Der schwarze Mann mit dem Hundeschlitten

Wie Leutnant Pim die „Investigators“ rettete

reblogged/bearbeitet vom September 2017

Vor 133 Jahren, am 30. September 1886, starb Bedford Clapperton Trevelyan Pim. Als Offizier der Royal Navy war er zwischen 1850 bis 1854 an der Suche nach der verschollenen Franklin-Expedition beteiligt. Dabei erwarb er sich durch außergewöhnliche Leistungen besondere Verdienste. Hier soll ausschließlich eine Episode aus dieser Zeit mit ihren Folgen beleuchtet werden – dass bestimmte Attitüden in Pims späteren Leben als ein Modellfall für koloniales und rassistisches Denken im viktorianischen Großbritannien betrachtet werden, ist ein ganz anderes Thema.

Bedford Clapperton Trevelyan Pim
Bedford Clapperton Trevelyan Pim, zeitgenössisches Bildnis

Eines der zur Suche nach Franklin ausgesendeten Schiffe, HMS Investigator, war seit 1850 mit 65 Mann an Bord vom Westen her, von der Bering Strait, in der Arktis unterwegs. Schon im ersten Winter, während das Schiff im Eis der Prince of Wales Strait festgefroren war, erbrachte eine Expedition des Kapitäns McClure über Land und Eis bis zum Ende dieser Wasserstraße die Gewissheit, dass die lange gesuchte Nordwestpassage tatsächlich existierte: Die fehlende Verbindung vom Westen, von der Bering Strait, zum Viscount Melville Sound, durch den Parry bereits 1820 vom Osten her Melville-Insel erreicht hatte, war nunmehr gefunden.

Melville Island, von Banks Island aus gesehen – Stich nach S.G. Cresswell
Melville Island, von Banks Island aus gesehen – Stich nach S.G. Cresswell

Die Kunde davon konnte jedoch England nicht erreichen. Auch im Winter darauf war das Schiff wiederum fest vom Eis umklammert, diesmal in einer schmalen Bucht am Ufer von Banks Island in der Mercy Bay, die Lebensmittelvorräte waren geschrumpft, die Mannschaft litt an Hunger und Krankheiten. Im Frühjahr 1852 unternahm Kapitän McClure eine Schlittenreise nach Winter Harbour, zum einstigen Winterquartier von Parry. Er hoffte, dort ein britisches Schiff oder wenigstens ein Lebensmitteldepot vorzufinden. Stattdessen entdeckte er nur eine Nachricht mit Angaben darüber, wo man hunderte Kilometer weiter östlich Lebensmitteldepots angelegt hatte. McClure hinterließ ebenfalls eine Nachricht, die die Situation und Position von HMS Investigator beschrieb.

Mit Schlitten über Presseinrücken im Packeis – Stich nach S.G. Cresswell
Mit Schlitten über Presseinrücken im Packeis – Stich nach S.G. Cresswell

Die britische Admiralität hatte zwischenzeitlich weitere Arktisexpeditionen ausgerüstet – nicht nur nach Franklin und seinen Leuten wurde gesucht, sondern nun auch nach HMS Investigator und ihrer Besatzung. Im Herbst 1852 waren HMS Resolute und HMS Intrepid nach Melville Island vorgestoßen und überwinterten dort vor Dealy Island. Ein Schlittentrupp suchte noch im Oktober Winter Harbour auf, wo McClures Nachricht entdeckt wurde. Aber der arktische Winter, der nun mit aller Härte einbrach, erlaubte es dem Befehlshaber Kapitän Kellet nicht, sofort Hilfe auszusenden.

Schlittenflagge für Leutnant Pim –  © National Maritime Museum Collection
Schlittenflagge für Leutnant Pim – © National Maritime Museum Collection

Im März 1853 erbot sich Leutnant Bedford Pim freiwillig, einen Schlittentrupp von Dealy Island zur Mercy Bay zu führen. Mit einem von sieben Männern gezogenen Lastschlitten und einem Hundeschlittengespann machten er und der Schiffsarzt Dr. Domville sich auf den Weg. Den Umgang mit Schlittenhunden hatte man von den Inuit in Westgrönland erlernt, von denen auch die Gespanne stammten. Extremes Wetter mit orkanartigen Schneestürme verzögerte das Vorankommen des Trupps um viele Tage. Der Lastschlitten war dem mühseligen Weg über die „Hummocks“, die Presseishügel, nicht gewachsen und zerbrach. Bei eisiger Kälte beschloss Pim, den Rest des Weges nunmehr allein mit dem Hundegespann und nur zwei Männern, Emmanuel Bidgood und Robert Hoyle, zurückzulegen.

Ein Schlittenhundegespann der Inuit
Ein Schlittenhundegespann der Inuit

Nach dem dritten entbehrungsreichen Winter im Eis hatte Kapitän McClure entschieden, einen Großteil der inzwischen durch Hunger und Skorbut geschwächten und teils schwerkranken Mannschaft von HMS Investigator zu wochen- oder monatelangen langen Fußreisen über das Eis auszusenden, „um ihr Leben zu retten“. Er hoffte, mit dem Rest, den 30 stärksten und gesündesten Männern, das Schiff im Sommer aus dem Eis zu befreien und heimwärts zu segeln.
Eine Gruppe mit dem ersten Offizier Hasswell sollte mit Reiseproviant für 45 Tage 800 km über Land und Eis nach Osten, nach Port Leopold auf Somerset Island wandern, „wo ein 1848 erbautes Haus nebst Lebensmittel, Kleidung und Steinkohlen im Uberfluß und ein kleines Dampfboot zu finden sei„.

Port Leopold mit der Ruine eines Handelsposten der Hudson's Bay Company
Port Leopold mit der Ruine eines Handelsposten der Hudson’s Bay Company

Eine zweite Gruppe mit dem Inuktitut-Dolmetscher Miertsching, dem zweiten Offizier Cresswell und sechs Kranken sollte entlang der Küste von Banks Island bis zu ihrem alten Winterplatz bei den Princess Royal Islands laufen, wo sich ein Boot und ein Lebensmitteldepot befanden. Dort sollten die Männer drei Monate bis zum Eisaufbruch warten, um dann mit dem Boot über die Dolphin & Union Strait zum Festland und landeinwärts nach Fort Good Hope, einem Posten der Hudson’s Bay Company zu gelangen. „Wenn ich diese unsre bevorstehende Reise, die Schwierigkeiten derselben, und uns selbst betrachte und alles erwäge, so ist es dem Verstande nach und menschlich geredet keine Möglichkeit, dass einer von uns lebendig England erreichen werde“ , schrieb Miertsching in seinem Tagebuch.

Karte: Canada_Northwest_Territories, Wikipedia
Karte: Canada_Northwest_Territories, Wikipedia

Der Abmarsch sollte am 15. April stattfinden. Die Männer im Winterquartier in der Mercy Bay waren bei den Reisevorbereitungen, als einer der Schwerkranken seinen Leiden erlag. Im hart gefrorenen Boden musste nun – es war der 6. April – ein Grab geschaufelt werden. Kapitän, Offiziere und einige aus der Mannschaft befanden sich daher an Land, als man einen beweglichen Punkt erblickte, der sich schnell annäherte, dahinter noch einen weiteren.

Die Ankunft von Leutnant Pim bei der Investigator, aus: Sunday at Home
Die Ankunft von Leutnant Pim bei der Investigator, aus: Sunday at Home

Erst dachte man an Moschusochsen, bald vermutete man Inuit, doch der Fremde, in Pelzkleidung und schwarz im Gesicht, stellt sich zur Überraschung seiner Zuhörer in englischer Sprache vor: als Leutnant Pim vom Schiff Resolute unter Kaptain Kellet. Die Aufregung, die unbeschreibliche Erleichterung, die wiederauflebende Hoffnung der Männer ist wohl kaum vorstellbar für jemanden, der nicht gleichfalls solche Ausweglosigkeit und dann eine so plötzliche Wende erfahren hat. Selbst die Kranken vergaßen ihr Elend und sprangen aus den Hängematten, um Leutnant Pim die Hand zu drücken und sich zu bedanken: er hatte die „Investigators“ noch rechtzeitig vor dem Abmarsch in den fast sicheren Tod erreicht und damit gerettet.

Wrack von HMS Investigator - © Parks Canada
Wrack von HMS Investigator – © Parks Canada

Die Investigator wurde nun verlassen und schließlich aufgegeben, später sank sie auf den Grund des Meeres. Die Mannschaft begab sich zu Fuß zu den Rettungsschiffen Resolute und Intrepid. Die schließlich 60 Überlebenden mussten, mit Ausnahme von Lt. Cresswell und Maat Wyniatt, noch einen weiteren Winter im Eis verbringen, bis sie schließlich im Herbst 1854 London erreichten. – Und warum hatte Leutnant Pim ein schwarzes Gesicht? Vermutlich war es durch den Ruß des Brenners geschwärzt, mit dem unterwegs das Wasser für Tee geschmolzen und das Essen erwärmt wurde; an Waschen war unter den extremen Bedingungen wahrlich nicht zu denken.

(Anmerkung: Alle Zitate stammen aus Miertschings Reisetagebuch)

Nachtrag vom August 2022: Wir freuen uns sehr, dass unser Buch „Weil ich ein Inuk bin. Johann August Miertsching – ein Lebensbild“ im Sommer 2022 im Berliner Lukas Verlag erschienen ist.

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Die Einsamkeit des Kapitäns

Gedanken zum Jahrestag der Entdeckung der ersten Nordwestpassage (26.10.1850)

reblogged/bearbeitet vom Januar 2018

Als Robert McClure im Januar 1807 in Wexford (Irland) geboren wurde, war er bereits Halbwaise; daher trägt er auch den Namen von Le Mesurier, dem hochgestellten Freund des Vaters, der den Knaben adoptierte und einige Zeit für seine Erziehung und Ausbildung sorgte. Bei der Royal Navy musste McClure sich allerdings Aufstieg und Beförderungen hart und langwierig erkämpfen, ohne jede Protektion. Es dauerte bis 1850, dass er erstmals als Kapitän ein Schiff befehligen konnte: HMS Investigator, die zusammen mit HMS Enterprise unter Kapitän Collinson zur Suche nach der verschollenen Franklin-Expedition aufbrach.

Plymouth Harbour im 19. Jh – unbekannter Meister
Plymouth Harbour im 19. Jh – unbekannter Meister. (c) Royal Albert Memorial Museum; Supplied by The Public Catalogue Foundation

Johann August Miertsching, der als Dolmetscher für Inuktitut an dieser Reise teilnahm, berichtet vom 18. Januar 1850, als er vor Beginn der Reise in Plymouth Sound bei den Schiffen eintraf: „Kapitän Collinson und sein Gast Comander McClure von dem Investigator hatten soeben ihr Mittagsmahl beendigt, und bewillkommten mich aufs freundlichste„. Die Kapitäne speisten also miteinander; war ihre Trennung von den Offizieren bei den Mahlzeiten, ebenso wie die Trennung letzterer von der „gewöhnlichen“ Mannschaft, eine Maßnahme, um die strikte Rangordung an Bord und die Disziplin zu wahren? „Die Officiere essen 2 Uhr, der Kapitain 4 Uhr Mittag„, schreibt Miertsching am ersten Reisetag. In welcher Situation befindet sich der wichtigste Entscheidungsträger an Bord der Investigator? Die Offiziere trafen sich im ward room oder gun room, leisteten dort einander Gesellschaft, lachten, scherzten, nahmen ihre Mahlzeiten gemeinsam ein. Der Kapitän dagegen, der eine sehr große Kabine hatte – in der sich natürlich auch Kartentisch und nautische Instrumente befanden – tafelte dort in der Regel mutterseelenallein, und nur selten, bei besonderen Anlässen wie etwa am Silvestertag 1851, lud er die Offiziere dazu ein.

Beschäftigungen der Offiziere – Gemälde von Augustus Earle, National Maritime Museum, Greenwich, London
Übliche Beschäftigungen der Offiziere in einer britischen Fregatte – Gemälde von Augustus Earle, National Maritime Museum, Greenwich, London

Wie „kollegial“ durfte und konnte damals ein Kapitän mit seinen Untergebenen umgehen? Man weiß, dass Kapitän Collinson mit den Offizieren von HMS Enterprise hart aneinander geriet, sie schließlich sämtlich unter Arrest stellte. Auch Admiral Belcher, dessen Kompetenz wohl im Gegensatz zu seiner Macht stand, hatte bei der Durchsetzung seiner Autorität Probleme. War denn etwa die eigene Position in Gefahr, wenn man sich mit anderen beriet und auf Kritik einging? Mir ist nicht bekannt, dass Kapitän Kellet, Kommandant von HMS Resolute, solchen Konflikten gegenüberstand. Doch welche Gratwanderung mag es sein, wenn das eigene Selbstvertrauen vielleicht nicht der hohen Verantwortung entspricht, wenn man zudem die jungen Offiziere für zu unerfahren hält, wenn ein Teil der Mannschaft ein disziplinloser Haufen ist, und man sein Gesicht, seine Autorität um jeden Preis wahren muss, bei Strafe von Meuterei?

