Besteht die Chance, die Urfassung von Miertschings Tagebuch zu bergen?
Seit etwa 170 Jahren liegt das Schiff auf dem Grund der Mercy Bay von Banks Island in einer entlegenen Region im hohen Norden Kanadas. Mit der „Investigator“ reiste Johann August Miertsching 1850 als Dolmetscher für die Suche nach der vermissten Franklin-Expedition von London aus über Südamerika vom Westen her ins Polarmeer.

Der Crew unter Kapitän McClure gelang es, endlich die Existenz der legendären Nordwestpassage nachzuweisen, doch das Eis der Arktis gab das Schiff nicht mehr frei. Nach drei entbehrungsreichen Wintern wurde die Männer gefunden und gerettet, das Schiff aber aufgegeben; Teile der Nordwestpassage mussten zu Fuß zurückgelegt werden, und erst nach dem vierten arktischen Winter kam die Mannschaft wieder in London an. Miertsching hielt die Begebenheiten und unsäglichen Strapazen dieser Expedition sehr eindrucksvoll in seinem rekonstruierten Tagebuch fest – dessen Erstfassung sich jedoch vermutlich noch heute wohl verpackt an Bord des Schiffes befindet!

Über Jahrzehnte lag stets eine dichte Eisdecke über der Mercy Bay, doch mit der globalen Erwärmung veränderte sich das. Im Juli 2010, als nur wenige Eisschollen in der Bucht trieben, gelang es Unterwasserarchäologen von Parks Canada, das Wrack zu lokalisieren.

Mittels einer ferngesteuerten Videokamera entstanden erste Aufnahmen des Schiffskörpers, der sich in einem erstaunlich guten Erhaltungszustand befand. Bei einer zweiten Expedition im Juli 2011 tauchten die Archäologen stundenlang im eisigen Wasser. Inzwischen hatten die Eisbewegungen dem Wrack bereits sichtbar zugesetzt. Es wurde nun fotografiert und vermessen; vom Schiffsdeck und vom umgebenden Meeresboden konnten einige wenige gefährdete Gegenstände geborgen werden.


Seit 2011 tat sich zunächst nichts mehr am Wrack, denn die Mercy Bay ist extrem abgelegen. Jegliche Reise dorthin erfordert eine äußerst komplizierte Logistik und ist mit hohen Kosten verbunden. Umso mehr staunten wir, als uns vor einem Jahr der frankokanadische Polar-Enthusiast Hubert Sagnières erzählte, dass er eine eigene Expedition zur Mercy Bay plante: So wie die damaligen Explorer, im Winter! Mit Lastschlitten fürs eigene Gepäck! Exakt auf der Route von Leutnant Pim, der 1853 als unerwarteter Retter der hungernden Mannschaft beim eingefrorenen Schiff auftauchte.

Sagnières startete mit zwei Begleitern am 31. März dieses Jahres von Dealy Island. Unter teils widrigen Wetterbedingungen mit unerwarteten Strapazen ging der Marsch durch schwierigstes arktisches Terrain – über das Meereis, wo stellenweise Wellen aufgetürmter Hummocks zu überqueren waren, oft bei extrem starkem Gegenwind und zeitweise bei Temperaturen um -30°C. Das Wetter zwang manchmal zu tagelangen Pausen, wodurch die Lebensmittelvorräte knapp wurden.

Foto © Hubert Sagnières

Mehr als 500 km waren es bis zur Mercy Bay, wo sie schließlich am 4. Mai ankamen. Der Jahreszeit gemäß lag die Bucht diesmal natürlich unter einer Decke von Eis und Schnee. Den Verlauf der Expedition kann man auf der Website „Routes Nouvelles“ nachvollziehen.

Foto © Hubert Sagnières

Für uns überraschend trafen kurz nach Sagnières Ankunft auch die Unterwasser-Archäologen von Parks Canada ein – erstmals wieder nach 15 Jahren Pause! Über dem Standort der Investigator am Meeresboden wurde ein Loch in das über 2 Meter dicke Eis gesägt und darüber ein Schutzzelt errichtet. Um dieses vor dem eisigen Sturm zu schützen, errichtete das Team eine iglu-artige Mauer aus dicken Schneeblöcken.


Ein ferngesteuerter Roboter wurde in Wasser gelassen, um Fotos, Videos und 3D-Scans des Wracks anzufertigen. Die Archäologen stellten fest, dass die Bewegungen des Eises dem Schiff deutlich zugesetzt hatten. Zwar ist der Rumpf noch intakt, aber das Deck ist ein Trümmerhaufen aus Planken; wie der Archäologe Ryan Harris es formulierte: „Wenn man von oben drauf schaut, sieht es aus wie eine Schüssel voller Spaghetti“.

Das Ergebnis von 150.000 Bildern und Sonar-Scans – ein 3D-Modell des Wracks – soll im Herbst präsentiert werden und auch die Zerstörungen deutlich machen.

Für uns bleibt die spannende Frage: wird es zukünftig noch weitere Expeditionen geben, die es den Unterwasserarchäologen ermöglichen, ins Innere von HMs Investigator zu kommen? Kann man dort Gegenstände bergen? Ist Miertschings Tagebuch an Bord zu finden, falls ja, ist es noch lesbar? Diese letzte Frage bewegt uns heute, am 21. August, ganz besonders – denn Johann August Miertsching wurde vor genau 209 Jahren geboren.
