Bis zum Stillen Ozean und weiter

Die Seele des Flusses Kamtschatka trägt mich zum Stillen Ozean und weiter … meine „Kreuzfahrt“ mit einem aufblasbaren Gummi-Kajak

reblogged vom 25. Oktober 2013

Vom 6. Juli bis 3. August 2013 ging meine Tour rund vierhundert Kilometer abwärts auf dem Fluss Kamtschatka, der zwei Vulkangebirgskämme trennt: die Vulkane im Westen sind außer dem Ischinskaya Sopka erkaltet, die im Osten hingegen aktiv – mit der höchsten Zentralgruppe um den Kljutschewskoi mit 4800 m. Mir ging es dabei nicht um den sportlichen Wert, viele Kilometer am Tage zu schaffen, sondern darum, die Vielfalt der Landschaft mit seiner Vogelwelt zu beobachten. An manchen Plätzen blieb ich zwei Tage und kreuzte den Fluss mehrmals, weil das andere Ufer jeweils spannender und lebhafter aussah.

Der Klutschewskoi – Foto: © Ullrich Wannhoff
Der Klutschewskoi – höchster Vulkan Kamtschatkas – Foto: © Ullrich Wannhoff

Zunächst fuhr ich mit dem Linienbus von der Gebietshauptstadt Petropavlovsk in Richtung Kosyrevsk, eine alte russische Siedlung aus dem 18. Jahrhundert. Der Busfahrer war so nett und ließ mich etwa 30 Kilometer vor dem Ort an der neu erbauten Brücke (fertiggestellt 2012) aussteigen. Dies war der Beginn einer Kreuzfahrt durch die ungezähmte Wildnis, wie ich sie hier schon seit zwei Jahrzehnten kenne. Das Wetter war warm und die dünne Wolkendecke sonnig durchtränkt, so dass mich am Ufer Wolken von Mücken und Bremsen begrüßten.

Beginn meiner "Kreuzfahrt" – Foto: © Ullrich Wannhoff
Beginn meiner „Kreuzfahrt“ – Foto: © Ullrich Wannhoff

Nach zwei Stunden war alles so weit zurecht, dass ich starten konnte, um auf der Mitte des Flusses endlich die lästigen Insekten abzuschütteln – nicht alle, aber die meisten.
Das Hochwasser hat die Ufer stark strapaziert, ähnlich wie in Deutschland. Wegen der dünnen Besiedlung war das Leid der Menschen hier nicht so groß wie bei uns. Dazu kommt, das Russen anders mit Katastrophen umgehen als wir. Die Brücke wurde erst vorige Woche wieder für den Verkehr frei gegeben. Bis kurz hinter der Ortschaft Kljutschi ziehen sich Steinbirkenwälder hin. Mit mir zusammen schwammen entwurzelte Weiden, Erlen, Lärchen und Steinbirken den Fluss hinunter. Die meisten endeten im Kehrwasser und auf Inseln; die wenigsten schafften es in den großen Ozean.

Große Pappeln  – Foto: © Ullrich Wannhoff
Große Pappeln, abgehoben vor den anderen Bäumen – Foto: © Ullrich Wannhoff

Der deutsche Naturforscher Georg Wilhelm Steller berichtet 1741 vom gestrandeten Treibgut aus Kamtschatka, als er und die von Skorbut gebeutelten Seeleute unfreiwillig auf der damals unbewohnten Beringinsel landeten. Große Pappeln und stark vom Wetter zerfledderte Lärchen schauen aus dem Blätterkronendach der Steinbirkenwälder heraus und stehen wie Denkmäler in der Landschaft. In dieser Zeit einen trockenen Zeltplatz am Ufer zu finden gestaltete sich schwierig. Die Uferzonen sahen aus wie die Mangrovenwälder in den Tropen. Es war noch hell am Tage, und so nutzte ich die Zeit, um weiter zu paddeln, mit der Hoffnung verbunden, doch noch ein trockenes Plätzchen zu finden. Glück des Tüchtigen. Eine Sandbank war spärlich mit jungen Weiden besetzt. Huurraaah! Das Wort verschluckte sich, weil die Mücken die ganze Luft einnahmen. Da half auch kein russisches Antimückenspray mehr.

Mücken – Foto: © Ullrich Wannhoff
Mücken über Mücken – Foto: © Ullrich Wannhoff

Hier zeltete ich zwei Tage lang. Der Platz gefiel mir, und es waren viele Singvögelstimmen zu hören, die mein Interesse weckten. Aber auch frische Bärenspuren sah ich jede Menge, was mich wenig berührte, weil die Teddys einen in Ruhe lassen, solange man sich ihnen nicht in den Weg stellt. Ich ließ die Luft aus dem roten „Lachsboot“, faltete es zusammen und legte eine Plane darüber. Und das geschah jeden Tag. Morgens wieder aufblasen, was nur fünfzehn Minuten dauerte.

Trittsiegel: Bär und Mensch – Foto: © Ullrich Wannhoff
Trittsiegel: Bär und Mensch – Foto: © Ullrich Wannhoff

In der Weite und Melancholie des Flusses trieb ich an drei Dörfern vorbei, wo ich meine Fotobatterie aufladen konnte und ein paar Lebensmittel bzw. frisches Wasser tankte. Der Kamtschatka-Fluss trägt viele weiche Sedimente (Asche) mit sich, die von den Vulkanen und seinen Nebenflüssen hineingetragen werden. Es empfiehlt sich nicht, dieses braune Wasser ohne Filter zu trinken (Durchfall usw.) Hinter dem Ort Kljutschi endet der Steinbirkenwald.

Seeschwalbengelege – Foto: © Ullrich Wannhoff
Seeschwalbengelege – Foto: © Ullrich Wannhoff

Hier in der Nähe wurde 1728/29 das Schiff “St. Gabriel“ gebaut, unter der Leitung des Kapitäns Vitus Bering. Nur er allein – neben dem verstorbenen Zar Peter I. – kannte die geheimen Abmachungen bezüglich der Expedition. Hier gab es die letzten Lärchen, die man für den Bootsbau zur Ersten Kamtschatka-Expedition brauchte. 1731 wurde diese kleine Siedlung von den Itelmenen zerstört, woraufhin ein paar Kilometer flussaufwärts der Ort Kljutschi entstand. Das war in der Zeit, als Bering zur Zweiten Kamtschatka Expedition, auch Große Nordische Expedition genannt, startete.

Sonnenuntergang: stilles Feuerwerk am Schivelutsch – Foto: © Ullrich Wannhoff

Zwischen Kljutschi und dem sich anschließenden Mittelgebirge (etwa 500-1200 m hoch) liegt ein breites Tal. Der Fluss formt sich vieladrig, und einige Nebenarme enden im See. Daraus ergaben sich im Vorfeld meine größten Befürchtungen – der Gedanke, unfreiwillig in einen der Seen zu landen, hämmerte in meinem Kopf. Bei der starken Strömung ist es fast unmöglich, wieder zurück zu paddeln. Diese große Sorge trieb mich dazu, diesen Abschnitt an einem Tag zu machen. Da ich kein GPS oder Kompass dabei hatte, war mir wichtig, den Vulkan Kljutschewskoi und die Sonne im Rücken zu haben, den Schivelutsch – eine uralte Vulkanruine auf der linken Seite – im Norden, und die Bootsspitze genau auf das Mittelgebirge im Osten gerichtet. Das war alles gut einsehbar, aber wegen der vielen Nebenarme – es gibt keinen erkennbaren Hauptarm – wusste ich trotzdem immer noch nicht, ob ich auf dem richtigen Weg war.

die höchste Vulkangruppe – Foto: © Ullrich Wannhoff
Hinter mir liegt die höchste Vulkangruppe – Foto: © Ullrich Wannhoff

Manchmal war der Fluss so breit wie ein See, und ich hatte das Gefühl, er fließt gar nicht mehr. Dann sah ich aber die Lachmöwen und Flussseeschwalben auf Treibholz sitzen, das Richtung Osten trieb. – Also nichts wie hinterher! Hier gab es weder andere Boote noch irgendwelche Seezeichen. Vor mir sah ich das dunkelgrüne Mittelgebirge mit den Schneefeldern in den Senken, die waren nicht weit weg. Als sich der Hauptstrom verschmälert, etwa auf die Breite der Elbe, und andere Flüsse zuflossen, atmete ich auf – geschafft! Es fiel mir ein Stein von Herzen, ich war genau richtig!

Selbst gezeichnete Karte - © Ullrich Wannhoff
Selbst gezeichnete Karte – © Ullrich Wannhoff

Nun konnte ich am Abend in Ruhe mein Zelt aufschlagen und Tee trinken. Zu gerne wäre ich in dem breiten Tal geblieben, aber dort einen trockenen Zeltplatz zu finden, war unmöglich. Große Areale von Feuchtwiesen und Weiden über Weiden bestimmen die flache Landschaft. Ab und zu sitzen Riesenseeadler auf abgestorbenen, starken Ästen, und die weißen Wolken am blauen Himmel ziehen surreale Gebilde hinter sich.

Am Horizont wird es hell -- Foto © Ullrich Wannhoff
Am Horizont wird es hell – Foto © Ullrich Wannhoff

Die nächsten Tage ging es durch das saftig grüne Gebirge, das mit Steinbirken bewachsen ist. Einfach großartig. Hinter mir sah ich die höchste Vulkangruppe Kamtschatkas. Beeindruckend wie die Berge am wolkenleeren Himmel stehen, wie ein Scherenschnitt, mit dem rauchenden Besemjany, einer der kleinen, aber aktivsten Vulkane. Nach dem Verlassen des Gebirges öffnet sich die Landschaft, wird flach und trägt typische Merkmale der Tundra, hat subalpinen Charakter. Viele niedrig wachsende Pflanzen, wie Krähenbeeren, Schwedischer Hartriegel, Weiden in Strauchform, Lilien – und die Seeluft. Die ersten Seehunde kommen mir entgegen. Lachse springen aus dem Wasser. Raubmöwen jagen anderen Möwen die Nahrung ab. Große Kamtschatkamöwen fliegen über mir. In der Ferne sehe ich den Fischereihafen, dessen Kräne aus Eberswalde bei Berlin sich schon lange nicht mehr drehen.

