„Kanada – der maritime Osten“ in vierter Auflage erschienen
10 Nationalparks liegen in Kanadas Atlantikprovinzen; und es sind 12 – wenn man denn Québec maritime einbezieht. Genau das bietet die stark überarbeitete (und bereits seit der dritten Auflage 2016 um 36 Seiten erweiterte) neue Auflage meines Buches Kanada – der maritime Osten, das Ende Juni im Reise Know-how Verlag Grundmann erschienen (in der ersten und zweiten Auflage noch bekannt unter dem Titel „Kanada – Maritimes“). In der an Reisezielen so reichen maritimen Region des Ostens liegen auch acht – zählt man Quebec City am St. Lorenz zur maritimen Region, sind es sogar neun, und damit knapp die Hälfte – der 20 kanadischen UNESCO-Welterbestätten.
Am Sandy Beach im Thomas Raddall Provincial Park, Nova Scotia
Was die vom Atlantik umspülten Küstenregionen Kanadas außer den bekannten Nationalparks, Provinzparks und den UNESCO-Stätten zu bieten haben? Vieles mehr, und nicht alles davon ist allgemein bekannt. Unsere Routen führen auch abseits ausgetretener Wege zu reizvoll eingeschnittenen Buchten, langen Sandstränden, spektakulären Felsformationen.
Felsformation am Cape Split, Nova Scotia
Sie führen zu vielgestaltigen Leuchttürmen, in romantisch anmutende Fischerdörfer, durch charaktervolle Städte.
Leuchtturm La Martre, Gaspé-Halbinsel, Québec
Wo wird Geschichte liebevoll „zum Anfassen“ (living history) dargeboten? Welches Fest sollte man nicht verpassen?
Dekoration beim Scarecrow-Festival, Mahone Bay
Auf welche Insel sollte man unbedingt übersetzen? Was sind die besten Destinationen, um Wale zu beobachten?
Walbeobachtung bei Brier Island, Bay of Fundy
Was ist akadischer Forst, und Bäume und andere Pflanzen sind dort zuhause? Welche Tiere lassen sich dort beobachten?
Baumstachler – Porcupine
Wie lebten die Mi’kmaq in vergangenen Zeiten? Vor welchen Herausforderungen stehen sie heute?
Die Mi’kmaq-Tänzerin Ashley Julian am National Aboriginal Day
Und was in aller Welt bedeutet bloß diese blau-weiß-rote Flagge mit dem goldenen Stern?
In den Farben der Akadier: Leuchtturm bei Grande Anse, New Brunswick
Neu – schon seit der dritten Auflage auf nunmehr 466 Seiten: Die Nordküste des St. Lorenz-Stromes in Richtung Labrador wird bereits ab Tadoussac und damit umfangreicher behandelt; völlig neu hinzugekommen sind eine mögliche Anreise von Montreal via Quebec City sowie die reizvollen Îles de la Madeleine. Zu den klassischen maritimen Provinzen Nova Scotia, New Brunswick und Prince Edward Island, der Gaspé-Halbinsel sowie Newfoundland und Labrador hat „Kanada – der maritime Osten“ damit eine deutliche Bereicherung gegenüber früheren Ausgaben („Kanadas maritime Provinzen“) erfahren. Reiseziele und -routen wie auch die „allgemeinen“ Reiseinformationen sind für die vierte Auflage natürlich gründlich überarbeitet, aktualisiert und zum Teil auch mit neuen Fotos versehen worden.
Bei besonderen Festen wird traditionelle Mi’kmaq-Kleidung angelegt
Schon sein vollständiger Name einschließlich der Titel ist beeindruckend: Admiral Sir Francis Leopold McClintock KCB FRS (Knights Commander of the Order of the Bath, Fellow of the Royal Society). Noch beeindruckender sind jedoch seine Leistungen als Marine-Offizier und Arktisforscher. Als McClintock am 8.7.1819 in Dundalk, Irland, geboren wurde, war William Parry, einer seiner berühmten Vorgänger, gerade in Richtung Arktis unterwegs – auf der Suche nach der Nordwestpassage. Schon als 12jähriger begann McClintock seine seemännische Laufbahn als Freiwilliger. 17 Jahre später nahm er erstmalig an einer Arktisexpedition auf der Suche nach John Franklin und seinen Schiffen teil.
Sir Francis Leopold McClintock
Damit hatte McClintock endgültig seine Berufung gefunden. Von 1850-1852 war er unter Horatio Austin erneut auf der Suche nach Franklins Schiffen in der Arktis, und 1852-1854 in der Flotte Edward Belchers als Kapitän von HMS Intrepid. Dabei zeichnete er sich durch extrem lange Schlittenreisen zur Entdeckung und Vermessung des kanadischen Arktis-Archipels aus. 1853 traf er auf Johann August Miertsching und die gerettete Mannschaft der HMS Investigator.
Port Leopold – hier überwinterten McClintock und McClure 1848-49
Sein größter Erfolg gelang McClintock 1859 während der von ihm geführten Suchexpedition mit der „Fox“ nach dem Verbleib Franklins. Nicht nur, weil hier sein Stellvertreter William Hobson die schriftliche Nachricht vom Tod Franklins und eines Teils der Mannschaft fand; die Expedition spürte auch viele weitere Zeugnisse und Relikte vom tragischen Verlauf der Franklin-Expedition auf.
McClintocks Cairn bei Fort Ross nahe der Bellot Strait
Von der Familie gestifteter Gedenkstein für Francis Leopold McClintock bei Fort Ross
In unseren Recherchen über Johann August Miertsching, der übrigens trotz erheblicher finanzieller Angebote darauf verzichtet hatte, als Übersetzer an McClintocks Expedition teilzunehmen, trafen wir immer wieder auf Francis McClintock.
Hier am Gardiner Place wohnte McClintock einst bei seiner Mutter
Dass wir in Dublin auf der Suche nach Zeugnissen über Miertschings Kapitän Robert McClure, der ebenfalls aus Irland stammte, auch auf McClintock stoßen würden, war wenig überraschend. Hier stehen noch die Häuser, in denen letzerer bei seiner Mutter bzw. bei seinem Bruder gewohnt hatte.
Hier am Merrion-Square wohnte McClintock einst bei seinem Bruder
Im National History Museum konnten wir Präparate der Tiere entdecken, die McClintock in der Arktis geschossen und später dem Museum übereignet hatte.
McClintocks Eisbär im Museum
Die Tiere befinden sich hinter Glas in einer Vitrine. Das Loch vor dem Ohr des Eisbären stammt übrigens vom Einschuss der Kugel aus dem Gewehr McClintocks.
McClintocks Moschusochsen-Kalb
Selbst in Halifax, Nova Scotia, lassen sich Spuren von Admiral Francis McClintock verfolgen, der als Commander-in-Chief der North America and West Indies Station im Admiralty House residierte. Hier in Halifax treffen wir ebenfalls wieder auf Miertsching, denn sein Urenkel war der Gründer des hiesigen Maritime Museum of the Atlantic, dessen Bibliothek heute seinen Namen „Niels Jannasch“ trägt.
Admiralty House in Halifax
HMS Northampton, McClintocks Flaggschiff in Halifax
Herzliche Glückwünsche zum 200. Geburtstag, Sir Francis McClintock!
Vor zehn [edit: heute mittlerweile 16] Jahren, im Juli 2003, hatten wir uns auf den Weg gemacht, um per Auto den Südosten Labradors zu erkunden. Das war möglich geworden, nachdem die bis damals existierende kurze Küstenstraße von Blanc-Sablon nach Red Bay um 340 km Schotterpiste auf eine Gesamtlänge von 420 km – bis nach Cartwright – verlängert worden war.
Blick auf Red Bay
Nach etwa 80 km, am Ende der Bitumenstraße, erreichten wir am späten Nachmittag Red Bay – einen freundlichen kleinen Ort an der Strait of Belle Isle, der allerdings auch schon bessere Zeiten gesehen hatte.
Neuzeitliche Fischfabrik in Red Bay, im Verfall begriffen
Jedoch fanden wir ein überaus interessantes Museum mit mehreren Gebäuden und Außenanlagen vor. Wir setzten nach Saddle Island über, um die Reste einer alten Walfangstation zu besichtigen. Auf dem Boot war auch ein Filmteam, geführt von einer älteren Dame. Diese Gruppe blieb noch auf der Insel zurück, als der Schiffer uns später wieder abholte. Er erzählte uns, dass die Frau Selma Barkham sei, der die Entdeckung der Fundstellen auf Saddle Island zu verdanken ist.