HMS Enterprise unter Befehl von Kapitän Collinson
HMS Enterprise unter Befehl von Kapitän Collinson

Miertsching, der Außenseiter an Bord von HMS Investigator, ist eine „Landratte“; er ist kein Offizier, auch wenn er auf Anweisung des Kapitäns als solcher zu behandeln ist, und er versteht anfangs kaum Englisch. In den ersten Wochen und Monaten an Bord erlebt er ständige „Zänckerei zwischen dem Kapitän und den Officieren“ und hält sich nach Möglichkeit davon fern.
Doch wiederholt wird Miertsching vom Kapitän zu Tisch geladen. Sein Tagebucheintrag vom 8. Februar 1850 lautet: „Von Heute an soll ich jeden Mittag 12 Uhr zum Kapitain kommen, und mit ihm ein Glas Wein trinken (Luncheon). Meine Bücher und Schreibereien, die ganz naß und feucht sind, so wie meine Guittare soll ich von nun an in des Kapitains Kajüte haben.“ Zudem berichtet er in Abständen davon, dass er mit dem Kapitän zu Abend speiste. Warum diese Sonderbehandlung? Sucht der einsame McClure die Gegenwart eines anderen Einsamen? Sucht er gar Trost?

Wexford in Irland, der Geburtsort McClures – Foto: Richard Webb, Wikipedia
Wexford in Irland, der Geburtsort McClures – Foto: Richard Webb, Wikipedia

Miertsching erlebt McClure in der Auseinandersetzung mit der Mannschaft als ungeduldig und jähzornig, zum Beispiel als bei einem Sturm die Takelage Schaden nahm, während der diensthabende Offizier unter Deck war: „Der Kapitain war wüthend böse; förmlicher Unmensch„, schreibt er am 15. Mai 1850. Drei Tage später aber heisst es: „Der Kapitain war heute sehr freundlich, und ich mußte den Tag über in seiner Kabine sein. Unsere Unterhaltungen waren lang und interessant; es schien ihm Leid zu thun dass er sich dieser Tage so vergessen hatte„. Nach einer Pause in Hawaii und der Abfahrt in die Bering Strait ist Miertsching erleichtert: „Das unangenehme Verhältniß zwischen dem Kapitain und Officieren hatte sich in den wenigen Tagen in ein sehr angenehm und freundliches verwandelt… Der Kapitain war bei uns zu Tische…„.

Sir Robert Le Mesurier McClure – © National Portrait Gallery, London
Sir Robert Le Mesurier McClure – © National Portrait Gallery, London

Doch mit wem bespricht der Kapitän seine Entscheidungen? Aus Miertschings Aufzeichnungen geht nicht hervor, dass er sich mit seinen Offizieren beraten hätte. Hingegen sucht er in schwierigen Situationen oft die Gegenwart des als Übersetzers eingestellten Herrnhuter Bruders. Ist da endlich einer, mit dem er mal reden, sich aussprechen kann, ohne in Gefahr zu laufen, dass dies seiner Autorität Abbruch tut? –
Man sollte aber nicht glauben, dass der so „bevorzugte“ Miertsching nun immer mit dem Kapitän einer Meinung war. So beklagt er im Tagebuch am 30.11.1850: „Ich habe rheumatische Schmerzen in allen Gliedern und fortwährend ist mir kalt; zum Auswärmen oder Kleidertrocknen ist keine Gelegenheit, weil die Schiffsöfen nicht geheizt werden; denn der Kapitain glaubt, Wärme ist dem Menschen schädlich, sagt: die Eskimo haben keine Öfen und keine Feuer, sind dabei die gesündesten Menschen. Der Kapitain … feuert in seinem Stubenofen täglich 32 Pfund Steinkohlen„. Miertsching erwähnt auch seine Meinungsverschiedenheiten mit dem Kapitän, wenn dieser mit ihm etwa über die Bestrafung von Delinquenten und vor allem über religiöse Fragen diskutierte.

Eis, wohin das Auge blickt
Eis, wohin das Auge blickt

Nach der ungeplanten Trennung von HMS Enterprise war die 65-köpige McClure-Expedition bereits im Herbst 1850 auf das damals fehlende Glied der langgesuchten Nordwestpassage zwischen Atlantik und Pazifik gestoßen; doch die Männer mussten noch harte und entbehrungsreiche Jahre in einer der entlegensten Gegenden der Arktis zubringen, bevor sie gerettet wurden. Ihr Schiff, HMS Investigator, musste schließlich im Eis der Arktis zurückgelassen werden, wo es unterging und von Unterwasserarchäologen von Parks Canada erst im Jahr 2010 gefunden wurde.

Wrack der HMS Investigator auf dem Grund der Mercy Bay – Photo: Courtesy of Parks Canada
Wrack der HMS Investigator auf dem Grund der Mercy Bay – Photo: Courtesy of Parks Canada

Die Zeit der Entbehrungen und Hoffnungslosigkeit der in der Arktis gefangenen Männer wirkt sich auf ihr psychisches Befinden aus – auch auf ihren Kapitän. Miertsching, der McClure oft zur Jagd und auf Spaziergängen begleitete, bemerkt in seinem Tagebuch: „Es thut mir Leid um unsern viel geprüften werthen Kapitain; er muß sich zwingen guten Muth zu zeigen.“ Im dritten Winter im vom Eis eingeschlossenen Schiff, in der Zeit von drastischen Hunger und um sich greifenden Skorbut, mit wenig Hoffnung auf Rettung, bringt Miertsching Verständnis für die schwierige Situation des Kapitäns auf: „Ach wie mag es dem von Sorgen und Kummer niederdrückenden Kapitain zu Muthe sein, wenn er seine einst so starken, rüstigen und gesunden, und nun kaum sich aufrecht haltenden dahinwelkenden Matrosen ansieht!

HMS Investigator im Polareis – Buchillustration
HMS Investigator im Polareis – Buchillustration

In dieser verzweifelten Lage mussten überaus schwierige Entscheidungen getroffen werden, die nichts mehr mit Segeltechnik und Navigation zu tun hatten: Wie klein darf und wie groß muss die Ration für den Einzelnen sein, damit alle, oder möglichst viele, überleben können? Harrt man an Bord des eingefrorenen Schiffes aus und hofft auf einen warmen Sommer und verhungert gemeinsam – oder muss das Schiff verlassen werden? Zumindest von Teilen der Mannschaft? Wen sendet man fort, wohin soll zu Fuß übers Eis oder Land gewandert werden, wo ist die Aussicht auf Rettung am größsten?

Leutnant Pim taucht auf, und die Mannschaft ist gerettet – Buchillustration
Leutnant Pim taucht auf, und die Mannschaft ist gerettet – Buchillustration

Wohl keiner von uns wüsste, was in einer so verzweifelten Lage zu tun wäre, und so ist es zwar heute einfach, aber nicht ganz gerecht, McClure für seine einsamen Entscheidungen zu verurteilen, auch wenn das Aufteilen der Mannschaft und Aussenden der kranken Männer zu Fuß mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit den Tod eines großen Teils bewirkt hätte. Vielleicht aber wäre es auch eine – wenn auch geringe – Möglichkeit des Überlebens, zumindest für Einige, gewesen? Und welche andere Chance hätte es denn noch gegeben, wenn nicht unvermutet Rettung aufgetaucht wäre? – Vier Männer der McClure-Expedition fanden ihren letzten Ruheplatz in der Arktis – nur vier; es hätten leicht auch viel mehr sein können, bedenkt man das Schicksal der Franklin-Expedition.

Das Grab von Thomas Morgan (HMS Investigator) auf Beechey Island, Nunavut
Das Grab von Thomas Morgan (HMS Investigator) auf Beechey Island, Nunavut

Die Nordwestpassage wurde nicht von einer einzelnen Person entdeckt. Dutzende hatten ihren Anteil an der Kartierung der unbekannten Küsten und Meeresstraßen, und die „Passage“ ergab sich erst aus dem Zusammenfügen dieser Landkarten und Erkenntnisse. McClure und seine Männer aber waren zumindest die ersten, die die gesamte Nordwestpassage durchquerten, wenn auch auf mehreren Schiffen und teilweise zu Fuß. Bei aller berechtigten und vielleicht auch unberechtigten Kritik an der Person McClures ist dies eine der bemerkenswertesten Leistungen bei der Erforschung der Arktis.

Grabinschrift für McClure
Grabinschrift für McClure:
„In Memory of Vice Admiral Sir Robert John le M. McClure C.B. Born 28 January 1807 died 17 October 1873. As Captain of HMS ‚Investigator‘ AD 1850-54 he discovered and accomplished the Northwest Passage“ – „Thus we launch into this formidable frozen sea“ – „SPES MEA IN DEO“

(Anmerkung: Alle Zitate stammen aus Miertschings Reisetagebuch)

Nachtrag vom August 2022: Wir freuen uns sehr, dass unser Buch „Weil ich ein Inuk bin. Johann August Miertsching – ein Lebensbild“ im Sommer 2022 im Berliner Lukas Verlag erschienen ist.

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Amerika ist eine Insel …

reblogged/bearbeitet (vom März 2015)

Herbst 1854: Gründlich satt hat Miertsching die Arktis. Fast fünf Jahre voller unvorstellbarer Leiden und Entbehrungen, der fast schon gewisse Tod und dann eine unglaubliche Rettung in letzter Minute liegen nun hinter ihm und der Mannschaft von HMS Investigator, die ihr Schiff eingefroren im Hohen Norden zurücklassen mussten. Endlich können sie die Zone des Eises an Bord eines Rettungsschiffes verlassen; „… so segelten wir weiter nach Süden, u. passierten gegen Abend die Linie des Polar-Kreises. Seit dem 27. Juli 1850, wo wir die selbe Linie in der Beringstraße überschritten, haben wir im Polarkreis zugebracht. Ach möchte ich nie wieder diesen Kreis betreten.“

Miertschings Schiff HMS Investigator im Eis - Zeichnung von S.G. Cresswell
Miertschings Schiff HMS Investigator im Eis – Zeichnung von S.G. Cresswell

Nun endlich liegt die ersehnte Heimat vor ihnen. Vier Wochen später sind sie in England, und Ende November erreicht Miertsching seinen Geburtsort Gröditz in der Oberlausitz.
Im Reisetagebuch zieht er ein Fazit dieser Reise, die sie – am 26. Oktober 1850, vor nunmehr fast genau 169 Jahren – zu den Entdeckern der lange gesuchten Nordwestpassage vom Atlantik zum Pazifik machte:

„Unser Schiff Investigator hat die Aufgabe, Franklins Schicksal ans Licht zu bringen, auch nicht lösen können, hat aber eine andre seit Jahrhunderten gestellt Aufgabe, an deren Lösung schon viele, und auch Franklin’s Expedition ein Opfer geworden sind, vollständig gelöst so daß man nun nicht nur eine sondern zwei ‚Nordwestliche Durchfahrten‘ weiß…“

Mögliche Schiffspassagen durch die Arktis - von Susie Harder, Arctic Council
Mögliche Schiffspassagen durch die Arktis – von Susie Harder, Arctic Council

„…Obgleich unser Schiff daselbst als ein bleibendes Denkmal für künftige Zeiten im Eismeer verblieben ist, so bleibt doch der Mannschaft desselben der Ruhm, die ersten und einzigen zu sein, die auf dem Wasser ganz um Amerika herumgekommen sind, und dadurch der Welt bewiesen haben, dass Amerika eine Insel ist.“

Jedoch vermutet Miertsching, dass die entdeckte Nordwestpassage „ganz zwecklos und für die Schifffahrt nicht zu benutzen“ sei, „solange dort ein so kaltes Klima und die See mit 50 bis 60 Fuß starckem Eis bedeckt ist“. Vorerst hatte er damit auch recht – aber heutzutage ist es soweit: die Arktis verliert zunehmend ihr „kaltes Klima“, immer mehr Segler, Kreuzfahrtschiffe und sogar Frachtschiffe haben die Passage erfolgreich befahren.

Schiffe im arktischen Eis - Foto: Dr. Pablo Clemente Colon
Schiffe im arktischen Eis – Foto: Dr. Pablo Clemente Colon

Vor fünf Jahren, im Herbst 2014, hat das Transportschiff M/V Nunavik der kanadischen Firma Fednav mit einer Ladung Nickelerz selbstständig und ohne Beihilfe die Nordwestpassage durchquert – und damit Geschichte für die Frachtschifffahrt geschrieben. Schiffe dieses Typs können bis zu 1 Meter dickes Eis brechen und sich den Weg durch schmale Eiskanäle bahnen, sind also quasi Frachtschiff und Eisbrecher in einem. Sie könnten auf dem kurzen arktischen Weg zum Pazifik erhebliche Transportwege und -zeiten sowie Treibstoffkosten sparen.

