Isolierung und Enge: Miertsching in Labrador

Aufrufe: 93

Beim Schreiben des Buches über das Leben von Johann August Miertsching beschäftigen wir uns gerade mit seinem Aufenthalt in Okak, einer der damals vier Missionsstationen der Herrnhuter Brüdergemeine – oder: Moravian Church – an der rauen Küste von Labrador (Nunatsiavut) im heutigen Ostkanada.

An der rauen Küste von Nunatsiavut: die vormalige Missionsstation Hebron
An der rauen Küste von Nunatsiavut/Labrador – hier mit der vormaligen Missionsstation Hebron

Die Missionsstation Okak lag in einer geschützten, aber sonnenarmen Bucht auf der westlichen der beiden „Okak Islands“ vor der Küste. Um die nächstgelegenen Missionsorte Hebron im Norden oder Nain im Süden zu erreichen, waren jeweils weit über 100 km zurückzulegen. Per Hundeschlittengespann ging das nur von Januar bis April, wenn die Insel durch festes Eis mit dem Land verbunden war.

Diese Isolierung wurde durch die Wohnverhältnisse kontrastiert. Die Missionare unterschiedlichen Alters, Ehepaare mit kleinen Kindern und ledige Männer lebten in Okak – wie damals auch an den drei anderen Missionsorten – unter einem Dach in einer Wohngemeinschaft auf sehr engem Raum. Dass dies viel Anlaß zu zeitweiligen oder auch andauernden Konflikten bot, kann man sich leicht vorstellen. Beim Studium der Dokumente begriffen wir schnell, dass unter den Brüdern und Schwestern in den vier Gemeinen nicht nur eitel Sonnenschein und Harmonie herrschte. Eifersucht, Geltungsdrang, verletzter Stolz oder Zurücksetzungen konnten oft durch geduldige Aussprachen wieder ausgeglichen werden; manchmal waren jedoch Zank- und Herrschsucht, sogar regelrechtes Mobbing an der Tagesordnung – wie etwa mehr als ein Jahrzehnt lang in Hebron.

Okak in der Mitte des 19. Jahrhunderts
Okak – Lithographie nach Zeichnung, Mitte des 19. Jahrhunderts
© Archiv der Evangelischen Brüdergemeine Herrnhut

Miertsching hatte sich in Okak bald eingelebt, mit den Umständen hervorragend arrangiert, war sehr erfolgreich tätig und hatte während der 5 Jahre mit den meisten seiner Mitbewohner ein insgesamt gutes Verhältnis. Doch wie wir erfahren mussten, gab es auch hier wiederholt Spannungen, verstärkt durch Enge auch im geistigen Bereich, die letztlich zu einem folgenschweren Konflikt führten …

Die guten Erinnerungen an Labrador haben ihn aber noch in seinen letzten Lebensjahren erfüllt, wie von seinem späteren Schwiegersohn Hermann Theodor Jannasch beschrieben wurde. Am 30. März 1875, an einem eisigen Wintertag heute vor 146 Jahren, verstarb Johann August Miertsching im Alter von nur 57 Jahren. Sein Grabstein auf dem Gottesacker in Kleinwelka bei Bautzen, den wir vor vielen Jahren noch mühsam suchen mussten, wurde vor einigen Jahren restauriert und ist mittlerweile deutlich markiert.

Miertsching Grab
Miertschings Grab auf dem Gottesacker in Kleinwelka
Dieser Beitrag wurde unter Geschichte, Labrador, Miertsching abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

1 Antwort zu Isolierung und Enge: Miertsching in Labrador

  1. Ullrich Wannhoff sagt:

    Diese Enge können wir uns heute kaum vorstellen. Reibungen und Spannungen sind vorprogrammiert. Unsere Charaktere sind so unterschiedlich und die unter ein Dach zu bekommen wird heute immer schwieriger. Ein Ausweichen war nur in der unwirtlichen Natur möglich, aber die muss man mögen.

    In Corona Zeiten – Familien mit Kindern – erleben im “Kleinen” solche schwierigen Situationen. Ich kenne dies bei den indigenen Völkern in Nordkamtschatka. Vielleicht war die Religion ein befriedigender Ausgleich, eine Momentsituation des Friedens….

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.