Relikt der Vergangenheit: ein verwitterter Walknochen auf Saddle Island
Selma Barkham, die zuvor für Parks Canada gearbeitet hatte, begann in den 1970er Jahren auf eigene Kosten, in baskischen Archiven zu recherchieren. Die Dokumente, die sie fand, berichteten über die Reisen von baskischen Fischern zum Kabeljau- und Walfang nach „Terra Nova“, wie das Land im Westen damals bezeichnet wurde. Selma Barkhams Analyse der Dokumente führte letztendlich zu den Fundstellen auf Saddle Island, wie auch 1978 zur Hebung des heute im Red Bay Visitor Center ausgestellten Wracks der alten Schaluppe durch die Unterwasser-Archäologen von Parks Canada. Mit Hilfe der baskischen Dokumente konnten die meisten Funde auf Saddle Island zugeordnet und identifiziert werden. Viele davon sind heute im Museum in Red Bay zu sehen.
Die alte Schaluppe, die von Unterwasserarchälogen gehoben wurde
Der kleine Ort Red Bay hat nur 227 Einwohner, aber seine Geschichte reicht viel weiter zurück als man glaubt. Bereits vor weit über 400 Jahren, seit ca. 1530, gab es hier eine regelrechte „Fabrik“ zur Herstellung von Walöl. Hunderte bis Tausende Menschen verbrachten die Sommer an den Küsten Südlabradors in reger Geschäftigkeit. Auf Saddle Island wurden die Wale verarbeitet, die vor der Küste harpuniert worden waren. In den ertragreichsten Jahren wurden an den Küsten Labradors jährlich über 20.000 Barrel Walöl produziert. Das 17. Jahrhundert brachte jedoch das Ende der baskischen Walindustrie, wohl eine Folge der Verluste der spanischen Flotte im Kampf gegen die Briten; doch auch die Walbestände in der Strait of Belle Isle waren drastisch zurückgegangen.
Tonscherbenhaufen weisen auf frühere Gebäude der Basken hin
Am vergangenen Sonnabend [edit: vor nunmehr über 6 Jahren!], dem 22. Juni 2013, hat das UNESCO World Heritage Committee die Red Bay Basque Whaling Station zur Liste des Welterbes hinzugefügt. In der Begründung heißt es, dass es das früheste, vollständigste und am besten erhaltene Beispiel für die europäische Walfang-Tradition ist. „Gran Baya“, wie es zur Zeit der Gründung genannt wurde, war die Küstenbasis für das Zerlegen der Wale und die Verarbeitung des Fettes zu Walöl, das damals in Europa sehr gefragt war; es wurde vorwiegend zur Beleuchtung verwendet, aber auch als Spezialöl für feinmechanische Zwecke. Noch heute sieht man die Überreste von Schmelzöfen, Werktstätten zur Faßherstellung, Fundamente der Wohnstätten sowie die Anlegeplätze und einen Friedhof.
Alter Laden – Wird die Gemeinde nun einen neuen Aufschwung nehmen können?
Die Ernennung zur Weltkulturerbestätte wird für den kleinen Ort sicher eine Veränderung bedeuten – man rechnet, dass bis zu 7000 Touristen pro Jahr die neue Attraktion besuchen werden. Hoffen wir, dass auch die Verdienste der [2013] mittlerweile 86jährigen Selma Barkham gewürdigt werden, die durch ihre selbstlose Arbeit ein wichtiges Kapitel baskischer und kanadischer Geschichte aufgedeckt und bekannt gemacht hat.
Wrack in der Bay
reblogged vom 25. Juni 2013 von Mechtild Opel
Nachtrag: Selma Barkham ist oder wird mittlerweile 92 Jahre alt. Sie erhielt vielfältige Ehrungen, u.a. sogar den „Order of Canada“; zuletzt wurde sie 2015 Officer of the Order of Newfoundland and Labrador. Interessantes über die frühe Besiedlung Labradors durch Europäer findet man auch im Kanada-Länderporträt, das Ende Juli 2019 in einer überarbeiten Auflage vorliegen wird. Mehr über Red Bay und andere Sehenswürdigkeiten an Labradors Küste kann man im Reiseführer Kanada – der Maritime Osten nachlesen, der kürzlich im Juni 2019 in der vierten, aktualisierten Auflage erschien.
Es ist schon über sechs Jahre her, dass dieser Beitrag entstand – es sind Auszüge aus einem ausführlicheren Artikel im Heft 2/2013 des Magazins 360° Kanada. Dass wir ihn heute „rebloggen“, hängt natürlich mit dem Umzug unseres alten Blogs zusammen, aber auch damit, dass nun endlich wieder mein Reiseführer Kanada – der maritime Osten in der neuesten und natürlich aktualisierten Ausgabe lieferbar ist. Dort wird im Kapitel New Brunswick nämlich auch die Insel Grand Manan vorgestellt – auf der sich allerdings seit 2013 auch einiges verändert hat! Auf Cliff 7 kann man mittlerweile leider nicht mehr zelten.
reblogged vom 27. März 2013:
Von Naturwundern in der Bay of Fundy
„Cliff 7“ heißt unsere kleine Parzelle auf dem Campingplatz „Hole in the Wall“ auf Grand Manan Island, auf hohen Klippen mit einer herrlichen Aussicht auf das Meer. Direkt unter uns in der Einbuchtung ist ein Herring Weir zu sehen, eine Art Fischfalle, in der sich ständig eine größere Zahl von Robben tummelt, denen hier offenbar ein reicher Tisch gedeckt wurde. Vorhin zog in einiger Entfernung ein Wal vorbei, man sah eine kleinen Finne, bis er wieder abgetaucht war; offenbar ein Minkwal.
Ein „Herring Weir“ vor Grand Manan
Als es dunkel wurde, haben wir uns mit Bruchholz aus der Umgebung ein Feuer gemacht – Cliff 7 hat natürlich einen Picknicktisch und eine Feuerstelle, wie es sich gehört. Nun sitzen wir gemütlich bei Pasta mit Pesto, denken uns den Rotwein dazu (denn wir hatten einfach keine Lust, nochmals loszufahren, um auf der Insel einen Liquor Store zu suchen) und erleben einen phantastischen Sternhimmel …
Buckelwal in der Bay of Fundy
Ausblick auf Wale
… eine Fontäne aus Sprühnebel, und kurz daraufhin erscheint der obere Teil eines Kopfes, es folgt ein sehr langer Rücken, eine relativ kleine Finne, dann der Rest des Rückens: diesmal handelt es sich um einen Finnwal … Wir entdecken gleich noch einen Buckelwal, dann aber zeigt sich plötzlich ein großes Motorboot, kein Walbeobachtungsboot, sondern ein privates „pleasure boat“ unter amerikanischer Flagge. Es fährt mit großer Geschwindigkeit geradeaus, fast auf Konfrontationskurs mit den Walen. Ist das Rücksichtslosigkeit? Ignoranz? Unkenntnis? Das Boot rauscht davon, die Wale sind erst einmal abgetaucht …
Weißkopfseeadler – historische Zeichnung von James Audubon
Audubons Vögel
… Der berühmte Ornithologe und Zeichner John James Audubon … hat 1833 Grand Manan bzw. die vorgelagerte Insel White Head besucht und hier insgesamt 240 verschiedene Spezies gezeichnet. … Gute Plätze zur Vogelbeobachtung heute bietet der Anchorage Provinzpark im Südosten von Grand Manan, wo ein Teil des Strandes hinter einem Bach, der nur bei niedriger Tide überquert werden kann, als Vogelschutzgebiet ausgewiesen ist. Hier im Park wurden an verschiedenen Stellen Plattformen und Tarnwände errichtet, die die Beobachtung erleichtern. Sehr gut ausgebaute, bequeme Wanderwege führten uns vorbei an Strandseen, durch Wald, Heideland und Marschwiesen mit vielen Wildstauden, darunter sogar Orchideen …
Von Blacks Harbour aus fährt die Fähre zur Insel Grand Manan
Mehr über das von gewaltigen Gezeitenunterscheiden geprägte Grand Manan – von den halbnomadischen Passamaquoddy, Penosbcot oder Maliseet, die schon vor hunderten Jahren regelmäßig die Insel besuchten, zu späteren Siedlern aus Europa, über die Anreise zur Insel heute, über Wandermöglichkeiten und die schönsten Plätze Grand Manans, über beindruckende Felsformationen und Gesteinsfunde von Achat bis Zeolith – und, als Höhepunkt, über unser einmaliges nächtliches Erlebnis: wie wir in stiller Nacht auf dem Campingplatz den Walen beim Atmen zuhörten – kann man im Heft 2/2013 des Magazins 360° Kanada nachlesen. Und mehr über das wunderbare Kanada in unserem Kanada-Länderporträt, das in Kürze wieder in einer überarbeiteten und erweiterten Fassung lieferbar sein wird.
Gestern wurde bekanntgegeben, dass Teile der kleinen Insel Kolgujew in der südöstlichen Barents-See, ein wichtiges Gebiet für Zugvögel, Standort einiger bedrohter Arten und Heimat für etwa 400 Nenzen (ein indigenes Volk), zum Naturreservat erklärt wurden. Für uns Anlass, eine Buchbesprechung von 2012 zu „rebloggen“.