Passage von SS Manhattan durch den arktischen Archipel Kanadas - von Susie Harder, Arctic Council
Diese Nordwestpassage durch den arktischen Archipel Kanadas legte einst der US-Tanker „Manhattan“ zurück. Karte von Susie Harder, Arctic Council

Anlässlich des 165. Jahrestages der Wiederkehr von Johann August Miertschings aus der Arktis blicken wir wieder einmal auf sein Leben zurück. Uns ist seit Langem bewusst, dass die Jahre, die er in der Arktis mit der HMS Investigator auf der Suche nach der verschollenen Franklin-Expedition verbracht hat, zwar eine überaus wichtige Zeit in seinem Leben war, dass es aber auch ein sehr bedeutsames „Vorher“ und „Nachher“ gab!

Wohnhaus Miertschings in Kleinwelka
Wohnhaus Miertschings in Kleinwelka

Viel zu wenig ist bisher bekannt über das Leben Miertschings außerhalb der Arktisreise. Wohl war er nach seiner glücklichen Rückkehr nach Deutschland, nach vier Wintern in den Schrecken des Eises und der Finsternis der Polarnacht, kurzzeitig so etwas wie eine Berühmtheit. Er wurde als Gast in Herrenhäusern und zum sächsischen König geladen, um von seinen Arktiserlebnissen zu berichten. Sein Reisetagebuch wurde in drei Auflagen gedruckt, ins Französische und Dänische übersetzt. Dennoch dauerte es nur einige Jahre, und er war so gut wie vergessen.

Kirche und Schule in Genadendal - Südafrika
Kirche und Schule in Genadendal – Südafrika

Wie kam es dazu, dass der sorbische Schuhmacher überhaupt an einer britischen Arktisexpedition teilnahm? Warum kehrte er danach nicht an seinen vorherigen Wirkungsort bei den Inuit in Labrador zurück? Was geschah in den 12 Jahren, die Miertsching in Südafrika lebte?
All unsere Recherchen über Miertschings Leben, auch außerhalb der Arktisreise – ob in seiner heimatlichen sorbischen Oberlausitz, bei den Inuit in Labrador, oder später in Südafrika – werden in unser Buch über Miertschings Leben einfließen, an dem wir seit Jahren arbeiten.

Siehe auch „Ein Toast zu Ehren von Johann August Miertsching„, „Johann August Miertsching zum Gedenken„, „Lost Beneath the Ice“ – Bildband über HMS Investigator, Ein Sorbe in der Arktis, Nordwestpassage vor 160 Jahren, Zuflucht in Whalers Point, Northumberland House und andere Beiträge der Kategorie Miertsching.

Nachtrag vom August 2022: Wir freuen uns sehr, dass unser Buch „Weil ich ein Inuk bin. Johann August Miertsching – ein Lebensbild“ im Sommer 2022 im Berliner Lukas Verlag erschienen ist.

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Roderich R. Schneider, member of the Lady Franklin Bay Expedition

An Arctic Traveler from Saxony

reblogged from July 2016. Deutsche Version hier.

Dorfschellenberg, Roderich Schneider’s birthplace, was once an independent village but is suburban today. On old pictures, you can clearly recognize the church; not far away was the cotton mill Trübenach & Schneider. Roderich (Roderick) R. Schneider, a son of the co-owner, was born on June 29, 1853. He emigrated to America in 1870 for unknown reasons. Perhabs, there were no job prospects in his father’s company for him, not being the first-born son.

Dorfschellenberg, birthplace of Roderich Schneider
Dorfschellenberg, birthplace of Roderich Schneider

Unlike many emigrants from Germany, he did not lose contact with family and home. He even visited them in 1873 and 1878. During the second trip home, he almost lost his life when the passenger ship Pommerania was rammed by a sailing ship and sank near England. Young Schneider was lucky and survived. Perhaps his sailing experience on merchant ships had helped him to survive.

Members of the expedition, here without Schneider
Members of the expedition, here without Schneider

In the spring of 1879, Schneider returned to the United States and enlisted in military service. It was probably there that he learned about the planned North Pole expedition led by Lieutenant Adolphus W. Greely. Initially, he was not scheduled to take part in the expedition, but due to the desertion of a participant he was finally admitted into the team.

Proteus – the Greely Expedition's ship
Proteus – the Greely Expedition’s ship

Schneider was not the only German – six more of the expedition members were born in Germany. This was not unusual at that time. Other American Arctic expeditions, such as those of Charles Francis Hall or George W. De Long, had German-born participants as well. However, it was not their fault that these three specific expeditions ended more or less in disaster.

The only known photograph of Schneider, here in Fort Conger
The only known photograph of Schneider, here in Fort Conger

The Lady Franklin Bay Expedition under the command of Greely got it particularly bad. Only six of the 25 participants survived. The announced supply ship did not arrive, thus the men in Fort Conger on Northern Ellesmere Island started to travel southward. After a long and hard odyssey of more than 500 km they ended up on inhospitable Pim Island just before the onset of winter.

In the winter hut, Camp Clay on Pim Island
In the winter hut, Camp Clay on Pim Island

Tragically, they had to find out that the supplies which were deposited here were actually not available in sufficient quantities to survive the winter. Therefore. the food was rationed immediately. They built a makeshift hut and started hunting wildlife to supplement the extremely scarce provisions. Details of their struggle to survive can be read in Leonard F. Guttridge’s book „Ghosts of Cape Sabine“.

Pim Island, remnants of the winter hut
Pim Island, remnants of the winter hut

In January 1884, the first crew member passed away. One by one they died from hunger and disease during the following weeks. Initially, the bodies were still buried, but later the starving men were not able to do this anymore. The hungry people stole each others‘ food; soon enough they had not much more than leather clothing to eat. Cannibalism occured. One of the participants, Carl Heinrich Buck (Charles B. Henry) from Hannover/Germany, was put to death by execution, pronounced guilty of food theft. A lot of these incidents are not completely clear – neither the US military, as promoter of the expedition, nor the survivors had any interest in shedding light on the whole truth. Until today, many details are till remain in the dark.

Memorial plaque on  Pim Island
Memorial plaque on Pim Island

Rescue crews arrived on Pim Island just days before the otherwise rather certain death of the last expedition members. They found seven survivors still, but one of them died a few days later. Roderich Schneider did not make it. Unfortunately, he died on 18/06/1884, just four days before the arrival of the rescue vessels. His body, placed close to that of Carl Buck, was found only by chance.

Place where the bodies of Buck and Schneider were found
Place where the bodies of Buck and Schneider were found

Schneider had to leave his violin behind in Fort Conger. It was later brought back to the United States, but its whereabouts remain unknown. His diary was found only by chance, months later, on the banks of the Mississippi, but it was dissected and incomplete. Why had this journal not been properly placed within in the official expedition documents? This was never clarified. At the time, it was said: „Obviously not only bodies but also diaries were stripped.“

Newspaper report – New York Times, 3/12/1891
Newspaper report – New York Times, 3/12/1891

On July 19, 1884 the rescue ships with the bodily remains enclosed in tanks reached St. John’s in Newfoundland. The dead were brought to the United States. There they were buried according to the wishes of the bereaved. At the request of Roderich Schneider’s parents, his body was transferred to Chemnitz in Germany, where it was buried. Today, there is a memorial stone close to the headstone with the inscription:

Tomb of Roderich Schneider in Chemnitz
Tomb of Roderich Schneider in Chemnitz

„A brave sailor rests in native earth
Here from sever struggle, hardship and discomfort.
The South he saw, where palm trees waft.
He saw the ever ice-covered sea in the North;
Once saved already from going down;
he now became victim to invoked duty.“ [translated from German]

See also: „The mystery of the dead on Pim Island“ and „Franz Joseph Lang – ein Arktisreisender von der Schwäbischen Alb“ (this is in German, about Francis Long, who also participated on this expedition).

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Roderich Robert Schneider

Ein Arktisreisender aus Dorfschellenberg in Sachsen

reblogged vom Juli 2016 – You will find an English version here.

Der Geburtsort von Roderich Schneider, Dorfschellenberg, ist heute längst eingemeindet (Leubsdorf). Unweit der auf alten Stadtansichten erkennbaren Kirche lag die Baumwollspinnerei Trübenach & Schneider. Ein Sohn des Miteigentümers, der am 29. Juni 1853 geborene Roderich Robert Schneider, wanderte 1870 aus unbekannten Gründen nach Amerika aus. Vielleicht gab es für ihn – als nicht Erstgeborenen – keine berufliche Perspektive im väterlichen Unternehmen.

Dorfschellenberg
Dorfschellenberg, der Geburtsort Roderich Schneiders

Anders als viele Emigranten aus Deutschland verlor er nicht den Kontakt zur Familie und zur Heimat. Er besuchte sie sogar 1873 und 1878. Bei der zweiten Reise hätte er beinahe das Leben verloren, als das Passagierschiff Pommerania vor England von einem Segler gerammt wurde und sank. Der junge Schneider hatte Glück und überlebte. Vielleicht hatten ihm dabei auch seine als Seemann auf Handelsschiffen gesammelten Erfahrungen geholfen.

Expeditionsteilnehmer der Greely-Expedition
Expeditionsteilnehmer der Greely-Expedition, hier ohne Schneider

Im Frühjahr 1879 kehrte er in die USA zurück und meldete sich zum Militärdienst. Vermutlich erfuhr er dort von der geplanten Nordpolexpedition unter der Leitung von Leutnant Adolphus W. Greely. Obwohl er für den Einsatz zunächst nicht vorgesehen war, gelangte er infolge der Desertion eines Teilnehmers doch noch in die Mannschaft.

Proteus – das Expeditionsschiff der Greely-Expedition
Proteus – das Expeditionsschiff der Greely-Expedition

Schneider war nicht der einzige deutsche Expeditionsteilnehmer – sechs weitere waren in Deutschland geboren. Das war in dieser Zeit nicht ungewöhnlich; auch andere amerikanische Arktis-Expeditionen, wie die von Charles Francis Hall oder die von George W. De Long, hatten deutschstämmige Teilnehmer. Es lag allerdings nicht an ihnen, dass gerade diese drei Expeditionen mehr oder weniger im Desaster endeten.

Schneider in Fort Conger
Das einzige bekannte Foto Schneiders, hier in Fort Conger

Die Lady Franklin Bay Expedition unter Greely erwischte es besonders schlimm. Nur sechs der 25 Teilnehmer überlebten. Nachdem das angekündigte Versorgungsschiff ausgeblieben war, hatten die Männer sich von Fort Conger im Norden von Ellesmere Island aus nach Süden begeben. Nach einer mehr als 500 km langen Odyssee konnten sie sich auf der unwirtlichen Insel Pim Island vor dem Wintereinbruch retten.

In der Winterhütte, Camp Clay auf Pim Island
In der Winterhütte, Camp Clay auf Pim Island

Tragischerweise mussten sie feststellen, dass die hier erhofften Versorgungsgüter nicht in ausreichender Menge vorhanden waren, um den Winter zu überstehen. Die Nahrung wurde sofort rationiert, eine provisorische Hütte gebaut und die Jagd zur Ergänzung der äußerst knappen Reserven aufgenommen. Die Details des Überlebenskampfes kann man in Leonard F. Guttridges Buch „Die Geister von Cape Sabine“ nachlesen.

Überreste der Winterhütte
Pim Island, Überreste der Winterhütte

Im Januar 1884 starb der erste Teilnehmer. Hunger und Krankheiten rafften einen nach dem anderen dahin. Zunächst waren die Leichen noch bestattet worden, später fehlte auch dazu die Kraft. Die Hungernden stahlen sich gegenseitig die Nahrung, die teilweise bald nur noch aus ledernen Kleidungsresten bestand. Es kam zu Kannibalismus. Einer der Teilnehmer, der Hannoveraner Carl Heinrich Buck, wurde sogar wegen Nahrungsdiebstahl erschossen. Die Geschehnisse sind nicht vollständig aufgeklärt – weder das amerikanische Militär als Träger der Expedition noch die Überlebenden hatten ein Interesse daran, dass die ganze Wahrheit ans Licht kam. Bis heute blieben viele Details im Dunklen.

Gedenktafel für die Expedition auf Pim Island
Gedenktafel für die Expedition auf Pim Island

Nur wenige Tage vor dem ansonsten wohl sicheren Tod der Expeditionsteilnehmer erreichten Suchschiffe Pim Island und fanden noch sieben Überlebende; doch einer von ihnen starb wenige Tage danach. Roderich Schneider hatte es nicht geschafft. Er starb leider bereits vier Tage vor dem Eintreffen der Rettungsschiffe am 18.6.1884. Sein Leichnam wurde nahe dem von Carl Buck abgelegt und nur durch Zufall gefunden.