Kräne - Foto © Ullrich Wannhoff
Kräne, die sich nicht mehr drehen – Foto © Ullrich Wannhoff

Der nächste Abschnitt steht bevor: der Nerpitschnoe Ozero – zu deutsch „Seehundsee“. Meerwasser vermischt sich mit süßem in dem großen See, der mich nun für eine Woche im Bann hält. Danach geht es ins offene Meer. Noch nie bin ich so schnell gepaddelt wie bei Ebbe aus diesem Fluss. Ich hatte mir zuvor im Hafen bei einem Kapitän die Tidenzeiten aufgeschrieben. Die Leute waren sehr hilfsbereit, mit Ausnahme von Verkäuferinnen, die sich in den Privatgesprächen gestört fühlten, als ich etwas kaufen wollte.

Verladen der Lachse - Foto © Ullrich Wannhoff
Verladen der Lachse – Foto © Ullrich Wannhoff

Der Seenebel hat sich so tief gesenkt, dass ich nur nach Gehör paddle, das Wellenrauschen am Strand gibt mir die Orientierung. Dann ist auf einmal das Rauschen weg. Nanu? Keine Panik. Die Sonne muss im Rücken sein bzw. auf der rechten Seite, alles andere wären die unendlichen Weiten des Ozeans. Nach einer halben Stunde Paddeln ist immer noch kein dunkler Uferstreifen in Sicht. Urplötzlich zieht der Nebelvorhang auf. Ich sehe die glänzenden Tanks an der langen Landzunge und atme tief durch. Auf dem Schock hin schnell ans Ufer und das Zelt aufschlagen, auch wenn es erst Mittag ist. Danach bin ich noch zwei Tage an der Steilküste unterwegs, diesmal bei sehr guter Sicht.

Junge Sturmmöwe -- Foto © Ullrich Wannhoff
Junge Sturmmöwe – Foto © Ullrich Wannhoff

Am vorletzten Tag mach ich mich auf den Weg zurück. Das Meer atmet heute etwas tiefer, und die Wellen heben und senken sich wie noch nie in den Tagen zuvor. Soll ich die langweilige flache Bucht abkürzen Richtung Flussmündung? Der Versuch ist es wert, und ich gewinne einige Stunden und kann meine Sachen trocknen, bevor die Flut in den Fluss eintritt.

Das grüne Meer" © Ullrich Wannhoff
Das grüne Meer“ – nachdem die Kamera ins tiefe Wasser gefallen war, mussten selbstgemalte Bilder her – © Ullrich Wannhoff

In der Mitte der Bucht sind die Wellen allerdings drei bis vier Meter hoch, aber ohne Schaumkronen. Mein Boot ist aber nur für einen Meter Wellenhöhe geeignet. So treibe und paddele ich wie in einer Nussschale in Richtung Flussmündung. Es kostet viel Kraft. Endlich schneiden sich die Wellen des Meeres mit dem Fluss. Klitschnass steige ich zwischen beiden Wellenbewegungen auf einer Sandbank aus und schiebe den „roten Lachs“ Richtung Flussufer.

Wäschetrocknen am Ufer — Foto © Ullrich Wannhoff

Freudig trockne ich meine Sachen. Guter Wind, schnelles Feuer. Es dauert nicht lange, da kommen freundliche Uniformierte auf mich zu. Kontrollieren meine Papiere. Ich frage: „Stimmt was nicht?“ „Ja, Sie brauchen eine Genehmigung für das Meer“. Im erschrockenen Ton erwidere ich „was? – habe ich nicht, weiß ich nicht“. Zwei Stunden vergehen, und viele neugierige Fragen prasseln auf mich ein, bis die Beamten den seltenen Vogel wieder frei lassen und ich bei Flut weiter in den Fluss paddeln darf …

reblogged vom 25. Oktober 2013 von Ullrich Wannhoff

In seinem Buch „Der stille Fluss Kamtschatka“ kann man erfahren, was Ullrich Wannhoff auf einer 400 km langen Paddeltour auf dem Kamtschatka-Fluss noch alles erlebte – und was ihn dort bewegte.

Auch seine „landseitigen“ Erfahrungen am Kamtschatka-Fluss im Jahr zuvor hat er verbloggt: „Wo die Zukunft wegfließt„, „Ust-Kamtschatsk – Geflügeltes an der Mündung des Flusses“ und „Die Seele des Flusses gebiert Landschaften“ (Malerei).

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Eröffnung der Paddelsaison von Berlin nach Kamtschatka

rebloggged vom 17. Mai 2014 – nach genau 5 Jahren

Ende April und Anfang Mai paddelte ich kleine Abschnitte der Flüsse Havel, Spree, Oder und Peene ab, immer von dort, wo deren Ortschaften Anbindung haben an die Gleise, die mich wieder zurück brachten in die Metropole zum Berliner Ostbahnhof.

Fluss-Seeschwalben – Foto: © Ullrich Wannhoff
Fluss-Seeschwalben an der Oder bei Küstrin – Foto: © Ullrich Wannhoff

Ich fröhnte meiner Menschenallergie in der Stille der unterschiedlichen Landschaften, aus denen die Töne der Vögel geboren werden, die mit ihrem Gesang alljährlich akustisch ihre Räume abstecken, ähnlich wie der moderne Mensch mit seinem iPod unüberhörbar die Wege seiner langen arbeitsamen Tage abläuft.

Wasser im Boot – Foto: © Ullrich Wannhoff
Wasser im Boot – Foto: © Ullrich Wannhoff

Verglichen mit dem Kamtschatka-Fluss spüre ich die Kleinteiligkeit der Kulturlandschaft, aber auch Relikte der letzten Eiszeit, die in Ufernähe bis heute unberührt blieben. Während in den Uferzonen des Kamtschatka-Flusses unendlich viele junge Weiden im Wasser stehen, haben wir an der Oder einen weitläufigen Auenwald mit breiten Schilfflächen, die der Wind streichelt.

Schilfgürtel – Foto: © Ullrich Wannhoff
Schilfgürtel – Foto: © Ullrich Wannhoff

Am Spreeufer beeindrucken die dicken Stämme der Kopfweiden, die im Sterben tiefe Furchen auf der Rinde hinterlassen; und am Fuße des Alten rollt sich der frische Farn aus und streckt sein leuchtendes, helles Grün dem Lichte zu, „schaut her, ich bin der Frühling“.

Weide mit Ente – © Ullrich Wannhoff
Weide mit Ente an der Spree bei Erkner – © Ullrich Wannhoff

Die Havel in Nähe Wannsee aber zeigt unser menschliches Gestalten. Barocke, klassizistische und historisierende Stilelemente der Architektur widerspiegeln die Kunstgeschichte der letzten dreihundert Jahre.

Große Wegschnecke – Foto: © Ullrich Wannhoff
Große Wegschnecke – Foto: © Ullrich Wannhof

Die grünen Uferzonen sind im englischen Parkstil gestaltet und wir erfreuen uns an der Blütenpracht der Narzissen und Rhododendron-Sträucher. Revolutionen werden gemacht, um Altes in neuer Form zu konservieren. Der einfache heutige Mensch lebt bequemer, als viele Fürsten frühere Jahrhunderte. Und so paddle ich von Grundstück zu Grundstück, bis ich Potsdam erreiche.

Höckerschwäne – Foto: © Ullrich Wannhoff
Morgensonnengruß an die Höckerschwäne – Foto: © Ullrich Wannhoff

Drei Tage war ich auf dem schwarzen Wasser der Peene von Demmin nach Anklam und lauschte den vielseitigen Gesang der Vögel.

Entwurzelte Erle – Foto: © Ullrich Wannhoff
Entwurzelte Erle – Foto: © Ullrich Wannhoff

Seit dem Abschmelzen des Eispanzers (etwa zwei Kilometer hoch) vor 10.000 Jahren hat sich das Flussufer mit dem Erlenbruch und Mooren kaum verändert. Die Jäger und Sammler, die sesshaft wurden, siedelten sich etwas abseits vom Fluss, denn das Wasser ist nicht trinkbar – zu viele Schwebstoffe – und sehr torfhaltig, daher dunkel gefärbt. So entwickelte sich die Kulturlandschaft im Hinterland, und nur punktuell traute man sich ans Ufer; denn der Fluss ernährte die Menschen mit Fischen.

Abfliegender Kormoran – Foto: © Ullrich Wannhoff
Abfliegender Kormoran. Abgestorbene Erlenbäume sind willkommenen Ruheplätze – Foto: © Ullrich Wannhoff

In Russland gibt es ein sehr altes Lied „Mütterchen Wolga“. Flüsse waren nicht nur die ersten Transportwege, sondern auch die Ernährer der am Ufer lebenden Menschen, und daran erinnert dieses einfache schwermütige Lied.

Wolkensüchtig – Foto: © Ullrich Wannhoff
Wolkensüchtig – Foto: © Ullrich Wannhoff

Der blaue Himmel mit seinen lustigen weißen Wolken, zusammen mit Vogelgezwitscher, erheiterte mein Gemüt. So paddle ich ohne Störung durch andere Kanufahrer oder gar Motorboote ganz allein durch die stille Flusslandschaft (die Saison ist noch nicht eröffnet), die kaum Fließgeschwindigkeit aufweist und meine Muskeln gegen den kühlen Wind beanspruchte. Einfach großartig.

junge Birkenblätter – Foto: © Ullrich Wannhoff
Verträumte junge Birkenblätter über der Peene – Foto: © Ullrich Wannhoff

Morgens war mein Zelt mit dünnem Zuckerguß überzogen: Raureif verzauberte kurzzeitig die so grüne Landschaft mit Weiß. In ein, zwei Stunden leckte die Sonne alles Weiße ab. Die normalerweise versteckten kleinen Vögeln (Teichrohrsänger, Rohrschwill, Beutelmeise, Schilfrohrsänger, Zilpzap, Rohrammer), die man sonst nur hören kann, stiegen in der Morgenfrüh ganz hoch auf die Schilfstäbe, auf getrocknete Äste, die aus dem wiegenden Schilfmeer herausschauten, wärmten sich auf und sangen die Welt farbig.

Nest der Beutelmeise – Foto: © Ullrich Wannhoff
Nest der Beutelmeise über dem Wasser auf Birkenzweigen hängend – Foto: © Ullrich Wannhoff

Dort wo keine Menschen waren, fehlte Gott und ich genoss die Fülle der Natur und mein egozentrischer Blick wurde so klein wie ein Schilfhalm.