Buchrezension: Wassilis Golowanows Roman
Golowanow führt uns in eine „jungfräuliche“ Welt der Natur ein, die zunächst fremd und unberührt zu sein scheint. Doch nach dem Lesen liegt darüber eine zarte Decke, von uns Menschen selbst gestrickt, entstanden im Lauf der Entdeckungsgeschichte, bestehend auch aus Schmerz. Die Flucht aus den Beziehungen und dem Alltagsgetriebe in Moskau auf die Insel Kolgujew bringt Golowanow zu einem Dialog mit sich selbst, zusammengeflochten in einem Gedankennetz, das sich bis nach Paris ausspannt.
Es waren Westeuropäer, die die Insel schon im 16. und 17. Jahrhundert auf Landkarten verzeichneten, auf der Suche nach einem Seeweg nach Indien und China. Unter ihnen befand sich der holländische Seefahrer Willem Barents, der seinen Entdeckerdrang 1597 mit seinem Leben bezahlte.
Karte von 1599, entstanden nach Barents dritter und letzter großen Reise
Nicht nur europäische Forscher, auch Walfänger, Kaufleute, Pelztierjäger und Altgläubige drangen in die unwirtlichen Küstengebiete der Barentssee ein. Die Nenzen, nomadisierende Rentierhirten, wurden mit völlig anderen Kulturen und Lebensformen konfrontiert, die in ihre Lebensweise eingriffen. Ein Prozess von Veränderungen, die bis heute nicht abgeschlossen sind und noch fließen, nur wohin?
Rentierherde – Foto: Ullrich Wannhoff
Heute verschärft die Suche nach Erdgas und Erdöl die Probleme. Lethargie und Alkohol reichen sich die Hand. Wo die ursprüngliche Kultur verloren ging, die heidnischen Götter die Menschen schon längst verlassen haben und die „intellektuelle Decke“ sehr dünn ist, breiten sich Gewalt und Missgunst aus, Wunden, die kaum zu schließen sind und Narben hinterlassen. Nur wenige starke Persönlichkeiten auf der Insel Kolgujew stellen sich den Problemen, von Wassili Golowanow liebevoll beschrieben; die Dialoge zwischen Nenzen und Russen, in einem komplizierten Gefüge aus Abwägung und gegenseitigen Abhängigkeiten, erhalten Tiefe in poetischer Bildsprache.
Rentiergruppe – Foto: Ullrich Wannhoff
Nach mehrmaligen Reisen des Autors auf die Insel hat sich das Leben Golowanows verändert – und vielleicht auch die Sicht der Leser, die hier ein ganz anderes Bild von den „Rändern Russlands“ erhalten können.
Wassilis Golowanow: „Die Insel oder Rechtfertigung des sinnlosen Reisens
Vor 150 Jahren, am 15.6.1869 startete die Zweite Deutsche Nordpolar-Expedition. Unter reger Anteilnahme der Angehörigen und der Bevölkerung verließen die Schiffe Germania und Hansa Bremerhaven in Richtung Arktis. Einmal mehr war der bis dahin unerreichte Nordpol das Ziel – nachdem die Expedition im Jahr zuvor an widrigen Eisbedingungen im Osten Grönlands gescheitert war und umkehren musste.
Auslaufen der Schiffe Germania und Hansa zur Zweiten Deutschen Polarexpedition 1869 von Bremerhaven – Holzstich nach Carl Fedeler
Spiritus Rector der deutschen Aktivitäten in der Arktis war der bekannte Geograf August Petermann aus Gotha, der endgültig die Frage klären wollte, ob sich der geografische Nordpol in einem eisfreien Meer befindet, das nach der Durchquerung eines Packeisgürtels erreicht werden könnte. Petermann war weder der erste noch der letzte Wissenschaftler oder Seefahrer, der die Möglichkeit eines eisfreien Polarmeeres vertrat.
Ersttagsbrief zum Gedenken an die 2. Deutsche Nordpolarexpedition
Zum Expeditionsleiter wurde wieder Carl Koldewey ernannt, der gleichzeitig Kapitän der Germania war. Paul Hegemann diente als Kapitän der Hansa. Unter den Teilnehmern befanden sich die später berühmt gewordenen Arktisreisenden Julius Payer und Wilhelm Bade.
Petermann (Mitte) und Teilnehmer der Zweiten Deutschen Nordpolar-Expedition
Petermann hatte die Arktis-Expeditionen der Vergangenheit aufmerksam studiert und wollte unbedingt den Erfolg seiner Expedition in alle Richtungen absichern. Da man mit dem Kontakt zu Inuit rechnete, sollte ein sprach- und arktiskundiger Übersetzer gewonnen werden. Best geeignet erschien dafür Johann August Miertsching, der an der Suche nach der verschwundenen Franklin-Expedition beteiligt war und dabei seine Sprachkenntnisse erfolgreich bewiesen hatte. Die Nachfrage bei der Herrnhuter Brüdergemeine, zu der Miertsching gehörte, wurde jedoch abschlägig beschieden, da er in Südafrika tätig und dort unabkömmlich sei.
Die Herrnhuter Mission in Genadendal, Südafrika Zeichnung von George French Angas, ca. 1849
Die Schiffe erreichten Mitte Juli das Packeis vor Ostgrönland, doch verloren sie hier den Kontakt zueinander. Die Hansa blieb im Eis stecken und driftete mit dem Ostgrönlandstrom nach Süden. Nachdem das Schiff am 23. Oktober – vom Eis zerstört – gesunken war, begann für die Besatzung die Odyssee einer 200tägigen Drift auf einer immer kleiner werdenden Eisscholle entlang der grönländischen Küste. Über diese ungewöhnliche „Reise“ und ihre dramatischen Momente kann man u.a. in den Tagebüchern von Paul Hegemann und Wilhelm Bade nachlesen (mehr hierzu bietet das Buch von Krause „Zweihundert Tage im Packeis„). Wilhelm Bade wurde später als „Erfinder“ des Spitzbergen-Tourismus bekannt.
Die Hansa, vom Eis zerdrückt
Als die Eisscholle immer kleiner wurde, wechselten die Seeleute in ihre auf das Eis geretteten Beiboote und erreichten am 13. Juni 1870 eine bewohnte Siedlung ganz im Süden von Grönland. Zu ihrer Überraschung trafen sie dort auf Missionare der Herrnhuter Brüdergemeine in ihrer Station Friedrichsthal (heute Narsarmijit), die sie freudestrahlend auf Deutsch begrüßten und zuvorkommend bewirteten, wie sie später in ihren Briefen nach Herrnhut berichteten.
Die Ankunft der Boote in Friedrichtal, heute Narsarmijit
Narsarmijit heute, Foto: Awewewe
Mit Hilfe der Missionare erreichten sie letztendlich ein Schiff, das sie wieder nach Deutschland zurück brachte. Die Reise der Germania verlief im Gegensatz zu der der Hansa erfolgreich, obwohl auch Koldewey nicht einmal in die Nähe des Nordpols gelangte. Bei einer Schlittenexpedition kam er gemeinsam mit Payer bis 77,1° N. Das war der bis dahin nördlichste erreichte Punkt an der Küste Ostgrönlands. Die Fragestellung Petermanns, ob es einen eisfreien Nordpol gäbe, konnte auch bei dieser Expedition nicht abschließend geklärt werden.
Das „Teufelsschloss“ am Kaiser-Franz-Josef-Fjord – bis hierhin gelangte die Germania
Am 24. Mai 1868 startete ein kleiner Segler von Bergen (Norwegen) aus in Richtung Norden. Das Schiff mit dem anspruchsvollen Namen „Grönland“ sollte sich gemäß den Vorstellungen von August Petermann so weit wie möglich dem Nordpol nähern – obgleich es für die großartigen Ambitionen des bekannten Kartografen im fernen Gotha etwas zu klein geraten war.
Die „Grönland“ – Illustration von E. Hochdanz, Stuttgart
August Petermann, 1822 in Bleicherode am Harz geboren, vertrat wie andere Gelehrte seiner Zeit die Idee vom eisfreien Nordpolarmeer, durch das man – nach Querung eines Treibeisgürtels – problemlos den Nordpol erreichen könnte. Diese Idee hatte Petermann u.a. auch auf einer ersten Tagung deutscher Geographen am 23. Juli 1865 im Saalbau in der Frankfurter Junghofstraße vertreten, auf der man übereinkam, eine solche Expedition baldmöglichst zu starten.
Geburtshaus von Petermann in Bleicherode
Der Saalbau in der Frankfurter Junghofstraße, erbaut 1861, zerstört 1944
Es sollte aber noch drei Jahre dauern, bis die Finanzierung geklärt, die Expeditionsleitung und ein Schiff ausgewählt und vor allem über die Aufgabenstellung Klarheit gefunden war. Das Schiff sollte der grönländischen Ostküste nach Norden folgen und bei Problemen mit dem Treibeis nach Osten in Richtung Spitzbergen ausweichen.