Pim Island, Fundort der Leichname von Buck und Schneider
Pim Island, Fundort der Leichname von Buck und Schneider

Schneiders Geige, die er im Fort Conger zurücklassen musste, wurde später wieder in die USA gebracht, doch ihr Verbleib ist heute unbekannt. Sein Tagebuch fand man Monate später zufällig in Einzelteilen am Ufer des Missisippi. Warum sich dieses Tagebuch nicht in den offiziellen Expeditionsunterlagen befand, wurden nie geklärt. Man hörte damals: „Offensichtlich wurden nicht nur die Leichname, sondern auch Tagebücher gefleddert.“

Zeitungsmeldung über den Fund – New York Times, 3.12.1891

Am 19. Juli 1884 erreichten die Rettungsschiffe mit den in Tanks eingeschlossenen Leichenresten St. John’s in Neufundland. Die Toten wurden in die USA gebracht und gemäß dem Wunsch der Hinterbliebenen bestattet. Auf Verlangen der Eltern von Roderich Schneider wurde sein Leichnam nach Chemnitz überführt und dort bestattet. Neben dem Grabmal befindet sich noch heute ein Gedenkstein mit der Inschrift:

Das Grabmal Roderich Schneiders in Chemnitz
Das Grabmal Roderich Schneiders in Chemnitz

„Ein wackrer Seemann ruht in heimathlicher Erde
Hier aus von hartem Kampf, von Mühsal und Beschwerde.
Den Süden sah er, wo die Palmen wehn.
Er sah das ewig eisbedeckte Meer im Norden;
Einmal gerettet schon vom Untergehn,
ist nun beschworner Pflicht zum Opfer er geworden.”

Siehe auch „Das Mysterium um die Toten von Pim Island“ und „Franz Joseph Lang – ein Arktisreisender von der Schwäbischen Alb„.

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Franz Joseph Lang – ein Arktisreisender von der Schwäbischen Alb

reblogged vom Juli 2014

Am 17. Juli 1884 – vor 130 Jahren – erreichten sechs Überlebende der Lady Franklin Bay Expedition (1881-1884, unter der Leitung von Leutnant Adolphus Greely) mit den zu ihrer Rettung ausgesandten Schiffen Thetis und Bear den Hafen von St. Johns auf Neufundland. Die anderen 20 Teilnehmer der Expedition waren ab Januar 1884 während der Überwinterung auf Pim Island (an der Ostküste Ellesmere Islands im Norden Kanadas) infolge Erschöpfung und Hunger gestorben.

Pim Island, September 2012
Pim Island, September 2012

Die Überlebenden befanden sich in einem bedauernswerten Zustand. Schon bald nach ihrer Rückkehr gelangten Gerüchte über unglaublich schreckliche Ereignisse auf Pim Island in die Öffentlichkeit: Kannibalismus und die Hinrichtung eines Expeditions-Teilnehmers – des Deutschen Carl Heinrich Buck, der sich vor der Expedition in Charles Henry umbenannt hatte (siehe unser Blog Mysterium um die Toten von Pim Island).

Die Überlebenden der Greely-Expedition
Die Überlebenden der Greely-Expedition, oben rechts Franz-Joseph Lang

Zu den sechs Überlebenden gehörten neben dem Expeditionsleiter Leutnant Greely auch drei deutschstämmige Soldaten: Francis Long, eigentlich Franz Joseph Lang aus Böhmenkirch bei Göppingen, Georg Heinrich Christian Biederbick und Julius Robert Frederick.
Obwohl die Expedition als wissenschaftlich erfolgreich galt, endete sie in einer menschlichen Katastrophe. Greely hatte zunächst versucht, die Hinrichtung Henrys zu verheimlichen, und behauptete, am Kannibalismus weder beteiligt gewesen zu sein noch davon gewusst zu haben. Doch sowohl die Erschießung Henrys als auch die Störung der Totenruhe waren durch die Kapitäne der Rettungsschiffe festgestellt und in einzelnen Fälle durch spätere Obduktionen bestätigt worden.

Die Galionsfigur der "SS Bear"
Die Galionsfigur von „SS Bear“

Der Versuch, die schrecklichen Ereignisse aufzuklären, ist bis heute nicht abgeschlossen. Sowohl die mit der Hinrichtung Henrys Beauftragten als auch die an Zerteilung und Verzehr der menschlichen Überreste beteiligten Expeditionsteilnehmer hatten sich wechselseitig zum Schweigen verpflichtet. Erst nach dem Tod Greelys ging David Brainard, damals der letzte der Überlebenden, mit der Information an die Öffentlichkeit, dass es auf dem Weg von der Lady Franklin Bay nach Pim Island den Versuch einer Meuterei gegen Greely gegeben hatte. Sie wurde wegen Brainards fehlender Bereitschaft abgebrochen; vielleicht aber hätte sie zumindest einigen das Leben retten können.

Ein düsterer Ort: hier befand sich einst das Camp der Greely-Expedition
Ein düsterer Ort: hier befand sich einst das Camp der Greely-Expedition

Francis Long aus Böhmenkirch war neben Brainard der körperlich und mental widerstandsfähigste der Mannschaft. Er hatte an der Schlacht am Little Bighorn teilgenommen, bei der 1876 die Truppen unter General Custer von Indianern unter der Führung von Sitting Bull, Crazy Horse und Häuptling Gull vollständig vernichtet worden waren. Long hatte überlebt, da er von Custer beauftragt worden war, zusätzliche Kräfte zur Hilfe zu holen, die allerdings zu spät kam, um Custers Soldaten beizustehen.

Häuptling Sitting Bull
Häuptling Sitting Bull

Wahrscheinlich hatte Long bereits damals ausreichend Leid gesehen und erfahren, um dann die Ereignisse auf Pim Island durchstehen zu können. Er war der erfolgreichste Jäger der Expedition und oft stunden- und tagelang auf der Suche nach jagdbarem Wild unterwegs. Er war es auch, der genügend Kräfte hatte, um am 22. Juni eine Hügelkette in der Nähe des Camps zu besteigen und die Rettungsschiffe auf sich und die Überlebenden aufmerksam zu machen. Wohl keiner der Teilnehmer hätte die nächsten beiden Tage überlebt, denn Lebensmittel gab es schon seit Wochen nicht mehr.

Francis Long, alias Franz Joseph Lang
Francis Long, alias Franz Joseph Lang

Nach der Heimkehr verschaffte Greely seinen Mit-Überlebenden Jobs und später auch Pensionen; vermutlich wurde ihm mit Schweigen über die Ereignisse auf Pim Island gedankt. David Brainard brachte es sogar vom Sergeanten zum Brigade-General. Er starb mit 89 Jahren. Einige Zeit danach fand man ein unbekanntes Notizbuch, das den letzten Teil seines Tagebuches mit den entscheidenden Ereignissen auf Pim Island enthielt. Dabei lagen zwei Patronenhülsen, die vermutlich von der Erschießung Henrys stammten. Auch Brainard hatte sich bis zu seinem Lebensende an das vereinbarte Schweigen über den Tod Henrys und über den Kannibalismus gehalten.

Die Ziegler-Expedition, Gemälde von Russel W. Porter
Die Ziegler-Expedition, Gemälde von Russel W. Porter

Unzufrieden mit der Beachtung seiner außergewöhnlichen Leistungen während der Greely-Expedition war aber Francis Long; er hatte seinen Mit-Überlebenden 1898 sogar mit der Aufdeckung der Umstände um Henrys Tod gedroht. Dazu kam es aber letztendlich nicht. Stattdessen nahm er – als einziger Teilnehmer der Greely-Expedition – sogar noch an zwei weiteren Arktisexpeditionen, den sogenannten Ziegler-Expeditionen 1901-1905 nach Franz-Josef-Land, teil.

Franz Joseph Lang auf Bärenjagd
Franz Joseph Lang auf Bärenjagd

Im Nachlass von Francis Long fand man keine Tagebuchaufzeichnungen. Hat es gar keine gegeben, oder sind sie „verloren gegangen“? Dass er sich genau an die dramatischen Ereignisse der Greely-Expedition erinnern konnte, kann man an seinem Bericht über die erfolgreiche Jagd eines Eisbären auf Pim Island im Internet nachlesen. Berichte über Meuterei, eine Hinrichtung und Kannibalismus wollte er vermutlich aber nicht veröffentlichen. Und noch heute – 130 Jahre nach den tragischen Ereignissen auf Pim Island – fällt es schwer, über die damaligen Geschehnisse auf Pim Island zu urteilen.

Siehe auch: „Das Mysterium um die Toten von Pim Island“ und „Roderich Robert Schneider – Ein Arktisreisender aus Dorfschellenberg in Sachsen

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Ein Schwabe reist zum Nordpol: Joseph B. Mauch

reblogged/bearbeitet vom August 2014

Es gibt nur wenige Arktisreisende unter den Schwaben. Vielleicht fehlt ihrer Heimat das Meer und auch die eisige Kälte des Winters, um in jungen Leuten die Sehnsucht nach den polaren Regionen zu wecken? Über die Reisen des Schwaben Franz Joseph Lang in den Hohen Norden berichten wir hier.

Joseph B. Mauch
Joseph B. Mauch

Die Anregung für Joseph B. Mauchs Interesse an einer Forschungsexpedition kam von seinem Bruder Karl, der sich von 1865 bis 1871 im Süden Afrikas aufhielt und unter anderem die Ruinen von Groß-Simbabwe untersuchte, beschrieb und in Europa bekannt machte. Heute gehören sie als eine der bedeutenden frühen Großbauten Afrikas zum UNESCO-Welterbe.

Centralbahn Ludwigsburg um 1860
Centralbahn Ludwigsburg um 1860

Joseph B. Mauch, am 19.10.1849 – vor 170 Jahren – in Ludwigsburg geboren, wählte eine andere Himmelsrichtung als sein Bruder. Er begab sich 1866 nach Nordamerika und begann dort mit dem Studium der Medizin und der Pharmazie. 1871 bewarb er sich als Teilnehmer der Amerikanischen Nordpolexpedition unter Führung von Charles Francis Hall. Da die Positionen der Wissenschaftler schon besetzt waren – der führende deutsche Kartograph August Petermann hatte seinen ehemaligen Studenten Dr. Emil Bessels als wissenschaftlichen Leiter wärmstens empfohlen – zögerte Mauch nicht und heuerte als einfacher Matrose an.

Charles Francis Hall
Charles Francis Hall

Als das Expeditionsschiff Polaris den Hafen in Brooklyn verließ, befanden sich neben Mauch und Bessels noch acht weitere Deutsche an Bord, unter ihnen der in Gingst auf Rügen geborene Wilhelm Nindemann. Die Expedition stand von Beginn an unter einem schlechten Stern. Ständig gab es Spannungen zwischen Hall, seinem wissenschaftlichen Leiter Dr. Bessels und dem Kapitän der Polaris Sidney O. Budington. Auch der hohe Anteil deutscher Teilnehmer soll zu „internationalen“ Konflikten auf dem Schiff geführt haben.

Expeditionsschiff Polaris
Expeditionsschiff Polaris

Die Expedition verlief zunächst erfolgreich. Dank günstiger Eisbedingungen erreichte das Schiff immerhin die Position 82°29′ N und überwinterte dort. Hall begab sich auf eine Schlittenexpedition, um noch weiter in Richtung Nordpol zu gelangen.
Nach seiner Rückkehr zum Schiff wurde er plötzlich krank und verstarb am 8.11.1871, vermutlich an einer Arsenvergiftung. Mauch, der persönliche Assistent Halls, der auch sein Expeditionstagebuch führte, hatte von ungewöhnlichen chemischen Gerüchen in Halls Kabine berichtet. Bis heute ist trotz einer Obduktion des Leichnams, die fast 100 Jahre später vorgenommen wurde, nicht geklärt, ob Hall durch Mord oder eine Fehlmedikation vergiftet wurde.

Hier endete die Polaris
Hier endete die Polaris

Nach Halls Tod und der ersten Überwinterung wollte Budington nur noch nach Hause, während Bessels und andere die wissenschaftlichen Aufgaben fortsetzen wollten. Am 15. Oktober 1872 stieß das Schiff vor Grönland gegen einen Eisberg, und der Kapitän befahl, Teile der Ausrüstung auf das Eis zu bringen. Da das in der Nacht geschah, herrschte großes Durcheinander. Ein Teil der Besatzung befand sich auf dem Eis und der Rest auf dem Schiff, als die Eisscholle und mit ihr ein Großteil der Besatzung vom Schiff abgetrieben wurde. Glücklicherweise waren alle Inuit auf der Eisscholle. Nur dank ihrer Fähigkeiten überlebten alle auf dem Eis Gestrandeten die nun folgende Drift von sechs Monaten in Richtung Süden.

Messarbeiten bei Etah
Messarbeiten bei Etah

Joseph B. Mauch befand sich während der Trennung der Mannschaft gerade an Bord der Polaris. Budington setzte das Schiff am folgenden Tag in der Nähe der grönländischen Inuit-Siedlung Etah auf den Strand. Dort überwinterten die Seeleute. Bessels, Mauch und andere nahmen die wissenschaftlichen Arbeiten wieder auf. Mauch vervollständigte seine Aufzeichnungen und fertigte eine Vielzahl von Zeichnungen an. Im folgenden Sommer gelangten die Seeleute mit zwei aus Holzresten gezimmerten Booten nach Süden, wo sie von einem Walfänger aufgenommen wurden.