Erdhummel – Foto: © Ullrich Wannhoff
Erdhummel auf einer Wiesen-Bocksbart-Blüte – Foto: © Ullrich Wannhoff

Am Ende der Reise lief ich vom Bootshaus durch die intellektuelle Wüste Anklam Richtung Bahnhof. Jede Laterne war gespickt mit NPD-Plakaten. Andere Parteien gab es nicht! So stand ich fast verlassen an dem schön gestalteten, aber leerstehenden Backsteinbahnhof.

Leuchtender Raps – Foto: © Ullrich Wannhoff
Leuchtender Raps – Foto: © Ullrich Wannhoff

Laute gewalttätige Musik schallte herüber, von zwei Jungen im Alter etwa 14-16 Jahre, die auf der Bank saßen. Alle verlassenen trostlosen Bahnhöfe in Mecklenburg erinnern an den Film „12 Uhr Mittags“. Die Sonne schien und der Schlagschatten überdeckte die beiden jungen Menschen, die dumpf, verloren auf der Verlierer-Bank saßen, die sich ihre Zukunft selber versperren, weil die Eltern ihnen keine Zukunft (Bildung) geben. Musikalische Pistolenschüsse aus dem Recorder durchzucken mein Herz, während die Bleichgesichter da sitzen mit leeren Augen im Gesicht, nicht wissend, was für eine großartige stille, weite Landschaft sie vor sich haben, mit einem unendlichen Horizont, der irgendwo weit hinten mit der Erde in Verbindung steht.

posted by Ullrich Wannhoff – reblogged vom 17.5.2014 – nach genau 5 Jahren

Teil II dieses Beitrags: Das süße Spreewasser fließt in den Dämeritzsee – Sonnige Tierbeobachtungen. In seinem Buch „Der stille Fluss Kamtschatka“ kann man erfahren, was Ullrich Wannhoff auf einer 400 km langen Paddeltour auf dem Kamtschatka-Fluss erlebte und was ihn dort bewegte. Eine Kostprobe bietet „Bis zum Stillen Ozean und weiter“ hier auf dem Blog.

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Von Weimar und Dessau nach Übersee: Architektur-Moderne

Auf den Spuren der Moderne in aller Welt: Der Berliner Fotograf Jean Molitor (geb. 1960) spürt den Einflüssen des Bauhauses nach und wird auf vielen Kontinenten fündig

reblogged vom 20. September 2015 – aus Anlass der diesjährigen Ausstellungen Jean Molitors

Der Berliner Fotograf und Filmemacher Jean Molitor beschäftigt sich seit Jahren mit der Dokumentation von Gebäuden, die der klassischen Moderne und ihren Nachfolgern zuzuordnen sind.

Kurhaus in Warnemünde – Foto: © Jean Molitor
An der Ostseeküste: das Kurhaus in Warnemünde, entworfen von Gustav Wilhelm Berringer – Foto: © Jean Molitor

Dabei begrenzt sich Molitors Suche weder auf Deutschland noch auf Europa. Er begibt sich auf Reisen nach Russland, in die Türkei, nach Israel, Afghanistan und Indien, die USA oder sogar nach Burundi und in den Kongo.

Boat House in Tel Aviv – Foto: © Jean Molitor
An den Gestaden des Mittelmeeres: Boat House in Tel Aviv, entworfen von Shimon Hamadi Livi 1934-35 – Foto: © Jean Molitor
Met Life Bürohaus in New York City – Foto: © Jean Molitor
Das Met Life Bürohaus, früher PanAm Building, in New York City, von Walter Gropius und Pietro Belluschi – Foto: © Jean Molitor

Überall spürt er interessante Objekte auf, die manchmal infolge von Veränderungen oder Verfall kaum noch als Vertreter der Moderne zu erkennen sind. Sein minutiöses und geduldiges Vorgehen bei den Aufnahmen und die Arbeit im Fotolabor bringt erstaunliche Ergebnisse hervor.

Petersburg Textilfabrik Rotes Banner – Foto: © Jean Molitor
Petersburg Textilfabrik Rotes Banner, Trafoturm, von Erich Mendelsohn, 1927 – Foto: © Jean Molitor

Mit aufwendiger Recherche versucht Molitor herauszufinden, wann die Gebäude entstanden und welche Architekten am Werk waren – was nicht immer gelingt; denn anders als in Europa sind in entlegeneren Gegenden der Welt entsprechende Dokumentationen kaum verfügbar.

Passagierterminal in Istanbul – Foto: © Jean Molitor
Passagierterminal in Istanbul, erbaut 1937-38 von Rebii Gorbon und Georges Débes – Foto: © Jean Molitor
Seevilla in Istanbul - Foto: © Jean Molitor
Seevilla (Sommerpalast) für Atatürk in Istanbul, entworfen von Seyfi Arkan 1935 – Foto: © Jean Molitor

Jean Molitor fand dabei nicht nur ungewöhnliche, sondern manche auch bisher weithin unbekannte Nachweise für die weltweite Verbreitung einer Stilrevolution, die einst mit Walter Gropius und dem Bauhaus in Weimar und Dessau begonnen hatte.

Feuerwehr Miami – Foto: © Jean Molitor
Feuerwehr Miami, von Robert Law Weed & Edwin T. Reeder 1939 – Foto: © Jean Molitor
 Albert Pick Music Library Miami – Foto: © Jean Molitor
Albert Pick Music Library auf dem Campus der University of Miami, im Bauhaus-Stil entworfen von Robert Little 1957 – Foto: © Jean Molitor

Seine „Entdeckungen“ in Sachen internationaler Architektur, die im Nachwirken der Ära des Aufbruchs der 1920er Jahre entstand – von Neuer Sachlichkeit/Bauhaus bis hin zu Elementen von Art Deco – dokumentiert Jean Molitor in Ausstellungen, Dokumentationen und auch mit jährlich erscheinenden Kalendern.

Kalender 2016
Beispiel: Kalender 2016

reblogged vom September 2015 von Wolfgang Opel

Update: In diesem Jahr (2019) fanden und finden zahlreiche Ausstellungen dazu statt, so in Berlin, in Hamburg und an weiteren Orten, auch international. Kürzlich erschienen Jean Molitors Buch Bau1haus – die moderne in der welt sowie von Kaija Voss und Jean Molitor: Bauhaus. Eine fotografische Weltreise / A photographic journey around the world.

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Das Blut der Erde leuchtet in die Nacht

reblogged vom 31. Januar 2013

Unerwarteter Vulkanausbruch auf Kamtschatka am 27.11.2012

Vulkan in der Dämmerung
Vulkan in der Dämmerung – Foto: Viktor Okrugi

Einige Monate vor dem Spaltenausbruch am Ploski Tolbatschik („flacher Tolbatschik“) verbrachten wir im September mit einer kleinen Reisegruppe aus Schweizern und Deutschen drei interessante Tage zwischen den schwarzen und roten Aschekegeln, die sich bis zum Horizont hinziehen.

Im Hintergrund: Bolshoya Udina
Im Hintergrund: Bolshoya Udina – Foto: Ullrich Wannhoff

Ein Teil der Gruppe hatte „Holzklasse“ gebucht; die etwas härter Gesottenen zelteten direkt auf dem körnigen Ascheboden, der mit seinen vielen Hohlkörpern wie eine Isomatte wirkt. „Holzklasse“ bedeutete, dass Einheimische in den letzten Jahren hier kleine Holzhäuser gebaut hatten, als Unterkünfte mit der Möglichkeit, an langen Tischen gemeinsam Essen einzunehmen. Ein großer Vorteil gegenüber der Situation, wenn Küchenzelte aufgebaut werden müssen, die durch Wind und Sturm gebeutelt werden und oft die Zerreißprobe nicht bestehen.

Holzhütten am Tobaltschik vor dem Ausbruch
Holzhütten am Tobaltschik vor dem Ausbruch – Foto: Ullrich Wannhoff

Dieses Fleckchen Erde nannten die Russen „Leningradstation“, denn Wissenschaftler aus Leningrad hatten hier einst ihr Mondmobil „Lunochod“ getestet. 1991 hatten wir das große Glück, dieses Fahrzeug noch zu sehen – voller Stolz wurde es uns vorgeführt. Mit der Abschaffung des Sozialismus und der Wandlung in ein neues, altes Russland war das erledigt. Fehlende Gelder ließen sowohl dieses Objekt als auch das ganze Mondprojekt sterben, aber die Holzhütten blieben erhalten – bis zum November 2012.

Nach dem Ausbruch des Vulkans am 27. November flog eine Unmenge Asche und eine Art glühender Regen auf die Häuser. Sie gehörten zum ersten, was der Lavastrom verschlang, wie auch die unterirdischen Zieselbaue, deren Bewohner mitten im Winterschlaf für immer in der Hitze verschmorten, genau wie all die Insekten, die dort überwinterten. Zweibeinige Einwohner kamen nicht zu Schaden, weil die nächste Siedlung Kosyrewsk etwa 30 Kilometer entfernt liegt – sie konnten das beeindruckende Spektakel von dort aus beobachteten.

Wolken am Tobaltschik
Wolken am Tobaltschik – Foto: Ullrich Wannhoff

Im Sommer war uns der Aufstieg zum Ploski Tolbatschik verwehrt geblieben. Regen, der in Schnee überging, machte den Abbruch des Vorhabens nötig. Das war ungefähr an der Stelle, wo jetzt glühende Lava bis zwanzig Kilometer lang zähflüssig und brüllend in die Schneelandschaft fließt und Wasserdampf, mit Asche vermischt, in den Himmel steigt.

Wir hatten am nächsten Tag die Dykes am Ostrij Tolbatschik („Spitzer Tolbatschik“) besucht. Das sind Lavaschlote, die einst schnell nach oben stießen und dann zu einer in den Himmel ragende Säule erstarrten. Über tausende Jahre haben Regen, Schnee und Wind den Basalt geschliffen. Nicht weit davon, taleinwärts an einem reißenden Bach, liegt eine alte Beobachtungshütte, die während des Vulkan-Ausbruches 1975/1976 erbaut wurde. Von dort aus konnte man aus sicherer Position den Ausbruch des nördlichen und südlichen Konus vom Tolbatschik beobachten. Nun wird auch diese Hütte mit ihrer Geschichte von Asche bedeckt, und erst im nächsten Sommer zeigt sich, ob sie wieder genutzt werden kann.