Die Gründer und Führer der Expedition, Abbildung in der Gartenlaube, 1868
Die Matrosen der Arktisexpedition in Winterkleidung (1868)
Die Expeditionsleitung wurde Carl Koldewey übertragen, der zwar über seemännische, aber über keinerlei Arktiserfahrungen verfügte. Als erster Steuermann wurde Richard Hildebrandt berufen, auch er ohne Polarerfahrungen. Wissenschaftler waren nicht mit an Bord – keine guten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Unternehmung. Der Nordpol wurde nicht annähernd erreicht, und letztendlich wurde die Expedition von den undurchdringlichen Eismassen zwischen Grönland und Spitzbergen in die Grenzen gewiesen.
Mit dem Traditionssegler „Noorderlicht“ im Nordwesten von Spitzbergen
Fairerweise muss man zugestehen, dass die Grönland nördlich von Spitzbergen eine Breite von 81° 4′ 30″ erreichte – was einen neuen Rekord für Segelschiffe bedeutete – umfangreiche Wetterdaten sammelte und die ganze Mannschaft gesund nach Bremerhaven zurückkehrte. Was zu dieser Zeit ja nicht selbstverständlich war!
Treibeis vor der Küste, Nordwest-Spitzbergen
Route der ersten deutschen Arktisexpedition – Karte: Tentotwo
Petermann und die Finanziers der Expedition waren mit den Ergebnissen zufrieden, und es wurde eine weitere Reise nach Nordostgrönland beschlossen. Diese 2. Deutsche Nordpolarexpedition von 1869/70 stand ebenfalls unter Koldeweys Leitung, und auch Hildebrandt war wieder mit dabei. Sie fand allerdings unter einem noch ungünstigerem Stern statt und endete fast in einer Katastrophe. Dazu demnächst mehr.
Deutsche Seewarte Hamburg 1900
Nach seinen Polarexpeditionen übernahm Carl Koldewey eine leitende Position in der Deutschen Seewarte in Hamburg. Das schöne Gebäude der Seewarte wurde im 2. Weltkrieg zerstört.
Das Literaturhaus Berlin in der Fasanenstraße – Creative Commons, Andi oisn
Richard Hildebrandt fuhr weiter zur See und brachte es bis zum Korvettenkapitän, ehe er sich in Charlottenburg niederließ. Die ehemalige Villa des kulturinteressierten Ehepaars wird heute als Berliner Literaturhaus genutzt.
Die Villa Petermanns in Gotha
August Petermann, der vielleicht bedeutendste Geograf seiner Zeit, nahm sich aus unbekannten Gründen am 25. August 1878 das Leben. Seine Villa in Gotha steht noch heute, wurde nach langem Leerstand glücklicherweise saniert und wird wieder als Wohnhaus genutzt.
Das Grab Petermanns in Gotha
Die „Grönland“ in Bremerhaven, 2016
Die Grönland kam bei der zweiten Expedition Koldeweys nicht mehr zum Einsatz. Sie diente lange Jahre als Küstensegler, Fischerboot und Robbenfänger, bis sie vom Deutschen Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven übernommen wurde, wo sie noch heute als fahrbereites Museumsschiff genutzt wird.
Mit einem grandiosen Konzert eröffnete Tanya Tagaq, eine Inuk aus Iqaluktuuttiaq (Cambridge Bay) in der kanadischen Arktis, das CTM-Festival in Berlin, das in diesem Jahr [edit: gemeint war 2017!] unter dem Motto „Fear – Anger – Love“ steht.
Die faszinierende Tanya Tagaq – beim CTM-Eröffnungskonzert
Iqaluktuuttiaq (Cambridge Bay), Inuit-Gemeinde auf Victoria Island
Gemeinsam mit ihren musikalischen Partnern, dem Geiger Jesse Zubot und dem Schlagzeuger Jean Martin, begeisterte die Vokalistin das Publikum mit einer eindringlichen und bewegenden Performance.
Jean Martin mit Tanya Tagaq
Jesse Zubot an der Violine
Tanya Tagaqs Musik hat ihre Wurzeln im Throat Singing der Inuit und ist heute im weiten Umfeld der Improvisierten Musik angesiedelt.
„Fear – Anger – Love“
Ihre Performance ist nur schwer mit Worten zu beschreiben, man muss sie einfach erleben. Mit einer unglaublich variablen Stimme und viel Körpereinsatz entführt sie in die den meisten verschlossene Welt der Inuit, der arktischen Landschaft und der Tierwelt.
Tanya Tagaq im Konzert
Die selbstbewusste, welterfahrene Tanya Tagaq studierte zunächst Kunst in Halifax; nun ist sie seit über 10 Jahren auf den Bühnen der Kontinente zu Hause. Gerade erschienen ist ihre vierte CD Retribution.
Sie trat nicht nur dem mit dem Kronos Quartett und mit Björk auf, sondern auch mit der hierzulande zu Unrecht noch unbekannten kanadischen First Nations Elektronik-Band A Tribe Called Red, die Hip-Hop, Reggae, Electro House und traditionelle Rhythmen und Gesänge der Ureinwohner zusammenführt.
Recht auf traditionelle Jagd
Die Inuit kämpfen für den Erhalt ihrer Kultur, zu der auch die Jagd gehört; für manche der einzige Weg, ihre Familie zu ernähren. Bei ihrer Biografie verwundert es nicht, dass sich Tanya Tagaq für die Rechte der Arktisbewohner einsetzt und darüber hinaus Feministin, Umwelt- und Bürgerrechtsaktivistin ist.
In Kürze [edit: gemeint war Februar 2017] wird man Tanya Tagaq auf der Berlinale im Kurzfilm Tungijuq erleben können.
Reblogged vom 31. Januar 2017 von Wolfgang Opel – aus Anlass der Preisverleihung für Tanya Tagaq mit dem Indigenous Voices Award für ihren Debütroman Split Tooth. Über ihre Performance Nanook of the North hatten wir bereits früher gebloggt. Am 3. Juli 2019 hat man Gelegenheit, die Künstlerin mit ihrem „hybriden“ Programm aus Lesung und Konzert Split Tooth im Berliner Club Berghain zu erleben.
Für ihren Debütroman „Split Tooth“ erhielt die vielseitige Inuit-Künstlerin Tanya Tagaq am letzten Dienstag den Indigenous Voices Award. Anlass für uns, diesen Beitrag vom März 2014 zu „re-bloggen“:
Die Inuit-Künstlerin Tanya Tagaq holt „Nanuk der Eskimo“ (Nanook of the North) zurück in die Inuit-Kultur – am 6. April 2014 im Badehaus Szimpla Berlin. Der Stummfilm „Nanook of the North“ (1922) von Robert J. Flaherty, der in den 1920er Jahren in den USA wie international große Erfolge beim Publikum erlebte, gilt als erster Dokumentarfilm in Spielfilmlänge. Obwohl er authentische Elemente aus dem traditionellen Leben der Inuit enthält, handelt es sich aber keineswegs um eine Dokumentation; im Gegenteil: fast alles war inszeniert, und man kann es bestenfalls „Dokudrama“ nennen.
Filmplakat aus den 1920er Jahren
Nicht nur, dass die porträtierten Inuit aus dem Norden der Provinz Quebec andere Namen und Familienbeziehungen hatten als im Film; sie lebten zur Zeit der Dreharbeiten bereits in völlig anderen Umständen, als es der Film darstellt. Sie trugen nicht nur andere Kleidung, verwendeten andere Jagdtechniken etc.; sie hatten längst auch eine ganz andere Vorstellung von der Welt als in Flahertys Film dargestellt wird.
Nanooks Frau Nyla – in Wirklichkeit die Geliebte Flaherty
Der Film versucht, das Leben der Inuit vor ihren dauerhaften Kontakten zu den Europäern darzustellen, und tatsächlich gelingt es ihm auch, die bewundernswerten Fähigkeiten der Inuit in einer für uns unwirtlichen, extrem harschen Lebensumgebung zu zeigen und heroische Momente ihres Alltags zu erfassen – ob beim Bau eines Iglus, im Kajak im eisigen arktischen Meer, oder bei der gefährlichen Jagd …
Nanook in einer Jagdszene – Foto: Robert J. Flaherty
Nanook und seine Familie werden als exotische Menschen vorgestellt – sie wirken urig, rührend nett, fast immer fröhlich, sehr tüchtig, aber simpel und naiv – eben aus der Perspektive eines weißen Reisenden von 1922, die wir heute bestenfalls als „kolonial“ oder paternalistisch bezeichnen können, und die den damals verbreiteten Klischeevorstellungen vom „edlen Wilden“ entgegenkam.
In Kürze [gemeint war April 2014] werden wir in Berlin erleben können, wie die Inuit-Künstlerin Tanya Tagaq aus Iqaluktutiak (Cambridge Bay) sich „live“ mit dieser Sichtweise auseinandersetzt und den Stummfilm mit einzigartigen Klängen kontrastiert.