Halo - Skizze von Joseph B. Mauch
Halo – Skizze von Joseph B. Mauch

Mauch erreichte auf dem Umweg über Schottland wieder die USA, wo er seine Studien fortsetzte und später als promovierter Pharmazeut eine Apothekerpraxis führte. Er gründete eine Familie und war in verschiedenen Gesellschaften tätig, so im Arctic Club of America, im Deutschen Liederkranz und in einer Freimaurer-Loge.

"Halo" - Nebensonne  bei Etah
„Halo“ – Nebensonne bei Etah

Bei verschiedenen Gelegenheiten hielt er Vorträge über seine Teilnahme an der Polaris-Expedition. Als einer der letzten Überlebenden der Expedition starb Joseph B. Mauch am 2. Februar 1909. In seiner Heimat in Schwaben ist er fast vergessen; dort erinnert man nur an seinen Bruder, den Afrikareisenden Karl Mauch.
Herzlicher Dank gilt Herrn Roschmann für wichtige Informationen über Joseph B. Mauch!

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Mein russischer Freund Sergej

reblogged vom Juli 2015

Auf der Visitenkarte von Sergej Pasenjuk steht „MENSCH“.
Ein großartiger Beruf!!! – Ein Universeller.

Sergej Pasenjuk, nachdenklich – Foto: © Ullrich Wannhoff
Sergej Pasenjuk, nachdenklich – Foto: © Ullrich Wannhoff

Sergej lebt seit über vierzig Jahre auf der Beringinsel, und auf dieser Insel arbeitete er als Jäger und Fischer. Nachdem die Kommandeurinseln, zu denen die Beringinsel gehört, 2002 Weltnaturerbe geworden sind, war die Jagdtätigkeit beendet. Er arbeitete dann für den Naturschutz. Jetzt ist er in Rente – ohne Ruhestand. In Russland am Ende der Welt wird man schon mit 55 Pensionär.

In Sergejs Atelier – Foto: © Ullrich Wannhoff
Eine Wand in Sergejs Atelier – Foto: © Ullrich Wannhoff

Sergejs Leidenschaften liegen aber nicht nur in diesen beiden Berufen. Er ist Allround-Künstler, Maler, Grafiker, Schriftsteller, Segler, Bootsbauer und Romantiker. Ein Mensch mit zwei goldenen Händen und einem klaren Kopf, der nicht in Alkohol ertränkt wird, wie bei vielen seiner Mitbewohner im Dorf Nikolskoje, das etwa 600 Einwohnern beherbergt.

Sergejs Atelier – Foto: © Ullrich Wannhoff
Sergejs Atelier, im Vordergrund eine Ankerkette – Foto: © Ullrich Wannhoff
Wandmalerei an Sergejs Atelier – Foto: © Ullrich Wannhoff
Wandmalerei an Sergejs Atelier – Foto: © Ullrich Wannhoff

Erst im Nachherein bin ich ihm sehr dankbar. Wir segelten einst zu zweit 600 Meilen entlang der Alaska-Küste auf den historischen Spuren von Vitus Bering, und hatten großartige Erlebnisse mit der Yacht „Alexandria“, die den Namen seiner Frau trägt. Ihr Kosename ist Schura.

Porträt Sergej Pasenjuk – Foto: © Ullrich Wannhoff
Porträt Sergej Pasenjuk – Foto: © Ullrich Wannhoff

Sergej zeigte mir seine Inseln, auf denen ich dann später allein wanderte, Beobachtungen anstellte, und wo viele Aufzeichnungen entstanden. Er öffnete mir die Inselwelt der Aleuten, die auf russischer Seite mit den Kommandeurinseln beginnen, auf amerikanischer Seite über Unalaska und Kodiak auf Kayak Insel enden.

Stahlplastik von Sergej Pasenjuk – Foto: © Ullrich Wannhoff
Stahlplastik von Sergej Pasenjuk – Foto: © Ullrich Wannhoff

Sergejs Rastlosigkeit scheint einzigartig in ganz Kamtschatka zu sein, wo die Kommandeurinseln dazu gehören. Kaum ein Mensch kennt ihn nicht. Ich achte und liebe ihn mit all seinen vielseitigen Tätigkeiten.

Sergejs Engel-Plastik bei Sonnenuntergang – Foto: © Ullrich Wannhoff
Sergejs Engel-Plastik bei Sonnenuntergang – Foto: © Ullrich Wannhoff

Jedes Mal bin ich überrascht. Mal baut er eine Baidarka, dann repariert er kleinere Boote und größere Yachten, dann malt und zeichnet er und plant größere Buchprojekte – die zum Teil realisiert wurden.

Sergejs Engel-Plastik bei Nacht – Foto: © Ullrich Wannhoff
Sergejs Engel-Plastik bei Nacht – Foto: © Ullrich Wannhoff

Sein Erzählquell hat kein Ende. Eine Geschichte schichtet sich auf neue Geschichten und der Turm von Babel wird immer höher und ragt weit in unseren menschlichen Kosmos hinein.

 Interieur im Bootshaus – Foto: © Sergej Pasenjuk
Interieur im Bootshaus – Foto: © Sergej Pasenjuk

Seine Sammeltätigkeit ist unermüdlich. Viele Polarfuchs- und Seeotter-Schädel zieren Balkenleisten im Bootshaus. Draußen liegt ein Schädel vom Wal. Die Wände sind voll mit historischen Fotografien, Briefen von Freunden, alten Zeitungsausschnitten, sogar aus der Zeit Russisch-Amerikas. Die fand er unter Dielen der Abrisshäuser, die früher zur Russisch-Amerikanischen Kompagnie gehörten.

Arbeit an der Stahlkonstruktion für die Seekuh – Foto: © Sergej Pasenjuk

Alte Holzschindeln und Gebrauchsgegenstände gehören ebenfalls zu seinen Sammelobjekten. Er errichtet Denkmäler zu Ehren der toten Seeleute, die während der „Großen Nordischen Expedition“ unter der Führung Vitus Bering an Skorbut starben. Die Kanonen vom Schiff „St. Peter“ wurden von ihm neu präsentiert: Sie bekamen ein neues Untergestell und einen frischen Anstrich.

Wirbelknochen der Seekuh mit Steuerrad – Foto: © Sergej Pasenjuk
Wirbelknochen der Seekuh mit Steuerrad – Foto: © Sergej Pasenjuk

Vor kurzem kam eine Mail, in der er berichtet, dass er mit Freunden das fast vollständig erhaltene Skelett einer Stellerschen Seekuh ausgegraben hat und im Bootshaus zusammenbaut. Hier sind die Bilder.

Brustkorb der Seekuh – Foto: © Sergej Pasenjuk
Brustkorb der Seekuh – Foto: © Sergej Pasenjuk
Da hängt die Seekuh – Foto: © Sergej Pasenjuk
Da hängt die Seekuh – Foto: © Sergej Pasenjuk

Es handelt sich eine Seekuh, die 1741 von dem deutschen Naturwissenschaftler Georg Wilhelm Steller erstmals wissenschaftlich beschrieben wurde, aber bereits kurze Zeit später ausgestorben war.

 Interieur mit Seekuh – Foto: © Sergej Pasenjuk
Interieur mit Seekuh – Foto: © Sergej Pasenjuk

Seekuhschädel mit Interieur – Foto: © Sergej Pasenjuk
Seekuhschädel mit Interieur – Foto: © Sergej Pasenjuk

Ich bin dankbar, so einen agilen Typen zu kennen! Was für ein MENSCH, Sergej.

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An den vier Küsten Kanadas

Die Musik Ian Tamblyns

reblogged vom April 2015

„They said the trees would last forever / Forever just ran out of time“

Man hört den regelmäßigen Schlag von Wellen gegen das Ufer, dazu ertönt eine sehnsuchtsvolle Flötenmelodie, die an indianische Musik erinnert:
Das ist das Intro einer CD, deren zweites Stück mit einer akustische Gitarre beginnt, zurückhaltend begleitet von Violine und weiteren Instrumenten; eine warme, sehr ausdrucksstarke Stimme setzt ein – und schon ist man mitten drin im „Land der Silberbirke“, man sitzt im Kanu, sieht eine raue felsige Küste und steinige Strände vor sich; man hört den Ruf des Prachttauchers, riecht den Duft des Holzfeuers. „It’s always home again“ – „hier bin ich immer wieder zuhause“, singt eine kräftige, aber verhaltene Männerstimme, „an der Küste meiner Träume“. Die Reise in die Wald- und Felsenlandschaft am Lake Superior führt in fast unberührte Natur und zugleich in die Erinnerung, die Geschichte des Landes und ihrer Menschen.

Lake Superior – Foto: © Ian Tamblyn
Lake Superior – Foto: © Ian Tamblyn

Dass Kanada an drei Meeren – Atlantik, Nordpolarmeer und Pazifik – gelegen ist, erschließt sich jedem beim Blick in den Atlas. Als dem kanadischen Singer-Songwriter Ian Tamblyn bewusst wurde, dass der Lake Superior und die anderen großen Seen im Nordwesten seiner Heimat Ontario gewissermaßen noch eine vierte Küstenlinie – im Herzen des Landes – bilden, wurde dies zur Grundlage eines Projektes, das Tamblyn vor nunmehr fast 10 Jahren [edit: inzwischen sind es über 13 Jahre] ins Auge fasste.

Die vier CDs, die zum „Four Coast Project“ gehören
Die vier CDs, die zum „Four Coast Project“ gehören

Zum „Four Coast Project“ gehören nun vier CDs, mit denen Tamblyn Kanada als eine Klanglandschaft vorstellt.
In Superior – Spirit and Light begibt er sich an die Küsten im Landesinneren, das Land der Silberbirken und Schwarzfichten, das Land der Cree First Nation, er erzählt Geschichten und Geschichte und besingt wunderbare Landschaften.

Raincoast bringt uns an die Pazifikküste mit Hochgebirgszügen, zahllosen Inseln, sanften Buchten und tiefen Fjorden.

Die Regenwaldküste, Haida Gwaii
Die Regenwaldküste, Haida Gwaii

Walking the Bones wurde durch Tamblyns zahlreiche Reisen in den hohen Norden inspiriert. Die Arktis ist für ihn eine Welt voller Wunder und Schönheit, in der die Zeit manchmal still steht.

The Labrador führt uns zu den schroffen, unbezwingbaren Bergen der Torngat Mountains im Norden Labradors an der Ostküste Kanadas, die sich majestätisch über tiefen Fjorden erheben.

Saglek Fjord in den Torngat Mountains, Labrador
Saglek Fjord in den Torngat Mountains, Labrador

Tamblyn erweist sich als Meister der wortstarken, gedankenträchtigen Lyrik, aber auch der Gitarre und des subtilen, zeitweise nur minimalistischen Einsatzes weiterer Instrumente. Faszinierend ist es, wenn Geräusche aus der Natur die Rolle von Musikinstrumenten übernehmen – wie in The Sandhills, wo die Stimme eines Kanada-Kranichs (Sandhill Crane) sogar zum tragenden „Instrument“ wird.

Der vielseitige Singer-Songwriter Ian Tamblyn

Mehr über Ian Tamblyns vielseitiges Schaffen, über seine oft witzigen und hintergründigen kleinen Geschichten und die eindringliche, ausdrucksstarke Musik des Singers-Songwriters kann man in meinem 8-seitigen Artikel „Kanada als Klanglandschaft“ im Heft 2/2015 des Magazins 360° Kanada nachlesen.

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Wanted! Gemälde gesucht!

reblogged vom Juni 2016/bearbeitet

Julius von Payers vermisster Zyklus zur Franklin-Expedition

Es ist jeweils nur ein kurzes Zeitfenster, das den Unterwasserarchäologen von Parks Canada zur Verfügung steht, um in die Arktis zurückzukehren und an den Wracks von HMS Erebus (gefunden 2104) und von HMS Terror (gefunden 2016) vor King Williams Island zu arbeiten. Die Logistik ist schwierig, denn selbst wenn bei uns längst Sommer ist, sind manchmal weite Bereiche der Arktis noch zu dicht mit Meereis bedeckt, als dass man dort einfach und gefahrlos tauchen könnte; dazu kommen Sturm und andere Hindernisse, die ein sicheres Arbeiten unter Wasser erschweren. Nicht immer gibt es so gute Ergebnisse wie im Sommer 2019 bei der Erkundung von HMS Terror.

Im Inneren von HMS Terror - © Parks Canada
Im Inneren von HMS Terror – © Parks Canada

Es wird alles in allem noch längere Zeit dauern, bis aus den Gegenständen – und etwaigen Dokumenten und Aufzeichnungen – die man aus den Schiffswracks bergen kann, endlich neue Erkenntnisse zum Schicksal der Expedition gewonnen werden können. Hier wollen wir auf ein anderes ungeklärtes Phänomen aufmerksam machen, das auch etwas mit Franklin zu tun hat: Das Verschwinden der Franklin-Gemälde von Julius von Payer.

