowsk (Kamtschatka) erreicht hatte, konnte Chamisso endlich wieder Briefe senden – und natürlich schrieb er an seinen Freund Hoffmann. Der dänische Leutnant Wormskiold hatte hier die Rurik verlassen – zu Chamissos Erleichterung, denn er hatte als „freiwilliger Naturforscher“ neun Monate lang Chamisso mit seiner Eifersucht gequält, ganz anders als der andere Naturwissenschaftler an Bord, Eschscholtz, mit dem Chamisso gut zurecht kam. Sicherlich bot die komplizierte Beziehung zwischen Wormskiold und Chamisso die Anregung für Hoffmanns satirische Erzählung Haimatochare, die er auf Oahu (Hawaii) spielen lässt.

Illustration von Ullrich Wannhoff zu Haimatochare
Illustration zu „Haimatochare“, 2004 – © Ullrich Wannhoff

Die Rurik segelte im Juli 1816 weiter in die Beringstraße, wo verschiedene Orte an den Küsten Alaskas nach Teilnehmern der Expedition benannt wurden: Kotzebue Sound, Eschscholtz-Bay und Chamisso-Insel. Die Berliner Freunde sahen Chamisso schon am Nordpol, wovon eine scherzhafte Karikatur Hoffmanns zeugt.

Karikatur Hoffmanns: „Schlemihl reist zum Nordpol und wird von demselben freundlich empfangen“ – mit Schlemihl alias Chamisso

Jedoch kehrte die Rurik dem Polarmeer bald den Rücken und segelte nach Hawaii, von wo aus Chamisso wieder an Hoffmann schrieb. 1817 ging es nochmals nordwärts, jedoch ordnete Kotzebue bei den St. Lorenz-Inseln die Rückkehr an, und über die Südsee und das Kap der Guten Hoffnung erreichte das Schiff 1818, nach drei Jahren Fahrt, wieder Europa und Russland. Ganz anders die Investigator mit Miertsching. Sie lief 1850 ebenfalls Hawaii an und segelte dann über den Kotzebue Sound ins Eismeer, wo die Besatzung vier Winter verbringen musste – und wo sich das Schiff heute noch befindet. Ob Miertsching wohl jemals Chamissos Buch über die Weltumseglung oder gar Hoffmanns Erzählungen gelesen hat?

E.T.A. Hoffmann Denkmal
Denkmal für E.T.A. Hoffmann am Berliner Gendarmenmarkt

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Jetstream und Eismitte

Zum 50. Todestag des Meteorologen und Polarforschers Dr. Johannes Georgi

Johannes Georgi (14.12.1888-24.5.1972) gehörte wie Alfred Wegener zu den Wissenschaftlern, deren Erkenntnisse erst Jahrzehnte später der allgemeinen Öffentlichkeit in ihrer Bedeutung bewusst werden. Er war der erste in Europa, der die sogenannten Höhenwinde, heute als Jetstream bekannt, beobachtete.

Georgi auf Station Eismitte
Georgi bei der Arbeit auf Station Eismitte, 1930/31

Gegenwärtig gibt es kaum seriöse Wetterprognosen, die nicht auf den aktuellen Verlauf des Jetstreams eingehen – aber ohne dass dabei der Name Georgi fällt.

Station Eismitte
Die Station Eismitte auf dem grönländischen Inlandeis, 1930

Georgi hat an mehreren Expeditionen nach Island und Grönland teilgenommen. Wissenschaftlicher Höhepunkt war die Überwinterung in Grönland in der zeitweiligen Forschungsstation Eismitte mit seinen Kollegen Dr. Sorge und Dr. Loewe 1930/1931.

Georgi, Wegener, Sorge und Loewe
Georgi, Wegener, Sorge und Loewe 1930 vor der Überwinterung auf Grönland

Auf der Station in Grönland wurden erstmals ausgedehnte geophysikalische Messungen vorgenommen, doch der schwierige Verlauf der Expedition führte auch zum tragischen Tod von Professor Alfred Wegener im November 1930.

Sorge und Georgi in Eismitte
Sorge und Georgi während der Überwinterung 1930/31

Die Beziehung der drei Überwinterer nach der Expedition steht exemplarisch für die politische Situation nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933. Sorge denunzierte den Juden Loewe, der daraufhin in „Schutzhaft“ kam. Glücklicherweise gelang Loewe jedoch später die Emigration nach England, und er überlebte den zweiten Weltkrieg mit Frau und Töchtern in Australien. Georgi zeigte, anders als Sorge, menschliche Größe, blieb in Kontakt mit Loewe und verteidigte ihn gegen Angriffe der Nazis. Sie blieben in Kontakt bis zu Georgis Tod.

Georgi und Loewe in Eismitte
Georgi und Loewe während der Überwinterung in Eismitte 1930/31

Bei der Recherche zu unserem Buch über Johann August Miertsching stießen wir auf einen interessanten Brief Georgis an einen Urenkel Miertschings, in dem er auf eine erweiterte Neuauflage seines Buches „Im Eis vergraben“ von 1933 hinwies: „… ich habe für das Int. Geogr. Jahr 1957/8 das Buch durch Geophys. Einschübe u. Bilder erweitert, erschien 1955, Nachdruck 1957 bei F. A. Brockhaus Leipzig, ist dort sofort vergriffen gewesen und daher kaum in die BRD und ins Ausland gelangt. Leider hatte die DDR zu wenig Papier für einen vielfach gewünschten Neudruck.“ Dieses Ausgabe ist heute nur noch selten antiquarisch zu erwerben – und wenn, dann zu einem deutlich höheren Preis als die Erstausgabe von 1933.