Iqaluktutiak (Cambridge Bay) – Foto: Wolfgang Opel
Tanya Tagaq wurde bekannt für ihren erfinderischen Umgang mit dem traditionellen Inuit-Kehlkopfgesang (katajjaq, „throat singing“ → Kanada-Länderporträt) den sie in freier Improvisation und mit leidenschaftlicher Sinnlichkeit über die Traditionen hinaus erweitert.
Als die Sängerin Björk Tanya Tagaq singen hörte, lud sie sie zur Zusammenarbeit ein, und sie tourten im Jahr 2000 gemeinsam . Tanya ist auf Björks Album Medúlla zu hören und Björk auf Tanyas Debut-Album Sinaa. Später arbeitete Tanya auch mit dem berühmten Kronos-Quartet, dem wahrscheinlich bedeutendsten Quartett für zeitgenössische Klassik, zusammen. [Nachtrag 2019: Viel gelobt wurd ihre Zusammenarbeit mit der angesagten Elektropunkband A Tribe Called Red“ 2016 bei Sila (Album We Are The Halluci Nation) sowie mit Buffy Sainte-Marie bei You Got to Run (Spirit of the Wind) auf ihrem jüngsten Album Medicine Songs von 2017.
Björk 2008 in Melbourne – Foto: deep_schismic
Bereits vor Jahren, als Tanya Tagaq in der Schule den Film „Nanook of the North“ sah, war sie wegen der dargestellten Stereotypen ziemlich peinlich berührt, auch wenn sie gleichzeitig Stolz auf die hier gezeigte Adaptions- und Widerstandsfähigkeit ihrer Vorfahren empfand.
Tanya Tagaq – Foto: Michael Höfner
Aus Anlass der Filmretrospektive „First Peoples Cinema“ auf dem Toronto International Film Festival 2012, bei der auch der alte Stummfilm „Nanook of the North“ gezeigt wurde, schuf sie zusammen mit dem Komponisten Derek Charke, dem Perkussionisten Jean Martin und dem Violinisten Jesse Zubot ein neuartiges Klanggemälde, das – wir können ziemlich sicher sein – den Film wohl nicht einfach akustisch untermalt, sondern kontrastiert; sie selbst äußerte dazu: „Ich fordere den Film zurück. Obgleich ich keinen Zweifel habe, dass Robert Flaherty die Inuit und das Land sehr mochte, sieht er sie durch die Brille von 1922. Es ist toll, dass ich als moderne Frau, ja moderne Inuit-Frau, den Film zurückhole.“
Tanya Tagaq mit Jesse Zubot und Jean Martin – Foto: G;garitan
Nun [edit: das war 2014!] ist Tanya Tagaq Anfang April mit „Nanook of the North“ zusammen mit zwei Begleitmusikern auf Tour. Wer schon einmal Musik von ihr gehört oder ihre Performances auf YouTube gesehen hat, weiß, dass uns eine spannende Veranstaltung* erwartet!
… „[Tagaq makes Inuit throat singing] sound fiercely contemporary, futuristic even. Recalling animal noises and various other nature sounds, she is a dynamo, delivering a sort of gothic sound art while stalking the stage with feral energy.” – The New York Times
Wir schreiben das Jahr 1880. Am frühen Morgen des 16.Oktober erreicht eine ungewöhnliche Reisegesellschaft den Hamburger Bahnhof von Berlin. Es ist eine Gruppe von „Eskimos“, Inuit aus Labrador. Sie reisen in Begleitung von Angestellten des Tierhändlers Carl Hagenbeck auf einer Tournee, einer sogenannten Völkerschau, durch verschiedene Städte Europas: Hamburg, Berlin, Prag, Frankfurt, Darmstadt, Krefeld und Paris sind die Stationen. Die Gruppe besteht aus zwei Familien: Abraham mit seiner Frau Ulrike und den beiden Töchtern Sara und Maria sowie Tobias, ihrem Verwandten aus Hebron, einer Missionsstation der Herrnhuter Brüdergemeine; und Terrianiak (andere Quellen schreiben Tigganiak), der mit Frau Paingo und Tochter Nochasak weiter nördlich von Hebron im Nachvak Fjord lebte.
Berlin, Hamburger Bahnhof, um 1850
Die Reise der Inuit ist erstaunlich gut dokumentiert, sowohl in den Veröffentlichungen der Brüdergemeine und in der Tagespresse, aber auch im Tagebuch von Adrian Jacobsen, dem Beauftragten von Hagenbeck, der die Inuit in Labrador überzeugt hatte, ihm auf einer Reise nach Europa zu folgen, und in einer Broschüre von Hagenbeck. Außerdem gibt es sogar noch die Abschrift einer Übersetzung von tagebuchartigen Notizen des Inuit Abrahams. Diese Abschrift, die seinerzeit Bestandteil verschiedener Veröffentlichungen der Brüdergemeine in deutsch und auch in französisch war, wurde erst 100 Jahre nach der Reise der Inuit durch den kanadischen Wissenschaftler J. Garth Taylor wieder aufgefunden und kurz danach ins Englische übersetzt. Leider aber gelang es bis heute nicht, originale handschriftliche Zeugnisse des schriftkundigen Abrahams, der auf der Reise auch einige Briefe geschrieben hatte, in den Archiven in Kanada, Deutschland, Frankreich, England und den USA zu finden.
Abraham und Familie in einer zeitgenössischen Darstellung, Sammlung M+W Opel
Abraham wurde am 29.1.1845 in Hebron geboren und am 25. Februar dort durch die Missionare getauft. Seine Eltern, Paulus und Elisabeth, bekamen in den nächsten Jahren noch weitere Kinder. Über die Jugend Abrahams ist fast nichts bekannt, 1868 heiratete er eine junge Frau aus Nain, Martha, die dort mit Mutter und Bruder lebte. Da die Inuit zu dieser Zeit noch keine Nachnamen hatten, wurde zur Vermeidung von Verwechslungen bei mehreren Inuit gleichen Namens der Name der Frau hinzugefügt, so dass in den Unterlagen der Herrnhuter Missionare Abraham mit der Ergänzung „Martha“ auftaucht. 1876 muss er eine zweite Ehe eingegangen sein, denn er wurde von da an in den Dokumenten mit dem Zusatz „Ulrike“ aufgeführt.
Hebron in Labrador, die Heimat von Abrahams Familie, im Jahre 2009
In Europa angelangt, wurde Abraham wohl aufgefordert, einen dort üblichen Familiennamen anzugeben, und er wählte mit „Paulus“ den Namen seines Vaters. Ähnlich verfuhr seine Frau Ulrike, die den Familiennamen Henoch (1) nach ihrem Vater wählte; die Nachnamen der Kinder wurden mit Paulus angegeben. Der in der Literatur häufig verwendete Name „Abraham Ulrikab“ ist wohl eine Fehldeutung der Unterschrift Abrahams, die in der Abschrift der Übersetzung durch den Missionar Kretschmer erscheint. „Abraham Ulrikab“ wäre wohl besser als „Abraham, Mann von Ulrike“ zu übersetzen – so wie Abraham auch seine Briefe an den Missionar Elsner unterschrieben hatte, gemäß dessen Übersetzung aus dem Inuktitut.
Terrianiaks Familie, zitgenössische Illustration
Es ist verbürgt, dass es Aufzeichnungen Abrahams über die Reise gab. Bis diese originalen Tagebuchnotizen eines Tages doch noch gefunden werden, muss man Umfang und Exaktheit der vorliegenden überlieferten Übersetzungen kritisch bewerten, denn es fehlt die Erwähnung wichtiger Ereignisse (wie die zahlreichen Fotoaufnahmen von den Inuit in Hamburg, die Vermessung der Inuit durch den Berliner Wissenschaftler Virchow sowie andere Begebenheiten, von denen Jacobsen und Elsner berichteten; sie werden in der Übersetzung von Abrahams Text aber entweder verkürzt oder gar nicht erwähnt), und zudem weichen die verschiedenen Veröffentlichungen der übersetzten Aufzeichnungen Abrahams auch voneinander ab.
Nachvak Fjord in Labrador – von hier kam Terrianiaks Familie
Die Reise der Inuit durch Europa endete leider tragisch – innerhalb weniger Wochen verstarben sie einer nach dem anderen an Pocken. Die Ansteckung erfolgte wohl in Prag, wo damals gerade eine Pockenepidemie herrschte. Ob durch eine Impfung gegen Pocken, die in Labrador nicht vorgenommen werden konnte und bei der Ankunft in Hamburg versäumt worden war, der Tod der Inuit tatsächlich verhindert worden wäre, ist nicht mit Bestimmtheit zu sagen, denn Impfungen waren damals noch nicht sicher, und bis weit in das 20. Jahrhundert starben sowohl in Europa als auch in Labrador immer wieder viele Menschen an Epidemien, die durch Reisende übertragen wurden.
