Der „nützlichste Mann an Bord“

Johann August Miertschings Leistung für das Überleben der „Investigators“

Vier Winter (1850-1854) verbrachte die Mannschaft von HMS Investigator im Eis der Hocharktis auf der Suche nach der verschollenen Franklin-Expedition, großenteils unter unsäglichen Strapazen und Leiden. Vor dem schon fast sicheren Tod konnten sie jedoch gerettet werden, und daran hatte ein Mann einen wichtigen Anteil: Bedford Clapperton Pim, damals Leutnant auf HMS Resolute. Mit dem Hundeschlitten hatte er im Frühjahr 1853 mehr als 300 km übers Packeis zurückgelegt, um schließlich die festgefrorene Investigator zu finden. So konnten die Männer den langen Marsch zum rettenden Schiff antreten, von dessen Existenz sie zuvor nichts gewusst hatten. Die Investigator wurde in der Mercy Bay zurückgelassen, auf deren Grund das Wrack noch heute liegt

HMS Investigator in Mercy Bay, McDougall
HMS Investigator in Mery Bay, by George Frederick McDougall – Wikimedia

Noch fast 15 Jahre später, damals auf Reisen in Nicaragua, erinnerte sich Leutnant Pim an Johann August Miertsching: „… of Mr. Miertsching it is not too much to say that he was the most useful man on board, for not only did he set an excellent moral example to those around him, but, by his knowledge of mechanical arts, he proved of the greatest value to his shipmates, especially as a bootmaker, and besides taught both officers and men other useful Arctic accomplishments, without which they would have indeed fared badly.“(1)

Bedford Clapperton Pim
Bedford Clapperton Pim

Übersetzung: „Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Mr. Miertsching der nützlichste Mann an Bord war; denn er war nicht nur ein hervorragendes moralisches Beispiel für die Menschen um ihn herum, sondern erwies sich durch sein Wissen über die Handwerkskünste auch von größtem Wert für seine Schiffskameraden, insbesondere als Schuhmacher, und darüber hinaus brachte er sowohl den Offiziere als auch der Mannschaft andere nützliche arktische Fertigkeiten bei, ohne die es ihnen wirklich schlecht ergangen wäre.“

Miertsching und HMS Investigator, vom Buchcover
Johann August Miertsching, im Hintergrund HMS Investigator
Grafik auf dem Cover des Buches „Weil ich ein Inuk bin“

Auch der Kapitän von HMS Investigator, Robert McClure, sprach in seinen Berichten an die Admiralität stets voller Anerkennung von den Leistungen Miertschings; mehrfach lobte er den „invaluable interpreter“ und war dankbar für das Urteilsvermögen der Herrnhuter Missionsleitung, die genau den richtigen Mann für den Auftrag gesendet hätte. Vor allem waren es Miertschings umfangreichen Kenntnisse sowohl der Sprache als auch der Gewohnheiten und Mentalität der Inuit, die überhaupt erst eine friedliche Verständigung möglich machten. Darüber hinaus konnte der Kapitän mithilfe von Miertsching Erkundigungen von den Inuit einziehen und erlangte so wichtige Informationen, u.a. was den weiteren Verlauf der Buchten, Inseln etc., die Schiffbarkeit der küstennahen Gewässer und die Eisverhältnisse betraf. (2)

Captain Robert McClure
Kapitän Robert McClure

Die Schriftstellerin Jane Elgee – die Mutter von Oscar Wilde – veröffentlichte 1854 im Dublin University Magazin ein literarisches Porträt ihres Cousins Kapitän McClure, in dem sie detailliert die Reise der Investigator und die erfolgreiche Entdeckung der Nordwestpassage beschrieb. Wir können sicher sein, dass ihr Beitrag großenteils auf Informationen aus erster Hand – wohl von ihrem Cousin persönlich – beruhte. Sie schrieb, dass Miertsching alle Dialekte der Inuit perfekt beherrschte – eine Auffassung, die Miertsching in seiner Bescheidenheit wohl sofort von sich gewiesen hätte, denn er fühlte sich sicherlich weit von jeglicher Sprachperfektion entfernt. Doch das, was er bei all den Gesprächen leistete, nötigte dem Kapitän offenbar höchsten Respekt ab. (3)

Jane Elgee
Jane Elgee, Cousine von Robert McClure und Mutter von Oscar Wilde

Das war aber nicht das Einzige. Die unsäglichen Strapazen der Reise sorgten auch bei Miertsching für Zweifel, Mutlosigkeit und Krisen, doch er fand – wohl auch mit Hilfe seines Glaubens – immer wieder zurück zu Optimismus, Selbstvertrauen und einer mentalen Stärke, die auch dem Kapitän durch kritische Zeiten half und manchmal sogar dessen Jähzorn gegenüber anderen zügelte.