Im Eis vergraben, Neuausgabe bei Brockhaus
DDR-Neuausgabe, Brockhaus

Loewe veröffentlichte 1972 in der Zeitschrift „Polarforschung“ einen Nachruf auf Georgi, in dem er lobte, wie dieser unter teils extrem schwierigen Umständen seine wissenschaftlichen Arbeiten in der Arktis durchführte, und ihn zudem als einen „unermüdlichen Verfechter des Rechtes“ würdigte.

Polarphilatestische Würdigungen für Georgi und Wegener
Polarphilatelistische Würdigungen des Wirkens von Georgi und Wegener

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Ein Rostocker auf Rapa Nui

Rostock um 1725
Rostock um 1725

Vor 300 Jahren, am 5. oder 6. April 1722, erreichten drei Schiffe aus Europa eine weit abgelegene Insel im Pazifik, die man, da gerade Ostern war, Osterinsel nannte.

Choris - Osterinsel 1816
Die Osterinsel, wie Ludwig Choris sie fast 100 Jahre später (1816) sah

Die Schiffe standen unter dem Befehl des Niederländers Jakob Roggeveen. An Bord war jedoch auch ein junger Seemann aus Rostock, Carl Friedrich Behrens.

Carl Friedrich Behrens
Carl Friedrich Behrens

Ich war der Erste, der bey der Anlandung unserer Leute, die Insul mit seinen Füssen betrat“ schrieb er später in seinem Bericht „Reise durch die Süd-Länder und um die Welt“, der 1735 in Leipzig veröffentlicht wurde.

Titelblatt des Reiseberichts von Behrens
Titelblatt des Reiseberichts von Behrens

Die in polynesischen Sprachen als „Rapa Nui“ bekannte Insel war bereits seit langem besiedelt. Wegen ihrer isolierten Lage erregte der unerwartete „Besuch“ der Fremden viel Aufsehen. Die Neuankömmlinge verstanden sich allerdings nicht als Gäste, sondern als Eroberer. Als immer mehr Neugierige herbei strömten und sie sich bedrängt fühlten, schoss man einfach auf die Inselbewohner. Behrens hielt fest: „Es wurden hier viele erschossen….; die Todten abzuholen, kamen sie Hauffen-weiß, und brachten von allen Früchten und Gewächsen Praesente mit, damit wir desto eher solten abfolgen lassen. Die Verwirrung dieser Leute war überaus groß: Ja ihre Kindes-Kinder werden inskünfftige allda wissen zu erzehlen.

Bewohner von Rapa Nui (Choris)
Bewohner von Rapa Nui, gezeichnet von Ludwig Choris

Das „Zeitalter der Entdeckungen“ war gleichzeitig das der gewaltsamen Kolonialisierung indigener Völker und ihrer Heimat, was uns als Nachfahren dieser „Entdecker“ noch sehr lange beschäftigen wird. Carl Friedrich Behrens bedauerte damals zumindest den Tod des Insulaners, der sie als erster freundlich begrüßt hatte: „… auch lag der Mann, welcher ehedem bey uns gewesen mit unter den Todten, welches uns sehr jammerte…„.

Karte der Osterinsel / Rapa Nui; Quelle: Wikipedia, by Sting

Von Behrens stammt auch die erste Beschreibung der Monumentalskulpturen, Moai genannt, die bis heute als das „Markenzeichen“ von Rapa Nui gelten: „ … Götzenbilder, welche allda in einer grossen Menge am Strande aufgerichtet stunden; vor welchen sie niederknieten und sie anbeteten. Diese Götzen-Bilder waren alle aus Steinen gehauen, und der Form nach, wie ein Mensch, mit langen Ohren, oben auf dem Haupt mit einer Krone gezieret, doch alles nach der Kunst gemacht, worüber wir uns nicht wenig verwunderten.

Frühe Darstellung von Moai
Frühe Darstellung von Moai

Die markanten Tafeln mit den seltsamen Schriftzeichen, Rongorongo genannt, erwähnte Behrens allerdings nicht, vermutlich hatte man sie den Seeleuten nach deren „freundlichen Willkommensgrüßen“ gar nicht erst gezeigt. Über die Herstellung der Skulpturen weiß man inzwischen mehr, und über ihre Bedeutung gibt es verschiedene Hypothesen. Die Rongorongos aber haben ihr Geheimnis bis heute bewahrt.

Rongorongo
Rongorongo

Behrens überlebte die Weltreise und ließ sich nach seiner Rückkehr nach Deutschland nicht mehr in seiner Heimatstadt, sondern in Nürnberg nieder, wo er vor 1750 starb.

Buch Carl Friedrich Behrens
Buch von Carl Friedrich Behrens, 1925, nach der Originalausgabe bearbeitet
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Weil ich ein Inuk bin

Im Sommer wird unser neues Buch im Berliner Lukas Verlag erscheinen. Der Oberlausitzer Sorbe Johann August Miertsching war als Einziger aus Deutschland an der Entdeckung der legendären »Nordwestpassage« beteiligt. Wir folgten seinen Spuren um die halbe Welt, spürten bislang unbekannte Dokumente auf – und fanden einen Inuk. („Inuk“ = Inuktitut für „Mensch“). Mehr dazu unter der Rubik Miertsching.

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