Der schneebedeckte  Tobaltschik
Der schneebedeckte Tobaltschik – Foto: Ullrich Wannhoff

Mit denjenigen, die noch nicht genug vom Tage hatten, wanderten wir damals am Abend nach oben zu einem großen roten Aschekegel, der in der untergehenden Sonne glühte. Eisige Stürme kamen uns entgegen, aber die Aussicht – die war „bilderreif“!!! In Richtung Süden sahen wir den Kizimen, und unsere Herzen schlugen höher. Ich sagte: „Schaut mal – der raucht“, denn am blauen Horizont sah man den Ascherauch aufsteigen.
Wir kamen nicht aus dem Staunen heraus. „Jetzt fehlt bloß noch der Tolbatschik-Ausbruch“ lästerte ich sorglos dahin. Um so erstaunter war ich, als Ende November E-Mails aus Petropavlovsk erhielt. Mein Freund Viktor Okrugin übersandte mir gleich aktuelle Fotos, die er vom Hubschrauber aufgenommen hat und ich hier veröffentlichen darf. Viele Freunde in Deutschland riefen mich an: „Ulli, Vulkanausbruch, warum sind wir nicht dort?“ Tja…

Ausbruch des Tobaltschik
Ausbruch des Tobaltschik – Foto: Viktor Okrugin

Derzeit [ Januar 2013] rauchen auf Kamtschatka vier Vulkane, die sich alle in einer Bruchlinie befinden. Die schwere pazifische Ozeanplatte südlich der Aleuteninselkette rutscht unter die Eurasische Festlandsplatte, und die ozeanische Platte des Beringmeeres oberhalb der Aleuten ist auch in Bewegung, so dass verschiedene Drücke und Kräfte auf die Vulkane im zentralen Teil Kamtschatka einwirken.

Feuer aus dem Tobaltschik
Feuer aus dem Tobaltschik – Foto: Viktor Okrugin

Das betrifft die große Vulkanruine Schivelutsch (3307m), die auf der anderen Seite, nördlich des Kamtschatkaflusses liegt, und den „kleinen“ Besimjany (2869m) am südlichen Fuße des Kameny (4579m) und Klutschewskaya (4688m), der nördlich des Tolbatschiks seine Rauchfahne zeigt. Dazu kommen der Spaltenausbruch des Ploski Tolbatschiks (3062m), der jetzt am aktivsten ist, und der Kizimen (2375m), dessen leichte Ascherauchfahne hochsteigt – im Satellitenbild gut erkennbar.
Auf dieser Linie liegen noch mehrere aktive Vulkane, und man ist vor Überraschung nicht gefeit…

Tobaltschik: Feuer, Dampf, Schnee und Eis
Tobaltschik: Feuer, Dampf, Schnee und Eis – Foto: Viktor Okrugin
Tobaltschik in Aktion
Tobaltschik in Aktion – Foto: Viktor Okrugin

reblogged vom 31. Januar 2013 von Ullrich Wannhoff

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Northwest Passage, 166 years ago

After being trapped in the Arctic ice for three winters, the search expedition of HMS Investigator had narrowly escaped a catastrophe like that which had happened to the Franklin expedition …

reblogged from June 14, 2013 – [but then, it had read in the title „… 160 years ago…]“

Deutsche Version hier.

Totally exhausted were the men of HMS Investigator, when they arrived at Dealy Island (near Melville Island, today: Canadian Arctic, Nunavut), in the beginning of May, 1853. They had made a long and strenous walk from the Bay of Mercy on Banks Island over the frozen Arctic Ocean, which took them more than 2 weeks. Now they were rescued and got finally enough food and warm clothing on board of the ships HMS Resolute and HMS Intrepid which were frozen in the ice. The men had barely escaped death by starvation and disease. Most were heavily affected by scurvy and had to lay in sickbed; only a few, such as Johann August Miertsching and Samuel Gurney Cresswell, felt something better.

Expedition ships in their winter quarters
Expedition ships in their winter quarters – sketch by Walter William May, 1855

But just three days later, two of them, accompanied by a group of idle sailors from HMS Resolute, started their next walk: 300 miles eastward through the Arctic to HMS North Star near Beechey Island. Lieutenant Cresswell, on behalf of Captain McClure, should as soon as possible bring the news of finding the Northwest Passage, as well as accompany his insane companion Wynniatt, home to England.

19th century's chart of the Northwest passage
19th century’s chart of the Northwest passage

Johann August Miertsching, who also had already felt strong enough for the walk, would have loved to to go with his two companions without hesitation – to return home, after three gruelling winters in the Arctic; but the commanding Captain Kellett from HMS Resolute wanted to have him available: being the only Inuktitut interpreter, Miertsching would be needed in the upcoming journey of the ships to inquire the Inuit on the coasts of Baffinland and Greenland regarding the fate of the lost Franklin expedition.

Musk oxen in defense position - Photo Credit: US Fish and Wildlife Service
Musk oxen in defense position – Photo Credit: US Fish and Wildlife Service

So, instead, Miertsching earned some merits as a successful hunter: „Since we had now so many persons weak and sick with scurvy in both ships, everything was done to provide them with fresh meat, which is the best cure for scurvy; I was asked … by Capt. Kellett to go on the hunt … In May and June we shot muskoxen, caribou, snow hares and ptarmigans…“ . Which also brought him some advantage: he didn’t need to spend his time in the stale air of the overheated and wet ships; he camped in a hunting tent instead and could enjoy the clear weather which was still quite cool, but altogether pleasant with many sunny hours.

Franklin Strait
Completely ice-free in September 2012: The Franklin Strait

It is well-known that HMS Resolute and Intrepid could not make it through the Arctic ice and were finally abandoned. But 160 years later, the situation has totally changed. In 2011 already 33 ships took their way through the Northwest Passage, and with the waterway nearly ice-free in the summer of 2012, there will be even a rowing expedition this summer to attempt the project: three Irishmen and a Canadian are planning to cross the 3,000-mile passage in one season, only with the help of their physical strength – the climate change could make it possible. The four men want to start already in early July from Inuvik in the Western Arctic to Pond Inlet (Baffin Iceland). They intend to row, working in shifts 24 hours a day and quoted 2-3 months for the tour. The expedition is sponsored by a alternative and sustainable power production company; it is intended to draw attention on the disastrous consequences of global warming.

About Miertsching and the Northwest Passage you can also read here; more will follow later on this blog. In our book Kanada Länderporträt you can find a special section dedicated to the discovery of the Northwest Passage.

Re-blogged from June, 2013 by Mechtild Opel

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Nordwestpassage vor 166 Jahren: Mai 1853

Nach drei Überwinterungen im arktischen Eis war die Suchexpedition an Bord von HMS Investigator nur knapp einer ebensolchen Katastrophe entgangen, wie sie die gesuchte Franklin-Expedition ereilt hatte…

reblogged vom 15. Mai 2013 – damals hieß es im Titel „… vor 160 Jahren…“

English version here.

Total erschöpft waren die Männer von der HMS Investigator, die Anfang Mai 1853 einen über zweiwöchigen Marsch von der Mercy Bay auf Banks Island über das Eis des Nordpolarmeeres nach Dealy Island vor Melville Island (heute: kanadische Arktis, Nunavut) unternahmen. Hier lagen die rettenden Schiffe HMS Resolute und HMS Intrepid im Eis, hier gab es Lebensmittel und warme Kleidung. Die Männer waren dem Tod durch Hunger und Krankheit nur knapp entronnen. Die meisten waren stark vom Skorbut betroffen und gehörten aufs Krankenlager; nur wenigen, wie Johann August Miertsching und Samuel Gurney Cresswell, ging es etwas besser.

HMS Resolute im Winterquartier
HMS Resolute im Winterquartier, Dealy Island – zeitgenössische Darstellung

Schon drei Tage später brachen zwei von ihnen, begleitet von einem Trupp unbeschäftigter Matrosen von HMS Resolute, zu einem nächsten Fußmarsch durch die Arktis auf – nach Beechey Island, 300 Meilen im Osten, wo HMS North Star wartete. Lieutenant Cresswell sollte im Auftrag von Kapitän McClure die Nachricht vom Auffinden der Nordwestpassage sowie seinen erkrankten Kollegen Wynniatt so schnell wie möglich nach England bringen.

Kapitän McClures Karte
Kapitän McClures Karte zeigt neu entdeckte Inseln und Passagen

Johann August Miertsching, der sich ebenfalls bereits stark genug für den Marsch fühlte und nach drei strapaziösen Wintern in der Arktis gern nach Hause zurückgekehrt wäre, hätte seine beiden Gefährten ohne Zögern begleitet, aber der kommandierende Kapitän Kellet von der HMS Resolute wollte ihn – als den einzigen Inuit-Dolmetscher – zur Verfügung haben, um im kommenden Sommer die Inuit an den Küsten von Baffinland und Grönland nach dem Schicksal der verschollenen Franklin-Expedition zu befragen.

Moschusochse By Quartl (Own work) via Wikimedia Commons
Moschusochse – By Quartl (Own work) via Wikimedia Commons

So machte Miertsching sich stattdessen erst einmal als erfolgreicher Jäger verdient: „Da wir nun in beiden Schiffen so viele Schwache und Skorbutkranke hatten, so wurde alles aufgeboten, diese mit frischem Fleisch zu versehen, welches die beste Medizin gegen den Skorbut ist; ich wurde … von Kapt. Kellet ersucht, auf die Jagd zu gehen … Im Mai und Juni schossen wir Muskoxen, Rennthiere, weiße Hasen und Schneehühner …“. Das brachte ihm zudem den Vorteil, dass er seine Zeit nicht in den überheizten und feuchten Schiffen in verbrauchter Luft verbringen musste, sondern im Jagdzelt kampierte und zwar noch recht kühles, aber durch die zahlreichen sonnigen Stunden insgesamt angenehmes Wetter genießen konnte.

Am Eingang Bellot Strait
2012 am Eingang der damals völlig eisfreien Bellot Strait

Dass HMS Resolute und HMS Intrepid es damals nicht durch das arktische Eis schaffen konnten und schließlich aufgegeben wurden, ist bekannt.
160 Jahre später aber hat sich die Situation total geändert. 2011 passierten bereits 33 Schiffe die Nordwestpassage, und nachdem sie sich im Spätsommer 2012 nahezu eisfrei zeigte, wird es in diesem Jahr [gemeint ist 2013] sogar eine Ruder-Expedition geben, die die Durchquerung angeht: Drei Iren und ein Kanadier planen, die 3.000 km lange Passage in einer Saison nur mit ihrer Körperkraft zu durchqueren – der Klimawandel macht so einen Versuch möglich. Die vier Männer wollen bereits Anfang Juli von Inuvik in der Westarktis nach Pond Inlet (Baffin Island) starten. Sie haben vor, im Schichtbetrieb 24 Stunden täglich zu rudern, und veranschlagen 2-3 Monate für die Tour. Gesponsert wird diese Expedition von einer Firma für alternative, nachhaltige Energie-Erzeugung; damit soll die Aufmerksamkeit auf die katastrophalen Folgen der globalen Klimaerwärmung gelenkt werden.