Friedhof in Krefeld mit dem vermuteten Ort der Gräber von 1880, heute eingeebnet
Unsere Suche nach den Gräbern der verstorbenen Inuit war bisher nicht erfolgreich, die Auswirkungen zweier Weltkriege und die lange Zeit seit dem Tod geben kaum Hoffnung, noch Orte des Gedenkens zu finden. Über unsere Suche auf dem Friedhof in Darmstadt hatten wir bereits gebloggt. Von den in Deutschland Verstorbenen konnte bisher nur ein Schicksal teilweise aufgeklärt werden. Der Leichnam der dreijährigen Sara, die in Krefeld starb, wurde auf Veranlassung Rudolf von Virchows exhumiert und von ihm „wissenschaftlich“ untersucht und in der Fachliteratur beschrieben.
Rudolf Virchow, Foto: public domain (Wikimedia)
Die Haltung des renommierten Gelehrten zu seinem Forschungsgegenstand ist nicht nur aus heutiger Sicht erschreckend und abstoßend, sie wiederspiegelt die Arroganz des „gebildeten“ Europäers gegenüber den Angehörigen anderer Völker: „Zuweilen ist es möglich, ganze, frisch abgeschnittene Köpfe zu erhalten. In diesem Falle wird zugleich Haut und Haar der Leiche für spätere Untersuchung erhalten, auch ein grosser Theil physiognomischer Eigenthümlichkeiten, so namentlich die Form der Nase und des Mundes, das Auge und Ohr, bewahrt. Wo es irgend geschehen kann, da ist es daher sehr zu empfehlen, solche Gelegenheiten nicht zu versäumen.“ Zitiert nach Virchow: Anthropologie und prähistorische Forschungen: Anleitung zur wissenschaftlichen Beobachtung auf Reisen, Herausgeber: Georg von Neumayer, Band II, Verlag Robert Oppenheim, Berlin 1888
Dass solcherart Arroganz, verhaltener oder offener Rassismus auch das folgende Jahrhundert überdauert haben, zeigt nicht nur „Kafkas Affe und Hagenbecks Völkerschau“ – leider sind sie bis heute anzutreffen.
reblogged vom 20. April 2013 von Wolfgang Opel
(1) Die Schreibweise „Henoch“ entspricht den Dokumenten der Herrnhuter Brüdergemeine und dürfte der Taufname von Ulrikes Vater sein. Die manchmal verwendete Schreibweise „Henocq“ stammt aus französischen Dokumenten (bezüglich des Todes von Ulrike in Frankreich) und beruht dort wahrscheinlich auf einem Schreibfehler.
Seit Shakespeares „Ein Wintermärchen“ wissen wir, dass Böhmen am Meer liegt: „Bohemia. A desert country by the sea.“ Grund genug hier auf dem Trimaris-Blog an Franz Kafka, den Schriftsteller aus Böhmen, zu erinnern, der heute vor 90 Jahren [reblog-edit: inzwischen sind es mehr als 95 Jahre] in Wien gestorben ist und wie Shakespeare zu den bedeutenden Autoren der Weltliteratur gehört.
Kafka als junger Mann – Foto: Wikipedia
Genau vor 100 Jahren [reblog-edit: inzwischen sind es über 105 Jahre] verlobte Kafka sich mit der im Berliner Prenzlauer Berg (Immanuelkirchstrasse 29) wohnenden Felice Bauer; es begann eine komplizierte Beziehung zwischen Annäherung und Abgrenzung, Verlobung und Entlobung. Sie wechselten hunderte Briefe, sahen sich aber nicht sehr oft. In den zweieinhalb Jahren bis zur endgültigen Trennung von Felice Bauer schrieb Kafka wichtige Erzählungen: „In der Strafkolonie“, „Die Verwandlung“, „Ein Bericht für die Akademie“ und arbeitet am Roman „Der Process“. Das meiste davon entstand in einem kleinen Häuschen, das Kafkas Schwester für ihn in der Prager Alchimistengasse angemietet hatte.
Die Alchimistengasse in Prag 1966 (ganz links Kafkas Wohnhaus)
In „Ein Bericht an die Akademie“ beschreibt Kafka den ungewöhnlichen Vorgang der „Menschwerdung“ eines in Afrika gefangenen Menschenaffen, der vor die Wahl gestellt, ob er lieber im Zoo oder im Varieté auftreten möchte, sich umgehend für die zweite Variante entscheidet.
Sogenannte „Affenfrau“, die auf einer Freakshow gezeigt wurde
Das ganze Szenarium erinnert uns sofort an Freak Shows oder auch an die Hagenbeckschen Völkerschauen und ähnliche Vorführungen, für die sogenannte „Wilde“ aus Samoa, aus Grönland und Labrador, aus Afrika und vielen anderen Teilen der Welt zur Bildung und Belustigung eines neugierigen Publikums mehr oder weniger freiwillig engagiert wurden. Auch Prag war ein Ort für solche Darbietungen.
Grönländer bei einer Völkerschau – Abbildung aus den Hottinger Volksblatt 1878
Poster einer Hagenbeck-Völkerschau
Wissenschaftler wie Virchow oder Boas nutzten auch Völkerschauen für ihre anthropologischen Studien, wobei damals die Messungen von Schädeln und Gliedmaßen zum Teil auch Hypothesen einer angenommenen Überlegenheit der Europäer gegenüber den wohl bald aussterbenden „primitiven“ Völker stützen sollten.
Rudolf Virchow mit Instrument für anatomische Vermessungen
Material für weitere derartige Studien wurde auch von Forschungsreisenden besorgt, die in der ganzen Welt begierig Gräber plünderten, Leichen skelettierten und vermutlich sogar vor Auftragsmorden nicht zurückschreckten, um an ganz besonders spektakuläres „Material“ zu kommen.
In einer Abhandlung ging Virchow auf diesen Schädel eines Ekimokindes ein
Kafka wäre nicht Kafka, wenn sich solche wie die gerade beschriebenen Vorgänge nur eindimensional in „Ein Bericht an die Akademie“ wiederfinden würden. Die Erzählung ist natürlich viel komplexer und bietet viele Möglichkeiten zur Interpretation – damals wie heute. „Kafkaesk“ ist sie auf jeden Fall.
Gedenktafel an Kafkas Geburtshaus
Bestimmte aktuelle Entwicklungen und Ereignisse – das Ausgeliefertsein gegenüber Überwachungsmechanismen und mangelnde Möglichkeiten der Einflussnahme auf weitreichende politische Entscheidungen etc. – fordern regelrecht dazu auf, sich wieder einmal intensiver mit Kafkas Werken auseinanderzusetzen – nicht nur weil sich gerade heute [reblog-edit: am 3. Juni] sein Todestag jährt.
„ALL ABOARD! The Ghost Ship of Cannibal Rats!“ – so it sounds in one song on the latest album of Canadian rock band „Billy Talent„. It is said that the lyrics were inspired by news about the ship „M/V Lyubov Orlova“, which had disappeared in the North Atlantic in 2013. It’s an occasion again to remember this legendary ship, where once we ourselves have been on board! – Below we will post a contribution from February 2013.
M/V Lyubov Orlova – lots of good memories
Deutsche Leser finden einen anderen Text zum Thema hier.
She had seen much better days. When the cruise ship M/V Lyubov Orlova sailed through the Canadian Arctic and up to Greenland, operated by the Inuit-owned Cruise North Expeditions between 2006 and 2010, it was always an adventure – and also kind of expedition – for the passengers.
M/V Lyubov Orlova off the coast of Labrador
And it was an adventure, too, for young Inuit. They got the opportunity to work as trainees aboard the ship, making their work experiences with cruising and with hospitality management and meeting tourists from many parts of the world, all the while telling them about Inuit culture and ways of life and showing them the landscape and wildlife of the Arctic.
An Inuit trainee from the M/V Lyubov Orlova, preparing a Zodiac for landing
The M/V Lyubov Orlova was not really luxurious. The interior greeted the passengers with the „charme“ of the 1970s. But this was not important for most of the passengers, like us, who just came aboard to see uniqueness and to visit special locations that could not be reached any other way.
The „Star of friendship between nations“ – a remnant from Soviet Union times
With the help of M/V Lyubov Orlova, we were able to see Makkovik for the first time, a community which was founded around 1900 by Hermann Theodor Jannasch and his wife, who were sent by the Moravian Mission from Herrnhut/Germany, with the help of the settler Torsten Andersen from Norway.
M/V Lyubov Orlova in front of Makkovik
Passing the impressive Kaumajet Mountains north of Nain, capital of Nunatsiavut, was a special adventure. Unfortunately, there was no stop and no opportunity to see Okak, the place where Miertsching – later Inuktitut interpreter on the search for Franklin aboard of HMS Investigator – was working from 1844-49.
M/V Lyubov Orlova off the Kaumajet Mountains
Going farther north along the Labradoar coast, we entered the area where polar bears are at home. We also passed White Bear Island, a common birthplace for polar bears.
M/V Lyubov Orlova off the Labrador coast
With this ship, we had the opportunity to get to such remote places as the former Moravian mission station Hebron. An extraordinary place of spirits and memory for the Inuit, who were resettled to more southernly communities of Labrador 1959, now the cruise tourists can experience kayaking the coastal area.