Der Franklin-Zyklus
Payer war bereits ein berühmter Kartograf und Arktisforscher, als er sich entschloss, Kunstmaler zu werden. Dabei war es ihm von Beginn an ein Anliegen, das fast spurlose Verschwinden der Franklin-Expedition bildlich zu gestalten. Er konzipierte einen Zyklus von vier (oder fünf?) Monumentalgemälden mit den Arbeitstiteln:
Der Tod Franklins (Death of Franklin) 1889
Das Verlassen der Schiffe (Abandoning vessels) 1885
Gottesdienst auf dem Eis (Bible reading) 1888
Die Bai des Todes (Starvation Cove) 1883

Franklins Tod, Julius von Payer, Reproduktion, Sammlung Cyriax
Franklins Tod, Julius von Payer, Reproduktion, Sammlung Cyriax

Ein angedachtes fünftes Gemälde sollte wohl das Auffinden von Überresten der Franklin-Expedition durch Francis Leopold McClintock im Jahr 1859 darstellen.

Gottesdienst auf dem Eis, von Julius von Payer, Reproduktion, Sammlung Cyriax
Gottesdienst auf dem Eis, von Julius von Payer, Reproduktion, Sammlung Cyriax

Julius von Payer studierte an verschiedenen Kunstschulen und in Ateliers berühmter Maler. Er reiste mindestens zwei Mal nach London, um Skizzen und Studien für seine geplanten Gemälde anzufertigen. Auf einer Werft in Chatham besichtigte er Schiffe, die baugleich zu Erebus und Terror waren. Er besuchte Museen in Greenwich, studierte das Franklin-Denkmal am Waterloo Place in London und erhielt ein Kopfrelief von Kapitän Fitzjames von der HMS Erebus. Sophia Cracroft, Franklins Nichte, stellte Fotos von Kaptän Crozier von HMS Terror und anderen Seeleuten zur Verfügung. Von Frederick Schwatka, Leiter einer amerikanischen Suchexpedition, erhielt er eine Skizze von Starvation Cove, dem Fundort von Leichen und Überresten der Franklin-Expedition.

Taucher am Wrack von HMS Erebus - Parks Canada – © Parks Canada
Taucher Filippo Ronca am Wrack von HMS Erebus – © Parks Canada

Bestens vorbereitet, malte Payer zunächst „Die Bai des Todes“. Das Bild wurde ab 1883 mit viel Erfolg in Galerien europäischer Städten gezeigt, erregte überall großes Aufsehen und wurde mit Auszeichnungen dekoriert. Leider konnte bis heute keine Abbildung dieses Gemäldes nachgewiesen werden. Die weiteren Gemälde folgten, und alle vier wurden 1896 in der Londoner Grafton Gallery ausgestellt. Dann verliert sich ihre Spur.

Das Verlassen des Schiffs, von Julius von Payer, Reproduktion, Sammlung Cyriax
Das Verlassen des Schiffs, von Julius von Payer, Reproduktion, Sammlung Cyriax

Da Fotografie und Reproduktionstechnik zu der Zeit noch in den Kinderschuhen steckten, sind keine farbigen Reproduktionen dieser Gemälde bekannt. Es existieren heute nur noch Skizzen und Studien zu einigen der Gemälde. Der Zyklus wurde vermutlich komplett oder in Teilen nach USA verkauft. Payer malte dann 1897 eine zweite Variante der „Bai des Todes“, die heute in einem Prager Institut hängt.

Bai des Todes - Version von 1897 im Geophysikalischen Institut der Akademie der Wissenschaften zu Prag
Bai des Todes – Version von 1897 im Geophysikalischen Institut der Akademie der Wissenschaften zu Prag

Es gibt Hinweise, dass sich alle oder ein Teil der verschwundenen Gemälde noch bis nach dem zweiten Weltkrieg im Besitz der belgischen Sammler-Familie O’Meara in Brüssel befunden haben. Durch das Auffinden der Wracks von HMS Erebus und HMs Terror ist das Interesse natürlich groß, auch den Verbleib der Gemälde Payers aufzuklären. Immer wieder tauchen Studien und Varianten zu den Gemälden auf. Sie wurden auf Ausstellungen in Wien (1973), Prag (2006) und in Teplice (2011 und 2015) gezeigt. Nur die Originale bleiben – vorerst – verschwunden.

Das Verlassen des Schiffs – vermutlich eine Studie, die 2015 in Teplice ausgestellt wurde. Foto: Radek Svítil
Das Verlassen des Schiffs – vermutlich eine Studie, die 2015 in Teplice ausgestellt wurde. Foto: Radek Svítil

Unklar ist auch, ob eine 1973 in Wien ausgestellte Reproduktion von „Bai des Todes“ aus der Sammlung Dr. Felizitas Haindl die Version von 1883 oder von 1897 zeigte. Leider gibt es laut Aussage der Österreichischen Nationalbibliothek keine Reproduktion der Reproduktion mehr. Vermutlich war die Entwicklung der modernen Malerei zu Beginn des 20. Jahrhunderts „schuld“ am Vergessen der monumentalen Franklin-Gemälde von Payer. Der Kunstmarkt und das Interesse der Sammler hatte sich längst anderen Malern wie Cezanne, Picasso, Matisse oder den deutschen Expressionisten zugewandt.

Bai des Todes – vermutlich Studie für das große Gemälde, Sparkasse Teplice
Bai des Todes – vermutlich Studie für das große Gemälde, Sparkasse Teplice

Doch wir (siehe auch Radek Svítil, Franklinova expedice) lassen nicht locker! Wer weiß etwas über den Verbleib der monumentalen Franklin-Gemälde von Julius von Payer?
Wesentlicher Unterschied zwischen den Varianten der „Bai des Todes“ von 1883 und 1897 ist übrigens eine zusätzlich im linken Teil des 1897er Gemälde aufgenommene Figur. Interessant dabei: Sie erinnert irgendwie an die Darstellung Frederick Schwatkas von Heinrich Wenzel Klutschak, einem der Teilnehmer der Schwatka-Expedition, der wie Payer aus Österreich stammte.

Frederick Schwatka, dargestellt von Heinrich W. Klutschak
Frederick Schwatka, dargestellt von Heinrich W. Klutschak

Siehe auch: Julius von Payer – Entdecker und Maler.

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Julius von Payer – Entdecker und Maler

reblogged vom Juli 2015/bearbeitet


Geboren wurde der österreichische Kartograf, Alpen- und Polarforscher und Kunstmaler Julius von Payer am 2. September 1842 in Teplice (Teplitz-Schönau, Böhmen); er starb am 29. August 1915, in Veldes (damals Österreich-Ungarn, heute Bled in Slowenien).

Julius von Payer, Foto von Fritz Luckhardt
Julius von Payer, Foto von Fritz Luckhardt

Er erhielt eine Ausbildung an einer Kadettenanstalt und später an einer Militärakademie. Wie vielen jungen Männern seiner Zeit sollte ihm eine Karriere beim Militär Anerkennung bringen und ein Auskommen sichern. Payer verfügte über bemerkenswerte zeichnerische und bergsteigerische Talente, die ihm – auf Vermittlung des deutschen Kartografen August Petermann – 1869/70 die Teilnahme an einer Arktisreise nach Ostgrönland ermöglichten.

Payers Geburtshaus in Teplice
Payers Geburtshaus in Teplice

Als erfahrenem Alpinisten gelangen ihm mehrere Erstbesteigungen; er kartografierte und unternahm mit Hundeschlitten schwierige Expeditionen entlang der Küste. Eine weitere Expedition führte ihn 1871 nach Spitzbergen und Nowaja Semlja. Die auf den beiden Expeditionen gesammelten Erfahrungen machten Payer zum geeigneten „Kommandanten an Land“ – neben dem „Kommandanten zur See“ Carl Weyprecht – bei der Österreich-Ungarischen Nordpolexpedition von 1872-74.

Endless. Franz-Josef-Land – Foto von Christopher Michel
Endless. Franz-Josef-Land – Foto von Christopher Michel

Bei dieser großen Expedition erreichte man zwar nicht wie gehofft den Nordpol, entdeckte jedoch eine unbekannte Inselgruppe – Franz-Joseph-Land benannt – was allerdings von der österreichischen Militärbürokratie zunächst angezweifelt wurde. Payer verließ daraufhin frustriert das Militär und wandte sich, seinen zeichnerischen Talenten gemäß, der Malerei zu.

Julius von Payer: “Klentzer in Gesellschaft eines Bären“, Zeichnung.
Julius von Payer: “Klentzer in Gesellschaft eines Bären“, Zeichnung.

Eine 2015 erschienene Biografie von Frank Berger widmet sich dem komplizierten und widersprüchlichen Lebenslauf Julius Payers. Das lesenswerte Buch liefert viele bisher unbekannte Details und geht besonders auch auf Payers Zeit als Maler und im Zusammenhang damit auf seine besondere Beziehung zur Expedition von John Franklin zur Entdeckung der Nordwest-Passage ein.

Frank Bergers Buch über Payer erschien im Tyrolia-Verlag, Innsbruck-Wien 2015
Frank Bergers Buch über Payer erschien im Tyrolia-Verlag, Innsbruck-Wien 2015

Seit dem Fund des Wracks von HMS Erebus haben die Unterwasserarchäologen in jedem Sommer Tauchgänge am Schiff Franklins untergenommen. Das Wrack war im Herbst 2014 im kanadischen Archipel südlich von King William Island entdeckt worden. Über das genaue Schicksal der Besatzung, die nie wieder in die Heimat zurückkehrte, ist fast nichts bekannt. Bis heute konnten nur einige wenige Gräber und Überreste der Seeleute gefunden werden. Das einzige bisher vorliegende Dokument über das Schicksal der Expedition enthielt die Mitteilung, dass John Franklin am 11. Juni 1847 verstorben war.

Julius von Payer - Im Packeis der Arktis, Gemälde
Julius von Payer – Im Packeis der Arktis, Gemälde

Julius Payer war von dem tragischen Schicksal der Franklin-Expedition tief beeindruckt und wollte Franklin und seinen Seeleuten ein malerisches Denkmal setzen. Er reiste nach London und traf sich dort mit der Witwe Franklins, Jane Franklin, wie auch mit dem Kapitän Sir Francis Leopold McClintock, der mit seiner Such-Expedition nach den verschwundenen Schiffen bedeutende Erkenntnisse über deren Scheitern beitragen konnte.

Julius von Payer – Der Tod von John Franklin, Foto eines verschollenen Gemäldes (Ausschnitt)
Julius von Payer – Der Tod von John Franklin, Foto eines verschollenen Gemäldes (Ausschnitt)

Nach seiner Rückkehr malte Payer einen Zyklus von vier Monumentalgemälden über die Franklin-Expedition, die aber seit Jahrzehnten nicht mehr auffindbar sind. Angeblich befanden sie sich in den 1950igern in belgischem Privatbesitz; seitdem ist ihr Aufenthaltsort unbekannt.
Vielleicht bringt ja die Zukunft neue Hinweise auf den Verbleib der Gemälde, die einst nach ihrer Fertigstellung mit Preisen geehrt und mit großem Erfolg in verschiedenen bedeutenden Galerien gezeigt worden waren. Bekannt sind heute nur noch eine Kopie und eine Studie zu dem Gemälde mit dem Titel „Bay des Todes“, die das tragische Ende der letzten Überlebenden im Kampf mit Eisbären zeigen.

Julius von Payer – Die Bucht des Todes
Julius von Payer – Die Bucht des Todes

Ansonsten gibt es von den Bildern nur noch Schwarz-Weiß-Reproduktionen, die einen ungefähren Eindruck von der Monumentalität und der Detailtreue der Gemälde vermitteln. Unter ihnen auch eine Darstellung des Todes Franklins an Bord der Erebus. Für die realistische Darstellung der Personen auf seinen Gemälden nutzte Payer Daguerreotypien von Franklin und seinen Offizieren, die 1845 kurz vor der Abreise der Schiffe angefertigt worden waren.
Die jährlichen Arbeiten der Archäologen am Wrack von HMS Erebus werden von vielen Interessierten in der ganzen Welt mit besonderer Aufmerksamkeit beobachtet – hofft man doch, an Bord Aufzeichnungen wie Tage- und Logbücher zu finden, die zur Aufklärung des Schicksals der gescheiterten Expedition beitragen könnten.

Grabmal von Julius von Payer – Foto von Unterillertaler
Grabmal von Julius von Payer in Teplice – Foto von Unterillertaler
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Die Welt der Eisbären

reblogged vom September 2014 – Auszug aus einem Artikel im Sonderheft „Norden“ des Magazins 360° Kanada.

Bevor wir in den Zodiac steigen, ziehen wir dicke Pullover und mehrere Schichten Jacken über. Der kalte Wind scheint von allen Seiten gleichzeitig zu kommen. Wir fahren tief in die Coningham Bay hinein; bald sind wir nahe genug am nebligen Ufer, um mit dem Fernglas dort Knochen zu erkennen: Wirbelsäulenteile von Walen. Und dazwischen ein Eisbär. Anfangs halte ich ihn für einen glänzenden Felsen, denn er bewegt sich nicht. Als wir nahe genug heran sind, schwinden alle Zweifel. Da steht ein Eisbär direkt über einem Stück abgenagten Walkadaver, man erkennt deutlich die Wirbelknochen des Meeressäugers.