Auch Mitgliedern der Mannschaft konnte Miertsching mit Zuspruch, Trost und sein eigenes Beispiel durch die schlimmsten Zeiten von Hunger, Kälte und Krankheit helfen und nicht nur Hoffnungslosigkeit und Agonie bekämpfen, sondern Zuversicht und solidarisches Handeln befördern. Die Kapitäne der Rettungsschiffe lobten später das Verhalten der „Investigators“, das sich wohl positiv von dem der eigenen Mannschaften abhob.

Löffelkraut - Scurvy grass
Löffelkraut, auch „Scurvy grass“ genannt, hilft gegen Scorbut

Nicht zu unterschätzen sind die „arktischen Erfahrungen“, die Miertsching vor der Schiffsreise mit den Inuit in Labrador gesammelt hatte. Das begann damit, dass er als einer der wenigen an Bord bereits das Meereis kannte, insbesondere Packeis (4). Dazu kamen Kenntnisse der arktischen Flora und Fauna. Als viele aus der Mannschaft an Hunger und Skorbut litten, konnte Miertsching dies etwas lindern, als er vitaminreiche essbare Pflanzen fand – wahrscheinlich Löffelkraut und/oder Krauser Ampfer.

Dazu kamen seine Erfahrungen beim Aufspüren von Wild unter arktischen Verhältnissen, die ihn zu einem der besten Jäger der Expedition machten, die dadurch ab und zu mit frischem Fleisch versorgt werden konnte. Das Wissen darum, dass man durchaus den Mageninhalt eines Karibus – für viele Inuit seinerzeit eine Delikatesse – essen und das Blut eines frisch erlegten Tieres trinken sollte, bewahrte ihn wahrscheinlich vor Skorbut. Bei den extremen Hungerbedingungen konnte er wohl den einen oder anderen seiner britischen Leidensgefährten von diesem Vorteil überzeugen.

Nicht nur sein Kapitän McClure war voll des Lobes über Miertsching. Als er mit Leutnant Cresswell und den Schwachen und Kranken der Mannschaft nach tagelangem Gewaltmarsch übers Eis schließlich bei den Rettungsschiffen ankam, lud ihn Kapitän Kellett, der von McClure über ihn gehört hatte, umgehend in seine Kabine auf HMS Resolute ein. In den ersten Tagen (bis eine eigene Kabine für ihn eingerichtet wurde) durfte Miertsching hier wohnen und im Bett des Kapitäns schlafen, der ihn überdies mit frischer Wäsche aus seinem eigenen Bestand ausstattete. Darin drückte sich seine besondere Wertschätzung aus.

Captain Kellett
Sir Henry Kellett, Kapitän von HMS Resolute

Zur Frischfleischversorgung für die an Skorbut Leidenden wurde Miertsching in den folgenden Wochen und Monaten immer wieder zur Jagd abkommandiert. Auch für Kapitän Kellett und die Offiziere der Rettungsschiffe war er ein begehrter Jagdgefährte. So beschrieb Leutnant McDougall, wie er Anfang September 1853 gemeinsam mit Miertsching, Haswell und Mecham eine Herde Moschusochsen verfolgte, was durch die verwendete Taktik äußerst erfolgreich war und tausende Kilogramm Frischfleisch für die Mannschaften lieferte. (5)

Moschusochse, gezeichnet von Miertsching in seiner „Reisebeschreibung …“

Für alle seine Verdienste auf der Expedition wurde Miertsching, wie einigen seiner Mitstreiter, 1857 im Auftrag der britischen Königin Victoria die „Arktische Medaille“ verliehen.

Miertsching's "Arctic Medal"
Die „arktische Medaille“ von Königin Victoria, die Miertsching verliehen wurde. (Sammlung Jannasch)

Anmerkungen:

(1) Pim, Bedford; Seemann, Berthold: Dottings on the Roadside, London 1869, p.275

(2) McClure: The Arctic dispatches: containing an account of the discovery of the North-West Passage, London 1854, p. 49, p.56, p.70 et al.

(3) Jane Elgee: Our Portrait Gallery. Captain M’Clure, R.N., in: Dublin University Magazine 1854, p. 348

(4) Opel, M. u. W.: Weil ich ein Inuk bin. Johann August Miertsching – ein Lebensbild, Berlin 2022, u.a. S. 187

(5) George Frederick McDougall: The Eventful Voyage of H.M. Discovery Ship Resolute, London 1857, p. 221f

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