This is also a place where we got a breath of history thinking of the Moravian missionaries who founded Hebron in 1830, with the old mission building still existing, provisionally restored as a National Historic Site.
Hebron, old Moravian mission station
The Lyubov Orlova has brought us to the awesome landscape of the Torngat Mountains on the coast of Labrador, with the magnificient Saglek Fjord.
M/V Lyubov Orlova in Saglek Fjord
The scenery of the Torngat Mountains National Park offers more than one stunning view. Some Inuit are calling the place „paradise on earth“ – very understandably.
Lyubov Orlova in Nachvak Fjord, Torngat Mountains
During the years, the ship did many cruises into the Arctic. On our trip, we got from Kuujjuaq to Hudson Bay via the Hudson Strait.
M/V Lyubov Orlova in the Ungava Bay
With the help of Lyubov Orlova, we reached the realm of icebergs. Some of them, on their way south from Greenland, are deviated into the Hudson Strait by the currents.
M/V Lyubov Orlova near Nannuk Harbour
We stopped at Cape Dorset to view the archeological sites, as well as the famous Kinngait Studios of Inuit fine art.
M/V Lyubov Orlova near Cape Dorset
The portholes of the Lyubov Orlova offered a spectacular view into Frobisher Bay with the snow- and ice-covered mountains in the background.
Through the porthole of M/V Lyubov Orlova: Frobisher Bay
We have lots of good memories with M/V Lyubov Orlova, as she brought us to extraordinary places and to stunning landscapes with amazing wildlife; and, last but not least, we met wonderful people there, who are now our good friends.
The ship originally had a Russian owner who did not fulfill his obligations and due to some legal issues she was seized by the Canadian Government in 2010. When it came to an auction, an Iranian businessman bought the hull to the end of it being scrapped in the Caribbean. Therefore, after two years of sitting derelict in the harbour of St. John’s/Newfoundland, M/V Lyubov Orlova recently [2013] departed on her last cruise.
On her way, however, the tow-line snapped, and she escaped. Now, as the ship is drifting on her own across international waters in the Atlantic Ocean, we wonder where she might end up – maybe she will make her way, instead of being scrapped, into Arctic waters again?
M/V Lyubov Orlova in the Hudson Bay
Reblogged vom 24. Februar 2013 by Mechtild Opel
P.S.: Very nice blog on the history of Lyubov Orlova on “Original Shipster” .
„ALL ABOARD! The Ghost Ship of Cannibal Rats! “ heisst ein Song auf dem neuesten Album der kanadischen Rockband „Billy Talent„. Wie man hörte, war der Text inspiriert von den Nachrichten um das 2013 im Nordatlantik verschwundene Schiff „M/V Lyubov Orlova“. Eine Gelegenheit, sich wieder einmal an dieses legendäre Schiff zu erinnern, bei dem wir einst selbst an Bord waren! – Wir rebloggen im Folgenden einen Beitrag vom Februar 2013.
Als die Lyubov Orlova am 23.1. 2013 von Schleppern auf den Atlantik gezogen wurde, konnte man davon ausgehen, dass sie nun ihre letzte Fahrt zum Ort der Abwrackung in der Dominikanischen Republik angetreten hatte. Das ehemals sowjetische Kreuzfahrtschiff hatte fast zwei Jahre in dem großen Naturhafen von St. John’s, der Hauptstadt der kanadischen Provinz Neufundland und Labrador, stillgelegen.
M/V Lyubov Orlova 2010 vor Akpatok Island
An Deck, unterhalb der Brücke, erinnerte noch immer eine große farbige Plakette an den Orden für Völkerfreundschaft, in russisch Орден Дружба Народов, der dem Schiff 1981 von der sowjetischen Regierung verliehen worden war. Auf den letzten Charterer verwiesen weiße Plakate mit dem Schriftzug Cruise North Expedition, [damals] Spezialist für die Nordwest-Passage in der kanadischen Arktis, an der Reling des Schiffes.
Der Orden für Völkerfreundschaft an der Lyubov Orlova
Aber nach wenigen Tagen riss das Seil zwischen dem Schlepper und der Lyubov Orlova während eines Sturms unweit der Küste Neufundlands. Seitdem treibt das Schiff ohne Besatzung durch den Nordatlantik in Richtung Europa. Die Lyubov Orlova ist nicht das erste führerlose Schiff im Atlantik, das zuvor in der Nordwest-Passage unterwegs war. Vor über 150 Jahren, 1854, war das Flagschiff der Suchexpedition nach dem in der Arktis vermissten Sir John Franklin und seiner Mannschaft, die HMS Resolute, im Eis der Nordwestpassage stecken geblieben und auf Befehl von Admiral Sir Edward Belcher aufgegeben worden.
HMS Resolute wurde 1854 im arktischen Eis aufgegeben
Wider Erwarten driftete aber damals das unbemannte Schiff im Packeis bis in den Nordatlantik vor Baffin Island, wo es von der Besatzung eines Walfängers „gekapert“ und in die USA gesegelt wurde. Später gelangte die Resolute als Geschenk der US-Regierung wieder nach England. Als das Schiff 1879 endgültig abgewrackt wurde, fertigte man aus ihrem Holz unter anderem auch einen Schreibtisch, der dem US-amerikanischen Präsidenten als Geschenk überreicht wurde. Dieser Schreibtisch ist bis heute, über 130 Jahre später, erhalten und wird von Präsident Obama im Oval Office in Washington DC benutzt. [Achtung, nicht wundern, das ist ein Text von 2012]
President Barack Obama sits behind the Resolute Desk in the Oval Office during a conference call with people of faith, August 19, 2009. Official White House Photograph by Pete Souza. Der Schreibtisch im Oval Office wurde aus dem Holz der „Resolute“ geschaffen.
Die 1972 in Jugoslawien gebaute Lyubov Orlova, die nach einer von Stalin geschätzten Schauspielerin benannt war, fuhr zunächst im fernen Osten der Sowjetunion bzw. Russlands, bevor sie 1999 privatisiert, 2002 modernisiert und dann für Fahrten in Arktis und Antarktis verchartert wurde.
Die Schauspielerin Lyubov Orlova auf einer Briefmarke
Der kanadische Reiseveranstalter Cruise North Expedition, Tochterunternehmen des Inuit-Unternehmens Makivik, nutzte das Schiff ab 2006 für Fahrten im arktischen Archipel Kanadas und nach Grönland. Besonders nachgefragt waren die Reisen durch die Nordwest-Passage, die infolge des Klimawandels auch für die eisverstärkte Lyubov Orlova möglich wurden.
M/V Lyubov Orlova auf Eisberg-Safari
Seit 2010 lag das Schiff jedoch infolge finanzieller Auseinandersetzungen zwischen Cruise North und dem Eigner des Schiffes in St. John’s fest. Nach dem Konkurs des Eigners wurde das Schiff versteigert und sollte verschrottet werden.
Bordtelefon-Tafel der Lyubov Orlova
Seit dem 28. Januar 2013 driftet nun die Lyubov Orlova als Geisterschiff durch den Atlantik. Zur Zeit scheint sich keiner ernsthaft für das Schiff zu interessieren, solange es in den internationalen Gewässern unterwegs ist und keinen Ölplattformen und anderen Schiffen zu nahe kommt. Vielleicht erinnert sich ja noch einer der russischen Oligarchen an die sowjetische Vergangenheit des Schiffes und möchte sein Renommé bei Präsident Putin mit einem aus dem Holz der Lyubov Orlova gefertigten Schreibtisch aufbessern!?
reblogged vom 8. Februar 2013 von Wolfgang Opel
P.S.: Anders als in diversen Zeitungsartikeln behauptet, war die Lyubov Orlova kein „Luxusliner“, sondern ihre Ausstattung hatte lediglich den „Charme“ der 1970er Jahre; und sie fasste auch nicht 230, sondern lediglich etwas über 100 Passagiere.
P.S.2: Eine gute Zusammenstellung zur Geschichte der Lyubov Orlova kann man auf dem Blog „Original Shipster“ lesen.
Der
größte Fluss schlängelt sich durch die Halbinsel und halbiert dieses
wilde Land: in ein aktives Vulkangebirge im Osten, mit der höchsten
Vulkangruppe um den Klutschewskaya, und ein inaktives westliches
Vulkangebirge (nehmen wir den 3607 m hohen Ischinskaya Sopka einmal
aus).
Wie alle großen Wasserstrassen erlangte der Kamtschatka-Fluss im 17. bis ins 20. Jahrhundert große Bedeutung. Seit tausenden von Jahren ziehen Millionen Lachse in den Hauptstrom und klettern dann die kleinen Flüsse hinauf zu ihren steinigen Geburtsorten. Sie bilden die Nahrungsgrundlage für die hier lebenden Völker, die Itelmenen und sesshaften Korjaken.