Mehr zur Nordwestpassage folgt auf diesem Blog. Auch in unserem Kanada-Länderproträt findet man einen Abschnitt zur Entdeckung der Nordwestpassage.
Siehe auch „Ein Sorbe in der Arktis“ – und zukünftige Beiträge zum Thema

reblogged vom 15. Mai 2013 by Mechtild Opel

Nachtrag vom August 2022: Wir freuen uns sehr, dass unser Buch „Weil ich ein Inuk bin. Johann August Miertsching – ein Lebensbild“ im Sommer 2022 im Berliner Lukas Verlag erschienen ist.

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Eine Rose auf dem Bebelplatz – Tag des freien Buches

Heute haben wir eine Rose auf dem Berliner Bebel-Platz niedergelegt. Auf dem Platz vor St.-Hedwigskathedrale und „Kommode“ (Alte Bibliothek) befindet sich eine Gedenkstätte.
Unter einer im Boden eingelassenen Glasplatte erkennt man leere Bücherregale für 20.000 Bände.

Vor 86 Jahren, am 10. Mai 1933, brannte hier ein Scheiterhaufen.
Kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten waren im Rahmen der „Aktion wider den undeutschen Geist“ nicht nur in Berlin, sondern auch in vielen anderen Städten Deutschlands zehntausende Bücher von jüdischen, marxistischen und pazifistischen Schriftstellern konfisziert und verbrannt worden.

Bücherverbrennung in Berlin am 10. Mai 1933 – Bundesarchiv, Bild 102-14597

Zuvor waren öffentliche Bibliotheken und Buchhandlungen, aber auch private Bestände nach „verbrennungswürdiger“ Literatur durchsucht worden. Bücher des „undeutschen Geistes“ – z.B. wie hier im Bild, von Heinrich Heine, Stefan Zweig, Erst Toller, Theodor Plivier, Karl August Wittfogel, Upton Sinclair, George Grosz, Wieland Herzfelde, John Dos Passos, Leo Trotzki, Heinrich Mann und vielen anderen – wurden damals aussortiert und ins Feuer geworfen.

Auch diese Bücher waren damals in Gefahr, im Feuer zu landen

Oft, manchmal täglich, habe ich das eingerahmte Schild gesehen, das in der Buchhandlung meines Vaters an deutlich sichtbarer Stelle hing:

Tag des freien Buches

10. Mai

… und Angst ist es, die sie ganze Bibliotheken verbrennen lässt…“ (Bertolt Brecht).

Der 10. Mai 1947 wurde in Berlin von Kulturvertretern sämtlicher vier Sektoren als Gedenktag anlässlich der Bücherverbrennung 1933 begangen. Danach feierte man ihn zuerst im sowjetischen Sektor, später in der DDR regelmäßig als „Tag des freien Buches“.

Erst nach 12 Jahren konnte man damals die Nationalsozialisten stoppen. Heute trauen sich die Vertreter ihres Gedankenguts wieder aus den Löchern.
Als aber der starke Wind unsere Rose wiederholt davontrieb, waren wir zunächst ratlos – bis von unerwarteter Seite Hilfe kam. Vertreter der Berliner „Linken“ kümmerten sich gerade um ihren Info-Stand in der Nähe und hatten Klebeband dabei, so dass wir die Rose fixieren konnten. Vielen Dank für die Hilfe!

Unsere Rose auf der Gedenkstätte fand allgemeine Aufmerksamkeit

posted by Mechtild Opel – am „Tag des freien Buches“

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Angry Inuk

reblogged vom 20. Februar 2017 – aus aktuellem Anlass:
Der neue von Alethea Arnaquq-Baril produzierte Film „The Grizzlies“ ist gerade die Nummer 1 in den kanadischen Kinos. Es ist ein Film über die Entschlossenheit und Widerstandsfähigkeit einer Gruppe junger Inuit in Kugluktuk, einer Gemeinde am Rand der bewohnten Welt in der kanadischen Arktis, wo man es mit einer der höchsten Selbstmordraten in Kanada zu tun hat. Hoffentlich wird dieser Film auch bald in deutschen Kinos zu sehen sein.
Zudem hat sie heute Geburtstag – Happy Birthday, Alethea Arnaquq-Baril!

Vorerst rebloggen wir unseren Beitrag zu „Angry Inuk„, Aletheas Film, der auf der Berlinale 2017 gezeigt wurde.

Als ich diesen bewegenden Film letztes Jahr im September beim Atlantik Film Festival in Halifax sah, dachte ich: der muss unbedingt in Europa gezeigt werden!

Das Plakat für den Film „Angry Inuk"
Das Plakat für den Film „Angry Inuk“

Die BERLINALE mit dem NATIVe Programm, das in diesem Jahr auf die arktischen Regionen fokussierte, hat diesen Wunsch verwirklicht.

Cinestar IMAX, Berlinale 2017
Cinestar IMAX, Berlinale 2017

Die Jagd auf Robben ist ein kontroverses Thema, das seit Jahrzehnten in öffentlichen Bewusstsein präsent ist. Bilder von den niedlichen weißen Kegelrobben-Babys, die ganz traurig gucken, und darüber, wie die arglosen Tierchen auf den Eisschollen des St.- Lorenz-Golfs erschlagen wurden, haben viele Europäer schon ziemlich oft gesehen, und diese Bilder tauchen immer wieder auf. Dafür sorgen die bekannten Tierschutzorganisationen, in deren Kampagnen und Spendenaufrufen gerade die Robbenjagd eine große Rolle spielt (obgleich die Jagd auf diese niedlichen Robben-Babys schon seit Jahrzehnten verboten ist und Robben im Nordatlantik nicht zu den bedrohten Tierarten gehören!).

Eine Sattelrobbe ruht auf dem Eis
Eine Sattelrobbe ruht auf dem Eis

Bilder von deutschen Schlachthöfen, davon, wie man dort mit den Schweinen, Kälbchen und Rindern umgeht, sind hingegen so gut wie gar nicht präsent im öffentlichen Bewusstsein. Dabei wird dort – pro Tag! – ein Vielfaches der Tiere, die in der Arktis im ganzen Jahr erlegt werden, getötet – abgeschlachtet! Und das passiert bei uns quasi vor der Haustür, nicht in einer fernen Region. Und – aber? – auch viel näher am eigenen Magen.

Alethea Arnaquq-Baril bei der Diskussion über ihren Film
Alethea Arnaquq-Baril bei der Diskussion über ihren Film

In dem berührenden Film der mutigen kanadischen Alethea Arnaquq-Baril, einer jungen Inuit-Mutter, sieht man unter anderem ihr engagiertes Bemühen – das leider vergeblich bleibt – mit Vertretern verschiedener Tierschutzorganisationen in Kontakt und in Dialog zu kommen. Deren Aktivitäten haben nämlich bewirkt, dass durch ein EU-Einfuhrverbot der Markt für Robbenfelle und damit eine wichtige Erwerbsquelle für die Inuit zusammengebrochen ist. Übrigens eine nachhaltige – denn der Robbenbestand in der Arktis ist nicht gefährdet!

Das Fell einer Ringelrobbe wird zum Trocknen aufgespannt
Das Fell einer Ringelrobbe wird zum Trocknen aufgespannt

Im Hohen Norden lebt man völlig anders als bei uns, wie der Film schon in der ersten Szene zeigt. Die Jagd ist dort Bestandteil des alltäglichen Lebens der Inuit. In bewundernswerter Weise verstehen sie seit Jahrhunderten, die wenigen vorhandenen Ressourcen in einer äußerst kargen Umwelt zu nutzen, in der von September bis Mai Winter ist, in der kein Getreide, kein Gemüse wachsen kann. Robbenfleisch ist das Grundnahrungsmittel für diejenigen Inuit, die an der Küste leben – d.h. für fast alle.

Preise für Lebensmittel in der Arktis
Preise für Lebensmittel im Supermarkt in der kanadischen Arktis – Beispiele:
2,5 kg Mehl 15$, 1,4 kg Reis 24$, ein Kopf Blumenkohl 12$, 6 Äpfel für 10$, 1,3 kg Fleisch für 73$

Heute leben Inuit in Siedlungen, müssen Miete, Steuern und ihre Rechnungen bezahlen, benötigen also Einkommen. Noch immer ist die Mehrheit der Inuit in der kanadischen Arktis auf die Jagd angewiesen. Wer einmal dort im örtlichen Supermarkt die Produkte und die Preise gesehen hat, weiß, dass Jagd nicht nur Bestandteil der Kultur, nicht nur normale Erwerbsarbeit ist, sondern für die Mehrheit der Arktisbewohner einfach auch überlebensnotwendig. Um den Hunger zu stillen! Wild findet man nur in größerer Entfernung von den Siedlungen, das Benzin für das Schneemobil, das Boot muss bezahlt werden. Der Verkauf der Robbenfelle und -Produkte trägt in unverzichtbarer Weise zum Lebensunterhalt bei.

Aus Robbenfell gefertigte warme Stiefel
Aus Robbenfell gefertigte warme Stiefe

Gäbe es Alternativen, um den Lebensunterhalt zu verdienen? Im Hohen Norden Kanadas liegen Rohstoffe, wie Uran und Erdöl. Ihre massive Förderung bedeutet die Zerstörung des fragilen Ökosystems Arktis. Der Film macht deutlich, dass die Inuit-Aktivisten ihre Umwelt für sich, ihre Kinder und ihre Enkel bewahren, die arktische Tierwelt und die grandiose Landschaft schützen wollen. Sie fühlen, dass sie mit Greenpeace und den Tierschutzorganisationen auf einer Seite sitzen sollten anstatt Zielscheibe ihrer Kampagnen zu sein – oder von ihnen ignoriert zu werden. Die eigentlichen Gegner? Diejenigen, die die Inuit zur Zustimmung bewegen wollen, für kurzzeitigen „Wohlstand“ die Rohstoff-Ressourcen auszubeuten, ihre nachhaltige Lebensweise aufzugeben und irreversible Eingriffe in die Natur zu gestatten.

