Erebus und Terror: Retrospektive – Teil 2

Die Ereignisse im September 2014: Viel Glück – und das Wissen der Inuit; Identifizierung des Wracks

Unendlich glücklich waren die Archäologen von Parks Canada, als sie nach jahrelanger Suche am Sonntag, den 7.9.2014, im Queen Maud Golf im Kanadischen Archipel ein Wrack ausmachen konnten – eines der Schiffe der 1845 letztmalig gesehenen Franklin-Expedition zur Auffindung einer Nordwest-Passage.

Ryan Harris zeigt den Kollegen die Visualisierung des Wracks – Foto:  Theresa Nichols  © Fisheries and Oceans Canada
Ryan Harris zeigt den Kollegen die Visualisierung des Wracks – Foto: Theresa Nichols © Fisheries and Oceans Canada

Aufgrund der schwierigen Eisbedingungen des Sommers 2014 war das eigentliche geplante Suchgebiet in der Victoria Strait über Wochen noch nicht erreichbar gewesen, so dass sich die Suche auf ein zweites Gebiet südwestlich von King William Island konzentrierte. Ob man hier wirklich auf den großen Fund hoffte oder die Messungen eher als “Zeitvertreib” der Kartierung der schwierigen Seewege in dieser Region dienten, wird nach dem glücklichen Fund des Wracks wohl nicht mehr verraten werden.

Ryan Harris am Navigationscomputer des Forschungsbootes– Foto: Jonathan Moore  © Parks  Canada
Ryan Harris am Navigationscomputer des Forschungsbootes– Foto: Jonathan Moore © Parks Canada

In den mündlichen Überlieferungen der Inuit wurde schon seit über 150 Jahren von einem großen Schiff gesprochen, das südwestlich von King William Island im Eis feststeckte und später verschwand. Immer wieder hatten Forschungsreisende wie Charles Francis Hall, Frederick Schwatka, William H. Gilder oder auch später Knud Rasmussen darüber berichtet. Doch die Finanziers der Suchexpeditionen trauten den Erzählungen der Inuit wohl nicht.

"Oral History" - Weitergabe mündlicher Überlieferungen: Mabel Angulalik untersucht einen Artefakt – Foto: © David F. Pelly
“Oral History” – Weitergabe mündlicher Überlieferungen: Mabel Angulalik untersucht einen Artefakt – Foto: © David F. Pelly

So blieb es denn – nach den “Offiziellen” Findern John Rae und Francis Leopold McClintock – Enthusiasten wie dem Händler William Gibson, Autoren wie Richard J. Cyriax und David C. Woodman, dem Inuit-Historiker Louie Kamookak aus Gjoa Haven oder Barry Ranford, einem fast fanatischen Hobby-Forscher, vorbehalten, das Wissen um das Schicksal der Franklin Expedition Stück für Stück zu erweitern: Sie alle setzten dabei auf das Wissen der älteren Inuit, die noch aus eigenem Erleben oder der “oral history”, der zumeist unglaublich exakten mündlichen Überlieferung ihrer Vorfahren, über die Geschehnisse um das Schicksal der Franklin-Expedition berichten konnten.

Porträt Mabel Ekvanna Angulalik, die über Schiffsteile auf Hat Island berichtete – Foto: © David F. Pelly
Porträtfoto von Mabel Ekvanna Angulalik, die seit langem über Schiffsteile auf einer Insel nahe der Fundstelle berichtet hatte – Foto: © David F. Pelly

Obwohl es durch Mabel Ekvanna Angulalik (1925-2002), einer Inuit Elder aus Cambridge Bay, wichtige Hinweise auf den möglichen Ort eines Wracks in der Nähe von Hat Island gab, war es letztendlich einem Zufall zu verdanken, dass Archäologen der Suchexpedition vom September 2014 dort auf Artefakte stießen, die sich zweifelsfrei einem Schiff aus dem 19. Jahrhunderts zuordnen ließen. Eines der Objekte wog 5 kg und konnte also kaum über größere Strecken angeschwemmt worden sein. Das überzeugte Ryan Harris, den leitenden Unterwasserarchäologen von Parks Canada, dass eine Suche im Meer in unmittelbarer Nähe der Fundstätte vielversprechend sein würde. Der Rest war reine Routine: nicht lange, nach dem man das Seitenscan-Sonar ins Wasser gelassen hatte, erschienen die Umrisse eines Wracks auf dem Bildschirm. Mit einer Unterwasserkamera wurden zur Bestätigung der Scans erste Videoaufnahmen gemacht – und die Sensation war perfekt.

Unterwasserkamera: Blick auf das Deck des Wracks - Courtesy of Parks Canada
Unterwasserkamera: Blick auf das Deck des Wracks – Courtesy of Parks Canada

Nach der spektakulären Pressekonferenz, bei der der Fund des Wracks bekanntgegeben wurde, reisten die Archäologen umgehend zurück zur Fundstelle – doch Sturm und hohe Wellen schienen sich zunächst regelrecht gegen sie verschworen zu haben. Sie mussten lange auf die nächste Gelegenheit für einen Tauchgang warten. Das Foto unten gibt eine Vorstellung von dem Wellengang, als Ryan Harris, leitender Unterwasser-Archäologe bei Parks Canada, das HD-Videokamerasystem zu seinem Kollegen Marc-Andre Bernier herabließ, der bereits im Wassser wartete.

hoher Wellengang - Foto: © Thierry Boyer, courtesy of Parks Canada
Foto: © Thierry Boyer, courtesy of Parks Canada

Bis die Wetter- und Eisbedingungen weitere Arbeiten unmöglich machten, waren im September 2014 lediglich noch sieben Tauchgänge möglich. Dabei konnten die Archäologen von Parks Canada verschiedene Untersuchungen am Wrack vornehmen. Das Foto unten zeigt, wie der Unterwasserarchäologe Filippo Ronca den Durchmesser der Mündung von einer der beiden Kanonen bestimmt, die am Wrack gefunden wurden. Sie erwies sich als Sechspfünder.

Vermessen des Kanonenrohrs - Foto: © Thierry Boyer, courtesy of Parks Canada
Foto: © Thierry Boyer, courtesy of Parks Canada

Obwohl die Taucher das Innere des Schiffes nicht aufgesuchen konnten, war es doch möglich, durch verschiedene Öffnungen hineinzusehen.
Das Foto zeigt, wie Ryan Harris ein Oberlicht untersucht. Es besteht aus runden Prismenglas in einer Messingfassung und ermöglichte, Tageslicht in den dunklen Raum unter dem Deck zu bringen.

Ryan Harris examines Illuminator - Foto: © Thierry Boyer, courtesy of Parks Canada
Foto: © Thierry Boyer, courtesy of Parks Canada

Nach sorgfältigster Auswertung aller bisher getätigten Untersuchungen sowie dem Vergleich mit den originalen Schiffsplänen stand es endlich fest: Das Anfang September 2014 gefundene Schiffswrack ist HMS Erebus – das Schiff, auf dem 1845 der Expeditionsleiter Sir John Franklin reiste.

"HMS Erebus passing through the chain of bergs, 1842" - Gemälde von Admiral Richard Brydges Beechey
“HMS Erebus passing through the chain of bergs, 1842” – Gemälde von Admiral Richard Brydges Beechey

Fortsetzung folgt: Eistaucher auf Schatzsuche

Zum Teil 1 dieser Retrospektive

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