Alle Touristen wollen den Eisbären fotografieren
Alle Touristen wollen den Eisbären fotografieren

Nun sieht der Eisbär uns – er blickt her, aber zeigt sich nicht beeindruckt. Was mag in seinem Kopf vorgehen? Er behält die Ruhe, wartet ab, dann macht er etwas Verblüffendes: er setzt sich auf seine Beute. Eine Geste der Besitzverteidigung? Er bewegt den Kopf, schaut immer wieder her. Und dann verlässt er seinen Platz. Dass er absolut keine Angst hat, erkennen wir daran, dass er sich auf uns zu bewegt, ohne Hast. Langsam und gemessenen Schrittes kommt er näher.

Der Eisbär nähert sich
Der Eisbär nähert sich

Dann kommt er ohne Hast noch näher an die Uferlinie, mit einwärts gesetzten Vorderfüßen und schwingenden Hüfte, und wir können die kraftvolle Pose des Eisbären bewundern. Er tritt mit seinen riesigen Tatzen ins flache Wasser, so als wollte er sagen: „Ich weiß zwar nicht, wer ihr seid und was ihr hier wollt, aber eins ist klar: Das hier ist mein Platz und meine Beute; bleibt lieber weg!“ … … …

Ruhender Eisbär
Ruhender Eisbär

… … … Da die Eisbären, selbst wenn sie sich temporär an Land aufhalten, vom Meereis abhängig sind – für ihre Jagd und Ernährung wie für ihre Vermehrung – liegt die Zukunft der Eisbären da, wo die Zukunft des Polareises liegt. … Ob auch unsere Ur-Ur-Enkel noch Eisbären sehen können?

Hungriger Eisbär
Hungriger Eisbär

Den vollständigen Artikel kann man im Sonderheft Norden des Magazins „360° Kanada“ nachlesen.

Noch mehr über die Welt der König*innen der Arktis erfährt man in unserem Buch „Eisbären – Wanderer auf dünnem Eis“, erhältlich in der Buchhandlung Ihres Vertrauens oder direkt beim Verlag.

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Die rote Lava quillt aus der dunklen Erde

Dass in Kamtschatka gerade wieder ein Vulkan – diesmal der Schievelutsch – sehr aktiv ist, nehmen wir zum Anlass, um diesen Beitrag zu Erlebnissen auf Kamtschatka 2013 zu rebloggen – da geht es um den Tobaltschik:

Wie Gedärme quillt die rote Lava aus der dunklen Erde – Erlebnisse auf Kamtschatka, Juni bis August 2013

Am Tage bedeckt Schneegeriesel die frisch erkaltete schwarze Lava, während einige Meter darunter die glühende Lava fließt.

Schnee auf heißer  Lava – Foto: © Ullrich Wannhoff
Ende Juni 2013 überrascht uns der Winter – Foto: © Ullrich Wannhoff

Die Oberfläche, die von der heißen Lava aufgerissen wird, erinnert an einen Schwarzweißfilm. Wasserdämpfe steigen nach oben und verflüchtigen sich in den dunklen blaugrauen Wolken die darüber ziehen und am Horizont mit Helligkeit durch die Sonne aufgesogen werden.

Frische Lava – Foto: © Ullrich Wannhoff
Frische Lava bricht die erkaltete Kruste auf – Foto: © Ullrich Wannhoff

Eine spannungsvolle Lichtdramaturgie von grauen Schattierungen, die ein malerisches Bild ergeben und uns an Gerhards Richters künstlerische Werke erinnern, mit den gemalten Effekt der verschwommenen diffusen Ansichten einer Fotografie. Das lässt uns erahnen, welche Naturgewalten sich unter unseren Füßen bewegen.

Erkaltete Lava  – Foto: © Ullrich Wannhoff
Erkaltete Lava – Foto: © Ullrich Wannhoff

Die gerissene schwarzgraue Oberfläche blutet, und zähflüssige Lava leuchtet hindurch. Wie aufgerissene verletzte Körper, deren stillendes Blut Schorf bildet. Formen von schwarzen Gedärmen quellen nach außen und erinnern uns an Tierleiber in den gekachelten Schlachthöfen, wo die Bäuche der Tiere in der Länge aufgeschlitzt werden. In der vulkanologischen Fachsprache spricht man von Stricklava. Sie fließt um ihre eigene Achse und bildet strickähnliche Muster, je nach Fließgeschwindigkeit.

Stricklava - Foto: © Ullrich Wannhoff
Die Lava dreht sich um die eigene Achse wie ein Strick – Foto: © Ullrich Wannhoff

Immer wieder bricht die verletzte, fast erkaltete Lava-Oberfläche auf, und Rotes stößt nach und wird mit nachfolgender Hitze von 1100°C gefüttert. Spannungen, die zerreißen, platzen – und das Ganze in Zeitlupentempo, ohne Eile. Geschwindigkeit ist fehl am Platze. Stetig und beharrlich drückt sich Rotes durch alle Ritzen, als gäbe es die informelle Kunst schon seit Millionen Jahren, bevor Jackson Pollock sie in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts in seiner Garage auf Long Island entwickelte. Unserem Denken haften immer wieder metaphysische Metaphern an, deren Vergleiche uns in Gefühle ausbrechen lassen, die kaum regulierbar sind – oder?

 Innere glühende Walze – Foto: © Ullrich Wannhoff
Innere glühende Walze – Foto: © Ullrich Wannhoff

Sich treppenartig übereinander stapelnd walzt die Lava ins Tal hinab. Baut sich auf bis 15 Meter hoch und wird begrenzt durch das Abkühlen an den Rändern. Schicht für Schicht quillt darüber, ohne wirklich sichtbar vorwärts zu kommen. Die Hitze unter den Fußsohlen zeigt uns die Gefahren auf. Jeder Schritt nach vorne kann das Ende unseres Lebens sein. Ein Leben, das wir in der Erdgeschichte wie eine Stecknadel im Heuhaufen suchen müssten und wahrscheinlich nicht finden. Ein aussichtsloses Unterfangen. Noch haben wir kein weiteres Leben im Kosmos gefunden…

Feuerschlund - Foto: © Ullrich Wannhoff
Feuerschlund – Hölle oder Paradies? – Foto: © Ullrich Wannhoff

Die Nacht bricht an und noch dunkler als die Wolken zieht sich der Himmel zu. Schon längst scheint die Sonne auf der anderen Seite der Erde. Ihr glühender Ball sichert uns das Leben auf der Erde und macht die Nacht zum Tag. Rhythmen des Schlafens und Wachens lösen sich ab.

Das Leuchten in der Nacht – Foto: © Ullrich Wannhoff
Malerisches Foto: Das Leuchten in der Nacht – Foto: © Ullrich Wannhoff

Der Vulkan spuckt und spuckt das Blut der Erde in den Himmel. Staunend stehen wir davor. Brachiale Gewalt öffnet sich nach oben. Glühende und geschmolzene rote Steine erkalten in der Luft, fallen fast geräuschlos auf die schrägen Hänge des Vulkans, der aus schwarzen Schlacke- und Aschefeldern besteht. Wärme, die nicht lange anhält, und das lockere „Gestein“ und Geröll erschwert das Laufen des Neugierigen, der unbedingt den Kraterrand erreichen möchte.

Spaltenausbruch des Tolbatschiks – Foto: © Ullrich Wannhoff
Heißer Atem aus dem Spaltenausbruch des Tolbatschiks – Foto: © Ullrich Wannhoff

Die rote Hitze wird in den Wolken reflektiert. In der Stadt spricht man von Lichtsmog. Rote glühende Lava funkelt punktuell auf der dunklen Aschenoberfläche, als würde eine Stadt im rot leuchtenden Lichtermeer untergehen.

Lavaströme und Vergletscherungen – © Ullrich Wannhoff
rot: Lavaströme, weiß: die Vergletscherungen – © Ullrich Wannhoff

Je dunkler es wird, um so mehr leuchtende Punkte schälen sich in der Ferne als bewegte rote Walze stufenartig in das Tal, in südliche Richtung, in Richtung des toten Waldes, wo beim Seitenausbruch des Tolbatschik 1975/76 seine Asche den Bäumen die Luft wegnahm und sie vertrocknen ließ. Jedes zarte Ästlein zweigt sich sperrig und leblos vom Stamm. Mit den Jahren verbreiten sich junge Pionierpflanzen, die die schwarzen Aschefelder beleben. Wind und orkanartige Stürme verteilen den Samen, und die Insekten bestäuben unfreiwillig die kleinen Pflanzenpolster.

Blühender arktischer Mohn – Foto: © Ullrich Wannhoff
Blühender arktischer Mohn – Foto: © Ullrich Wannhoff

Zurück zu den Lavafeldern, deren Dampf nicht nur Wasser, sondern unter anderem Fluor und Chlor enthält. Daraus bildet sich eine gelbe Kruste die von der Lava nach unten abtropft, ähnlich wie Stalaktiten. Bizarre Formen, die uns zum Staunen bringen, einfach großartig.

Fluor- und Chlorgase bilden die herrlichen Tropfen – Foto: © Ullrich Wannhoff
Fluor- und Chlorgase bilden die herrlichen Tropfen – Foto: © Ullrich Wannhoff

Hier ist die Erdoberfläche jünger als wir. Sie wurde in einem Spaltenausbruch in zweitausend Meter Höhe geboren. Später bildete sich in tieferer Region ein neuer Aschekegel heraus, in dessen Schlund mehrere rote Löcher kochen. Nur eine Lebensmüder könnte davon angesogen werden – Himmel und Hölle wird seine Seele aufnehmen.

Glühendes Loch  – Foto: © Ullrich Wannhoff
Glühendes Loch, darunter fließt die Lava 40 Kubikmeter in der Sekunde – Foto: © Ullrich Wannhoff

Seit 30. November 2012 bis Ende August 2013 kam es zu einem Spaltenausbruch des Vulkans Tolbatschik. Der Tolbatschik besteht aus dem 3.400 m hohen Ostryi (= spitzen) Vulkan und den Ploskii (= flachen) Vulkan von 3.000 m Höhe. Beide gehören zu der hohen Vulkangruppe im zentralen Teil Kamtschatka, die sich südlich um den höchsten Vulkan Klutschevskoi gruppieren.

Karte Kamtschatka-Halbinsel mit Tolbaltschik – courtesy of NASA
Karte Kamtschatka-Halbinsel mit Tolbaltschik – courtesy of NASA

Ein zwanzig Kilometer langer Lavastrom floss seither den Aschekegel hinunter und bildete drei Hauptströme. Anfang September 2013 wurde die Lavaproduktion eingestellt.

Am Horizont leuchtet die Erde – Foto: © Ullrich Wannhoff
Am Horizont leuchtet die Erde – Foto: © Ullrich Wannhoff

Viktor Okrugin, Vulkanologe und mein bester russischer Freund auf Kamtschatka, sagte: „Ulli – jetzt müssen wir wieder etwa vierzig Jahre warten bis zum nächste Ausbruch.“ So war der Rhythmus der letzten Jahrzehnte. Die itelmenischen* Götter werden die Berichte in den Himmel schreien…
(* Itelmenen = Ureinwohner Kamtschatkas)

Der Vulkan ruht - Sept 2013 – Foto: © Viktor Okrugin
Der Vulkan ruht – Sept 2013 – Foto: © Viktor Okrugin
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Die Insel der Vögel

Bernhard Hantzsch in Island

reblogged vom 17.7.2017

Bernhard Hantzsch, ein in Dresden geborener Lehrer und Ornithologe, wurde besonders für seine Expeditionen in die Arktis – Labrador 1906 und Baffin Island 1909-1911 – bekannt. Er hatte als erster Weißer Baffin-Island durchquert, als er dort – wahrscheinlich infolge des Verzehrs von infiziertem Eisbären-Fleisch – erkrankte und verstarb. Die aussagekräftigen und teils poetischen Tagebücher und Aufzeichnungen dieser Reise sind in Deutschland nie veröffentlicht worden; bisher liegt nur eine kanadische Ausgabe vor.

Porträt Bernhard Hantzsch, Sammlung Fam. Dr. Günther Dietz
Porträt Bernhard Hantzsch, Sammlung Fam. Dr. Günther Dietz

Anlässlich des 100. Todestages von Bernhard Hantzsch fand in der Schule in Hartha bei Dresden, die heute seinen Namen trägt, eine Gedenkveranstaltung statt, bei der auch Mitglieder der Familie anwesend waren. Eine Dauerausstellung in dieser Schule zeigt wichtige Dokumente und Exponate aus dem Leben von Bernhard Hantzsch. Unter ihnen befindet sich das Tagebuch einer Reise nach Island im Jahr 1903.

Hantzschs Tagebuch der Islandreise
Hantzschs Tagebuch der Islandreise, ausgestellt in der Schule in Hartha

Dieses erweckte in uns den Wunsch, seiner damaligen Expedition – zumindest in Teilen – zu folgen. Ihr Verlauf lässt sich anhand des Tagebuchs und der von Hantzsch 1905 veröffentlichten Abhandlung über die Vogelwelt Islands sowie von Briefen, die sich im Besitz der Familie befinden, zu großen Teilen rekonstruieren.

