Das Uneinheitliche

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“An das Wilde glauben” von Nastassja Martin

Auf einer Forschungsreise wird Nastassja Martin von einem Bären gebissen und schwer verletzt. In aufwühlenden Worten erzählt sie von der Geschichte dieses Kampfes und von ihrer Genesung.” (Website des Verlages)

Cover Martin, An das Wilde glauben

Der Ego-Trip und die Odysseus-Fahrt einer Westeuropäerin durch russische und französische Krankenhäuser teilt das Buch in zwei Hälften. Ich wollte es schon ablegen, aber wurde nach der S.86 entschädigt. Die archaische Gewalt und unsere Verletzbarkeiten werden feinfühlig mit all ihren Widersprüchen dargestellt. Unser Gehirn arbeitet nachts weiter und schafft ein uneinheitliches Gebilde, das sich als Traum widerspiegelt. Die Zerrissenheit der Autorin, ihre innere Unruhe teilt sie uns eindringlich mit. Die Begegnung mit den Bären und unseren Ängsten ist nur der Auslöser, in Welten einzudringen, die scheinbar schon längst vergangen sind. Erst im letzten Abschnitt entsteht ein Dialog mit den Ewenen, der viel interessanter ist und einer Anthropologin gerecht wird.

Hubschrauber - Schatten – © Ullrich Wannhoff
Die Autorin wurde nach dem Bärenunfall mit einem Hubschrauber in ein Militärlazarett in der Nähe von Kljutschi gebracht – © Ullrich Wannhoff

Eine kurze Einführung über das Volk der Ewenen, ihre Kultur, ihren Bärenkult und ihre kleinen Rentierherden wäre für den Leser ein besserer Einstieg gewesen, als die Krankengeschichte der Autorin, die über die Hälfte des Buches einnimmt.

Rentierherde © Ullrich Wannhoff
Winterlandschaft mit kleiner Rentierherde, wie sie die Autorin aufgesucht hat.
© Ullrich Wannhoff

Geografische Eigennamen sollte man besser beibehalten. Der Hinweis, dass das russische Wort Kljutsch Schlüssel heißt, ist OK, aber das Dorf dann immer als “Schlüsseldorf” zu bezeichnen ist befremdend. Ob das Militärkrankenhaus wirklich in Kljutschi liegt und nicht außerhalb, da bin ich mir nicht sicher. Ich kenne Kljutschi ganz gut, und das Militär liegt außerhalb, nördlich, in Richtung des Vulkans Schivelutsch.


Autofähre in Kljutschi über den Kamtschatka Fluss. Die Strasse führt weiter nach Ust Kamtschatsk. Im Hintergrund der höchste Vulkan Klutschewskoi.
© Ullrich Wannhof

Kljutschi war Anfang der neunziger Jahre im 20. Jahrhundert noch eine verbotene Stadt.  Dieser Status wurde aufgehoben, auch der Status Stadt, der mit der Reform durch Katharina II. zusammenhing. Alle bedeutenden Orte, egal wie klein sie sind, wurden damals, und auch noch in der Sowjetunion, als Stadt deklariert.

Kljutschi – © Ullrich Wannhoff
Die Ortschaft Kljutschi. Die Siedlung lebte früher vom Holzhandel und Militär. Heute ist der Ort frei zugänglich, mit einer Touristen-Station. – © Ullrich Wannhoff

Das Buch erzählt mehr vom Innenleben der Autorin, wo die Begegnung mit den Bären und den Ewenen der Motor ihrer Geschichte wird.

Ischinskaya Sopka © Ullrich Wannhoff
Die Autorin lebte eine Zeit lang an der höchsten Erhebung des westlichen Vulkangebirge westlich von Ischinskaya Sopka. Hier eine Winteraufnahme: Blick vom Norden auf den Vulkan Ischinskaya Sopka, der noch tätig ist.
© Ullrich Wannhoff
Junge Ewenen © Ullrich Wannhoff

Junge Ewenen aus Esso, die folkloristische Tänze aufführen. Typisch für Ewenen ist der offene Mantel, weil sie früher auf Rentieren ritten. Der Mantel Kuchljanka besteht aus gegerbtem Rentierfell und wird oft mit Hundefell umsäumt.
© Ullrich Wannhoff

Die Ewenen sind erst Mitte des 19. Jahrhundert in Kamtschatka eingewandert und leben zwischen den anderen Völkern, wie auf kleinen Inseln. Das Hauptgebiet der Ewenen liegt auf dem nordöstlichen Festland Asiens, nördlich von Magadan. Es leben da insgesamt etwa 17.000 Menschen. Sie kommen aus der tunguso-mandschurischen Sprachfamilie und sind mit den Völkern auf Kamtschatka wie Itelemen und Korjaken nicht verwandt.

Eisaufbruch © Ullrich Wannhoff
Im Frühjahr, Mitte oder Ende März, brechen die Flüsse Kamtschatkas auf.
© Ullrich Wannhoff

Vielleicht hätte man auch die Örtlichkeit mehr verfremden sollen, statt Twajan und den Fluss Itscha (Ischta) … Das wäre aber die Aufgabe der Lektoren …

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