Aaju Peter
Mit im Film: Aaju Peter, Designerin für Fellkleidung und Aktivistin für Inuit-Rechte

Die Inuit, ihrer kulturellen Tradition gemäß, zeigen sich normalerweise nicht „angry“ – im Sinne von lautem, lärmenden Protest. Sie bevorzugen es, höflich, bescheiden und mit nachvollziehbarer Argumentation auf ihre Probleme aufmerksam zu machen. Ob so ihre Stimme gehört wird? Dass Angry Inuk kürzlich beim Santa Barbara Film Festival mit dem „Social Justice Award“ geehrt wurde, gibt Hoffnung; man wünscht sich, dass der Film nicht nur vor Tierschutzorganisationen, sondern auch vor dem Europäischen Parlament gezeigt wird – und dass das dort beschlossene Einfuhrverbot für Robbenprodukte aufgehoben wird.

posted by Mechtild Opel – reblogged vom 20. Februar 2017

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The mystery of the dead on Pim Island

reblogged from October 26, 2012 – Deutsche Version hier

When his name was given to a small island off Ellesmere Island in the far North of Canada, Lieutenant Bedford Pim was probably honored for the rescue of the crew of the HMS Investigator, the explorers of the Northwest Passage. He might not have been delighted to hear this because 18 members of the Lady Franklin Bay Expedition of Lieutenant Adolphus Greely had died in tragic circumstances on and near Pim Island in 1884.

Midwinter Fair, Greely Expedition, 1884, I.W. Taber
Midwinter Fair, Greely Expedition, 1884, I.W. Taber

On this unfortunate expedition, many publications exist which are more or less intensively approaching three topics: the incompetence of the Army to lead a scientific expedition (which had resulted in the tragic starvation of most participants); the attempt to hide that cannibalism had emerged in the struggle for survival; and the execution of one participant because of theft of food.

We reach Pim Island
We reach Pim Island

We reach Pim Island, in the Smith Sound between Ellesmere Island and Greenland, in mid-September, the same season as the team of Greely in the year 1883. The low hanging clouds hinder the view of the island. It has snowed; more than 20 cm of fresh snow are giving the landscape a depressing monotony, only broken by few darksome rocks. The sky is grey, all colors have almost completely disappeared, and the omnipresent gloom gives a notion of the terrible events of 1884. But, in contrast to the men then, weakened by months of hunger, we are well saturated, the temperatures today are mild, and with our Arctic-proven ship close by we are feeling safe.

Camp Clay between lake und bay
Camp Clay between lake und bay

We trudge through the snow to the ruins of Camp Clay, which Greely and his people had built from surrounding stones. One of the boats, completed with canvas, served as a roof. There is no sod on this island, which would have been favored as sealing material by the Inuit. It’s hard to imagine that this tiny camp had had enough space to host 25 men! The only illuminant during the polar night was a dim light fed with seal oil. After four months, the first man died, and nearly three months later one after the other of the remaining crew died, until suddenly an unexpected rescue team arrived at June 22, 1884. Of the 25 men, only seven were alive then, and only six made it home.

Scenery at Camp Clay
Scenery at Camp Clay

On June 6, 1884, the soldier Charles Henry who had repeatedly been caught stealing food was executed on command of Greely. It was an unusual judgment and probably unique in the exploration of the Arctic. Unusual especially because Henry was not the only thief and normally petty larceny of food is inducing extenuating circumstances. But the most unusual was the attempt to conceal this execution, which led to much speculation later.

Plaque to remember the  Greely expedition
Plaque to remember the Greely expedition

Charles Henry, an immigrant from Hannover, Germany, whose real name was Karl Heinrich Buck, was even given a funeral with full military honors, after the repatriation of the corpses. Only very slowly, news about the real cause of Henry’s death leaked out, as well as reports of cannibalism. An investigation by the rescue team concluded that meat was taken from six of the bodies.

The survivors of the Greely expedition
The survivors of the Greely expedition

The former events were not fully investigated until today, due to the fact that Greely himself as well as the three soldiers involved in the execution of Henry (among them two more Germans) belonged to the survivors of the expedition. They had sworn to maintain silence about the course of the execution. Documents and evidence disappeared in the years after the rescue of the six. David Legge Brainard, the last who was involved in the execution of Henry, died as a highly decorated Brigadier General as late as 1946. He took the truth about the circumstances of the execution of Henry and about the cannibalism cases to the grave.

posted by Wolfgang Opel on October 26, 2012

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Das Mysterium um die Toten von Pim Island

reblogged vom 24. Oktober 2012 – English version here.

Man wollte wohl Leutnant Bedford Pim für die Rettung der Besatzung der HMS Investigator, den Entdeckern der Nordwestpassage, ehren, als man einer kleinen Insel vor Ellesmere Island im hohen Norden Kanadas seinen Namen gab. Er wird wohl nicht beglückt gewesen sein, als er das hörte, denn gerade auf und bei Pim Island waren 18 Mitglieder der Lady Franklin Bay Expedition von Leutnant Adolphus Greely 1884 unter tragischen Umständen gestorben.

Blick auf das wolkenverhangene Pim Island
Blick auf das wolkenverhangene Pim Island

Über diese Unglücksexpedition sind viele Veröffentlichungen erschienen, die mehr oder weniger intensiv drei Themenkreise umfassen: die Inkompetenz des Militärs zur Führung einer wissenschaftlichen Expedition, die den tragischen Hungertod der meisten Teilnehmer zur Folge hatte; der Versuch der Vertuschung von Kannibalismus im Kampf um das Überleben; und die Hinrichtung eines Teilnehmers wegen des Diebstahls von Nahrungsmitteln.

Der Zufluchtsort auf Pim Island
Der Zufluchtsort auf Pim Island

Wir erreichen Pim Island – im Smith Sound zwischen Ellesmere Island und Grönland – Mitte September, zur gleichen Jahreszeit wie die Mannschaft von Greely im Jahre 1883. Tief hängende Wolken verwehren den Blick auf die Insel. Es hat geschneit, mehr als 20 cm Neuschnee haben der Landschaft eine bedrückende Einförmigkeit verliehen, durchbrochen nur von einzelnen tiefdunklen Felsen. Der Himmel ist grau, Farbe ist fast vollständig verschwunden, und die allgegenwärtige Düsternis macht die schrecklichen Ereignisse von 1884 erahnbar. Im Gegensatz zu den damals von monatelangem Hunger Geschwächten sind wir aber gut gesättigt, die Temperaturen sind mild, und das in einiger Entfernung liegende arktiserprobte Schiff gibt uns Sicherheit.

Ruinen von Camp Clay
Ruinen von Camp Clay

Wir stapfen durch den Schnee zur Ruine des Camps Clay, das sich Greely und seine Leute aus den Steinen der Umgebung gebaut hatten. Als Abdeckung diente eines der Boote und Segeltuch. Grassoden, wie von den Inuit zur Abdichtung bevorzugt, gibt es auf diesem Eiland nicht. Unvorstellbar, dass dieses winzige Camp 25 Mann Platz geboten hatte. Einzige Lichtquelle in der Polarnacht war eine Funzel gespeist mit Robbenöl. Nach vier Monaten starb der erste, und knapp drei Monate später starben dann einer nach dem anderen, bis am 22.6.1884 plötzlich unerwartete Rettung eintraf. Von den 25 Männern waren nur noch sieben am Leben, und nur sechs schafften es bis nach Hause.

Rescue at Cape Sabine/Pim Island - Zeichnung von Albert Operti
Rescue at Cape Sabine/Pim Island – Zeichnung von Albert Operti

Am 6.6.1884 wurde auf Befehl Greelys der Soldat Charles Henry hingerichtet, der mehrfach beim Diebstahl von Lebensmitteln ertappt worden war. Ein ungewöhnliches Urteil und in der Erforschung der Arktis wohl einmalig. Ungewöhnlich deshalb, weil Henry nicht der einzige Dieb war und weil Mundraub eigentlich mildernde Umstände geltend macht. Seltsam aber war vor allem der Versuch des Vertuschens der Hinrichtung, was zu vielen Spekulationen führte.

Fundort der Leiche von Charles Henry
Fundort der Leiche von Charles Henry

Charles Henry, ein aus Hannover stammender Immigrant, dessen richtiger Name Karl Heinrich Buck war, erhielt nach Rückführung des Leichnams sogar ein Begräbnis mit militärischen Ehren. Erst langsam sickerten Nachrichten über die wirkliche Todesursache Henrys sowie auch Berichte über Kannibalismus durch. Wie die Untersuchung durch die Rettungsmannschaft ergeben hatte, war bei sechs Leichnamen Fleisch entnommen worden.

Gedenktafel für die Greely-Expedition

Bis heute wurden die damaligen Ereignisse nicht vollständig aufgeklärt, was der Tatsache geschuldet ist, dass neben Greely auch die drei an der Hinrichtung Henrys beteiligten Soldaten (darunter zwei weitere Deutsche) zu den Überlebenden der Expedition gehörten. Sie hatten sich geschworen, über den Hergang der Hinrichtung Stillschweigen zu bewahren. In den Jahren nach der Rettung der sechs Männer verschwanden Unterlagen und Beweisstücke. Der letzte der an der Hinrichtung Henrys Beteiligten, David Legge Brainard, starb als hochdekorierter Brigadegeneral erst 1946. Er nahm die Wahrheit über die Umstände der Hinrichtung Henrys und über die Kannibalismusfälle mit in sein Grab.

posted by Wolfgang Opel am 24. Oktober 2012

Siehe auch „Franz Joseph Lang – Ein Arktisreisender von der Schwäbischen Alb“ und „Roderich Robert Schneider – Ein Arktisreisender aus Dorfschellenberg in Sachsen

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Neues Meeres-Schutzgebiet

In Reaktion auf die Erwärmung der Arktis diskutieren die Qikitani Inuit Association und die Regierungen Kanadas und Nunavuts zur Zeit ein neues Meeres-Schutzgebiet für das kanadische High Arctic Basin (Tuvaijuittuq).

In Grise Fiord
In Grise Fiord

Zu diesem angedachten Schutzgebiet würde u.a. auch die nördlichste Wohnsiedlung Kanadas, Grise Fiord, gehören. In Inuktitut ist ihr Name Aujuittuq – „Der Ort, der niemals auftaut“.