Brief aus Hjalteyri, © Sammlung Fam. Dr. Günther Dietz
Brief aus Hjalteyri, © Sammlung Fam. Dr. Günther Dietz

Ende Juni 2017 war es für uns soweit. Anders als Hantzsch, der am 10.4.1903 mit dem Dampfschiff in Kopenhagen startete und erst nach 11 Tagen Reykjavík erreichte, benötigten wir mit dem Flieger von Berlin nach Keflavík nur etwa drei Stunden.

Regierungsgebäude in Reykjavík
Auch Bernhard Hantzsch sah dieses Regierungsgebäude in Reykjavík

Nach einer Eingewöhnungszeit fuhr Hantzsch mit einem Küstenboot nach Hjalteyri im Norden Islands. Zunächst wurden die Snaefellsnes-Halbinsel und die Nordwest-Fjorde umfahren.

Kirche in Búðir
Ob Hantzsch auch die Kirche in Búðir besuchte?

Stationen der Reise von Hantzsch waren unter anderen: Búðir, Ólafsvík, Stykkishólmur, Flatey, Dýrafjörður, Ísafjörður, Holmavík, Hvammstangi und Skagaströnd.

Leuchtturm von Kálfshamarsvík
Leuchtturm von Kálfshamarsvík nördlich von Skagaströnd

Diese Orte, von denen einige auch auf unserer Liste standen, kann man heute vergleichsweise einfach mit dem Auto (bzw. der Fähre) erreichen. Allerdings mussten wir für manche von ihnen recht viele Straßenkilometer zurückzulegen, da sich das Land hier fingerförmig zwischen tiefen Buchten und Fjorden erstreckt und die Straßen oft der Küstenlinie folgen.

Hafen von Stykkishólmur
Der Hafen von Stykkishólmur in der Mittagssonne

Búðir, Ólafsvik und Stykkishólmur befinden sich auf der Halbinsel Snaefellsnes. Hier konnten wir Bekanntschaft mit Eissturmvögeln, Gryllteisten, Dreizehenmöwen und den angriffslustigen – weil ihre Brut verteidigenden – Küstenseeschwalben schließen.

Dreizehenmöwe (Rissa tridactyla)
Nistet gern in Kolonien auf unzugänglichen Felsen: Dreizehenmöwe (Rissa tridactyla)
Küstenseeschwalbe (Sterna paradisaea)
Verteidigt ihr Gelege mit Luftangriffen: Küstenseeschwalbe (Sterna paradisaea)

Ísafjörður und Holmavik liegen in den Westfjorden, wo sich an der Steilküste von Látrabjarg, Europas größter Vogelkolonie, Millionen von Seevögeln tummeln, vor allem Papageientaucher, Tordalke, Lummen und Basstölpel.

Holmavík. Handelshaus Richard P. Riis
Auch 1903 stand in Holmavík das Haus des Händlers Richard P. Riis
Papageientaucher (Fratercula artica), „Lundi“ genannt.
In Island wird der Papageientaucher (Fratercula artica) „Lundi“ genannt.

Bernhard Hantzsch war auf der Islandreise 1903 vor allem als Ornithologe unterwegs. Land und Leute standen – anders als bei seinen folgenden Expeditionen – weniger in seinem Fokus. Von Hjalteyri aus fuhr er Ende Juni mit dem Schiff nach Grímsey, der Insel, die als einziger Ort Islands den Polarkreis berührt.

Alpenschneehuhn (Lagopus muta) im Sommerkleid
Alpenschneehuhn (Lagopus muta) im Sommerkleid
 Grimsey –  Foto: Bernhard Hantzsch, © Sammlung Fam. Dr. Günther Dietz
Grimsey – Foto: Bernhard Hantzsch, © Sammlung Fam. Dr. Günther Dietz

Grimsey erwies sich als Paradies für den Vogelkundler Hantzsch, und er verbrachte hier mehr als zwei Wochen.

Grenjaðarstaður am Mývatn –  Foto: Bernhard Hantzsch
Gehöft in Reyklalið am Mývatn – Foto: Bernhard Hantzsch, © Sammlung Fam. Dr. Günther Dietz

Nach seiner Rückkehr von Grímsey ritt Hantzsch auf gemieteten Pferden zum Mývatn, dem inzwischen unter Ornithologen wohlbekannten „Mückensee.“ Hier konnte er viele Entenarten beobachten, sowie auch Singschwäne und Eistaucher.

Hantzsch mit seinem Pferd Hejra –
Hantzsch mit seinem Pferd Hejra – Foto: Bernhard Hantzsch, © Sammlung Fam. Dr. Günther Dietz

Wieder in Hjalteyri angekommen, beschloss Hantzsch, den Rückweg nach Reykjavik ganz allein mit seinem Pferd Hejra durch das wenig erschlossene Innere Islands, von Bauernhof zu Bauernhof, zu machen.

Goðafoss – Foto: Bernhard Hantzsch
Auch früher schon ein Touristenziel: der Goðafoss – Foto: Bernhard Hantzsch, © Sammlung Fam. Dr. Günther Dietz

Die heute weltbekannten Reiseziele wie Þingvellir, die Geysire und Islands große Wasserfälle standen schon damals auf der Reiseliste der wenigen Besucher – so auch bei Hantzsch. Dass 110 Jahre später mehr als eine Million Touristen pro Jahr die abgelegene Insel besuchen würden, lag 1903 jedoch noch außerhalb jeder Vorstellungskraft.

Hantzschs Abhandlung über die Vogelwelt Islands
Hantzschs Abhandlung über die Vogelwelt Islands

1905 veröffentlichte Hantzsch sein bis heute geschätztes Werk „Beitrag über die Kenntnis der Vogelwelt Islands“. Zwei auf Island vorkommende Unterarten, Acanthis linaria islandica (Birkenzeisig) und Corvus corax islandicus (Rabenart), wurden erstmalig von Hantzsch beschrieben und klassifiziert.

Isländischer Birkenzeisig (Acanthis Linaria islandica) – Foto: Jyrki Salmi
Isländischer Birkenzeisig (Acanthis Linaria islandica) – Foto: Jyrki Salmi

Bei unserem zweiwöchigen Kurzbesuch auf Islands war es natürlich – trotz (oder wegen) der Nutzung eines PKWs auf teilweise asphaltierten Straßen – unmöglich, sich nur annähernd eine Vorstellung von den Herausforderungen zu machen, die Bernhard Hantzsch während seiner fast halbjährigen Expedition bewältigen musste. Die reichhaltige Vogelwelt Islands aber konnten auch wir vielerorts erleben. Hoffen wir, dass Island eine gute Balance zwischen nachhaltigem Tourismus, behutsamer industrieller Ressourcennutzung und Schutz der natürlichen Umwelt finden kann.

Corvus corax islandicus) – Foto: Sigurður Atlason
Zwei junge isländische Raben ( Corvus corax islandicus) – Foto: Sigurður Atlason

Siehe dazu auch die Beiträge: „Bernhard Hantzsch – Ein Dresdner in Labrador“ und „Geburtstag in Eis und Schnee – Bernhard Hantzsch“ auf unserem Blog.

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Geburtstag in Eis und Schnee – Bernhard Hantzsch

reblogged vom Januar 2015

In etwa 3 Monaten, im Januar, jährt sich zum 145. Mal der Geburtstag von Bernhard Hantzsch, einem Ornithologen und Polarforscher, der – zu Unrecht – nur Wenigen bekannt ist. Er wurde am 12.1.1875 in Dresden geboren und kam 1911 auf der kanadischen Baffin-Insel auf tragische Weise ums Leben.

Der Dresdner Lehrer Bernhard Hantzsch - Foto: Sammlung Fam. Dr. Dietz
Der Dresdner Lehrer Bernhard Hantzsch – Foto: Sammlung Fam. Dr. Dietz

Hantzsch war von Beruf Lehrer, doch zog es ihn immer wieder als Ornithologe in die Natur, ob in der unmittelbaren Umgebung seiner Heimatstadt Dresden, auf den Balkan, nach Island oder sogar nach Labrador.
Seine Labrador-Reise von 1906 betrachtete Hantzsch auch als Test für eine sorgfältig geplante und viel anspruchsvollere Expedition – der erstmaligen Durchquerung von Baffin Island durch einen „weißen“ Forscher.

An der Küste von Baffin Island
An der Küste von Baffin Island

Bei der Planung orientierte er sich an berühmten Vorbildern wie Charles Francis Hall, der sich als erster Forscher überhaupt lediglich in Begleitung von Inuit auf die Suche nach Überlebenden der Franklin-Expedition begeben hatte, oder auch an Franz Boas. Letzterer war ein deutscher Geograf und Ethnologe, der sich als einer der ersten wissenschaftlich mit Baffin Island beschäftigt hatte und über seine Reise von 1883/84 das viel beachtete Werk Baffin Land veröffentlichte.

Eisberge vor Baffin Island
Eisberge vor Baffin Island

Es gelang Bernhard Hantzsch durch die Unterstützung von Museen und Universitäten, aber auch durch „Privatpersonen“ wie dem sächsischen König Friedrich August III, ausreichende finanzielle und Sachmittel für seine auf drei Jahre geplante Expedition einzuwerben.

Eisberg - für Schiffe ziemlich gefährlich
Eisberge wie dieser können Schiffen ziemlich gefährlich werden

Leider ging trotz der gründlichen Vorbereitung einiges schief. Das Schiff, auf dem sich Hantzsch 1909 in die Arktis begab, stieß mit einem Eisberg zusammen und ging unter. Glücklicherweise konnten sich alle Personen an Bord auf eine kleine Insel vor Baffin Island retten. Hantzsch verlor dabei aber einen großen Teil seiner Expeditionsausrüstung.

Zuflucht auf Blacklead Island
Zuflucht auf Blacklead Island

Eigentlich würde man vermuten, dass damit die Reise zu Ende war, doch nicht bei Hantzsch. Er hatte zuviel Zeit und auch eigene Geldmittel in diese Expedition investiert, um sich von diesem Missgeschick unterkriegen zu lassen. Mit Engagement versuchte er, Verlorenes durch geeignetes Ersatzmaterial zu ersetzen.

Hantzsch in Expeditionskleidung – Foto: Sammlung Fam. Dr. Dietz
Hantzsch in Expeditionskleidung – Foto: Sammlung Fam. Dr. Dietz

Hantzsch besuchte eine Walfangstation am gegenüberliegenden Ufer des Cumberland Sounds, um einerseits erste Erfahrungen bei einer Schlittenreise im Winter zu sammeln und andererseits seine Bestände an Nahrung und Ausrüstung zu ergänzen. Auf der Rückreise verbrachte er seinen 35. Geburtstag in einem winzigen Iglu auf dem Eis – kein angenehmes Erlebnis, wie er in seinem Tagebuch berichtet.

Hier befand sich früher die Walfangstation Kekerten – Foto: Ansgar Walk
Hier befand sich früher die Walfangstation Kekerten – Foto: Ansgar Walk

Trotz aller Widrigkeiten findet Hantzsch unter den Inuit erfahrene Begleiter für seine Expedition. Diese ist im ersten Abschnitt, der Durchquerung von Baffin Island zum Foxe Basin, erfolgreich. Die Reise geht dann weiter nach Norden, und man bezieht ein Winterlager, um günstigere Reisebedingungen abzuwarten.

Foxe Basin, Ausschnitt.
Foxe Basin, Ausschnitt. Ein Fluss (ungefähr in der Mitte) trägt heute den Namen „Hantzsch River“ – Karte: NASA

Hier begeht Bernhard Hantzsch dann seinen 36. Geburtstag – bei miserablem Wetter, wie es im Tagebuch heißt: „-14°C im Haus“ (das natürlich aus Schnee gebaut ist). Trotz der Kälte schreibt er einen Brief an seine Eltern, der aber erst nach seinem Tod Dresden erreichen wird. In seinem Tagebucheintrag vom 12.1.1911 heisst es: „…Trübselig trete ich mein 37. Lebensjahr an. Wird es mir beschieden sein, dieses zu Ende zu führen?“ Es waren wohl Vorahnungen in Berücksichtigung der schwierigen Bedingungen für die Expeditionsteilnehmer: nagender Hunger und erbarmungslose Kälte.

Eisbär, Baffin Island
Eisbär, Baffin Island

Als es einem seiner Begleiter gelingt, einen Eisbären zu schießen, führt der Verzehr des Fleisches direkt in die letztendlich tödliche Erkrankung von Bernhard Hantzsch. Er stirbt Anfang Juni und seine Inuit-Begleiter bestatten ihn am Ufer des Flusses, der heute seinen Namen trägt: Hantzsch River.

Schule in Hartha
Auch die Schule in Hartha trägt heute den Namen „Bernhard Hantzsch“

Siehe auch: „Die Insel der Vögel“ und „Bernhard Hantzsch – Ein Dresdener in Labrador „.

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