Mit dem Beginn der Kolonialisierung 1697 durch Kosaken nutzte man den Fluss für Transporte und legte strategisch neue Ortschaften an. Aus den schwerbegehbaren Pfaden wurden breite Wege und Strassen, die die Ortschaften verbinden. Weideflächen, Kartoffel- und Kohlfelder umrandeten die wenigen Dörfer.
Die aufkommende Holzwirtschaft und der immer stärkerer Druck auf der Suche nach Gold und Erdgas sorgte für die Verbesserung der einzigen und langen Strasse von Petropavlovsk nach Ust-Kamtschatsk, die nur wenige Abzweigungen hat. Heute erleben wir eine breit angelegte Schotterpiste die parallel zum Fluss verläuft, ebenso gewaltige Strommasten, deren Gestelle starke Stürme, aber auch Erdbeben aushalten müssen. Unter dem Straßenrand sind moderne Medien, wie Gas und Telefonkabel, verlegt worden.
So zeichnet sich für mich das Umfeld dieses Flusses ab. In meinen Collagen und Tagebuchaufzeichnungen spiegeln sich meine Reflexionen auf den Fluss wider. So wie das süße Wasser täglich in den Ozean fließt, so gestalten die Menschen das Umfeld, und nichts bleibt so wie es ist! Auch wenn einzelne Ortschaften an Bedeutung verlieren und sogar verschwinden, besitzt der Fluss mit seinen reichen Rostoffen auf beiden Seiten Zukunft.
Der Malgrund besteht aus Asche und Zellleim. Die Asche verkörpert symbolisch das Verbrannte, das neue Kräfte für die Zukunft frei setzt, den fruchtbaren Boden, die wir an vielen Vulkanhängen kennen. Der brüchige Malgrund steht auch für die Verletzbarkeit der Landschaften – und unserer selbst.
Die Jagdsaison auf Enten und Schnepfen beginnt. Auf dem sonst wenig befahrenen Fluss bewegen sich brummend und knatternd viele kleine Aluboote – vollbeladen mit Ausrüstung, verbunden mit der Hoffnung, viele Enten zu erjagen – während der herbstliche Fluss weiter fließt. Für mich ist es Zeit, aufzubrechen: von Kljutschi nach Ust-Kamtschatsk.
In dem bequemen Bus westlichen Fabrikats sind fast alle Plätze belegt. Wir umfahren ein kleines Gebirge und erreichen später ein flaches Gebiet, das uns wieder an den Kamtschatka Fluss zurückbringt. Früher gab es Passagiertransport auf dem Fluss, aber seit der Fertigstellung der neuen Strasse liegt das Schiff, ein Tragflächenboot, verlassen und verrostet am langgezogenen Hafeneingang von Ust-Kamtschatsk. Keiner der Bewohner würdigt es eines Blickes. Die holprige Straße führt an Seen, Hochstauden und Weiden vorbei in die Ortschaft, wo die zahllose Schlaglöcher von Jahr zu Jahr zunehmen, und endet schließlich auf einer langen Landzunge, die vom Flusswasser umspült wird.
Im Dunklen angekommen, stehe ich hilflos an der Endhaltestelle. Mitte September werden die Tage bereits deutlich kürzer, und jetzt um 21 Uhr wölbt sich über mir der Sternenhimmel mit der von der Sonne angeleuchteten Mondsichel. Wo bin ich? Vor dem Kiosk stehen betrunkene Leute. Was bleibt mir anders übrig als sie anzusprechen? Mit ihren Felduniformen (ein Fleck – kein Fleck, immer abwechselnd) bewegen sie sich auf unsicheren Beinen, die Schrotflinte hängt lässig über der Schulter. Doch mir wird Hilfe zuteil. Ein junger kräftiger Mann telefoniert per Handy, er holt sein Auto aus der Garage, und wir fahren etwa 10 Kilometer zurück. Am letzten Kiosk des Dorfes kaufe ich noch paar Bierflaschen – so etwas wie ein Dankeschön für die Hilfe.
Im Dunklen finden wir unter Mühen die Pension: ein normales Reihenwohnhaus aus Holz mit einem Stockwerk. Es sind Häuserformen aus den dreißiger Jahren, aber hier sicherlich erst in den fünfziger und sechziger Jahren hingesetzt. Eine große, stämmige Frau, gut gekleidet mit Pelzbedeckung und schillernden Klunkern an den Fingern, steht in Halbdunkel majestätisch und stolz vor mir. Wir verhandeln einen völlig überteuerten Preis für das Quartier, wo die Heizung nicht funktioniert, die Kochplatte keinen Strom bekommt, weil die Drähte zerissen sind, aber wenigstens läuft warmes Wasser aus dem Hahn. Die Frau weiß um meine Not, und ich gebe ihr insgeheim zähneknirschend, aber mit freundlichem Gesicht das Geld.
Meine beiden betrunkenen Helfer werden mit der späten Zeit laut, während das Licht der Neonröhre im Takt flackert. Wir trinken das eingekaufte Bier. Sie erzählen, wie gefährlich das Leben hier sei (Braunbären), und Ausländer dürften gar nicht in diesen Ort.
Einer nimmt meine Daten aus dem Pass. Den Status „unerwünschter Fremder“ gibt es längst nicht mehr, aber die alten diktatorischen Strukturen sind hier, selbst im zivilen Bereich, noch tief in den Köpfen der Einheimischen eingebrannt. Die Administration jedoch interessiert meine Anwesendheit gar nicht, und ich kann im dem maroden Ort so fotografieren, wie ich möchte, ohne belästigt zu werden. – Nachdem mich die beiden verlassen haben, kotzt der eine vor der Haustür, bevor er schwankend, stolpernd ins Auto steigt … während ich warmes Wasser in die Badewanne einlasse.
Der Ort Ust-Kamtschatsk hat eine lange und bewegte Geschichte, aber ich beginne im 20. Jahrhundert. Mit dem verlorenen russisch-japanischen Krieg 1905 zogen japanische Kaufleute und Fischer auf die Halbinsel. Sie investierten mit viel Fleiß eine Fischereistation und es entstand ein bedeutender Fischereihafen, vielleicht sogar bedeutender als Petropavlovsk. Koreanische Saisonkräfte waren williger als die Russen, und so blieben die Asiaten mehr oder wenige unter sich. Das blieb so bis Ende der zwanziger Jahre. Danach entzogen die sich langsam etablierenden Kommunisten den Japanern die Konzession und bauten selbst einen Fischereihafen, gleich nebenan. Sie holten dafür Leute aus Wladiwostok. Meist waren es junge kommunistische Chinesinnen, die in der Fischsaison aushalfen.
Nach dem zweiten Weltkrieg und im folgenden Kalten Krieg wuchs eine bedeutende Fischereiflotte, und in dieser dünnbesiedelten, wilden Küstenlandschaft siedelten sich Tausende Menschen an, bis tief in die Flussmündung hinein. Neue, absurde Wohnbezirke entstanden, so wie neben dem Flughafen der Ort Krutoberegovo. Hier wuchs eine Plattenbausiedlung mit dem Schwerpunkt Viehzucht, die heute völlig verlassen ist. Am anderen Ufer des Ortes Ust-Kamtschatsk stehen stark farbige Plattenbauten, die mit modernen Blechen und Plast-Materialien umhüllt sind. Sie schreien geradezu vor Farbigkeit, Verkünder einer neuen Zeit. Auch hier sind die Blöcke längst von den Menschen verlassen – Fenster wie leere schwarze Augen, und eine farbige neu erbaute orthodoxe Kirche findet ihre Seelen.
Meine Streifzüge an der Flussmündung gelten dem Vogelflug. Tausende Enten ziehen vorbei, machen Rast, um in paar Wochen weiter zu ziehen, in den warmen Süden. Am zeitigen Morgen ballern die gefleckten, felduniformierten Schützen aus dem versteckten Schilfufer. Schrot fliegt in den grauen Himmel, und ungebratene Enten klatschen ins Wasser.
An den nassen regnerischen Tagen sind es nicht viele, aber doch eine Abwechslung fürs Familienessen, neben dem alltäglichen Lachs. Schnell werden die Flügel und Federn rausgerissen und liegen verstreut im niedergetretenen Schilf. Die meisten Arten sind Bergenten, Krickenten und Spießenten.
Am Ufer trippeln die Steinwälzer, der Graubürzel, Wasserläufer, junge pazifische Goldregenpfeifer, Spitzschwanzstrandläufer. Aus dem Nichts heraus taucht eine Bisamratte ans Ufer. Frisst Grashalme – putzt sich. Der deutsche Name ist etwas irreführend, denn sie gehören zur Familie der Wühlmäuse und fühlt sich hier pudelwohl.
Sieben Möwenarten beobachte ich auf den vielen sandigen Landzungen zum Ozean. Die Kamtschatkamöwe, die Silbermöwe, eine nordasiatische Unterart, die Lachmöwe, die Sturmmöwe, die Dreizehenmöwe, junge Eismöwen und die Beringmöwe. Sie entgehen der Jagd, weil die Einheimischen Enten bevorzugen.