Grise Fiord, RCMP-Station
RCMP-Station in Grise Fiord
RCMP sledge
Ungewöhnliches Polizei-„Fahrzeug“

Diese nördlichste Siedlung entstand als Maßnahme der kanadischen Regierung zur Durchsetzung ihres Anspruchs auf die Territorien in der „High Arctic“.

Das nördlichste Postamt der Welt
Das nördlichste Postamt der Welt

Das Denkmal unten – geschaffen von dem Inuit-Künstler Looty Pijamini – erinnert an die acht Inuit-Familien, die viel weiter im Süden zuhause waren und 1953 wenig freiwillig in die Nähe des heutigen Grise Fiords umgesiedelt wurden, um als „lebendige Flaggenmasten“ den kanadischen Hoheitsanspruch zu veranschaulichen. Erst vor einigen Jahren hat sich die kanadische Regierung bei den Inuit für diese Zwangsmaßnahme entschuldigt.

Denkmal von Looty Pijamini

Grise Fiord liegt im Bereich des angedachten neuen Meeres-Schutzgebietes im kanadischen High Arctic Basin, das den Namen Tuvaijuittuq trägt. In der Sprache der Inuit bedeutet das „Wo das Eis niemals schmilzt“!

Eisbär im High Arctic Basin

Für die Eisbären, die eigentlichen „Beherrscher der Arktis“, hat die globale Erwärmung gravierende Folgen. Die deutliche Reduzierung des Meereises verringert ihren Lebensraum. Die Auswirkungen auf diese wunderbaren Tiere haben wir – unter vielem anderen – in unserem Buch „Eisbären-Wanderer auf dünnem Eis“ diskutiert.

posted by Wolfgang Opel

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About „IQ“ — and about lack of respect in Cambridge Bay

reblogged from October 10, 2012 – Deutsche Version hier

The topic here is not „intelligence quotient“, but Inuit Qaujimatuqaangit. This term is Inuktitut for „that which has long been known by Inuit“. It is also often translated as „Inuit traditional knowledge“, but „IQ“ is not only knowledge in the sense of a stock of information, it includes also principles and values, it works as a code of behaviour and can navigate the way forward in life.

Aaju Peter, story telling - Foto Wolfgang Opel
Aaju Peter, story telling

As I have learned from Aaju Peter the Inuit originally did not know the term of “ownership of the land” – the land was „owned“ only in the way that everyone came from a place that was appreciated because it offered what was needed. The Inuit would not have survived in the inhospitable Arctic over thousands of years, if they had not respected the land, the sea, the animals, the plants, the rocks, the rivers, the mountains and even the icebergs as entities which have a “spirit”.

Flag of Cambridge Bay
Flag of Cambridge Bay

Such a perception of the environment and the corresponding behavior has enabled them to develop abilities and skills using what the land was offering and to develop a culture of perfect adaptation to the existing resources. They were able to do this in an extreme environment where, over the centuries, so many „white“ explorers had miserably failed, and where even today the average people, used to “civilization”, could hardly survive on their own.
IQ stands for Inuit knowledge of the interrelations in nature, and is based on the principle that humans are permanently learning beings with an infinite potential for problem-solving within the dictates of nature and technology. IQ embraces the concepts of serving, consensus-decision making, collaborative relationship or working together for a common purpose as well as the concept of environmental stewardship.
Could our “Western” society learn something from that?

Kitikmeot Inuit Association, Cambridge Bay
Kitikmeot Inuit Association, Cambridge Bay

Recently, in Cambridge Bay there was a public meeting regarding the future Canadian High Arctic Research Station (CHARS), where engineers, scientists, architects and federal government bureaucrats met with local residents. The Inuit want to make sure that the research station should bridge Western science and Inuit knowledge, but not only in one direction, like in the past. CHARS should be a „two-way bridge“.
And one of the goverment agents actually assured that the research institute will be guided by the principles of Inuit Qaujimatuqaangit.

Infrastructure
Infrastructure

A few days ago, some „Western“ visitors of Cambridge Bay proved that they are equipped with a substantial „AQ*”. A luxury yacht from Australia, during traversing the famed Northwest Passage, moored in Cambridge Bay, and some young Inuit women, among them minors, were invited to a party with alcohol and fireworks, which both are illegal in that community. And that’s not all: the passengers from the Fortrus also appeared to have harassed muskoxen near Mt. Pelly, with the help of rented vehicles, for gaining some extra-ordinary photos and video shots. There are outstanding fines of $10.000 which are still not paid until today.

*AQ here means „Arrogance Quotient“

posted by Mechtild Opel on October 10, 2012

Update by Nov 23, 2012: As to be read in Nunatsiaq News online, the owner of the Fortus, Australian tycoon Paul McDonald, has paid his outstanding bill for Nunavut Liquor Act offenses – he has paid $10,000 on Oct. 29, as RCMP confirmed on Nov. 20.

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Cambridge Bay: über „IQ“ und Mangel an Respekt

reblogged vom 5. Oktober 2012 – English version here

Hier soll es nicht um den „Intelligenzquotienten“ gehen, sondern um Inuit Qaujimatuqaangit. Dieser Begriff aus dem Inuktitut bedeutet im Deutschen etwa: „das, was die Inuit seit langer Zeit wissen“. Man spricht auch vom „traditionellen Wissen“ der Inuit, jedoch geht es bei IQ nicht nur um Wissen im Sinne eines Vorrates an Kenntnissen; es schließt auch Prinzipien und Werte ein und wirkt als Verhaltenscodex, als Navigationshilfe durch den Lauf des Lebens.

Aaju Peter und Lois Suluk-Locke - Foto: Wolfgang Opel
Aaju Peter und Lois Suluk-Locke – Foto: Wolfgang Opel

Von Aaju Peter erfuhr ich, dass den Inuit der Begriff des Eigentums an Land eigentlich fremd ist – das Land „gehörte“ ihnen stets nur insofern, dass sie jeweils von einem Ort kamen, den sie schätzen, der ihnen das bot, was sie brauchten. Sie hätten nicht über tausende Jahre in der unwirtlichen Arktis überleben können, wenn sie nicht das Land, das Meer, die Tiere, die Pflanzen, die Felsen die Flüsse, die Berge, ja selbst die Eisberge, als Wesen mit einem eigenen spirit respektiert hätten. Eine solche Wahrnehmung ihrer Umwelt und die entsprechenden Handlungsweisen haben ihnen ermöglicht, Fähigkeiten und Fertigkeiten zu entwickeln, die genau das nutzten, was das Land bot, also im Einklang mit den vorhandenen Ressourcen eine Lebenskultur der perfekten Anpassung zu entwickeln. Und das in einer Umgebung, in der viele „weiße“ Entdecker bis hinein ins 20. Jahrhundert kläglich scheiterten und wo auch heute noch kaum ein Mitteleuropäer auf sich selbst gestellt überleben könnte.

High School in Cambridge Bay - Foto: Mechtild Opel
High School in Cambridge Bay – Foto: Mechtild Opel

IQ steht für die den Inuit eigenen Einsichten in die Zusammenhänge der Natur, die darauf beruhen, das Menschen ständig lernende Wesen sind, die über ein reiches Potential zur Problemlösung innerhalb der Gesetze der Natur und Technik verfügen; zu IQ gehören auch Prinzipien wie Beitragen zur Gemeinschaft, Konsens bei Entscheidungsfindungen, gegenseitiger Respekt und Zusammenarbeit, Verantwortung und Fürsorge für die Umwelt. Sollte unsere „westliche“ Gesellschaft nicht etwas davon lernen?

Poster an einer Tür in Cambridge Bay - Foto: Wolfgang Opel
Poster an einer Tür in Cambridge Bay – Foto: Wolfgang Opel

Für Cambridge Bay ist eine neue kanadische Forschungseinrichtung in Planung. In einer Planungssitzung vor Ort mit Wissenschaftlern, Architekten und Regierungsbeamten, die Ende September stattfand, forderten Einwohner des Ortes, dass die 2017 zu eröffnende Canadian High Arctic Research Station (CHARS) westliche Wissenschaft und Inuit-Wissen zusammenbringt. Dieser Austausch soll nicht mehr, wie bisher üblich, nur in einer Richtung stattfinden: CHARS soll eine Brücke sein, die auch eine Gegenspur hat.
Und ein verantwortlicher Regierungsvertreter beeilte sich tatsächlich, zu versichern, dass das Institut nach den Prinzipien von Inuit Qaujimatuqaangit geleitet werden wird.

Arctic College in Cambridge Bay - Foto: Wolfgang Opel
Arctic College in Cambridge Bay – Foto: Wolfgang Opel

Kürzlich bewiesen „westliche“ Besucher von Cambridge Bay, dass sie über einen gehörigen AQ* verfügen. Als die australische Luxus-Segeljacht „Fortrus“ beim Durchqueren der Nordwestpassage in Cambridge Bay anlegte – eine Gemeinde, die aufgrund eines Mehrheitsentscheids über keinen Alkoholverkauf – bzw. Ausschank verfügt – lud die Mannschaft junge Frauen, darunter Minderjährige, zur Party mit Alkohol und ebenfalls verbotenem Feuerwerk an Bord. Zuvor hatte man mit Hilfe von geliehenen 4-Wheelern eine Treibjagd auf Moschusochsen zum Zwecke eines Foto-Shooting veranstaltet. Und die dafür fälligen Strafgebühren wurden auch noch mit ungedeckten Schecks bezahlt…

*AQ steht hier für „Arroganz-Quotient“

posted by Mechtild Opel am 5. Oktober 2012

Update vom 23. Nov. 2012: Wie man zwischenzeitlich in Nunatsiaq News online lesen konnte, ist der Eigentümer der Yacht Fortus, der Australier Paul McDonald, seiner offenen Forderung wegen Verletzung des Nunavut Liquor Act nachgekommen – wie die RCMP am 20. November bestätigte, hat er am 29. Oktober $10,000 Strafe gezahlt.

