Unterwegs auf deutschen Spuren im Baltikum (2)
Jakob Michael Reinhold Lenz (1751-1792), der deutschsprachige Dichter und Dramatiker, wurde in Seßwegen, damals in Russisch-Livland und heute Ceswaine in Lettland, geboren.

Ab 1759 wuchs er in Dorpat – heute Tartu – auf, da sein Vater als Pastor der dortigen St. Johannes Gemeinde berufen wurde.


© Wolfgang Opel
Im Umfeld dieser berühmten gotischen Backsteinkirche mit ihren mehr als tausend Terrakottafiguren wuchs der junge Lenz auf. Noch heute stehen in der Nähe der Kirche einige Holzhäuser aus jener Zeit, die einen vagen Eindruck vom Dorpat des 18. Jahrhunderts vermitteln können.

Im Sommer 1768 wurde Jakob Michael Reinhold mit seinem jüngeren Bruder Johann Christian zum Studium nach Königsberg geschickt. Auf Wunsch des Vaters soll er Theologe werden. Er entzog sich jedoch dem strengen Vater, indem er im Dienst von zwei Brüdern, beide Barone von Kleist, die eine Offizierslaufbahn im französischen Militär anstrebten, 1771 nach Straßburg reiste. Lenz wollte Dichter statt Theologe werden.

Die noch heute gespielten Theaterstücke von Lenz, „Der Hofmeister“ und „Die Soldaten“, entstanden in dieser Zeit und verarbeiten eigene Erlebnisse. Sie gelten als seine Hauptwerke. Beide Stücke wurden damals ohne Angaben eines Autors veröffentlicht und zunächst Goethe zugeschrieben. (1)

Johann Gottfried Seume (1763-1810) gehört nicht zu den Deutsch-Balten, doch er bereiste die Region im Jahre 1805, mit einem Abstecher nach Moskau.

Anschließend überquerte er die Ostsee von Finnland nach Schweden und kehrte in das heimatliche Sachsen zurück.

Als er in Dorpat war, traf er den aus Magdeburg stammenden Karl Morgenstern (1770-1852), der als Professor an der Universität und als Direktor der Universitätsbibliothek wirkte.


Vermutlich hat Seume in Dorpat auch den Bruder von Jakob Lenz, Friedrich David Lenz, getroffen, der damals Lektor an der Universität und – wie vorher Vater Lenz – Pastor an der Johanniskirche war.
Zur gleichen Zeit lebte in Dorpat der Händler und Brauer Barthold Joachim Hesse (1762-1819). (Dessen Urenkel Hermann Hesse sollte hundert Jahre später ein weltberühmter Autor und Literatur-Nobelpreisträger werden.) Ob Seume, Friedrich David Lenz und Morgenstern damals gemeinsam mit anderen Dorpater Honoratioren wohl Barthold Hesses Bier genossenen haben?

Seume fuhr von Dorpat weiter nach Reval (Tallinn), in der Hoffnung, dort den aus Weimar stammenden überaus erfolgreichen Theaterdichter August von Kotzebue (1761-1819) zu treffen. Dazu kam es aber nicht, da sich Kotzebue zu dieser Zeit auf einem Landsitz in der Nähe der Stadt befand. Seume hätte sich vermutlich gern mit ihm über Weimar und ihrer beider schwieriges Verhältnis zu Goethe ausgetauscht.

Auch Augusts später berühmt gewordenen Sohn Otto von Kotzebue (1787-1846) konnte Seume in Reval nicht antreffen, denn der befand sich gerade mit Adam von Krusenstern auf einer Weltumseglung (1803-06). Übrigens nahm der Enkel eines der Brüder von Jakob Lenz, der Wissenschaftler Emil Lenz (1804-1865), später an der dritten Weltumseglung Otto von Kotzebues (1823-26) teil.

Apropos Hermann Hesse: Der schrieb in der späten Erzählung „Der Bettler“ über den Einfluss des Baltikums auf seinen Vater, dessen Erzählungen über seine Kindheit in Estland im Gegensatz zu seinen pietistischen Haltungen zu stehen schienen: „Eine überaus heitere, bei aller Christlichkeit sehr lebensfrohe Welt … nichts wünschten wir sehnlicher, als auch einmal dieses Estland … zu sehen, wo das Leben so paradiesisch, so bunt und lustig war.“ Es gilt als sicher, dass Hermann Hesse diesen seinen Wunsch nicht verwirklichen konnte.

© Wolfgang Opel
(1) siehe Sigrid Damms Lenz-Biografie „Vögel, die verkünden Land“, Berlin/Weimar 1988