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Belzebub II passierte Mercy Bay

reblogged vom 30.September 2012

Am 2.9.2012 berichtete die Crew der Yacht Belzebub II von der erfolgreichen Befahrung der McClure Strait – unter Ausnutzung eines 36stündigen Zeitfensters, in dem eine schmale Wasserstrasse auch das Passieren der Mercy Bay ermöglichte, bevor sich das Packeis wieder schloss.
Den Namen des Schiffes „Belzebub“ kann man durchaus als Herausforderung an das „Schicksal“ auffassen; denn in einer ähnlichen Situation, allerdings schon 131 Jahre zuvor, hatte sich die HMS Investigator nämlich gerade noch in diese „Bucht der Gnade“, vom Kapitän McClure damals „Bay of God’s Mercy“ genannt, retten können, um nicht vom Eisdruck zerstört zu werden. Johann August Miertsching schrieb darüber in seinem Tagebuch:
„Sobald es aber völlig Tag wurde und bei dem scharfen Westwind aller Nebel verschwandt, sah er (McClure) die Unmöglichkeit auch nur eine Mile weit durch das gegen uns kommende Eis zu kommen. Bei dem hellen Wetter jetzt sahen wir erst, das wir uns in einer Bucht befinden, nahe dem westlichen Ende von Banks Land…“

HMS Investigator im Eis vor Banks Island - Zeichnung von S.G. Cresswell
HMS Investigator im Eis vor Banks Island – Zeichnung von S.G. Cresswell

Man mag sich ein ähnliches Schicksal für die Belzebub II nicht ausmalen, denn die Besatzung der Investigator musste hier zwei Winter im Eis der Arktis verbringen, ehe das Schiff am 7. April 1853 durch Leutnant Pim von HMS Resolute, dessen Todestag sich übrigens heute zum 126. Mal jährt, aufgefunden und die Besatzung dadurch gerettet werden konnte.

Lieutenant Bedford Pim
Lieutenant Bedford Pim – Foto: Lock & Whitfield

Die Eisbedingungen im Bereich von Banks Island unterschieden sich 2012 wohl nur geringfügig von den Bedingungen im Jahr 1851. Ganz anders dagegen in den östlichen Teilen der kanadischen Arktis: hier war die Nordwestpassage bereits fast vollständig eisfrei; nur wenige gelegentlich vorbeidriftende Eisberge erinnerten noch an die Probleme, die vor 165 Jahren zum Verschwinden der Expedition von Sir John Franklin geführt hatten.

Kein Eis im September 2012, Cape Riley/Lancaster Sound - Foto: Wolfgang Opel
Kein Eis im September 2012, Cape Riley/Lancaster Sound – Foto: Wolfgang Opel

Am 16.9.2012 wurde die geringste Eisbedeckung der arktischen Gewässer seit Beginn ihrer messtechnischen Erfassung berichtet.

Rückgang des arktischen Eises  - Grafik: Neven (Arctic Sea Ice Blog)
Rückgang des arktischen Eises – Grafik: Neven (Arctic Sea Ice Blog)

Das Abschmelzen des arktischen Eises geht also mit mindestens unverminderter Stärke weiter. Die Auswirkungen, zum Beispiel immer heißer werdende Sommer in großen Teilen Nordamerikas, können noch nicht vollständig prognostiziert werden. Die Aussagen der Wissenschaftler im Video klingen jedenfalls nicht sehr optimistisch:

posted by Wolfgang Opel am 30. September 2012

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Copper Inuit

reblogged vom 24. September 2012

Wo der Coppermine River nach vielen Windungen durch das Relief des kanadischen Schildes in die Beaufort Sea mündet, an der Nordküste des kanadischen Festlandes, liegt der „Ort des strömenden Wassers“, in der Sprache der Inuit Kugluktuk, auf älteren Landkarten noch als Coppermine bezeichnet.

Blick auf Kugluktuk mit dem Coppermine River - Foto: Wolfgang Opel
Blick auf Kugluktuk mit dem Coppermine River – Foto: Wolfgang Opel

Gut 500 km weiter in Richtung Nordost durch den Coronation Gulf und die Dease Strait liegt an der Südostküste von Victoria Island Cambridge Bay oder Iqaluktuuttiaq – das bedeutet: „ein guter Ort zum Fischen“ – direkt an der Küste. Hinter einem flachen, sandigen Strand reihen sich Häuser und unbefestigte Straßen auf kiesigen, mit Schotter durchsetzten Untergrund. Das harsche Klima mit Dauerfrostboden ermöglicht nur eine spärliche Vegetation von dicht am Boden wachsenden Pflanzen.

Cambridge Bay - Foto: Wolfgang Opel
Cambridge Bay – Foto: Wolfgang Opel

Einst existierte hier nichts als ein Handelsposten der Hudson’s Bay Company, der 1921 eröffnet und dann von einem Dutzend Inuit-Familien regelmäßig besucht wurde; einige davon blieben dauerhaft. Seit den 1960er Jahren wurden dann Fertighäuser in größerer Anzahl errichtet, und inzwischen haben Cambridge Bay wie auch Kugluktuk jeweils etwa 1500 Einwohner. Hier leben die sogenannten Copper Inuit.
Was es mit diesem Namen auf sich hat, beschreibt Johann August Miertsching in seinem „Reisetagebuch“, als er am 2. Juni 1851 über eine Begegnung mit „Eskimos“ auf Victoria Island berichtet: „Ihre Harpunen, Messer, Beile, Pfeilspitzen, Nähnadeln u.s.w. sind alle von Kupfer verfertigt…“.

Copper Inuit (Diorama) - Foto: Wolfgang Opel
Copper Inuit (Diorama) – Foto: Wolfgang Opel

Im Sommer lebten die Copper Inuit in Zelten und durchstreiften in kleinen Gruppen das Inland, um zu fischen und Karibus zu jagen. Im Winter hingegen wohnten sie in Iglus direkt am Meer oder sogar auf dem Eis und lebten vor allem von der Robbenjagd. Sie nutzten natürliche Vorkommen an gediegenem Kupfer aus der Region zur Herstellung ihrer Werkzeuge und boten solche auch benachbarten Stämmen zum Tauschhandel an.
Im Zusammenhang mit der Suche nach der Nordwestpassage gab es im 19. Jahrhundert einige wenige Kontakte mit europäischen Entdeckungsreisenden, wie beispielsweise der, über den Miertsching in seinem Tagebuch über die Reise mit der HMS Investigator berichtete. Dieser hatte noch ein wichtiges Nachspiel, denn das 1853 aufgegebene Schiff und das von der Mannschaft auf Banks Island angelegte Versorgungsdepot bot den Copper-Inuit Gelegenheit, eine Menge für sie sehr seltener Werkstoffe – vor allem Holz und Eisen – zu bergen und sich nutzbar zu machen.

Metall vom Depot auf Banks Island - Foto: Parks Canada
Metall vom Depot auf Banks Island – Foto: Parks Canada

Mit der Seßhaftigkeit seit etwa 60 Jahren erlebten die Copper-Inuit einen kulturellen Umbruch, der ihnen eine gewaltige Anpassungsleistung abverlangte. Über Jahrtausende hatte das nomadisierende Jägervolk ganz selbstverständlich unter extremsten klimatischen Bedingungen gelebt. Die Inuit waren sehr geschickt darin, sich nur von dem, was Land und Meer der Arktis boten, zu ernähren, zu kleiden und sich Steine, Tierhäute, Knochen und Schnee als Baumaterial für ihre Wohnungen zunutze zu machen,
Seit den 1960er Jahren war ihnen dann eine fremde und fremdsprachige Kultur massiv übergestülpt worden, bereits zuvor eingeleitet durch die Tätigkeit christlicher Missionare und dann forciert durch einen Schulunterricht ausschließlich in englischer Sprache. Heute sind die Copper Inuit von Cambridge Bay an die Nutzung von Schneemobilen, Satellitenschüsseln, Telefon und Internet gewöhnt, die Jugendlichen sprechen Englisch und verbringen die Freizeit mit Videospielen. Im Ort findet man natürlich Post und Bank, Polizei und Krankenhaus, Kindergarten und Schule, Department Store und Co-op, und sogar Pizza Hut und KFC, die internationalen Fastfoodketten, sind vertreten. Und natürlich auch mindestens drei Kirchen.

Ruine der alten Steinkirche, Cambridge Bay - Foto: Wolfgang Opel
Ruine der alten Steinkirche, Cambridge Bay – Foto: Wolfgang Opel

Die gewaltigen sozialen Veränderungen im Leben der Copper-Inuit sind – wie auch anderswo im hohen Norden Kanadas – mit nicht wenigen Problemen verbunden. Sie führten zu vielen Brüchen, die sich unter anderen in Alkohol- und Drogenmissbrauch, Gewaltkriminalität und einer hohen Suizidrate zeigen. Eine über Jahrzehnte verfehlte Bildungspolitik hatte zur Folge, dass die Sprache, Inuinnaqtun, heute nur noch von der ältesten Generation fließend gesprochen wird. Enkelkinder und Großeltern können sich oft gar nicht mehr miteinander unterhalten; und erst die jüngste Generation bekommt nun wieder Gelegenheit, die eigene Sprache in der Schule zu lernen.
Die Gefährdung der Sprache steht für die Gefährdung der traditionellen Kultur, zu der nicht nur Pelzkleidung, Trommeltanz und Kehlkopfgesang (Throat-singing) gehören, sondern die gesamte Lebensweise, einschließlich der Ernährung, sowie ein bewährtes traditionelles System der Werte, das Ehrlichkeit, gegenseitigen Respekt, Verantwortung für die Gemeinschaft und Fürsorge für die Umwelt einschließt.
Engagierte Elders setzen sich heute für eine Wiederbelebung dieser kulturellen Werte ein, und man spürt bei der Rückbesinnung auf die Tradition ein wachsendes Selbstbewusstsein. Heute erlernen viele junge Inuit-Mädchen und -Frauen mit Begeisterung den Kehlkopfgesang, der vor 20 Jahren schon fast vergessen war.

Tanya Tagaq - Foto: Michael Höfner
Tanya Tagaq – Foto: Michael Höfner

Als vor ein paar Jahren die Künstlerin Tanya Tagaq aus Cambridge Bay die traditionellen Formen des Throat-singings versuchsweise mit anderen sprachlichen und musikalischen Ausdrucksformen kombinierte, wurde das zufällig von Zuhörern aus Island aufgezeichnet. Kurze Zeit darauf bekam sie eine Einladung von Björk und war an deren CD-Produktion Medúlla beteiligt!

Inzwischen hat Tanya Tagaq ihren Platz in der Avantgarde der Weltmusik gefunden. Der Gründer des Kronos-Quartets, David Harrington, bezeichnete sie gar als „Jimi Hendrix des Inuit Throat-singings“.

posted by Mechtild Opel am 24. September 2012

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